- Weltmeister Marc Marquez peilt beim Brasilien-GP seine vollständige Rückkehr an
- Bezzecchi gewinnt den Saisonauftakt in Thailand und wird von Valentino Rossi als stärkster VR46-Fahrer gelobt
- Yamaha soll Luca Marini für 2027 ein Angebot unterbreitet haben, während Rookie Toprak Razgatlioglu in Jerez Zusatzkilometer sammelt
Nach dem ersten Rennwochenende der Saison in Buriram sortiert sich das Feld der MotoGP neu. Die Hierarchien der Vorsaison gelten nicht mehr, frische Kräfteverhältnisse zeichnen sich ab und hinter den Kulissen laufen bereits die Planungen für 2027. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen zwischen Comeback-Ambitionen, Rookie-Herausforderungen und einem Fahrermarkt, der erneut in Bewegung geraten ist.

Marquez auf dem Weg zurück: Das Ziel heißt Brasilien
Die Schulterverletzung, die sich Marc Marquez beim Indonesien-GP 2025 bei einem Sturz zugezogen hatte, zwang den neunfachen Weltmeister dazu, die letzten vier Grands Prix der vergangenen Saison auszulassen. Was folgte, war eine lange Genesungsphase, in der der Spanier über Wochen nicht auf ein Motorrad steigen konnte. Auch bei den Vorsaisontests in Malaysia und Thailand fühlte sich der Ducati-Werksfahrer noch nicht wieder vollständig fit und räumte ein, seine Maschine noch nicht so fahren zu können, wie er es eigentlich wolle.
Beim Saisonauftakt in Buriram zeigte Marquez dennoch, dass mit ihm zu rechnen ist. Im Sprint kämpfte er um den Sieg, wurde nach einem harten Manöver gegen KTM-Pilot Pedro Acosta aber mit einer Strafe belegt und musste den Spanier in der letzten Kurve vorbeilassen. Am Ende stand Platz zwei. Im Hauptrennen am Sonntag lief es weniger glücklich: Eine beschädigte Hinterradfelge zwang den 33-Jährigen zur Aufgabe. In der WM-Wertung stehen nach dem Auftakt lediglich neun Punkte zu Buche.
Wann der Champion wieder ohne körperliche Einschränkungen fahren kann, ist die große Frage. „Mal sehen… Ich hoffe, dass es in Brasilien sein wird; ich bin immer optimistisch“, sagte Marquez. Gleichzeitig betonte er, dass er zunächst seine „neuen 100 Prozent“ finden müsse, was nicht zwangsläufig das Niveau der Vorsaison bedeute. Seinen Ansatz für die Genesung beschrieb er dabei mit einer bemerkenswerten Hartnäckigkeit: „Man bleibt dran, und wenn es so aussieht, als ginge es nicht mehr weiter, bleibt man weiter dran, und dann geht es doch noch ein bisschen weiter.“ Bei Schulterverletzungen, so Marquez, beginne man erst nach etwa sechs Monaten zu verstehen, wo man wirklich stehe, und Fortschritte seien oft noch zwei bis drei Monate darüber hinaus möglich.
Ungeklärt ist derweil auch die Vertragssituation des Spaniers. Marquez hat seinen Arbeitgeber Ducati darum gebeten, mit Verhandlungen noch zu warten, bis er sich auf dem Motorrad wieder wohlfühle. Erst dann wolle er einen neuen Vertrag unterschreiben. Im Raum steht dabei die Frage, ob es ein Ein-Jahres- oder ein Zwei-Jahres-Deal wird. In dieser Saison hat Marquez die Chance, mit Giacomo Agostini gleichzuziehen und seinen achten Titel in der Königsklasse zu holen.

Bezzecchi dominiert in Thailand und erntet Lob von den Legenden
Während Marquez mit seinem Comeback kämpft, hat Marco Bezzecchi beim Saisonauftakt ein Ausrufezeichen gesetzt. Der Aprilia-Werksfahrer dominierte das Rennwochenende in Buriram und führte im Grand Prix von Start bis Ziel. Im Sprint war er ebenfalls auf Siegkurs gewesen, stürzte jedoch aus der Führung heraus. Trotzdem steht Bezzecchi mit 25 Punkten stark da und zeigte, dass der Wechsel von Ducati zu Aprilia funktioniert.
Dass der Italiener derzeit in Topform ist, bestätigt niemand Geringerer als Valentino Rossi. Bei einem besonderen Abendessen ehemaliger 500er- und MotoGP-Champions im September vergangenen Jahres in Misano, an dem neben Rossi auch Giacomo Agostini, Casey Stoner, Jorge Lorenzo, Dani Pedrosa, Kevin Schwantz und Freddie Spencer teilnahmen, wurde der VR46-Teambesitzer auf seine Schützlinge angesprochen.
„Im Moment ist Bezzecchi der, der am besten in Form ist“, sagte Rossi auf die Frage von Lorenzo nach dem stärksten VR46-Akademie-Fahrer. Pedrosa zeigte sich überrascht vom Erfolg des Italieners nach dem Markenwechsel. Er habe nicht erwartet, dass es so gut laufen würde, da der Wechsel von Ducati eigentlich „ein Schritt zurück“ sei. „Es ist schwieriger“, stimmte Rossi zu, „aber er ist in Form.“
Rossi hob besonders Bezzecchis Arbeitsmoral hervor. Auf seiner Moto Ranch in Tavullia sei der 27-Jährige derjenige, der am härtesten trainiere und auch dort schnell sei. „Er ist sehr fokussiert. Er will jetzt gewinnen. Er ist sehr hungrig“, so Rossi. Gleichzeitig erkannte der neunfache Weltmeister aber eine Grenze an: „Die Aprilia ist ein bisschen schlechter als die Ducati. Also Marquez mit einem schlechteren Motorrad zu schlagen? Unmöglich.“
Neben der reinen Geschwindigkeit lobte Rossi eine Eigenschaft, die auch Aprilia-Chef Massimo Rivola immer wieder betont: Bezzecchis Gespür für das Motorrad. Er sei sehr sensibel im Feedback an die Ingenieure und verstehe, was die Maschine mache. Sein Fahrstil sei zwar aggressiv, aber genau diese Kombination aus Aggressivität und technischem Verständnis habe sich bei Aprilia als wichtig erwiesen.
Bagnaia in der Krise: Rossi sieht psychologischen Faktor
Deutlich weniger erfreulich fiel Rossis Einschätzung zu seinem anderen Schützling aus. Francesco Bagnaia, der zweifache MotoGP-Weltmeister, steckt in einer schwierigen Phase. Beim Legenden-Dinner in Misano fasste Rossi die Lage knapp zusammen: „Pecco ist leider gerade ein bisschen verloren.“
Lorenzo wollte wissen, ob das Problem am Motorrad liege. Rossi erklärte, dass Bagnaia ausgerechnet beim Bremsen und in der Kurveneinfahrt Schwierigkeiten habe, also genau dort, wo er in der Saison 2024 noch seine größte Stärke hatte. Das Merkwürdige daran, wie Pedrosa bemerkte: In den Trainings gelinge es ihm durchaus noch. Pedrosa vermutete einen Zusammenhang mit dem Reifenverhalten, doch Rossi brachte einen anderen Faktor ins Spiel.
Er glaube, dass die Ankunft von Marc Marquez in der Ducati-Box den Italiener psychologisch belastet habe. Wenn Marquez in derselben Garage sitze und sofort schnell sei, sei das „physiologisch nicht einfach“, sagte Rossi. Lorenzo verglich Bagnaias Fahrstil mit seinem eigenen und stellte fest, dass der Italiener alles genau an der richtigen Stelle brauche. „Er ist ein sehr präziser Fahrer“, bestätigte Rossi. „Ein sehr sauberer Fahrstil.“ Doch wenn etwas nicht stimme, tue er sich schwer.
Als größtes konkretes Problem identifizierte Rossi den Hinterreifenabbau. In den Schlussrunden sei Bagnaia deutlich langsamer, während er in der Saison 2024 gerade in der Schlussphase besonders stark gewesen sei. Agostini, der Rekordhalter mit acht Titeln in der Königsklasse, vermutete dahinter ein mentales Problem. Bagnaia sei „ein bisschen demoralisiert“, sagte der 83-Jährige. „Der Kopf ist alles.“
Tatsächlich erlebte Bagnaia in der zweiten Saisonhälfte 2025 eine Berg-und-Tal-Fahrt. Nach einem Doppelsieg in Japan kehrten die Probleme in Indonesien zurück. In den letzten zehn Rennen holte er nur in zwei Fällen Punkte, darunter ein Sprintsieg in Sepang. Beim Saisonauftakt 2026 in Thailand fuhr Bagnaia auf Platz neun im Grand Prix und sammelte lediglich acht Zähler.

Fahrermarkt 2027: Yamaha will Luca Marini als Entwicklungsfahrer
Während auf der Strecke die Saison 2026 erst begonnen hat, nimmt der Fahrermarkt für 2027 bereits Fahrt auf. Die großen Wechsel von Pedro Acosta zu Ducati, Francesco Bagnaia zu Aprilia, Alex Marquez zu KTM, Fabio Quartararo zu Honda und Jorge Martin zu Yamaha stehen fest, sind aber noch nicht offiziell verkündet. Nun soll auch der zweite Yamaha-Werksplatz neben Martin vergeben sein.
Laut Berichten der spanischen Tageszeitung AS hat sich Yamaha auf Luca Marini festgelegt und dem 28-jährigen Italiener ein attraktives Angebot unterbreitet. Marini wollte das beim Thailand-GP nicht bestätigen, doch die Hintergründe sprechen für einen solchen Wechsel.
Bei seinem aktuellen Arbeitgeber Honda wird es für den Halbbruder von Valentino Rossi eng. Für 2027 stehen mit Johann Zarco, Diogo Moreira und dem hinzukommenden Quartararo bereits drei der vier Plätze fest. Um den verbleibenden Sitz konkurriert Marini mit Joan Mir, David Alonso und Moreira. Da Mir in Thailand klar stärker unterwegs war als Marini, werden dem Spanier die besseren Chancen zugeschrieben.
„Ein Honda-Werksfahrer zu sein, macht mich stolz. Ich hoffe, dass ich mit ihnen gewinnen kann. Ich will bleiben und wir sprechen bereits mit ihnen, um zu verlängern“, sagte Marini zwar noch kämpferisch. Gleichzeitig gab er zu verstehen, dass in diesem Paddock „natürlich jeder mit jedem“ spreche.
Was Yamaha an Marini interessiert, liegt auf der Hand: Entwicklungskompetenz. In Iwata will man sich nach dem Verlust von Quartararo komplett neu aufstellen. Nachdem die Verpflichtung von Bagnaia gescheitert ist, hat offenbar ein Umdenken stattgefunden. Wenn schon kein Starfahrer, dann zumindest ein erstklassiger Entwicklungsfahrer. Und genau das ist Marinis Stärke, die er bereits bei VR46-Ducati und anschließend bei Honda unter Beweis gestellt hat. Als er Ende 2023 zu HRC wechselte, befand sich das Werk am Tiefpunkt. Zwei Jahre später ist die Trendwende geschafft, auch dank Marinis Testarbeit. „Wenn es darum geht, ein Motorrad zu entwickeln, bin ich der Beste“, unterstrich er selbst.
Sollte der Yamaha-Wechsel nicht zustande kommen, könnte das VR46-Team als Alternative in den Fokus rücken, also das Kundenteam von Rossi, das seit 2022 in der MotoGP antritt.
Razgatlioglu sammelt Testkilometer: Yamaha nutzt jede Möglichkeit
Während auf dem Fahrermarkt über 2027 spekuliert wird, arbeitet Yamaha im Hier und Jetzt an einem anderen Projekt: dem MotoGP-Einstieg von Superbike-Champion Toprak Razgatlioglu. Der Türke erlebte sein Debüt-Rennwochenende beim Pramac-Yamaha-Team in Thailand mit gemischten Gefühlen.
Auf der Habenseite steht eine kontinuierliche Verbesserung der Rundenzeiten. Der Rückstand auf die teaminterne Referenz Fabio Quartararo schrumpfte auf rund eine halbe Sekunde. Auf der Sollseite stehen die anhaltenden Probleme der 2026 erstmals flächendeckend eingesetzten V4-Variante der M1, die hinter der Konkurrenz hinterherläuft. Im Qualifying fehlten Razgatlioglu 1,5 Sekunden auf Spitzenreiter Bezzecchi. Selbst Rookie-Kollege Diogo Moreira auf der Honda war in jeder Session schneller. Am Ende landete der dreifache Superbike-Weltmeister auf Platz 17 ohne WM-Punkte, während Moreira bei seinem Debüt bereits punktete.
Die Yamaha-Ingenieure gehen einen pragmatischen Weg, um den Erfahrungsrückstand ihres prominenten Neuzugangs aufzuholen. Dank der Concessions-Regelung, die es nur Yamaha erlaubt, auch Stammfahrer bei privaten Tests einzusetzen, klinkte sich Razgatlioglu in den laufenden Testbetrieb in Jerez ein. Während das Testteam um Andrea Dovizioso dort die 850er-Zukunftsmaschine mit Pirelli-Reifen für 2027 erprobt, dreht Razgatlioglu mit der aktuellen 1000er-M1 und Michelin-Bereifung seine Runden.
Auf den sozialen Medien tauchte trotz offiziell ausgesetzter Kommunikation seitens Yamaha ein Bild der Maschine beim Warmlaufen auf. Ein wesentlicher Teil des Lernprozesses findet laut Razgatlioglu über die Rennreifen von Einheitsausrüster Michelin statt. Die MotoGP-Technik unterscheidet sich in diesem Bereich grundlegend von der Superbike-WM, und der 29-Jährige sprach beim Thailand-GP selbstkritisch darüber, dass die Adaption noch nicht gelungen sei.
Da sich an der Technik der Yamaha bei den kommenden Übersee-Events in Süd- und Nordamerika nichts ändern wird, liegt der Fokus vorerst auf der Fahrerseite. Für die neue und für alle Piloten unbekannte Strecke in Goiânia lautet das Ziel klar: dem Moto2-Weltmeister Moreira näherkommen und den ersten WM-Punkt in der MotoGP einfahren.

Blick nach vorn: Die MotoGP zwischen Umbruch und Neuordnung
Die MotoGP befindet sich inmitten eines fundamentalen Umbruchs. Auf der Strecke führt nach dem Auftakt Pedro Acosta die WM-Wertung mit 32 Punkten an, gefolgt von Bezzecchi mit 25 und Raúl Fernández mit 23 Zählern. Der amtierende Weltmeister Marquez liegt mit neun Punkten nur auf Rang acht, Bagnaia direkt dahinter auf Rang zehn mit acht Zählern. Die alten Machtverhältnisse sind damit zunächst außer Kraft gesetzt.
Abseits der Strecke zeichnet sich für 2027 ein Szenario ab, in dem praktisch jeder Hersteller seinen Fahrerkader neu zusammenstellt. Die bereits feststehenden, aber noch nicht offiziell verkündeten Wechsel von Acosta, Bagnaia, Alex Marquez, Quartararo und Martin werden die Landschaft grundlegend verändern. Dazu kommt der bevorstehende Regelwechsel auf 850 Kubikzentimeter und Pirelli-Reifen, der die technische Seite der Königsklasse auf den Kopf stellt.
Beim Brasilien-GP in Goiânia am kommenden Wochenende steht für die Fahrer und Teams zunächst eine völlig neue Strecke auf dem Programm. Für Marquez wird es der Gradmesser, ob seine Genesung die erhoffte nächste Stufe erreicht hat. Für Bezzecchi die Gelegenheit, seinen Saisonstart-Schwung mitzunehmen. Für Razgatlioglu der nächste Schritt in seinem Lernprozess. Und für die gesamte MotoGP ein weiteres Kapitel in einer Saison, die von Umbruch und Neuordnung geprägt ist.
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Dieser Artikel ist eine Gemeinschaftsarbeit der Redaktion.
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