- Patent für elektrohydraulische Servolenkung in Kombination mit Radnabenlenkung
- Basis ist die Cyclone RA1000 mit 996 cm³ V2
- Vorderrad mit Einarmschwinge, hydraulischer Lenkübertragung und spezieller Bremsanlage
Die chinesische Zongshen Gruppe arbeitet an einem ungewöhnlichen Fahrwerkskonzept, das gleich zwei bislang seltene Technologien im Motorradbau kombiniert. Eine Radnabenlenkung anstelle einer Telegabel soll erstmals mit einer servounterstützten, hydraulisch gesteuerten Lenkung verbunden werden. Die jetzt bekannt gewordenen Patentanmeldungen zeigen, wie dieses System in ein Serienmotorrad integriert werden könnte.

Technische Basis: Cyclone RA1000 und bekannte Komponenten
Ausgangspunkt der Entwicklung ist die Cyclone RA1000, die nahezu fünf Jahre nach ihrem ersten Auftritt als Konzeptfahrzeug inzwischen auf dem Markt ist. Das Naked Bike nutzt einen 996 cm³ großen DOHC V2 Motor, der auf einer früheren Aprilia Konstruktion basiert. Die Leistung liegt bei 105 PS, entsprechend 77 kW, das maximale Drehmoment beträgt 95 Nm, was rund 70 lb ft entspricht.
Der Motor geht konstruktiv auf das Aggregat der Aprilia Shiver und Dorsoduro zurück. Auch der Rahmen lehnt sich an die bekannte Shiver Architektur an, die in China im Rahmen eines Joint Ventures zwischen Piaggio und Zongshen weiterhin produziert wird. Während die wieder aufgelegte Shiver optisch stark am Original von 2007 orientiert ist, tritt die Cyclone RA1000 deutlich massiver auf. Einseitige Hinterradschwinge und ein sehr breiter Hinterreifen prägen den Auftritt.
Radnabenlenkung mit Einarmschwinge vorn
Die Patentschriften zeigen, wie das bestehende Chassis der RA1000 für eine alternative Vorderradaufhängung umgebaut werden könnte. Anstelle einer Telegabel kommt eine einseitige Vorderradschwinge aus Aluminium zum Einsatz, ebenfalls als Einarmschwinge ausgeführt. Das Vorderrad fällt ungewöhnlich breit aus und ist speziell für die Radnabenlenkung ausgelegt.
Ein Vorteil dieses Prinzips liegt in der Trennung von Lenkung, Federung und Bremskräften. Bremskräfte werden direkt in den Rahmen eingeleitet, während die Federung davon weitgehend unbeeinflusst bleibt. Zudem entfallen die bei Telegabeln typischen Losbrechmomente, die durch Haftreibung entstehen können.

Elektrohydraulische Servolenkung ohne mechanische Verbindung
Besonders auffällig ist der Verzicht auf eine klassische mechanische Verbindung zwischen Lenker und Vorderrad. Statt Gestängen, Umlenkhebeln oder Spurstangen setzt Zongshen auf eine rein hydraulische Übertragung. Unterhalb des Lenkers sind zwei Kolbenstangen angeordnet, die Lenkbewegungen erfassen und an ein elektrohydraulisches System weiterleiten.
Zentrales Element ist eine elektrisch angetriebene Hydraulikpumpe. Von ihr führen zwei Leitungen zu einem Nehmerzylinder an der Vorderradnabe, der die eigentliche Lenkbewegung ausführt. Gleichzeitig soll das System Rückmeldungen an den Lenker geben und so ein definiertes Lenkgefühl ermöglichen.
Die Servounterstützung soll verhindern, dass die breite Vorderradbereifung zu hohen Lenkkräften führt. Gleichzeitig eröffnet die elektronische Ansteuerung zusätzliche Möglichkeiten für Assistenzsysteme.
Grundlage für Fahrerassistenzsysteme
Im Gegensatz zu Pkw, bei denen Servolenkungen primär den Komfort erhöhen, steht bei Motorrädern ein anderer Aspekt im Vordergrund. Eine elektronisch gesteuerte Lenkung kann aktiv in das Fahrgeschehen eingreifen. In den Patenten werden mögliche Funktionen wie geschwindigkeitsabhängige Stabilisierung, die Zusammenarbeit mit ABS und Traktionskontrolle sowie weitergehende Assistenzsysteme angedeutet.
Denkbar sind stabilisierende Lenkimpulse, Spurhaltefunktionen oder Warnsysteme bei drohenden Frontkollisionen. Vergleichbare Forschungsprojekte gibt es auch bei BMW, Honda und Yamaha, bislang jedoch ohne Serienumsetzung.
Spezielle Bremsanlage für das Vorderrad
Die einseitige Vorderradschwinge erfordert auch eine angepasste Bremskonstruktion. Statt zweier außenliegender Bremsscheiben kommt eine einzelne, innenliegende Scheibe zum Einsatz. Diese wird von zwei gegenüberliegenden, radial montierten Zweikolben Festsätteln betätigt. Das System ist selbstverständlich für den Betrieb mit ABS ausgelegt.
Die kompakte Bauweise ermöglicht trotz breitem Vorderrad eine saubere Integration der Bremsanlage in die Radnabe.
Chancen und bekannte Nachteile der Bauweise
Radnabenlenkungen gelten seit Jahrzehnten als technisch interessant, konnten sich aber nie durchsetzen. Das entkoppelte Lenkgefühl, höheres Gewicht, komplexe Mechanik und höhere Kosten zählen zu den bekannten Kritikpunkten. Auch Zongshens Konzept ändert an diesen grundsätzlichen Nachteilen wenig. Durch die zusätzliche Servolenkung steigt der technische Aufwand weiter.
Gleichzeitig zeigt die chinesische Motorradindustrie seit einigen Jahren eine größere Bereitschaft, etablierte Konstruktionsprinzipien zu hinterfragen. Zongshen gilt als Hersteller, dem durchaus zuzutrauen ist, ein solches System tatsächlich in die Serie zu bringen.

Seriennähe und Ausblick
Der in den Patenten dargestellte Rahmen entspricht weitgehend dem der Cyclone RA1000. Lediglich im Bereich der Front sind die notwendigen Anpassungen für Schwinge, Hydraulik und Lenkung erkennbar. Da die RA1000 bereits serienmäßig mit einer Einarmschwinge hinten ausgestattet ist, würde eine Version mit einseitiger Aufhängung vorn konsequent in das bestehende Designkonzept passen.
Ob und wann eine solche Variante tatsächlich auf den Markt kommt, ist offen. Die Patentanmeldung zeigt jedoch, dass Zongshen nicht nur an Detailverbesserungen arbeitet, sondern an grundlegenden Veränderungen der Motorradtechnik.
Was bedeutet das für mich als Motorradfahrer?
Sollte ein solches System tatsächlich in Serie gehen, würde sich das Fahrerlebnis spürbar von dem eines konventionellen Motorrads unterscheiden. Eine servounterstützte Radnabenlenkung könnte vor allem bei niedrigen Geschwindigkeiten und beim Rangieren die erforderlichen Lenkkräfte reduzieren, insbesondere bei schweren Motorrädern mit breiter Bereifung, wobei das bei Motorrädern eigentlich zu vernachlässigen ist. Gleichzeitig verspricht die konstruktive Trennung von Lenkung, Federung und Bremskräften ein stabileres Fahrverhalten beim starken Bremsen, da der typische Bremsnickeffekt weitgehend ausbleibt. Auf der anderen Seite ist mit einem anderen Lenkgefühl zu rechnen, das weniger direkt wirken kann als bei einer klassischen Telegabel. Hinzu kommen mehr Technik, höheres Gewicht und potenziell höhere Kosten, sowohl beim Kauf als auch bei Wartung und Reparatur. Ob die Vorteile im Alltag überwiegen, dürfte stark von der Abstimmung des Systems und vom persönlichen Fahrstil abhängen.

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