- Stoner sieht Marquez‘ Reifenmanagement und Rennstrategie als entscheidende Vorteile
- Der Australier vergleicht Marquez‘ Herangehensweise mit der von Max Verstappen in der Formel 1
- Marquez‘ schwierige Jahre sollen ihn mental stärker und geduldiger gemacht haben
In einem Interview mit Crash.net, das im Rahmen seiner Rolle als eine Art Endgegner im Videospiel Ride 6 geführt wurde, hat Casey Stoner ausführlich über die Stärken von Marc Marquez gesprochen. Der Australier, der selbst nie gegen Marquez in der MotoGP angetreten ist, beobachtet dessen Karriere seit Beginn an. Stoner wurde 2012 bei Repsol Honda durch Marquez ersetzt, nachdem er im Alter von 27 Jahren seinen frühen Rücktritt erklärt hatte.

Rennstrategie statt reiner Geschwindigkeit
An Marquez‘ Talent und Schnelligkeit gibt es für Stoner keinen Zweifel.
„There’s no doubting his talent, his speed, anything like that, there’s no questioning it. If you did, then there’s something wrong with you“, so Stoner wörtlich.
Auf Deutsch: „An seinem Talent, seiner Geschwindigkeit und all dem gibt es keinen Zweifel, da gibt es nichts zu hinterfragen. Wenn man das täte, dann stimmt etwas nicht mit einem.“
Allerdings sieht Stoner den entscheidenden Unterschied nicht in der reinen Pace, sondern in der Rennstrategie. Viele Fahrer im aktuellen Feld seien zwar schnell, würden aber ihre Fähigkeiten im Bereich Race Craft nicht voll ausschöpfen. Genau dort mache Marquez den Unterschied. Stoner sprach auch von einer früheren Schwäche bei Marquez, die niemand erkannt oder ausgenutzt habe. Details dazu wollte er allerdings nicht nennen. Stattdessen hätten viele Fahrer Marquez als eine Art unbesiegbaren Gegner betrachtet, anstatt sich auf die eigene Verbesserung und spezifische Strategien gegen ihn zu konzentrieren.

Sechs Jahre zwischen zwei Titeln als Reifeprozess
Zwischen seinem WM-Titel 2019 und dem nächsten Titelgewinn 2025 lagen sechs Jahre, so lange wie bei keinem anderen Fahrer in der Geschichte der MotoGP. Verletzungen hielten Marquez vom Rennbetrieb fern, und eine leistungsschwache Honda zwang ihn schließlich zum Wechsel zu Gresini Racing, bevor er beim Ducati-Werksteam landete. Stoner stellte dazu den Vergleich her, dass seine gesamte MotoGP-Karriere ungefähr so lang gewesen sei wie die Zeitspanne zwischen Marquez‘ letzten beiden Titelgewinnen.
„He’s been there quite a few years now“, stellte Stoner fest.
Auf Deutsch: „Er ist jetzt schon einige Jahre dabei.“
Diese schwierigen Jahre hätten Marquez aber nicht geschwächt, sondern eine zusätzliche Ebene an mentaler Stärke, Intelligenz und Geduld aufgebaut. Diese Eigenschaften seien es, die der aktuellen Konkurrenz laut Stoner fehlen würden. Marquez gewinne nun strategischer als früher, als er stärker mit reiner Geschwindigkeit und einer höheren Risikobereitschaft in Verbindung gebracht wurde.
Reifenmanagement als Schlüssel zum Erfolg
Ein zentrales Element in Stoners Analyse ist das Reifenmanagement von Marquez. Die Konkurrenz scheine nicht zu verstehen, was Marquez in den Rennen tue, um seine Reifen zu schonen. Stoner beschrieb, dass viele Beobachter nur einen Marquez mit einer einzigen Geschwindigkeit sähen, während er tatsächlich bei jedem Rennen eine andere Strategie anwende. Ein durchgehendes Muster in der Saison 2025 sei dabei seine Geduld mit den Reifen gewesen, was seiner Meinung nach zu wenige Beobachter erkannt hätten.
Stoner zog dabei einen Vergleich zur Formel 1 und konkret zu Max Verstappen. Ähnlich wie Verstappen nach einem Boxenstopp mehrere Runden benötige, bevor er das volle Tempo in die neuen Reifen legt, gehe auch Marquez behutsam mit seinen Reifen um. Diese Geduld zu Rennbeginn verschaffe ihm am Ende des Rennens einen deutlichen Vorteil. Stoner betonte, dass Marquez insbesondere in der zweiten Saisonhälfte 2025 immer am Rennende besonders stark gewesen sei, weil er die Reifen in den frühen Phasen so schonend behandelt habe.
Elektronik als Werkzeug statt als Stütze
Der zweite Aspekt, den Stoner hervorhob, betrifft Marquez‘ Umgang mit der Elektronik. Während die meisten Fahrer sich stark auf die elektronischen Hilfssysteme verlassen würden, arbeite Marquez gewissermaßen vor der Elektronik. Er erklärte das Prinzip so, dass die Elektronik immer erst auf eine Reaktion reagiere. Wenn das Motorrad zu rutschen beginnt, greift die Elektronik ein. Marquez halte die Elektronik jedoch zurück und schone dadurch den Reifen so, dass die elektronischen Systeme, wenn sie später eingreifen müssen, nicht mit einem schnellen und unkontrollierten Grip-Verlust umgehen müssen, sondern mit einem langsameren und besser vorhersehbaren Ablauf.
Konkret bedeute das laut Stoner, dass Marquez das Motorrad früher aufrichtet als andere Fahrer, mit etwas weniger Kurvengeschwindigkeit fährt und es mit mehr Sicherheit aus der Kurve herausbeschleunigt, ohne dass der Hinterreifen übermäßig rutscht und dreht. Dadurch behalte er einen höheren Grip-Level als die Konkurrenz, und wenn die Elektronik später bei nachlassendem Grip eingreifen muss, verfüge Marquez noch über Reserven, die anderen Fahrern fehlen würden.
Stoner kann diesen Aspekt besonders gut einschätzen, da eine geringe Abhängigkeit von der Elektronik auch ein Markenzeichen seines eigenen Fahrstils war. Diese Fähigkeit habe er auf den ölverschmierten Sandpisten in Australien entwickelt.
„It’s something that I prided myself on, that I didn’t need the electronics“, sagte Stoner.
Auf Deutsch: „Es war etwas, worauf ich stolz war, dass ich die Elektronik nicht brauchte.“
Er führte weiter aus, dass ein Fahrer, der das Grip-Level etwas vor der Elektronik erkennen kann, immer schneller sein werde, weil er früher reagieren könne. Die Elektronik arbeite stets mit einer Verzögerung, da sie den Grip-Verlust erst registriere, wenn er bereits eingetreten sei. Marquez habe dieses Prinzip verinnerlicht und nutze es konsequent zu seinem Vorteil.

Geduld als unterschätzte Waffe
Zusammenfassend zeichnet Stoner das Bild eines Fahrers, der sich über die Jahre grundlegend weiterentwickelt hat. Der Marquez der 2020er-Jahre sei nicht mehr der rein auf Risiko setzende Fahrer der Vergangenheit, sondern ein strategisch denkender Rennfahrer, der seine Werkzeuge, namentlich Reifen und Elektronik, besser einzusetzen wisse als jeder andere im Feld. Dass diese Entwicklung von der Konkurrenz offenbar zu wenig erkannt werde, mache den Vorteil für Marquez nur noch größer.
Was das für mich als MotoGP-Fan bedeutet
Wer sich Stoners Analyse zu Herzen nimmt, schaut MotoGP-Rennen zukünftig mit anderen Augen. Statt nur auf Überholmanöver und Rundenzeiten zu achten, lohnt es sich, Marquez‘ Verhalten in den ersten Rennrunden genauer zu beobachten. Wie geht er mit dem Gas um? Wann richtet er das Motorrad auf? Wie viel Abstand lässt er anfangs zur Spitze zu? Genau in diesen Details versteckt sich laut Stoner der eigentliche Unterschied. Für Fans bedeutet das: Die spannendste Phase eines Marquez-Rennens ist nicht unbedingt die letzte Runde mit dem entscheidenden Überholmanöver, sondern möglicherweise schon Runde drei oder vier, wenn er scheinbar zurückhaltend fährt und in Wahrheit bereits den Grundstein für den Sieg legt. Wer das einmal erkannt hat, sieht die Rennen vielleicht nie wieder wie vorher.

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