- 19 neu entwickelte Bremskomponenten in vierjähriger Entwicklungsarbeit
- Neues Werk mit 6.000 Quadratmeter Fläche und vollständiger vertikaler Integration
- Serienstart ab 2026 unter anderem bei der KTM 390 Duke
Nach Jahrzehnten als etablierter Fahrwerkslieferant geht WP einen strategisch bedeutenden Schritt. Mit der Gründung von WP Braking Systems erweitert das Unternehmen sein Portfolio erstmals um komplette Bremssysteme. Damit rückt ein Bereich in den Fokus, der bislang stark von externen Zulieferern geprägt war.

Vom Fahrwerksspezialisten zur Bremsenmarke
Die Wurzeln von WP Suspension reichen bis in die 1970er Jahre zurück. Aus dem Motocross Sport kommend entwickelte sich das Unternehmen ab den 1980er Jahren zum festen Fahrwerkslieferanten von KTM. In den 1990er Jahren wurde WP vollständig übernommen, seit 2009 sitzt das Unternehmen in Österreich in direkter Nachbarschaft zum Motorradhersteller.
Nach dem Eigentümerwechsel bei KTM meldete sich WP Mitte Januar 2026 mit einer weitreichenden Ankündigung zurück. Neben Federbeinen und Upside down Telegabeln entsteht mit WP Braking Systems eine eigenständige Bremssparte. Die neue Marke soll künftig Hochleistungs Bremslösungen für Serie, Rennstrecke und Zubehör anbieten.
Entwicklung und Fertigung im eigenen Werk
Kern der neuen Bremsenstrategie ist ein vollständig interner Entwicklungsprozess. Laut WP wurden über einen Zeitraum von vier Jahren insgesamt 19 Bremskomponenten neu konzipiert. Das Spektrum reicht vom einfachen Einkolben Bremssattel bis hin zur gefrästen Monoblock Vierkolben Radialbremse.
Das Entwicklungs Team besteht nach Unternehmensangaben aus elf Spezialisten mit jeweils mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Bremsenentwicklung. Gearbeitet wird in einem 6.000 Quadratmeter großen, SOP bereiten Werk mit modernen Prüfständen und Prototyping Einrichtungen. Die Aufgaben reichen von Advanced Engineering über CAD Konstruktion bis hin zu vollständigen Validierungsprozessen.
Ein zentrales Element ist die vollständige vertikale Integration. Vom Flechten der Bremsleitungen über Extrusion und mechanische Bearbeitung bis zur Endmontage findet jeder Schritt im eigenen Haus statt. Ergänzt wird die Fertigung durch eine rund 100 Meter lange Eloxalanlage für Oberflächen und Finish. Die maximale Kapazität liegt bei bis zu 300.000 Bremssystemen und rund 1,5 Millionen Bremsleitungen pro Jahr.

Fokus auf Gewicht, Kühlung und Wartung
Bei der Entwicklung der neuen Bremsen lag der Schwerpunkt laut WP auf Gewichtsreduzierung und Wärmemanagement. Ziel sei es gewesen, auch unter hoher Dauerbelastung eine konstante Bremsleistung sicherzustellen. Gleichzeitig soll die Technik leistungsstarker Motorräder auf kleinere Hubraumklassen übertragen werden.
Ein Beispiel dafür ist der neu entwickelte Front Radialbremssattel mit vier Kolben. Mit einem angegebenen Gewicht von 740 Gramm zählt er laut Hersteller zu den leichtesten seiner Bauart. Eine zentrale Stegstruktur soll hohe Steifigkeit bei kompakter Bauweise ermöglichen. Durch die reduzierte Baubreite ist der Sattel auch mit Speichenrädern kompatibel.
Weitere technische Merkmale sind Druckguss Aluminiumgehäuse, harteloxierte Aluminiumkolben, EPDM Quadring und Staubdichtungen sowie die Möglichkeit, gesinterte oder organische Bremsbeläge einzusetzen. Ergänzend kommen hintere Schwimmsättel mit Open Bridge Kühlkonzept und überdimensionierten Belägen zum Einsatz. Die Konstruktion ist auf vereinfachte Wartung ausgelegt.
Serienmäßig mit stahlummantelten Bremsleitungen
Alle Bremssysteme von WP Braking Systems werden serienmäßig mit stahlummantelten Bremsleitungen ausgeliefert. Diese bestehen aus Polytetrafluorethylen und sollen Drücke bis zu 40 bar verkraften. Das soll ein direkter definiertes Bremsgefühl sowie ein gleichmäßiges Ansprechverhalten ermöglichen.
Zusätzlich wurde laut WP das Schleppmoment gezielt reduziert. Dies soll die Gesamtperformance des Motorrads verbessern und gleichzeitig Bremsbelagverschleiß sowie Kraftstoffverbrauch verringern.

Erster Serieneinsatz ab 2026
Den ersten Serieneinsatz erleben die neuen Komponenten ab dem Modelljahr 2026 an der KTM 390 Duke. Vorn kommt die radial montierte Vierkolben Bremszange WP FCR4 zum Einsatz, hinten ein Einkolben Bremssattel WP RCF4. Der bisherige Zulieferer Bybre, ein Ableger von Brembo, wird damit abgelöst.
Weitere Modelle von KTM sowie von Husqvarna und GasGas sollen folgen. Parallel dazu plant WP Braking Systems, sich auch als OEM Zulieferer für andere Hersteller zu positionieren. Zusätzlich ist ein späteres Zubehörgeschäft für Endkunden vorgesehen.
Einordnung und Ausblick
Mit WP Braking Systems baut WP seine Rolle als Komponentenhersteller deutlich aus. Ob die neue Marke langfristig eine ernsthafte Alternative zu etablierten Bremsenherstellern wird, bleibt abzuwarten. Die technische Tiefe, die eigene Fertigung und der frühe Serieneinsatz sprechen jedoch dafür, dass WP diesen Schritt nicht als kurzfristiges Projekt versteht.
Was bedeutet das für mich als Motorradfahrer?
Für den Motorradfahrer bedeutet die Einführung von WP Braking Systems vor allem eine stärkere Integration der Bremsentechnik in das Gesamtkonzept des Motorrads. Bremsen, Fahrwerk und Fahrzeugabstimmung stammen künftig häufiger aus einer Hand und sollen besser aufeinander abgestimmt sein. In der Praxis kann das ein gleichmäßigeres Ansprechverhalten, konstante Leistung bei hoher Belastung und eine vereinfachte Ersatzteilversorgung bedeuten. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass sich die neuen Bremsen zunächst in Großserienmodellen bewähren müssen, bevor sie sich langfristig am Markt etablieren. Für den Kunden ändert sich damit weniger das Grundprinzip des Bremsens, sondern vor allem die Herkunft und Entwicklungsphilosophie der verbauten Komponenten.

- Michelin Road 6 190/50 R1773W Sommerreifen








