- Pedro Acosta gewinnt den ersten Sprint der Saison 2026 nach einer Positionsstrafe gegen Marc Marquez
- Marco Bezzecchi stürzt in Runde zwei aus der Führung heraus
- KTM steht erstmals in der Geschichte der Königsklasse an der Spitze der WM-Tabelle
Der erste Sprint der MotoGP-Saison 2026 auf dem Chang International Circuit im thailändischen Buriram hatte so ziemlich alles zu bieten, was den Motorradrennsport ausmacht. Ein episches Duell um den Sieg, einen dramatischen Sturz des Favoriten und am Ende eine Entscheidung durch die Rennkommissare. Pedro Acosta holte auf der KTM RC16 den ersten Sprintsieg seiner Karriere, nachdem die Stewards um Chefkommissar Simon Crafar Weltmeister Marc Marquez wegen eines zu harten Manövers um eine Position zurückstuften.

Bezzecchi dominiert das Qualifying, stürzt aber im Sprint
Im Vorfeld des Saisonauftakts hatte sich die starke Form von Aprilia aus den Wintertests eindrucksvoll bestätigt. Alle vier RS-GP schafften den Einzug ins Q2. Marco Bezzecchi sicherte sich die Pole-Position mit 1:28.652 Minuten und untermauerte damit seine Rolle als Topfavorit, die er mit Bestzeiten in jeder einzelnen Session untermauert hatte. Weltmeister Marc Marquez qualifizierte sich nur 0,035 Sekunden dahinter auf Startplatz zwei, eingeklemmt zwischen Bezzecchi und einer weiteren Aprilia unter Raul Fernandez. Pedro Acosta ging von Position sechs ins Rennen, Brad Binder von Rang elf. Jorge Martin, der seine Verletzung rechtzeitig überwunden hatte, startete von Platz fünf. Francesco Bagnaia fand sich dagegen nur auf Startplatz 13 wieder, Fabio Quartararo gar auf Position 16. Fermin Aldeguer fehlte in Buriram komplett.
Bei 34 Grad Lufttemperatur und leichter Bewölkung setzten alle Fahrer auf die weiche Reifenmischung von Michelin, sowohl vorne als auch hinten. Und schon in der Formationsrunde lag die entscheidende Frage in der Luft: Bezzecchi oder Marquez?
Marquez schnappt sich die Führung, Bezzecchi schlägt zurück
Die Antwort kam schnell und lautete zunächst: Marquez. Der Ducati-Pilot nutzte seine Position auf der Innenseite der ersten Kurve und bremste sich an Bezzecchi vorbei in Führung. Dahinter ging es weniger glimpflich zu. Alex Marquez verbremste sich in Kurve drei und rempelte dabei Fabio Di Giannantonio an. Beide fielen weit zurück, großer Profiteur war Pedro Acosta, der sich dadurch auf Rang vier vorfand.
Bezzecchi ließ sich die Führung nicht lange nehmen. Noch in der ersten Runde griff der Aprilia-Pilot an, und die Spitzenposition wechselte innerhalb weniger Kurven mehrfach. Marquez konterte in der Zielkurve, doch Bezzecchi schlug in Runde zwei in Kurve drei erneut zurück und übernahm die Führung. Dann passierte es. Nur wenige Kurven später, im dritten Sektor, verlor der Italiener die Kontrolle über seine Aprilia und stürzte.
Bezzecchi schilderte den Vorfall nach dem Rennen: „Das war ein kleiner Fehler. Ich habe die innere weiße Linie ein wenig berührt. Da habe ich die Front verloren. Ich wollte es noch retten und war fast dran, aber als ich mit dem Gas das Motorrad aufrichten wollte, da habe ich die Front endgültig verloren.“ Es war bereits sein dritter Sturz an diesem Samstag. Der vermeintlich souveräne Favorit räumte ein, dass die Grenze zwischen Kontrolle und Fehler äußerst schmal sei: „Für euch bin ich gestern mit einem Arm gefahren. Die Realität ist, dass ich da auch schon wie ein Bastard gepusht habe. Ich hätte schon gestern stürzen können, aber am Ende passiert es mir heute.“

Acosta gegen Marquez: Ein Duell für die Geschichtsbücher
Nach Bezzecchis Ausfall übernahm Marquez wieder die Führung, doch sofort setzte sich Pedro Acosta an sein Hinterrad. Der Weltmeister konnte den jungen Spanier zunächst kontrollieren, ohne sich nennenswert abzusetzen. In Runde sieben wurde der Druck dann zu groß. Acosta bremste sich in der Zielkurve erstmals am Weltmeister vorbei. Marquez konterte auf der Geraden sofort. Damit war das Duell eröffnet.
Was folgte, war ein Schlagabtausch über mehrere Runden, der an die großen Zweikämpfe der MotoGP-Geschichte erinnerte. In Runde acht wiederholte sich das Muster: Acosta ging in der letzten Kurve vorbei, Marquez kassierte ihn auf der Geraden wieder ein. Der KTM-Pilot blieb hartnäckig und versuchte es in den Runden zehn und elf erneut, wurde aber jedes Mal auf der Zielgeraden wieder überholt. Raul Fernandez auf Position drei konnte zwar die Lücke verkürzen, kam aber nicht nah genug heran, um einzugreifen.
In der vorletzten Runde spitzte sich die Situation dann endgültig zu. Acosta überrumpelte Marquez in Kurve sieben und setzte sich in Führung. Der Weltmeister konterte in der Zielkurve, ging dabei aber deutlich zu hart ans Werk. Acosta wurde nach außen neben die Strecke gedrängt, die Onboard-Kamera zeigte eine Berührung zwischen Acostas Bein und der Schwinge der Ducati. Die Rennkommissare leiteten sofort eine Untersuchung ein.
Crafars schnelle Entscheidung spaltet das Fahrerlager
Die Reaktion der Stewards kam in bemerkenswerter Geschwindigkeit. Nur 73 Sekunden nach dem Vorfall wurde Marc Marquez die Positionsstrafe mitgeteilt. Noch in der letzten Runde ließ er Acosta in der Zielkurve passieren. Damit war der erste MotoGP-Sieg für Pedro Acosta besiegelt, auch wenn Sprintsiege offiziell nicht in die Siegerstatistik einfließen.
Marquez zeigte sich im Anschluss weniger über die Strafe an sich verärgert als vielmehr über den Zeitpunkt der Mitteilung. „Ihr wollt die Regeln streng auslegen? Ihr wollt eine Menge Strafen? Dann tut das, aber tut es richtig. Warum brauchen die eineinhalb Minuten, um mir die Nachricht zu schicken? Gebt mir die am Ausgang von Kurve 3. Wenn es klar ist, gebt es mir bis Kurve 3. Oder es ist nicht klar und sie sehen es sich nach dem Rennen nochmal an. Ich bekomme das in Kurve 11.“ Abgesehen davon akzeptierte er das Urteil: „Die Rennleitung hat entschieden und ich beuge mich den Regeln. Neun Punkte nach einer Verletzung, damit bin ich zufrieden.“
Ducati-Teammanager Davide Tardozzi sah das naturgemäß anders: „Marc hat Pedro nicht berührt, er ist noch von der Strecke gefahren. Ich bin der Meinung, das ist unfair. Pedro hätte dasselbe getan.“
Die Mehrheit im Fahrerlager stellte sich allerdings hinter die Stewards. ServusTV-Experte Alex Hofmann lobte ausdrücklich: „Ganz großes Lob! Ich habe die Rennleitung jahrelang immer kritisiert, wenn sie zu spät, zu langsam, zu flachsig, zu schwach waren in solchen Entscheidungen. Gegen Marc Marquez diese Entscheidung zu treffen in der Kürze der Zeit, super! Eins mit Sternchen von Hofmann.“ Auch Sandro Cortese sprach von einer absolut richtigen Entscheidung. Franco Morbidelli, der in den letzten Jahren häufiger als die meisten anderen mit den Stewards zu tun hatte, betonte deren Konstanz: „Ich respektiere Simon (Crafar), denn er zeigt große Konstanz. Wir können uns einig sein oder widersprechen, aber wir können nicht ignorieren, dass da Konstanz in den Entscheidungsprozessen ist.“

Acosta feiert mit gemischten Gefühlen
Trotz des historischen Erfolgs war die Freude bei Pedro Acosta nicht ungetrübt. „Es ist sehr cool, so gegen Marc zu sprinten. Vielleicht fühle ich mich nicht wirklich als Sieger, weil er mich vorbeigelassen hat. Aber morgen haben wir alle Möglichkeiten“, kommentierte er direkt nach dem Rennen. Auf die Frage, ob er in umgekehrten Rollen dasselbe Manöver wie Marquez versucht hätte, antwortete er sofort: „Natürlich! Das macht doch die MotoGP aufregend.“ Acosta machte dabei deutlich, dass der Sieg eine Teamleistung sei und bedankte sich beim gesamten KTM-Werk in Mattighofen.
In einem späteren Interview ging er noch weiter ins Detail: „Ich bin überglücklich, dass die Saison so begonnen hat und wir solche Fortschritte gemacht haben. Im ersten und zweiten Sektor hatte ich noch ein wenig zu kämpfen, aber ich habe mich mit meinem Paket wohlgefühlt. KTM arbeitet sehr hart daran, mir jetzt und für den Rest des Jahres das beste Motorrad zur Verfügung zu stellen.“
Für Acosta war es der elfte Sprint-Podiumsplatz seiner Karriere und der fünfte in Folge seit Runde 19 der Saison 2025. Mit dem Sieg steht KTM erstmals in der Geschichte der Königsklasse an der Spitze der WM-Tabelle, sowohl in der Fahrer- als auch dank Brad Binders sechstem Rang in der Teamwertung.
Teammanager Aki Ajo ordnete die Bedeutung des Ergebnisses ein: „Es ist ein großartiges Gefühl, nach einem harten Winter voller Arbeit in die neue Saison zu starten, und natürlich sind wir sehr glücklich über den Sieg. Dieses Ziel haben wir immer vor Augen, auch wenn wir es auf dieser Strecke vielleicht nicht erwartet hätten. In diesem Winter habe ich eine Veränderung bei Pedro festgestellt: Er ist noch einen Schritt reifer geworden und arbeitet ständig auf hohem Niveau.“
Aprilia mit Licht und Schatten
Hinter dem Duell an der Spitze zeigte Aprilia eine starke, aber durchwachsene Vorstellung. Raul Fernandez sicherte sich einen ungefährdeten dritten Platz. Sein Trackhouse-Teamkollege Ai Ogura kam als Vierter ins Ziel und überholte dabei Jorge Martin in der Schlussphase. Fernandez genoss das Schauspiel vor ihm offenbar: „Ich habe Reifen gemanagt und die Lücke zu Martin und Ai gehalten. Im Prinzip habe ich mir also die Show von Marc und Pedro angesehen. Das war fantastisch.“
Für Martin war der fünfte Platz das beste Sprint-Resultat auf Aprilia und angesichts seiner Verletzungshistorie ein beachtliches Comeback. Allerdings drohte dem Spanier nach dem Rennen Ärger: Eine Untersuchung wegen möglicherweise zu niedrigen Reifendrucks wurde eingeleitet. Martin erklärte, er habe Ogura sogar absichtlich vorbeiziehen lassen, um das Problem zu lösen: „Ich weiß, dass Aprilia alles richtig gemacht hat, also war es vielleicht der Sensor.“ Letztlich sprachen die Stewards ihn frei. Die Untersuchung ergab, dass eine undichte Felge für den Druckverlust verantwortlich war, der Mindestdruck aber eingehalten wurde. Es ist nach Pedro Acostas Fall in Indonesien erst der zweite Vorfall, bei dem besondere Umstände eine Reifendruckuntersuchung ohne Strafe beendeten.

Bagnaia enttäuscht, Yamaha und Honda abgeschlagen
Francesco Bagnaia erbte als Neunter gerade noch den letzten WM-Punkt. Der Ducati-Werkspilot suchte keine Ausreden für seinen schwachen Auftritt: „Die Bedingungen seit dem Test haben sich stark verändert. Aber das ist mein Problem, das Motorrad ist dasselbe. Der Grip ist geringer als bei den Tests. KTM und Pedro Acosta haben sich besser an diese neuen Bedingungen angepasst. Mit neuen Reifen habe ich Schwierigkeiten. Wir haben im Vergleich zu KTM und Aprilia ein wenig Probleme beim Bremsen.“
Bei Honda holte Joan Mir als Siebter den einzigen Punkt für die Japaner. Luca Marini wurde immerhin Zehnter. Yamaha erlebte dagegen einen desaströsen Auftakt. Bester Fahrer des japanischen Herstellers war Jack Miller auf Platz 15 mit 13 Sekunden Rückstand. Fabio Quartararo landete nur auf Rang 16. Superbike-Weltmeister Toprak Razgatlioglu, der als Rookie sein MotoGP-Debüt gab, stürzte drei Runden vor Rennende in der Zielkurve und wurde nur 20.
Auch innerhalb des KTM-Konzerns lief es nicht für alle rund. Die Tech3-Piloten Enea Bastianini und Maverick Viñales hatten massive Schwierigkeiten und beendeten den Sprint nur auf den Plätzen 17 und 19. Bastianini gestand ein, nicht pushen zu können und Probleme im Windschatten gehabt zu haben. Viñales sprach schlicht von einem schlechten Tag und fehlender Geschwindigkeit.
Die Rookies blieben allesamt ohne Punkte. Diogo Moreira war als 13. der beste Debütant.
Was bedeutet das für das Rennen am Sonntag?
Der Sprint hat die Kräfteverhältnisse zum Saisonauftakt gehörig durcheinandergewirbelt. Marco Bezzecchi war über das gesamte Wochenende der schnellste Mann auf der Strecke, konnte das Tempo aber nicht fehlerfrei über die Distanz bringen. Ob er im Rennen über 26 Runden das Risiko erneut so hoch schraubt, dürfte die spannendste Frage des Sonntags sein. Pedro Acosta und Marc Marquez haben bewiesen, dass sie auf Augenhöhe kämpfen können, und beide werden auf einen Sieg ohne Stewards-Eingriff aus sein. Marquez deutete bereits an, dass er im Sprint bewusst Tempo herausgenommen hatte, nachdem Bezzecchi gestürzt war. Im längeren Rennen könnte sich die Dynamik also nochmals verschieben. Aprilia darf sich nach drei Fahrern in den Top fünf berechtigte Hoffnungen machen, zumal Raul Fernandez auf den Geraden noch Potenzial sieht. Für Bagnaia und Ducati wird es dagegen darum gehen, die Bremsprobleme in den Griff zu bekommen. Und Jorge Martin hat nach dem glimpflichen Ausgang der Reifendruckuntersuchung zumindest keine zusätzlichen Sorgen im Gepäck. Die doppelte Distanz könnte zudem den Reifenverschleiß stärker in den Fokus rücken, nachdem im Sprint alle auf die weiche Mischung setzten. Ob das über 26 Runden ebenfalls die richtige Wahl ist, bleibt abzuwarten.
Der Grand Prix über die volle Distanz von 26 Runden findet am Sonntag um 9:00 Uhr MEZ statt.
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