- Aprilia setzt auf ein neuartiges Doppelkanal-System unter der Verkleidung der RS-GP26
- Das Konzept erinnert an den McLaren F-Duct aus der Formel-1-Saison 2010
- Der Fahrer steuert das System mit seinen Unterarmen auf der Geraden
Was zunächst wie ein gewöhnliches Aerodynamik-Update aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine der innovativsten technischen Lösungen der letzten Jahre in der MotoGP. Aprilia hat an der RS-GP26 ein System entwickelt, das in seiner Grundidee stark an die Formel 1 erinnert und in der Motorrad-Weltmeisterschaft so noch nie zum Einsatz kam. Die neue Verkleidung verfügt über zwei Einlässe im vorderen Bereich und zwei Auslässe im hinteren Teil der Verkleidung, genau dort, wo der Fahrer auf der Geraden seine Unterarme anlegt, wenn er sich hinter die Scheibe duckt.

Von der Formel 1 inspiriert: Das Prinzip des F-Duct
Die Funktionsweise des Systems weist deutliche Parallelen zum berühmten McLaren F-Duct auf, der in der Formel-1-Saison 2010 für erhebliches Aufsehen sorgte. Damals verschlossen die Fahrer mit dem Knie eine Öffnung im Cockpit, wodurch der Luftstrom vom oberen Einlass umgeleitet wurde. Die Luft gelangte so nicht mehr zu Motor und Getriebe, sondern direkt zum Heckflügel. Dort strömte sie durch den Spalt zwischen Hauptebene und oberem Flügelelement, erzeugte eine Strömungsablösung an der Hinterkante und brachte den Flügel damit zum Strömungsabriss. Das Ergebnis war ein geringerer Luftwiderstand und eine höhere Endgeschwindigkeit auf den Geraden. Andere Teams entwickelten damals eigene Varianten des Systems, die teilweise über die Hand gesteuert wurden, was letztlich zum Verbot der Technologie ab 2011 führte.
Bei Aprilia funktioniert das Grundprinzip ähnlich: Legt der Fahrer seine Arme an die Verkleidung an, verschließt er die beiden Auslässe. Der Luftstrom, der normalerweise durch diese Kanäle strömt, wird umgeleitet. Da das System auf der Geraden aktiviert wird, liegt es nahe, dass der Effekt vor allem auf eine Reduzierung des Luftwiderstands abzielt.
Wohin die Luft strömt: Mögliche Funktionsweisen
Wohin genau die Luft bei verschlossenen Auslässen geleitet wird und welchen Weg sie nimmt, lässt sich ohne detaillierte Kenntnis der internen Kanalführung nicht mit letzter Sicherheit sagen. Eine Möglichkeit ist, dass die Luft seitlich aus der Hauptverkleidung austritt und dort den äußeren Teil der Verkleidung aerodynamisch beeinflusst. Dieser Bereich ist so geformt, dass er in Kurvenfahrt Abtrieb erzeugt. Durch gezieltes Anströmen könnte dort ein Strömungsabriss ausgelöst werden, der den Abtrieb auf der Geraden reduziert und damit den Luftwiderstand senkt.
Daneben gibt es weitere denkbare Funktionen des Systems. Ein aerodynamischer Nutzen könnte in der Reduktion von Verwirbelungen im empfindlichen unteren Verkleidungsbereich liegen, was die Kühlung verbessern würde, weil ein gleichmäßigerer und kontrollierterer Luftstrom entsteht. Auch ein direkter Nutzen für den Fahrer ist vorstellbar: Frischluft, die gezielt in Richtung des Piloten geleitet wird, könnte ihn vor der Hitze von Motor und Kühler abschirmen und so dazu beitragen, dass er über die Renndistanz körperlich und mental leistungsfähiger bleibt.

Ein rollendes Labor: Weitere Innovationen an der RS-GP26
Das Doppelkanal-System ist bei weitem nicht die einzige Neuerung an der RS-GP26. Das Technik-Duo aus Fabiano Sterlacchini als technischem Direktor und Marco De Luca als Leiter der Fahrzeugabteilung hat massiv in die aerodynamische Entwicklung investiert. Nach umfangreichen CFD-Simulationen wurden die Konzepte im Toyota-Windkanal in Köln bis ins Detail verfeinert.
Die RS-GP26 verfügt bereits seit dem Vorjahr über einen von der Formel 1 inspirierten S-Duct. Dieser sammelt Luft im unteren Bereich der Verkleidung und leitet sie nach oben neben die Windschutzscheibe um. Durch diesen doppelten Bypass wird die Strömungsgeschwindigkeit erhöht, Verwirbelungen werden reduziert und die aerodynamische Effizienz insgesamt verbessert.
An den Maschinen von Marco Bezzecchi und Jorge Martin wurden beim Buriram-Test zudem weitere Aerodynamik-Lösungen im Wechsel getestet. Die teilverkleidete Hinterradschwinge, die erstmals in Sepang zu sehen war, tauchte erneut auf. Ihr Carbon-Profil erstreckt sich nach unten und weist eine kleine Aussparung auf, die wie ein Mikro-Venturi-Kanal geformt ist und den Luftstrom beschleunigen soll. Am Heck der Maschine wechselten sich die beiden Konfigurationen mit den internen Bezeichnungen „Panoramix“ und „Obelix“ ab, die offenbar noch eingehend evaluiert werden.
Erstmals seit Sepang aufgefallen: Der Zeitplan des Systems
Die neue Verkleidung kam erstmals beim Test in Sepang zum Einsatz und wurde anschließend auch beim zweitägigen Buriram-Test gefahren, blieb aber zunächst weitgehend unbemerkt. Am Freitag des ersten Rennwochenendes in Thailand setzte Aprilia die Verkleidung durchgehend im Training ein. Bezzecchi schloss den Freitag an der Spitze der Zeitenliste ab. Sollte Aprilia die Verkleidung nun wechseln wollen, müsste eine neue Version homologiert werden.

Was die Konkurrenz beachten muss: Homologationsregeln
Für die übrigen Hersteller im Feld bedeutet das Aprilia-System eine besondere Herausforderung. Wer eine eigene Version entwickeln will, muss dafür eine neue Verkleidung homologieren lassen. Jeder MotoGP-Fahrer hat pro Saison nur ein Verkleidungs-Update zur Verfügung. Eine Ausnahme bildet Yamaha: Der japanische Hersteller hat aufgrund seines Konzessionsstatus der vierten Stufe das Recht auf zwei Verkleidungs-Updates pro Saison, muss allerdings die vorherige Version aufgeben, sobald eine neue eingeführt wird.
Da die 1000-Kubikzentimeter-Motorenregelung in ihr letztes Jahr geht, war ein derartiger Innovationsschub nicht unbedingt zu erwarten. Sobald die Aerodynamik-Pakete homologiert sind, werden die Teams ihren Fokus unvermeidlich auf das kommende 850-Kubikzentimeter-Reglement verlagern, das zumindest auf dem Papier engere Grenzen für die Windkanalentwicklung vorsieht.
Aprilia geht als Vizemeister der Herstellerwertung von 2025 in die neue Saison. Die RS-GP26 zeigt eindrucksvoll, dass das Werk aus Noale den technischen Anspruch hat, nicht nur mitzuhalten, sondern eigene Wege zu gehen.

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