- Der BVDM bot an, die Anschaffung eines Geschwindigkeits-Warn-Displays vollständig zu finanzieren
- Ein Rechtsgutachten bestätigt die Zulässigkeit des Projekts
- Seit Februar 2026 reagiert die Stadt Oberursel nicht mehr auf Anfragen
Die Lärmbelastung durch Straßenverkehr in der Feldbergregion im Hochtaunuskreis sorgt seit Jahren für Konflikte zwischen Anwohnern, Kommunalpolitik und Motorradfahrern. Temporäre Streckensperrungen für Motorräder, Demonstrationen, rechtliche Auseinandersetzungen und eine zunehmend verhärtete Debatte prägten die vergangenen Jahre. Ausgerechnet eine Initiative, die von Motorradfahrern selbst ausging und einen konstruktiven Beitrag zur Lärmreduzierung leisten sollte, droht nun am Verhalten der Stadt Oberursel zu scheitern.
Jahrelanger Streit um Motorradlärm am Feldberg
Die Vorgeschichte reicht bis ins Jahr 2019 zurück. Damals hatte der Hochtaunuskreis unter Landrat Ulrich Krebs (CDU) angekündigt, probeweise Streckensperrungen für Motorräder in der Feldbergregion einzuführen. Die Begründung: Beschwerden von Anwohnern über Lärmbelastung, insbesondere durch schnelles und hochtouriges Fahren. Der Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM) reagierte damals mit Protestaktionen und kündigte rechtliche Schritte an.
Gegen die sogenannten „Lärmpausen“ formierte sich 2022 das Aktionsbündnis „Hochtaunus für Alle“, dem sich zehn Motorradverbände anschlossen, darunter der BVDM, die FDP-Biker, Biker for Freedom, die Biker Union und die Interessengemeinschaft Motorradfreunde Hochtaunus. Das Bündnis kritisierte, die geplanten Sperrungen stützten sich auf eine nicht ausreichende Datengrundlage.
Im selben Jahr wurde ein Verkehrsversuch durchgeführt. An sieben Wochenenden zwischen April und Oktober 2022 blieben bestimmte Streckenabschnitte rund um den Großen Feldberg für Motorräder gesperrt, darunter die L 3004 und die L 3024. Das Gutachten des beauftragten Unternehmens PGT Umwelt und Verkehr GmbH, das im November 2024 vorgestellt wurde, kam zu einem für Motorradfahrer positiven Ergebnis: An Wochenenden ohne Sperrungen wurden im Schnitt 5.000 Fahrzeuge gezählt, davon etwa 500 Motorräder. Der Einfluss der Motorräder auf die Gesamtlärmbelastung war laut Gutachten vergleichsweise gering. Die Zusammenfassung des Gutachtens lautete: „Die dauerhafte Anordnung der Sperrung kann zumindest aus Gründen des Lärmschutzes demnach nicht empfohlen werden.“ Der Hochtaunuskreis verzichtete daraufhin auf dauerhafte oder temporäre Sperrungen.
Die „Zukunftswerkstatt Lärmpause“ bleibt ohne Ergebnis
Trotz des klaren Gutachtens blieb die Unzufriedenheit der Anwohner bestehen. Anwohner kritisierten, dass nicht der Durchschnittslärm das Hauptproblem sei, sondern die Lärmspitzen durch aggressive Fahrweisen, die in den Berechnungen nicht ausreichend berücksichtigt würden. Statt weiterer Verbote setzte der Kreis auf Dialog. Am 20. August 2025 fand die „Zweite Zukunftswerkstatt Lärmpause“ statt, zu der die Untere Verkehrsbehörde des Landkreises Hochtaunus Anwohner und Motorradfahrer eingeladen hatte. Auch diese Veranstaltung endete ohne greifbares Ergebnis.
BVDM ergreift die Initiative
Genau an diesem Punkt übernahm der BVDM gemeinsam mit den FDP-Bikern die Initiative. Am 12. September 2025 schrieb der Verband die Bürgermeisterin von Oberursel, Antje Runge (SPD), an und unterbreitete ein konkretes Angebot: Die vollständige Finanzierung eines Geschwindigkeits-Warn-Displays an der Ortsausfahrt Hohemark. Dort, am Übergang von der Stadt in das Naherholungsgebiet Taunus und zum Feldberg, gibt es seit Jahren eine Vielzahl von Beschwerden über Straßenverkehrslärm. Die Hohemark ist ein Nadelöhr, durch das jährlich tausende Pkw, Motorräder und Radfahrer aus der gesamten Rhein-Main-Region in den Taunus fahren. Entlang der Ausfallstraße befinden sich Wohnbebauung und ein Touristenzentrum.
Das Konzept sah vor, durch das Display die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Fahrzeuge sichtbar zu machen und so das Tempo zu senken, was wiederum den Verkehrslärm reduzieren sollte. Der BVDM bot an, die Kosten in Höhe von mehreren tausend Euro durch Sponsoring vollständig zu übernehmen. Auch Bürger aus Oberursel wollten sich mit Geldspenden an dem Projekt beteiligen.
Rathaus-Gespräch und Vor-Ort-Termin
Bis es überhaupt zu einem Gespräch kam, vergingen Monate. Erst nach mehrfacher schriftlicher Erinnerung fand am 12. November 2025 ein Treffen im Rathaus statt. Neben der Bürgermeisterin war der hauptamtliche Stadtrat Andres Bernhardt (OBG/Freie Wähler) zugegen, der die Projektrealisierung seitens der Stadt übernehmen sollte. Beide signalisierten Interesse. Das Ziel war, das Geschwindigkeits-Warn-Display zu Beginn der Motorradsaison im April 2026 in Betrieb zu nehmen.
Um die rechtliche Grundlage für dieses ungewöhnliche Projekt bürgerschaftlichen Engagements abzusichern, beauftragte der BVDM im Dezember 2025 die Berliner Kanzlei „Göhmann Rechtsanwälte“ mit einem Rechtsgutachten. Dieses bestätigte die Zulässigkeit des Vorhabens und dessen Kompatibilität mit der hessischen Gemeindeordnung. Am 22. Dezember 2025 fand ein Vor-Ort-Termin an der Hohemark mit Stadtrat Bernhardt statt, bei dem der künftige Standort des Displays festgelegt wurde. Bernhardt sagte zu, bis Mitte Januar 2026 die erforderliche Zustimmung von Hessen Mobil einzuholen.
Kommunikation bricht ab
Nach dem Vor-Ort-Termin im Dezember endete die Kommunikation seitens der Stadt. Eine schriftliche Anfrage des BVDM an Stadtrat Bernhardt vom 6. Februar 2026, die auch als Durchschrift an die Bürgermeisterin ging, blieb unbeantwortet. Eine weitere Erinnerung vom 12. Februar 2026 wurde ebenfalls ignoriert.
Der BVDM hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen erheblichen Geldbetrag in das Rechtsgutachten investiert. Der Verband betonte in einer Pressemitteilung vom 19. Februar 2026, parteipolitisch neutral zu sein und gemeinsam mit Bürgern und den FDP-Bikern einen Beitrag zur Verkehrssicherheit und Verkehrslärmreduzierung leisten zu wollen. Dabei sei der BVDM bei dieser Initiative auch offen für weitere Organisationen, die das Projekt unterstützen möchten.
Enttäuschung nach jahrelangem Einsatz
Der Vorgang wiegt besonders schwer vor dem Hintergrund der jahrelangen Auseinandersetzungen um Motorradfahrverbote im Hochtaunuskreis. Der BVDM wollte mit der Initiative nach eigenen Angaben einen pragmatischen Beitrag zur Befriedung der Situation leisten. Statt eines Konfrontationskurses setzte der Verband auf konstruktive Zusammenarbeit und übernahm die kompletten Kosten. Dass die Stadt Oberursel nun auf dieses bürgerschaftliche Engagement nicht einmal reagiert, sorgt nicht nur beim BVDM für Unverständnis, sondern auch bei Bürgern, die sich mit Spenden beteiligen wollten.
Der BVDM vertritt nach eigener Darstellung die Position, dass Motorradfahrer mit legal zugelassenen Motorrädern unter Beachtung der Straßenverkehrsordnung jederzeit alle Straßen befahren dürfen. Die Missachtung von Verkehrsregeln, die Manipulation von Fahrzeugen, Raserei und das „Posen“ lehnt der Verband nach eigenen Angaben ebenso ab wie einseitig gegen Motorradfahrer gerichtete Maßnahmen. Der 1958 gegründete Verband setzt sich nach eigener Aussage seit seiner Gründung für mehr Verkehrssicherheit ein.
Was das für mich als Motorradfahrer bedeutet
Der Fall Oberursel zeigt ein grundsätzliches Dilemma: Motorradfahrer stehen in der Lärmdebatte regelmäßig am Pranger, doch wenn ein Verband wie der BVDM aktiv und auf eigene Kosten eine Lösung anbietet, stößt das offenbar auf wenig Gegenliebe bei den Verantwortlichen. Für Motorradfahrer in der Rhein-Main-Region und speziell im Taunus bleibt die Situation damit weiterhin ungeklärt. Zwar sind die temporären Streckensperrungen rund um den Feldberg nach dem Gutachten von 2024 vom Tisch, doch die Beschwerden der Anwohner bestehen fort. Solange konstruktive Ansätze wie ein Geschwindigkeits-Warn-Display an der Hohemark nicht umgesetzt werden, bleibt die Gefahr bestehen, dass bei der nächsten politischen Gelegenheit erneut über Fahrverbote diskutiert wird. Die Hohemark und die Feldbergregion gehören zu den beliebtesten Motorradstrecken in Hessen, und jede neue Eskalation könnte den Zugang zu diesen Strecken gefährden. Wer dort unterwegs ist, kann durch angepasstes Fahren und Rücksichtnahme selbst dazu beitragen, dass die Argumente für pauschale Sperrungen weiter an Boden verlieren.







