- SWOV untersuchte 50 schwere Motorradunfälle aus den Jahren 2021 bis 2023 in den Niederlanden
- Überhöhte Geschwindigkeit und das Übersehen von Motorradfahrern zählen zu den häufigsten Unfallursachen
- Die Ergebnisse fließen in ein neues nationales Aktionsprogramm für Motorradsicherheit ein
Motorradfahrer leben gefährlich, das ist keine neue Erkenntnis. Wie gefährlich genau und vor allem warum, das hat das SWOV (Instituut voor Wetenschappelijk Onderzoek Verkeersveiligheid) nun in einer umfangreichen Tiefenstudie untersucht. Das niederländische Forschungsinstitut für Verkehrssicherheit analysierte dafür 50 schwere Motorradunfälle, die sich zwischen 2021 und 2023 ereigneten. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild der Risiken im Motorradalltag und benennen fünf klar abgrenzbare Unfalltypen, an denen sich gezielte Gegenmaßnahmen ansetzen lassen.
Seit zehn Jahren kaum Veränderung bei den Todeszahlen
Der Hintergrund der Studie ist ernüchternd. In den Niederlanden schwankte die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Motorradfahrer in den vergangenen zehn Jahren zwischen 42 und 56 pro Jahr. Eine wirkliche Verbesserung ist nicht erkennbar. Dabei macht der Motorradverkehr lediglich rund ein halbes Prozent aller zurückgelegten Reisekilometer aus, stellt aber jährlich über sieben Prozent aller Verkehrstoten. Das Missverhältnis zwischen Verkehrsanteil und Unfallrisiko war für das SWOV Anlass genug, eine sogenannte Tiefenstudie durchzuführen. Die letzte vergleichbare Großuntersuchung zu Motorradunfällen lag bereits rund 20 Jahre zurück: die europäische MAIDS-Studie.
Seit April 2022 untersuchte das SWOV-Team für Tiefenforschung jeden gemeldeten schweren Motorradunfall in seiner Untersuchungsregion. Das multidisziplinäre Team aus Psychologen, Ingenieuren und Fahrzeugspezialisten inspizierte Unfallstellen, begutachtete beschädigte Fahrzeuge und führte Interviews mit Beteiligten. Auf Basis dieser detaillierten Datensammlung wurde anschließend jeder einzelne Unfall rekonstruiert und analysiert.
Fünf Unfalltypen im Überblick
Aus den 50 untersuchten Unfällen kristallisierten sich fünf wiederkehrende Muster heraus. Am häufigsten waren Situationen, in denen der Motorradfahrer von einem anderen Verkehrsteilnehmer schlicht übersehen wurde. Dieser Unfalltyp trat 13 Mal auf. Knapp dahinter folgten Unfälle durch überhöhte Geschwindigkeit mit zwölf Fällen. Auffahrunfälle machten elf der untersuchten Vorfälle aus. Seltener, aber ebenfalls klar identifizierbar waren Kontrollverlust in Kurven (sechs Fälle) und das Wegrutschen beim Bremsen vor einer roten Ampel (fünf Fälle).
An den 50 Unfällen waren insgesamt 51 Motorradfahrer beteiligt, nahezu ausnahmslos Männer. Die Altersverteilung war relativ gleichmäßig: Jeweils rund ein Drittel war jünger als 30 Jahre, zwischen 30 und 50 Jahre alt beziehungsweise über 50 Jahre alt. Die Mehrheit der Fahrer, bei denen der Führerscheinstatus bekannt war, besaß ihren Motorradführerschein seit mindestens zwei Jahren, 20 von ihnen sogar seit mindestens fünf Jahren. Neun Fahrer hatten ihren Führerschein weniger als zwei Jahre, drei waren komplett ohne Fahrerlaubnis unterwegs.
Menschliches Verhalten als zentrale Unfallursache
Die Analyse der Unfallfaktoren auf Seiten der Motorradfahrer förderte ein vielschichtiges Bild zutage. Besonders auffällig war die Rolle überhöhter Geschwindigkeit: In elf bis zwölf Fällen fuhren die Motorradfahrer bewusst schneller als erlaubt, in fünf bis sechs weiteren war die Geschwindigkeit zumindest für die jeweiligen Umstände zu hoch. Die Spannbreiten in den Zahlen ergeben sich daraus, dass bei einigen Unfällen ein Faktor mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber nicht mit absoluter Sicherheit eine Rolle spielte.
Daneben identifizierte das SWOV-Team eine Reihe weiterer Verhaltensfaktoren. In acht bis 13 Fällen war die Aufmerksamkeit des Fahrers zu stark auf einen anderen Aspekt der Fahraufgabe fokussiert. Substanzkonsum, Eile oder Müdigkeit spielten bei fünf bis elf Unfällen eine Rolle. Eine zu geringe Distanz zur Fahrbahnmitte, zum Straßenrand oder zum Vordermann wurde in vier bis neun Fällen festgestellt. Ablenkung durch äußere Einflüsse kam bei fünf bis sieben Unfällen vor, die Suche nach einem Adrenalinkick bei vier bis sieben. Verkehrsregelverstöße wie Vorfahrtmissachtung oder das Überfahren roter Ampeln waren in vier bis fünf Fällen mitverantwortlich.
Andere Verkehrsteilnehmer und Infrastruktur als Risikofaktoren
Mindestens ebenso bedeutsam wie das Verhalten der Motorradfahrer selbst waren die Umgebungsfaktoren. In 25 bis 27 der 50 untersuchten Unfälle spielte das Verhalten eines anderen Verkehrsteilnehmers eine Rolle, wobei am häufigsten dem Motorradfahrer die Vorfahrt genommen wurde. Verkehrsdichte und Staubildung trugen in zwölf bis 15 Fällen zum Unfall bei. Sichtbehinderungen durch andere Fahrzeuge, Bebauung oder Bewuchs waren in vier bis neun Unfällen ein Faktor.
Die Infrastruktur selbst erwies sich ebenfalls als problematisch. Eine suboptimale Kreuzungsgestaltung, die bei Verkehrsteilnehmern falsche Erwartungen weckte, wurde in sechs Fällen festgestellt. In vier bis fünf Unfällen passte die geltende Geschwindigkeitsbegrenzung nicht zur tatsächlichen Straßengestaltung. Fehlende Verkehrsberuhigungsmaßnahmen spielten bei drei bis sechs Unfällen eine Rolle, ebenso wie nasser Fahrbahnbelag. In zwei bis sechs Fällen trug die Gestaltung der Straßenausstattung, etwa die Ausführung von Bordsteinkanten, zum Unfallgeschehen bei.
Auf der Fahrzeugseite stach ein Faktor besonders hervor: Das Fehlen eines Antiblockiersystems war in sechs bis zwölf Unfällen ein relevanter Einflussfaktor.
Gezielte Maßnahmen für jeden Unfalltyp
Auf Basis der fünf identifizierten Unfalltypen formulierte das SWOV konkrete Handlungsempfehlungen. Gegen das Übersehen von Motorradfahrern an Kreuzungen empfehlen die Forscher vor allem eine bessere Sichtfreiheit, etwa durch das Entfernen von Sichthindernissen. Allerdings räumt die Studie ein, dass auch das sogenannte “Looked but failed to see”-Phänomen vorkommt: Der andere Verkehrsteilnehmer schaut zwar, nimmt den Motorradfahrer aber trotzdem nicht wahr.
Gegen Kontrollverlust in Kurven soll eine bessere Instandhaltung von Straßen und Banketten helfen. Das Problem des Wegrutschens beim Bremsen ließe sich durch eine höhere ABS-Verbreitung entschärfen. Da viele ältere Motorräder noch kein ABS haben, schlägt das SWOV Austauschprogramme vor, bei denen das alte Motorrad bei Kauf eines neuen mit ABS aus dem Verkehr genommen wird.
Zur Bekämpfung überhöhter Geschwindigkeit empfiehlt die Studie den Einsatz von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen wie Schwellen und Kreuzungsplateaus sowie eine kombinierte Kameraüberwachung von Rotlicht- und Geschwindigkeitsverstößen. Auch intelligente Geschwindigkeitsassistenten (ISA) könnten einen Beitrag zur Geschwindigkeitskontrolle leisten.
Weiterführende Fahrausbildungen für Motorradfahrer und ein stärkerer Fokus auf Gefahrenerkennung in der regulären Fahrausbildung sollen helfen, Risiken besser einzuschätzen und vorausschauender zu fahren.
Auch die Unfallfolgen lassen sich abmildern
Neben der Unfallvermeidung adressiert das SWOV auch die Begrenzung von Unfallfolgen. Sicherere Bankette, eine motorradfreundlichere Gestaltung der Straßenausstattung wie etwa abgeschrägte Bordsteinkanten, Unterfahrschutz an Leitplanken und eine bessere Aufklärung über die richtige Schutzausrüstung, also Helme, Schutzkleidung und ergänzende Protektoren, können die Schwere von Verletzungen bei einem Unfall deutlich reduzieren.
Studie als Grundlage für nationales Aktionsprogramm
Die SWOV-Tiefenstudie steht nicht für sich allein. Zusammen mit einer Breitenanalyse von VeiligheidNL, die unter anderem rund 4.100 Notaufnahme-Besuche nach Motorradunfällen im Jahr 2024 und 57 tödlich verunglückte Motorradfahrer dokumentiert, bildet sie die Grundlage für ein neues “Aktieplan Verbetering Verkeersveiligheid Motorrijders” (Aktionsprogramm zur Verbesserung der Verkehrssicherheit von Motorradfahrern). Dieses wird vom niederländischen Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft gemeinsam mit der Stiftung Motorplatform erarbeitet und soll Mitte 2026 fertiggestellt werden.
Die Erkenntnisse aus den Niederlanden dürften auch über die Landesgrenzen hinaus relevant sein. Die identifizierten Unfalltypen und Risikofaktoren sind nicht spezifisch niederländisch, sondern spiegeln Muster wider, die Motorradfahrer in ganz Europa betreffen.
Häufige Fragen
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Wie viele Motorradfahrer sterben jährlich in den Niederlanden?
In den vergangenen zehn Jahren lag die Zahl der getöteten Motorradfahrer in den Niederlanden zwischen 42 und 56 pro Jahr. Das entspricht jährlich über sieben Prozent aller Verkehrstoten, obwohl Motorräder nur rund 0,5 Prozent der gesamten Reisekilometer ausmachen.
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Welche fünf Unfalltypen hat die SWOV-Studie identifiziert?
Die Studie unterscheidet folgende fünf Typen: Motorradfahrer wird von anderen Verkehrsteilnehmern übersehen (13 Fälle), Unfälle durch überhöhte Geschwindigkeit (12), Auffahrunfälle (11), Kontrollverlust in Kurven (6) und Wegrutschen beim Bremsen vor roten Ampeln (5).
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Welche Rolle spielt ABS bei Motorradunfällen?
Das Fehlen eines Antiblockiersystems war laut SWOV-Studie in sechs bis zwölf der 50 untersuchten Unfälle ein relevanter Faktor. Besonders beim Unfalltyp Wegrutschen beim Bremsen könnte ABS entscheidend dazu beitragen, einen Sturz zu verhindern. Die Studie empfiehlt daher Austauschprogramme für ältere Motorräder ohne ABS.
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Was ist die häufigste Unfallursache bei Motorradunfällen laut SWOV?
Auf Seiten der Umgebung war das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer der häufigste Faktor, insbesondere Vorfahrtmissachtungen gegenüber Motorradfahrern (in 25 bis 27 von 50 Fällen). Beim Fahrer selbst war bewusst überhöhte Geschwindigkeit die häufigste Ursache (11 bis 12 Fälle).

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