- Marc Marquez liegt nach sechs Rennen nur auf WM-Rang 5 und hat noch kein Grand-Prix-Podium 2026 erreicht
- Marco Bezzecchi führt die WM auf der Aprilia an, Jorge Martin setzt auf eine langfristige Titelstrategie
- Der Pirelli-Reifenwechsel ab 2027 soll zusammen mit 850-ccm-Motoren die Kräfteverhältnisse grundlegend verändern
Marc Marquez holte sich 2025 seinen siebten MotoGP-Weltmeistertitel, fünf Jahre nachdem eine schwere Armverletzung seine Karriere beinahe beendet hatte. Damit zog er mit Valentino Rossis Titelsammlung gleich und liegt nur noch einen Titel hinter Giacomo Agostinis Allzeitrekord von acht Meisterschaften. Doch der Start in die neue Saison verlief für den Ducati-Werksfahrer alles andere als nach Plan.

Marquez und Ducati ohne Orientierung
Nach drei Rennwochenenden in Thailand, Brasilien und den USA steht Marquez ohne einen einzigen Podestplatz in einem Grand Prix da. Zwar konnte er im Sprint einen Sieg und ein weiteres Podium einfahren, doch in den Hauptrennen war die Ducati regelmäßig hinter der Aprilia-Konkurrenz zu finden. In Austin, traditionell eine seiner stärksten Strecken, kam der Spanier nicht über Platz 5 hinaus. Bereits im Qualifying hatte er es nur in die zweite Startreihe geschafft, was für einen Marquez in Bestform ungewöhnlich wäre. Im Sprint kam es zu einem Crash und einer Kollision mit Fabio Di Giannantonio, die eine Strafe nach sich zog.
Die Ursachen für die Schwierigkeiten liegen nach Einschätzung von Experten auf beiden Seiten, beim Fahrer und beim Motorrad. Ramon Forcada, der als Crew-Chief unter anderem drei MotoGP-Titel mit Jorge Lorenzo gewann und das Fahrerlager weiterhin als aufmerksamer Beobachter begleitet, analysierte die Situation im Podcast „Dura la Vita“ mit klaren Worten. „Wir haben Marc dieses Jahr noch nicht richtig in seinem Element gesehen“, erklärte Forcada. „Den wahren Marc Márquez haben wir auf dem Motorrad 2026 bislang nicht gesehen. Für mich ist das ein Problem, das mit der Verletzung zusammenhängt, das sieht man auch an seiner Körpersprache.“
Marquez leidet weiterhin an den Folgen einer Schulterverletzung, die er sich in der vergangenen Saison in Indonesien zugezogen hatte. Beim Brasilien-GP bezeichnete der Ducati-Fahrer seine eigene Situation als „kritisch“. Auch sein ehemaliger Rivale Andrea Dovizioso äußerte sich besorgt und sprach davon, dass die physische Situation von Marquez ernster sei, als es von außen den Anschein habe.
Forcada ging in seiner Analyse noch einen Schritt weiter und beschrieb eine Wechselwirkung zwischen dem angeschlagenen Weltmeister und seinem Hersteller. Wenn der Champion nicht zu hundert Prozent fit sei, verliere auch der Hersteller die Orientierung, so der Technikexperte. Es fehle ein klarer Bezugspunkt für die Entwicklung. Fahrer, die sich zuvor wohlgefühlt hätten, wie Marquez oder Fermin Aldeguer, fänden sich nicht zurecht. Francesco Bagnaia und Franco Morbidelli wirkten weit weg vom Optimum. Der Einzige, der sich im aktuellen Ducati-Umfeld wirklich wohlzufühlen scheine, sei Di Giannantonio.
Melandri: Rücktritt nach dem achten Titel möglich
Abseits der reinen Leistungsdiskussion sorgte Marco Melandri für Aufsehen mit einer Einschätzung zur langfristigen Zukunft von Marquez. Der fünffache MotoGP-Rennsieger erklärte beim Brasilien-GP, er halte es für möglich, dass Marquez bei einem erneuten Titelgewinn 2026 seine Karriere beenden könnte.
„Er bleibt der am besten abgerundete Fahrer insgesamt, auch wenn er vielleicht weniger explosiv ist als im Vorjahr“, sagte Melandri. „Mehr als die Verletzung hat meiner Meinung nach die mentale Anstrengung, den Titel zurückzugewinnen, ihren Tribut gefordert, weil er 2025 mehr als 110 Prozent gegeben hat.“
Melandri sieht Marquez weiterhin als Titelanwärter, warnte aber zugleich vor Marco Bezzecchi als ernsthaftem Herausforderer. Sollte Marquez den Titel holen, könnte er sich am Saisonende für den Rücktritt entscheiden. „So sehe ich das. Es würde mich nicht überraschen, wenn er nach seinem zehnten Grand-Prix-Titel aufhört“, fügte Melandri hinzu, wobei er die Gesamtheit aller WM-Titel von Marquez über alle Klassen hinweg meinte.
Der aktuelle Vertrag von Marquez mit Ducati läuft zum Saisonende aus. Eine Verlängerung soll grundsätzlich geplant sein, wurde aber durch die gesundheitliche Situation verzögert. Hinzu kommt, dass Vertragsverhandlungen derzeit generell ruhen, weil die Hersteller eine neue kommerzielle Vereinbarung mit der Meisterschaft verhandeln.

Aprilia setzt den Maßstab
Während Ducati nach Antworten sucht, hat sich Aprilia an die Spitze der MotoGP gesetzt. Marco Bezzecchi führt nach drei perfekten Rennwochenenden die Gesamtwertung an, sein Teamkollege Jorge Martin hat sich als konstanter Punktesammler etabliert und wurde in Austin Zweiter.
Forcada zeigte sich von der Arbeit der Rennabteilung aus Noale beeindruckt. Die Hersteller hätten den Fahrern zu viel Macht eingeräumt, während sich bei Aprilia alles um Massimo Rivola drehe. Es sei eines der wenigen Teams mit einer klaren Struktur. Zudem habe Aprilia den Mut bewiesen, einen eigenen technischen Weg zu gehen, anstatt Ducati zu kopieren. „Jetzt sind sie der Maßstab. Die Aprilia ist jetzt das Bike, das es zu kopieren gilt“, so Forcada.
Martin selbst verfolgt dabei eine auffällig besonnene Strategie. Nach seinem zweiten Platz in Austin erklärte der Spanier, er habe seine Erwartungen bewusst heruntergeschraubt. „Schaff dir zwei oder drei unauffällige Rennen, sammle weiter Punkte. Fünfter, Achter, was auch immer am Ende dabei herauskommt, es wird in Ordnung sein“, so Martin gegenüber DAZN.
Der ehemalige Weltmeister von 2024 denkt langfristig und erinnert sich gut daran, wie er in der Schlussphase jener Saison Bagnaia den Titel noch entreißen konnte. „Das Saisonende ist normalerweise meine Zeit, aber ich will nichts überstürzen“, erklärte Martin. Gleichzeitig erwartet er eine Rückkehr von Ducati zur gewohnten Stärke. „In Jerez wird alles wieder normal, Ducati wird wieder normal sein“, sagte er mit Blick auf den anstehenden Spanien-GP. Dass Marquez dann wieder um Siege mitkämpfen dürfte, ist Martin bewusst, doch genau darauf scheint seine Geduld-Strategie ausgelegt zu sein.
Quartararo und Yamaha: Frustration auf ganzer Linie
Am anderen Ende des Leistungsspektrums steht Yamaha. Fabio Quartararo reiste vom US-GP ohne einen einzigen WM-Punkt ab. Im Sprint verlor er knapp 14 Sekunden auf den Sieger und wurde Elfter, über die Grand-Prix-Distanz verdoppelte sich der Rückstand, am Ende stand Rang 17. Vier Yamahas belegten die letzten vier Plätze, wobei Quartararo nur drittbeste Yamaha-Kraft war. Rookie Toprak Razgatlioglu, der in Austin seinen ersten MotoGP-Punkt holte, und dessen Pramac-Teamkollege Jack Miller kamen vor dem Weltmeister von 2021 ins Ziel.
Die Ursache lag vor allem in der Qualifying-Performance. Quartararo verpasste den Einzug ins Q2 und startete nur von Platz 16. Mit dem langsamsten Motorrad im Feld war auf der anspruchsvollen Strecke schlicht nicht mehr drin.
Im Interview mit dem französischen Sender Canal+ machte Quartararo seine Frustration deutlich und forderte ein Umdenken bei Yamaha. Zwar sei man im Qualifying eine halbe Sekunde schneller als im Vorjahr gewesen, doch die Konkurrenz habe im selben Zeitraum eine volle Sekunde zugelegt. „Wir müssen aufhören, die Rundenzeiten so sehr zu vergleichen“, sagte Quartararo mit Blick auf die teaminternen Vergleiche.
Besonders bemerkenswert war sein Ausblick auf den Europa-Auftakt in Jerez. Dort war Quartararo 2025 noch von der Pole Position gestartet und Zweiter geworden. Für 2026 erwartet der Franzose mit der neuen V4-Yamaha deutlich langsamere Zeiten als im Vorjahr auf dieser Referenzstrecke. Das werde für die Ingenieure gut sein, so sein nüchternes Fazit. Oder anders formuliert: Quartararo hofft darauf, dass ein weiterer Rückschlag auf einer traditionellen Yamaha-Paradestrecke endlich genug Druck aufbaut, um noch mehr Entwicklungsressourcen für das Projekt zu mobilisieren.

Pirelli-Wechsel 2027: Alles wird anders
Während die aktuelle Saison noch unter Michelin-Reifen ausgetragen wird, wirft die Zukunft bereits ihre Schatten voraus. Ab 2027 wechselt die MotoGP zu Pirelli als alleinigem Reifenausstatter. Dazu kommen kleinere 850-ccm-Motoren, angetrieben von Kraftstoff, der vollständig ohne Erdölraffinierung hergestellt wird, ein Verbot von Ride-Height-Systemen und Einschränkungen bei der Aerodynamik.
Sylvain Guintoli, ehemaliger Grand-Prix-Fahrer und Superbike-Weltmeister, der sowohl an der Entwicklung der aktuellen Michelin-MotoGP-Reifen beteiligt war als auch durch seine Arbeit im BMW-SBK-Testteam Pirelli-Erfahrung mitbringt, erwartet eine grundlegende Verschiebung der Kräfteverhältnisse.
„Reifen machen einen riesigen Unterschied. Sie sind buchstäblich der Kontaktpunkt zur Strecke“, erklärte Guintoli im Gespräch mit Crash.net. „Alles wird anders sein, weil Reifenmarken alle sehr unterschiedliche Eigenschaften haben. Sie biegen sich auf unterschiedliche Weise, bieten unterschiedlichen Grip, bei unterschiedlichen Schräglagen, geben unterschiedliches Feedback und haben unterschiedliche Haltbarkeit.“
Pirelli hatte sein MotoGP-Debüt im September 2025 bei einem privaten Gruppentest mit 1000-ccm-Maschinen in Misano gegeben. Seitdem haben sowohl KTM als auch Honda Streckentests mit 850-ccm-Prototypen bestätigt. Guintoli geht davon aus, dass die finale MotoGP-Spezifikation von Pirelli eine Evolution der bestehenden WorldSBK-Reifen sein wird. Wie viel DNA der aktuellen Pirellis in den neuen Reifen stecken werde, sei noch nicht absehbar, aber vermutlich eine ganze Menge.
„Wer es als Erster herausfindet, wird einen großen Vorteil haben, weil Reifen einen so massiven Unterschied machen“, fasste Guintoli zusammen.
Guintoli läuft am 26. April den London Marathon in Rennleder, zum Gedenken an seinen Sohn Luca, zugunsten der Kinder-Krebshilfe PASIC.

Häufige Fragen
-
Warum hat Marc Marquez 2026 noch kein Grand-Prix-Podium erreicht?
Marquez leidet weiterhin an einer Schulterverletzung aus der Saison 2025, die er sich in Indonesien zugezogen hat. Experten wie Ramon Forcada und Andrea Dovizioso sehen sowohl physische Einschru00e4nkungen als auch eine Wechselwirkung mit der Ducati-Entwicklung als Ursachen fu00fcr die ausbleibenden Spitzenresultate.
-
Wer fu00fchrt die MotoGP-WM 2026 an?
Nach drei Rennwochenenden fu00fchrt Marco Bezzecchi auf der Aprilia die Gesamtwertung an. Sein Teamkollege Jorge Martin liegt ebenfalls in der Spitzengruppe, wu00e4hrend Marquez auf WM-Rang 5 zuru00fcckliegt.
-
Wann wechselt die MotoGP auf Pirelli-Reifen?
Der Wechsel von Michelin zu Pirelli als alleinigem Reifenausstatter findet zur Saison 2027 statt. Gleichzeitig werden 850-ccm-Motoren eingefu00fchrt, Ride-Height-Systeme verboten und die Aerodynamik eingeschru00e4nkt.
-
Wie schlu00e4gt sich Yamaha in der MotoGP-Saison 2026?
Yamaha steckt in einer tiefen Krise. Alle vier Yamahas belegten beim US-GP die letzten vier Plu00e4tze, Fabio Quartararo wurde nur 17. im Rennen. Trotz des Umstiegs auf einen V4-Motor ist der Ru00fcckstand auf die Konkurrenz gewachsen, da die anderen Hersteller stu00e4rker zugelegt haben.
-
Ku00f6nnte Marc Marquez nach der Saison 2026 zuru00fccktreten?
Marco Melandri hu00e4lt es fu00fcr mu00f6glich, dass Marquez bei einem erneuten Titelgewinn seine Karriere beendet. Der Vertrag mit Ducati lu00e4uft Ende 2026 aus, eine Verlu00e4ngerung verzu00f6gert sich unter anderem wegen der laufenden Verhandlungen u00fcber ein neues kommerzielles Abkommen in der MotoGP.

- MotoGP 25 (Day One Edition) – PlayStation 5 [Blu-ray]Preise gelten bei Bestellung im Mediamarkt Onlineshop!








