- Ducati positioniert sich klar gegen autonomes Motorradfahren
- Nordamerika-Chef Chinnock: Selbstfahrende Motorräder würden den Sinn des Fahrens zerstören
- Assistenzsysteme ja, Vollautonomie nein: Ducati setzt auf Sicherheit statt Kontrollentzug
Die Debatte um autonomes Fahren hat längst alle Bereiche der Mobilität erreicht. Robotaxis von Waymo und Tesla sind in Teilen der USA bereits im regulären Betrieb, und auch in Großbritannien hat die Regierung Testfahrten mit selbstfahrenden Fahrzeugen genehmigt. Im Automobilbereich scheint die schrittweise Übernahme durch die Technik fast unaufhaltsam. Doch in der Motorradwelt stößt diese Entwicklung auf deutlich mehr Widerstand. Einer der prominentesten Kritiker ist Jason Chinnock, CEO von Ducati North America, der sich in einem Interview mit Business Insider unmissverständlich positioniert hat.
Ducatis klare Linie: Motorräder sind keine Mobilitätslösungen
„I hope I never see the day“, sagte Chinnock im Gespräch mit Business Insider und machte damit deutlich, dass er den Tag, an dem Motorräder sich selbst steuern, niemals erleben möchte. Ein selbstfahrendes Motorrad würde seiner Ansicht nach „den gesamten Grund für das Motorradfahren zunichtemachen“. Die Argumentation dahinter ist ebenso einfach wie grundlegend: Motorradfahren ist kein reines Transportmittel. Es geht um Fahrdynamik, um das bewusste Erleben von Beschleunigung, Schräglage und der direkten Verbindung zwischen Mensch und Maschine.
„We are not building mobility. We’re building motorcycles. We’re building something for joy and for fun“, erklärte Chinnock. Auf Deutsch sinngemäß: „Wir bauen keine Mobilitätslösungen. Wir bauen Motorräder. Wir bauen etwas, das Freude und Spaß macht.“ Wer das Fahrerlebnis aus der Hand gebe, könne sich genauso gut in eine Kapsel setzen und von A nach B fahren lassen. Damit grenzt er die Philosophie von Ducati bewusst von der Denkweise der Tech-Branche ab, in der Mobilität vor allem als reibungslose, effiziente Fortbewegung definiert wird.
Technik als Helfer, nicht als Ersatz
Chinnocks Aussagen bedeuten allerdings nicht, dass Ducati technischen Fortschritt ablehnt. Moderne Ducati-Modelle sind vollgepackt mit Elektronik: Schräglagen-ABS, mehrstufige Traktionskontrolle, verschiedene Fahrmodi und adaptiver Tempomat gehören längst zum Standard. Diese Systeme haben sich über die Jahre schrittweise in der gesamten Motorradbranche etabliert. Traktionskontrolle war anfangs umstritten, ABS wurde kontrovers diskutiert, und semiaktive Fahrwerke galten einst als übertriebener Luxus. Heute sind all diese Technologien weitgehend akzeptiert und aus dem Motorrad-Alltag nicht mehr wegzudenken.
Der entscheidende Unterschied liegt laut Chinnock in der Zielsetzung. All diese Systeme existieren, um die Sicherheit zu erhöhen und das Fahrerlebnis zu schärfen. Sie unterstützen den Fahrer bei seinen Entscheidungen, übernehmen aber nicht die Kontrolle. Autonomes Fahren hingegen würde eine völlig andere Grenze überschreiten: Die Maschine würde nicht mehr dazu dienen, den menschlichen Input zu verstärken, sondern unabhängig davon zu funktionieren. Genau das widerspricht nach Chinnocks Auffassung dem Wesenskern des Motorradfahrens.
Auch die Physik spricht eine eigene Sprache
Neben der philosophischen Dimension gibt es auch eine ganz praktische Seite. Ein Motorrad auf zwei Rädern ist von Natur aus instabil. Balance entsteht erst durch die Physik der Vorwärtsbewegung und durch permanente Mikroanpassungen des Fahrers. Zwar hat die Robotik-Forschung gezeigt, dass Maschinen so programmiert werden können, dass sie eigenständig das Gleichgewicht halten. Autonome Motorrad-Prototypen existieren in kontrollierten Umgebungen. Doch technische Machbarkeit bedeutet noch lange nicht, dass etwas auch sinnvoll oder wünschenswert ist.
Der Spagat zwischen Innovation und Identität
Die Positionierung ist auch im Konzernkontext bemerkenswert. Ducati wurde 1926 in Bologna gegründet und gehört heute zum Volkswagen-Konzern. Im Jahr 2024 verkaufte die Marke weltweit rund 55.000 Motorräder und erzielte einen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro (circa 1,18 Milliarden US-Dollar). Innerhalb des VW-Konzerns nimmt Ducati damit eine Sonderstellung ein: Während zahlreiche Modelle des Mutterkonzerns bereits verschiedene Stufen teilautomatisierter Assistenz bieten, von Spurhalteassistenten über adaptive Geschwindigkeitsregelungen bis hin zu Einparkhilfen, geht Ducati bewusst einen anderen Weg.
Künftig sollen motorisierte Zweiräder aber stärker mit ihrer Umgebung und anderen Verkehrsteilnehmern vernetzt werden. Das ist vor allem dann relevant, wenn Motorräder im Mischverkehr mit zunehmend automatisierten Pkw unterwegs sind. Vernetzte Systeme könnten dafür sorgen, dass Motorräder von den Sensoren autonomer Autos besser erkannt werden, was die Sicherheit erheblich steigern würde. Die Zukunft liegt also eher in der Vernetzung als in der Vollautomatisierung.
Zwischen Tradition und Zukunft
Ducati möchte seiner Philosophie treu bleiben: Technik dient dem Fahrer, nicht als Ersatz, sondern als Assistenz und zur Steigerung der Sicherheit. Ob Motorradfahren auch in 30 Jahren noch dasselbe Freiheitsgefühl vermittelt wie heute, kann niemand mit Sicherheit sagen. Die großen Fragen der Zukunft drehen sich weniger um die technische Machbarkeit als um gesellschaftliche Akzeptanz und die Mobilitätswünsche kommender Generationen.
Chinnocks Haltung wirkt in diesem Zusammenhang nicht wie eine reaktionäre Verweigerung gegenüber dem Fortschritt, sondern wie eine bewusste Grenzziehung. Nicht jeder technische Trend aus der Automobilwelt muss zwangsläufig auf zwei Räder übertragen werden. Sauberere Antriebe, intelligentere Sicherheitssysteme, bessere Vernetzung: All das hat seinen Platz in der Motorradentwicklung. Aber die Kontrolle komplett an die Maschine abzugeben, würde das Motorrad in seinem Kern verändern. Und genau das will Ducati offenbar nicht zulassen.
Was das für mich als Motorradfahrer bedeutet
Chinnocks Aussagen dürften bei den meisten Motorradfahrern offene Türen einrennen. Wer schon einmal an einem Sonntagmorgen eine leere Landstraße entlanggefahren ist, die perfekte Linie durch eine Kurvenkombi gezogen oder nach einer langen Tour verschwitzt und glücklich den Helm abgesetzt hat, der weiß: Genau darum geht es. Motorradfahren ist eine der letzten Bastionen echter, ungefilterter Erfahrung im Straßenverkehr. Jede Fahrt verlangt volle Aufmerksamkeit, jede Kurve eine bewusste Entscheidung, jeder Kilometer ein aktives Zusammenspiel von Körper und Maschine. Das macht Motorradfahren anstrengend, manchmal auch gefährlich, aber eben auch so unglaublich lebendig. Dass ein Hersteller wie Ducati sich hinstellt und sagt, dass diese Erfahrung nicht verhandelbar ist, sendet ein wichtiges Signal an die gesamte Branche. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung bei den Assistenzsystemen, dass Technik und Fahrspaß sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. Schräglagen-ABS hat vermutlich mehr Motorradfahrern das Leben gerettet als jede Diskussion über autonomes Fahren. Solange die Elektronik dem Fahrer hilft, statt ihn zu ersetzen, profitieren am Ende alle davon. Die eigentliche Gefahr liegt eher in einer anderen Richtung: Wenn autonome Autos den Mischverkehr dominieren und Motorräder von deren Sensoren nicht zuverlässig erkannt werden. Ob hier eine Vernetzung ausreichend sein wird, muss sich erst noch herausstellen, denn bis sich nur noch ausschließlich Motorräder mit entsprechender Technik auf der Straße befinden werden noch einige Jahrzehnte vergehen müssen.
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