- Ten Kate hat eine Crossplane-Kurbelwelle komplett eigenständig für die Yamaha R6 entwickelt
- Der Motor leistet rund 128 PS (ca. 94 kW) bei 65 Nm Drehmoment und dreht bis 15.800 Umdrehungen
- Das Einzelstück wurde am TT Circuit Assen getestet und kostet 49.900 Euro (ca. 53.400 USD) netto
Die Yamaha YZF-R6 gehört zu den prägenden Supersport-Motorrädern der vergangenen zwei Jahrzehnte. 2021 endete die Ära des 600er-Vierzylinders als straßenzugelassenes Modell in Europa, als die Euro-5-Abgasnorm in Kraft trat. Zwar existierte die R6 danach noch eine Weile als reine Rennversion ohne Straßenzulassung, doch mittlerweile hat die Dreizylinder-R9 den Platz als Yamahas Supersport-Flaggschiff übernommen. Bei Ten Kate Racing Products im niederländischen Nieuwleusen hat man sich davon offenbar nicht beeindrucken lassen und stattdessen ein ambitioniertes Ingenieursprojekt gestartet: die Entwicklung einer Crossplane-Kurbelwelle speziell für den 600er-Reihenvierzylindermotor der R6.

Was eine Crossplane-Kurbelwelle anders macht
Die Crossplane-Technologie ist seit 2009 ein Markenzeichen der Yamaha YZF-R1 und unterscheidet sich grundlegend von der konventionellen Flatplane-Bauweise. Bei einem herkömmlichen Reihenvierzylinder mit Flatplane-Kurbelwelle zünden die Zylinder in gleichmäßigen Abständen von jeweils 180 Grad innerhalb des Viertaktzyklus, der insgesamt 720 Grad Kurbelwellendrehung umfasst. Das ergibt den typischen, gleichmäßig hochdrehenden Klang eines Supersport-Vierzylinders.
Bei einer Crossplane-Kurbelwelle sind die Hubzapfen jeweils um 90 Grad zueinander versetzt. Daraus resultiert eine ungleichmäßige Zündfolge: 270 Grad Pause zwischen den ersten beiden Zylindern, dann 180 Grad, dann nur 90 Grad und schließlich wieder 180 Grad bis zum erneuten Zünden des ersten Zylinders. Dieses Muster entspricht dem Zündverhalten eines V4-Motors mit 90 Grad Zylinderwinkel. Der Vorteil liegt in der Kraftübertragung: Die lange Pause von 270 Grad gibt dem Hinterreifen einen kurzen Moment, um nach dem Leistungsimpuls wieder Grip aufzubauen, bevor der nächste Kraftstoß folgt. Das soll eine bessere Traktion und eine feinfühligere Gasannahme ermöglichen.
Allerdings bringt die Crossplane-Bauweise ein Problem mit sich. Anders als bei der perfekt ausbalancierten Flatplane-Kurbelwelle entstehen durch die ungleichmäßige Zündfolge zusätzliche Vibrationen und Kippmomente im Motor. Die R1 löst dieses Problem mit einer separaten Ausgleichswelle, die mit Kurbelwellendrehzahl rotiert und durch versetzt angebrachte Gewichte die Schwingungen kompensiert.
Wolfram statt Ausgleichswelle: Ten Kates Lösung für die R6
Genau hier lag die zentrale Herausforderung für die Ingenieure von Ten Kate. In der deutlich kompakteren R6 fehlt schlicht der Bauraum für eine zusätzliche Ausgleichswelle. Die Lösung: Wolframgewichte, die direkt in die Kurbelwangenstege der neuen Crossplane-Kurbelwelle integriert wurden. Wolfram eignet sich aufgrund seiner extrem hohen Dichte besonders gut als Gegengewicht auf kleinem Raum.
Der Entwicklungsprozess begann mit einer umfassenden Studie der R1-Crossplane-Kurbelwelle und ihrer Ausgleichswelle. Die gesamte Baugruppe wurde per 3D-Scan erfasst und in ein hochpräzises CAD-Modell überführt. Auf Basis dieser Daten simulierte Ten Kate, ob sich die Architektur der R1 als Ausgangspunkt für ein Crossplane-Design in der R6 eignet.
In die Simulationen floss nicht nur die Kurbelwelle ein, sondern der komplette R6-Motor einschließlich des Ventiltriebs. Die Nockenwellen spielen dabei eine entscheidende Rolle, weil sie zusätzliche Momente erzeugen können, die auf die Kurbelwellenbelastung einwirken. Durch kleine geometrische Anpassungen an den Nockenwellen ließen sich gegenläufige Momente erzeugen, die zur Vibrationsreduzierung beitragen.
Nach Abschluss der Computersimulationen fertigte Ten Kate mehrere Prototypen-Kurbelwellen mit unterschiedlichen Auswuchtfaktoren. Jeder Prototyp wurde physisch hergestellt, in laufende Motoren eingebaut und unter realen Betriebsbedingungen getestet. Dieses iterative Verfahren aus Simulation, Fertigung, Test und Auswertung stellte sicher, dass die finale Konfiguration nicht nur theoretisch korrekt, sondern auch mechanisch robust und rennstreckentauglich ist.

Vibrationsanalyse: Vergleich mit Serien-R6 und R1
Neben der virtuellen Analyse legte Ten Kate großen Wert auf praktische Vibrationsmessungen. Die verschiedenen Crossplane-Prototypen wurden systematisch mit Messdaten einer konventionellen Yamaha R6 und einer R1 verglichen. Beide Motoren dienten als Referenz, da ihre Vibrationscharakteristik als praxistauglich und zuverlässig gilt.
Die Messungen fanden sowohl auf dem Motorprüfstand als auch auf der Rennstrecke statt, wobei Vibrationen am Motor selbst und an verschiedenen Stellen des Chassis erfasst wurden. Dieser ganzheitliche Ansatz ermöglichte es, das Gesamtpaket feinzutunen und die optimale Balance zwischen Leistung, Laufruhe und Rückmeldung für den Fahrer zu finden.
GYTR-Steuergerät: Anpassung statt Austausch
Eine bewusste Entscheidung innerhalb des Projekts war der Verbleib beim Standard-GYTR-Steuergerät der R6. Damit bleibt das Motorrad vollständig im offiziellen Yamaha-Rennökosystem verankert. Um die Crossplane-Konfiguration abzubilden, wurden die Zünd- und Startmaps modifiziert sowie die Einspritzreihenfolge an die neuen Zündintervalle angepasst. Darüber hinaus schrieb Ten Kate die gesamte Fehlercode-Strategie des Steuergeräts neu, um die Kompatibilität mit der veränderten Kurbelwellengeometrie und Zündfolge sicherzustellen.

Leistungsdaten: Vergleichbar mit der Serien-R6
In der aktuellen Spezifikation liefert die Crossplane-R6 Leistungswerte, die mit einer konventionellen YZF-R6 vergleichbar sind. Die maximale Leistung liegt bei rund 128 PS (ca. 94 kW), das maximale Drehmoment bei 65 Nm (ca. 48 lb-ft). Der Spitzenwert des Drehmoments wird bei etwa 14.200 Umdrehungen pro Minute erreicht, die Drehzahlgrenze liegt bei 15.800 Umdrehungen.
Die reinen Spitzenleistungswerte waren allerdings nie das vorrangige Ziel des Projekts. Der Fokus lag laut Ten Kate auf dem Fahrerlebnis: dem charakteristischen Crossplane-Sound, dem verbesserten Gefühl am Gasgriff und der Art, wie das Drehmoment ans Hinterrad gelangt. Gerade unter Rennbedingungen soll diese gleichmäßigere Kraftentfaltung das Vertrauen des Fahrers stärken und die Kontrollierbarkeit verbessern.
Track-Test in Assen und die Geschichte dahinter
Den abschließenden Praxistest absolvierte die Crossplane-R6 am TT Circuit Assen, gefahren von einem erfahrenen Streckenfahrer. Dabei ging es nicht nur um Rundenzeiten, sondern um das Gesamtpaket: Gasannahme, Traktionsgefühl, mechanische Laufruhe und das Vertrauen des Fahrers in die Maschine.
Ten Kate bringt für ein solches Projekt die passende Expertise mit. Das niederländische Unternehmen blickt auf eine lange Rennsporthistorie zurück, darunter zwölf World-Supersport-Titel und ein World-Superbike-Titel. 2007 gewann James Toseland auf einer Ten-Kate-Honda die WorldSBK-Meisterschaft. Zwischen 2003 und 2008 holte das Team 68 Prozent aller Rennsiege in der World Supersport. Seit 2019 arbeitet Ten Kate eng mit Yamaha zusammen und feierte in der WorldSSP-Klasse Titelgewinne mit Dominique Aegerter (2021 und 2022) sowie zuletzt mit Stefano Manzi 2025 auf der Yamaha R9.
Das Crossplane-Projekt wurde dabei komplett eigenständig von Ten Kate Racing Products konzipiert und umgesetzt, unabhängig von der bestehenden Partnerschaft mit Yamaha im Rennsport. Laut Ten Kate soll es ein Einzelstück bleiben. Pläne für eine Serien- oder Kleinserienfertigung gibt es derzeit nicht. Interessenten können sich direkt an Ten Kate wenden. Der Preis liegt bei 49.900 Euro (ca. 53.400 USD) zuzüglich Mehrwertsteuer.


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