- V8 Motorrad von 1907 mit Flugmotor Ursprung
- Hubraum rund 4,4 Liter, acht Zylinder
- Rekonstruktion nach historischem Vorbild, voll fahrfähig
Geschwindigkeit ist objektiv messbar, doch ihre Wirkung hängt stark vom technischen Umfeld ab. Während moderne Motorräder hohe Geschwindigkeiten mit Stabilität, Fahrhilfen und Sicherheitsreserven ermöglichen, war Tempo zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein riskantes Experiment. Genau in diese Epoche fällt die Entstehung des Curtiss V8 Motorrads, das bis heute als eines der extremsten Zweiräder der Geschichte gilt.
Glenn Curtiss und die Jagd nach Geschwindigkeit
Der Name Glenn Curtiss ist eng mit den frühen Tagen der Motorrad und Luftfahrtgeschichte verbunden. Curtiss begann bereits 1902 mit dem Bau eigener Motorräder und machte sich schnell einen Namen als Konstrukteur leichter und leistungsstarker Motoren. Das V8 Motorrad entstand nicht als Serienfahrzeug, sondern als rollender Prüfstand für einen neu entwickelten Flugmotor.
Im Jahr 1907 tauchte dieses Motorrad beim sogenannten Speed Carnival in Ormond Beach auf. Offiziell durfte es nicht an den regulären Wettbewerben teilnehmen, da es keinem gängigen Reglement entsprach. Dennoch erlaubten die Veranstalter einen Lauf. Zeitgenössische Berichte sprechen von einer Höchstgeschwindigkeit von angeblich rund 136 mph. Für eine offizielle Rekordwertung hätte eine zweite Fahrt in Gegenrichtung erfolgen müssen. Diese kam nicht zustande, da es laut Überlieferung zu einem Defekt am Antriebsstrang kam.
Technik jenseits jeder Vernunft
Herzstück des Motorrads ist ein luftgekühlter V8 Motor mit rund 4,4 Litern Hubraum, was etwa 268 cubic inch entspricht. Der Motor war ursprünglich für den Einsatz in Flugzeugen gedacht. Die Leistung wird mit rund 40 PS angegeben, was etwa 29 kW entspricht. Nach heutigen Maßstäben wirkt dieser Wert unspektakulär, doch 1907 war er außergewöhnlich hoch. Zeitgenössische Motorräder verfügten meist über Einzylindermotoren mit deutlich geringerer Leistung.
Die Konstruktion des Fahrzeugs orientierte sich stark am Fahrradbau jener Zeit. Der lange Radstand, die schmalen Reifen und der nahezu fehlende Federungskomfort machten hohe Geschwindigkeiten extrem riskant. Gebremst wurde lediglich über eine einfache Hinterradbremse, die eher als Schleifbremse beschrieben werden kann. Ein echtes Verzögern, wie es heute selbstverständlich ist, war damit kaum möglich.
Eine Rekonstruktion für die Geschichte
Das heute bekannte Exemplar ist nicht das originale Motorrad von 1907. Dieses hängt als Museumsstück im Smithsonian Institution und gilt als zu wertvoll für Fahrversuche. Stattdessen handelt es sich um eine detailgetreue, voll funktionsfähige Nachbildung, die von dem amerikanischen Ingenieur Dale Stoner gebaut wurde.
Stoner rekonstruierte das Motorrad so exakt wie möglich anhand historischer Unterlagen, Messungen und Archivmaterial. Motorabmessungen, Hub und Bohrung sowie die grundlegende Konstruktion entsprechen dem Original. Bei den Materialien und der Schmierung erlaubte er sich jedoch gezielte Verbesserungen. Statt der ursprünglich sehr einfachen Schmierung arbeitet der Nachbau mit einem moderneren Ölkreislauf, um den Motor betriebssicher zu halten. Diese Anpassungen sollen die Zuverlässigkeit erhöhen, ohne den historischen Charakter zu verfälschen.

Auftritt bei Jay Lenos Garage
Bekannt wurde die fahrbereite Rekonstruktion durch ihren Auftritt in Jay Leno’s Garage. Jay Leno gilt als ausgewiesener Kenner historischer Fahrzeuge und ist dafür bekannt, Maschinen nicht nur zu sammeln, sondern auch tatsächlich zu fahren. Entsprechend respektvoll fällt sein Umgang mit dem Curtiss V8 aus.
In der Sendung wird deutlich, wie kompromisslos dieses Motorrad konstruiert ist. Es gibt keine Sicherheitsreserven, keine Assistenzsysteme und kaum Möglichkeiten, Fehler auszugleichen. Leno selbst macht keinen Hehl daraus, dass schon Geschwindigkeiten weit unterhalb der theoretischen Höchstleistung ein hohes Risiko darstellen. Das Motorrad wird nicht als nostalgisches Spielzeug präsentiert, sondern als technisches Relikt aus einer Zeit, in der Mut oft wichtiger war als Berechnung.
Geschwindigkeit im historischen Kontext
100 mph galten Anfang des 20. Jahrhunderts als nahezu unvorstellbar. Reifen, Metallurgie und Fahrwerkskonstruktionen steckten noch in den Kinderschuhen. Wer sich damals auf ein solches Fahrzeug setzte, verließ sich fast ausschließlich auf handwerkliche Qualität und die eigene Nervenstärke. Moderne Systeme wie ABS, Traktionskontrolle oder leistungsfähige Bremsanlagen waren noch Jahrzehnte entfernt.
Gerade deshalb besitzt der Curtiss V8 bis heute eine besondere Bedeutung. Nicht allein wegen der erreichbaren Geschwindigkeit, sondern wegen dessen, was diese Zahl zur damaligen Zeit ausdrückte. Das Motorrad steht sinnbildlich für eine Epoche, in der technische Grenzen durch Experimentierfreude und Risikobereitschaft verschoben wurden.
Bedeutung über das Motorrad hinaus
Der V8 Motor fand später auch in der Luftfahrt Verwendung. Er kam unter anderem im Flugzeug June Bug zum Einsatz, das 1908 den ersten öffentlich dokumentierten Motorflug über mehr als einen Kilometer in den USA absolvierte. Das dabei ausgelobte Preisgeld betrug 25.000 US Dollar. Dieser Erfolg trug maßgeblich dazu bei, Curtiss als einen der führenden Entwickler seiner Zeit zu etablieren.
Das Motorrad von 1907 ist damit nicht nur ein extremes Zweirad, sondern ein wichtiges Bindeglied zwischen Motorradbau und früher Flugzeugtechnik. Seine Rekonstruktion macht diese Phase der Technikgeschichte wieder erlebbar.
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