- CFMoto erwirbt 51 Prozent an der Kalex Engineering GmbH aus Bobingen
- Alex Baumgärtel bleibt Geschäftsführer und alleiniger Entscheider im Moto2-Bereich
- MotoGP-Spekulationen erteilt der Kalex-Chef eine klare Absage
Die Nachricht platzte am Rande des MotoGP-Saisonauftakts im thailändischen Buriram in das Fahrerlager: Der chinesische Motorradhersteller CFMoto hat 51 Prozent der Kalex Engineering GmbH übernommen, jenes deutschen Unternehmens, das seit 2010 Chassis für die Moto2-Weltmeisterschaft baut und die Klasse sportlich nach Belieben dominiert. Die Meldung, zuerst von den italienischen Kollegen bei Sky Sport berichtet, bestätigte Kalex-Geschäftsführer Alex Baumgärtel persönlich, unter anderem im Gespräch mit SPEEDWEEK.com und Motorsport-Magazin.com. Obwohl der Verkauf bereits im Dezember 2025 über die Bühne ging, wurde er erst jetzt beim Thailand-Grand-Prix öffentlich bekannt.
Wie der Deal zustande kam
Den ersten Kontakt zwischen den beiden Unternehmen gab es Anfang 2025 im Fahrerlager. Zunächst ging es dabei gar nicht um einen Anteilsverkauf, sondern lediglich um eine mögliche technische Zusammenarbeit. Erst im Laufe mehrerer Gespräche bot Baumgärtel schließlich Firmenanteile an. Er beschreibt die Verantwortlichen bei CFMoto als motiviertes Team, das zuhören kann und bei dem die Chemie von Anfang an gestimmt habe.
Die Übernahme erfolgte über CFMotos europäische Tochtergesellschaft Helmsmen Europe. Bislang hielten die Firmenanteile Alex Baumgärtel, Klaus Hirsekorn und Günther Holzer zu gleichen Teilen. CFMoto übernahm die Anteile von Holzer komplett, Baumgärtel und Hirsekorn traten von ihrem jeweiligen Drittel so viel ab, dass CFMoto in Summe auf 51 Prozent kommt. Die verbliebenen 49 Prozent teilen sich Baumgärtel und Hirsekorn nun untereinander auf. An der Spitze des Unternehmens stehen künftig CFMoto-Vizepräsident Zhiyong Chen und Sebastian Sekira, der zuvor die Motorenentwicklung bei KTM leitete.
Baumgärtel selbst empfindet den Vorgang weniger als klassische Übernahme, sondern vielmehr als Partnerschaft. Das erklärte Ziel sei ein Know-how-Transfer: Rennsporttechnologie soll in die Serienproduktion von CFMoto einfließen. Dazu gehöre auch die Ausbildung von Ingenieuren, denen Baumgärtel seine Herangehensweise an Themen wie Fahrwerkssteifigkeit näherbringen will. Sein Hintergrund als Quereinsteiger aus dem Automobilbereich habe ihm dabei einen eigenen, oft unkonventionellen Blick auf den Chassisbau verschafft.
Kalex: Vom leeren Konto zur Moto2-Macht
Um die Tragweite dieses Deals einzuordnen, lohnt ein Blick auf die Geschichte von Kalex. Alex Baumgärtel und Klaus Hirsekorn begannen ihre Karriere als Fahrwerksingenieure in der Automobilindustrie. Baumgärtel bringt 15 Jahre Erfahrung im Automobilbereich auf Werkslevel mit. Ab 2004 fingen die beiden an, ihr erstes eigenes Motorrad zu konstruieren. 2010 stiegen sie in die neu geschaffene Moto2-Klasse ein, die als Nachfolgerin der legendären 250-Kubikzentimeter-Zweitaktkategorie ins Leben gerufen worden war.
Schon ein Jahr später, 2011, gelang mit Stefan Bradl der erste Weltmeistertitel. Was folgte, war eine beispiellose Erfolgsserie: Ab 2013 gewann Kalex jede einzelne Konstrukteurs-WM in der Moto2. Insgesamt saßen 13 der letzten 15 Weltmeister der Klasse auf einem Kalex-Chassis. Aktuell fahren 20 der 28 Moto2-Piloten mit Maschinen aus Bobingen. Das alles gelang mit einer erstaunlich schlanken Struktur: Kalex besteht aktuell aus lediglich acht Mitarbeitern, davon drei Ingenieuren.
Eine Schlüsselrolle für diesen Erfolg spielte von Anfang an die Philosophie der Gleichbehandlung. Während bei anderen Herstellern früher zwischen A- und B-Kunden unterschieden wurde und Ersatzteile nur zu bestimmten Terminen bestellt werden konnten, setzte Kalex von Tag eins an auf identisches Material für alle Teams. Daten werden zudem erst nach dem Rennwochenende ausgelesen, sodass kein Team befürchten muss, dass Informationen an die Konkurrenz weitergegeben werden. Dieses Vertrauensprinzip gilt als einer der Grundpfeiler der Kalex-Dominanz.
Neben der Moto2 sammelte das Unternehmen aus Bobingen auch in anderen Bereichen Erfahrung. In der Moto3 trat Kalex als Chassishersteller auf und feierte Grand-Prix-Siege unter anderem mit Luis Salom und Jonas Folger. Noch bedeutsamer: In der MotoGP arbeitete Mitgründer Alex Baumgärtel zwischen 2022 und 2024 als technischer Berater für Honda (HRC) und entwickelte dort Chassis und Schwingen für die RC213V. Auch Kooperationen mit KTM und BMW standen auf der Referenzliste.
Was sich durch den Deal ändert und was nicht
Trotz des Mehrheitswechsels soll sich am täglichen Geschäft von Kalex vorerst nichts ändern. Baumgärtel bleibt Geschäftsführer und behält die alleinige Entscheidungsfreiheit in allen Moto2-Angelegenheiten. Die klare Vorgabe seitens CFMoto laute, das Geschäft genau so weiterzubetreiben wie in den vergangenen 16 Jahren. Man werde weiterhin als Kalex auftreten und die gewohnte Transparenz und Fairness gegenüber den Kunden beibehalten.
Dass CFMoto gleichzeitig als Titelsponsor des Aspar-Teams auftritt, also eines Kalex-Kunden, weckte vereinzelt Befürchtungen einer Bevorzugung. Baumgärtel sieht darin kein Problem und verweist auf das über 17 Jahre aufgebaute Vertrauen im Fahrerlager. In Buriram habe er ausschließlich Glückwünsche erhalten.
Für Baumgärtel persönlich hat der Deal auch eine sehr praktische Seite. Der Verkauf sichere die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und seine eigene Altersvorsorge. Die Anfänge im Jahr 2010 beschreibt er als finanzielles Risiko, bei dem Versicherungen gekündigt wurden, um den Betrieb überhaupt aufrechterhalten zu können. Der 58-Jährige plant, dem GP-Paddock noch bis mindestens 65 erhalten zu bleiben, sieht in der Kooperation mit CFMoto aber auch eine neue Motivation. Die garantierte Stabilität und die Möglichkeit, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln, seien für ihn ein wichtiger Antrieb.
MotoGP-Spekulationen: Was ist dran?
Die Übernahme sorgte im Paddock sofort für Spekulationen. Viele Beobachter interpretierten den Deal als ersten Schritt von CFMoto in Richtung MotoGP-Einstieg. Gründe für diese Annahme gibt es durchaus: Kalex bringt Erfahrung aus der Königsklasse mit, CFMoto verfügt über eine wachsende industrielle Basis und mit dem Aspar-Team von Jorge Martinez steht ein Rennstall bereit, der bis 2018 selbst in der MotoGP vertreten war. Die Partnerschaft zwischen CFMoto und Aspar wurde zudem erst kürzlich bis 2031 verlängert.
Hinzu kommt, dass ab 2027 das neue MotoGP-Reglement Teams die Möglichkeit eröffnen soll, sich von externen Unternehmen wie Kalex einen Rahmen bauen zu lassen und diesen mit Motoren eines bestehenden Herstellers zu kombinieren. Auch ein vollwertiger Einstieg als Werksteam wäre denkbar und könnte die seit dem Suzuki-Ausstieg Ende 2022 bestehende Lücke im Starterfeld füllen.
Baumgärtel selbst erteilt den Spekulationen allerdings eine klare Absage. Der Fokus der Kooperation liege auf dem Technologietransfer in die Serienproduktion, nicht auf einem Einstieg in die Königsklasse. Die neue Führungsstruktur mit Zhiyong Chen und Sebastian Sekira entspreche lediglich der Anteilsverteilung im Unternehmen und habe keinen Einfluss auf den Rennsportbetrieb.
Ob CFMoto langfristig dennoch ambitioniertere Pläne verfolgt, bleibt offen. Im vergangenen Jahr kursierten bereits Gerüchte, der chinesische Hersteller könnte das MotoGP-Projekt von KTM übernehmen. KTM-CEO Gottfried Neumeister stellte allerdings klar, dass CFMoto dafür keine Option sei. Auch ein möglicher Einstieg in die Superbike-WM ab 2027 steht im Raum. Kalex könnte dabei theoretisch als europäischer Stützpunkt für die Rennaktivitäten von CFMoto dienen, wobei hierfür Erweiterungen des derzeit sehr kleinen Betriebs nötig wären.
CFMoto: Vom kleinen Hersteller zum globalen Akteur
Der Deal reiht sich ein in den rasanten Aufstieg von CFMoto. Das Unternehmen mit Sitz in Hangzhou (Provinz Zhejiang) wurde erst 1989 gegründet und konzentrierte sich zunächst auf kleinere Motorräder, ATVs und Quads. 2011 begann eine Handelspartnerschaft mit KTM, 2017 folgte ein Joint Venture zur Produktion von KTM-Modellen in China. Seit November 2023 besteht zudem ein Joint Venture mit Yamaha für die Produktion von Yamaha-Modellen in China.
Im Rennsport ist CFMoto seit 2022 in der Moto3-WM vertreten, seit 2024 als Titelsponsor des Aspar-Teams auch in der Moto2. In der Moto3-Saison 2024 holte David Alonso auf einer CFMoto den Weltmeistertitel. Im vergangenen Jahr gewannen sowohl Alonso als auch Dani Holgado Rennen in ihrer Rookie-Saison in der Moto2, während Marc-Marquez-Schützling Max Quiles in seiner Debütsaison in der Moto3 Dritter wurde.
Die industrielle Schlagkraft wächst ebenfalls: 2025 verkaufte CFMoto bereits 250.000 Einheiten. Im vergangenen Herbst wurde auf der Motorradmesse EICMA mit der V4 SR-RR erstmals ein vollwertiges Superbike vorgestellt. Zusammen mit den bestehenden Kooperationen mit KTM und Yamaha positioniert sich CFMoto immer stärker als ernstzunehmender Akteur in der internationalen Motorradbranche.
Was das für Motorradfahrer und Motorsport-Fans bedeutet
Für Besitzer eines CFMoto-Motorrads oder alle, die mit dem Gedanken an einen Kauf spielen, ist die Kalex-Übernahme eine interessante Entwicklung. Wenn Rennsport-Know-how aus über 15 Jahren Moto2-Dominanz tatsächlich in die Serienproduktion einfließt, könnte sich das mittelfristig in der Fahrwerksabstimmung und Chassisqualität künftiger CFMoto-Modelle bemerkbar machen. Gerade bei einem Hersteller, der mit der V4 SR-RR gerade erst den Sprung ins Superbike-Segment gewagt hat, wäre das ein relevanter Qualitätsschub. Ob und wann sich das in konkreten Produkten niederschlägt, bleibt allerdings abzuwarten.
Aus Motorsport-Sicht ändert sich kurzfristig wenig. Kalex bleibt Kalex, die Moto2 wird weiterhin von den Bobinger Chassis geprägt sein, und die bewährte Gleichbehandlung aller Kundenteams soll bestehen bleiben. Spannender ist der langfristige Blick: CFMoto baut seine Präsenz im internationalen Rennsport Stück für Stück aus, von der Moto3 über die Moto2 bis hin zu möglichen Engagements in der Superbike-WM. Ob am Ende tatsächlich irgendwann ein CFMoto-Chassis in der MotoGP auftaucht, ist heute reine Spekulation. Aber die Puzzleteile, die dafür nötig wären, sammelt der chinesische Hersteller gerade in bemerkenswertem Tempo ein.

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