- Aprilia feiert in Goiania einen Doppelsieg mit Bezzecchi vor Martin
- Die Rennleitung verkürzt das Rennen kurzfristig von 31 auf 23 Runden
- Aufbrechender Asphalt und Steinschläge sorgen für Sicherheitsbedenken
Die MotoGP kehrte am Wochenende nach Goiania zurück, zum ersten Mal seit 2004 fand wieder ein Grand Prix in Brasilien statt. Rund 148.000 Zuschauer kamen über das gesamte Wochenende auf die frisch renovierte Strecke, allein am Sonntag waren es über 60.000 Fans. Das Layout des Autodromo Internacional Ayrton Senna kam bei den Fahrern gut an, doch eine Reihe von Zwischenfällen rund um den Streckenzustand trübte die Bilanz erheblich.

Bröckelnder Asphalt und ein Sinkloch als ständige Begleiter
Die Probleme mit der Streckenoberfläche begannen nicht erst am Sonntag. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung sorgten Überschwemmungen dafür, dass Streckenarbeiter rund um die Uhr arbeiten mussten, um das Gelände rechtzeitig trocken und befahrbar zu bekommen. Am Samstag wurde dann ein Sinkloch auf der Start-Ziel-Geraden entdeckt, das nach dem MotoGP-Qualifying ausgebessert werden musste und den Zeitplan erheblich durcheinanderbrachte.
Der Höhepunkt der Streckenproblematik folgte am Sonntag. Nach den Rennen der Moto2 und Moto3 begann der Asphalt zwischen den Kurven 11 und 12 aufzubrechen. Die Rennleitung reagierte und verkürzte das MotoGP-Rennen fünf Minuten vor dem Start von 31 auf 23 Runden. Die Teams erfuhren davon kurz vor der Aufwärmrunde, hatten kaum Zeit zu reagieren und konnten weder Kraftstoff ablassen noch die Elektronik anpassen. Michelin betonte, an der Entscheidung nicht beteiligt gewesen zu sein.
Die Information über die Verkürzung wurde den Teams von vorne nach hinten in der Startaufstellung mitgeteilt. Enea Bastianini, der auf dem letzten Startplatz stand, hatte dadurch keine Möglichkeit mehr, wie einige seiner Konkurrenten auf den weichen Hinterreifen zu wechseln. „In einer Weltmeisterschaft ist das ein großer Fehler“, schimpfte der Tech3-Fahrer nach dem Rennen. „Die Nachricht kam bei meinem Team am Ende an, während die Leute weiter vorne noch Zeit hatten zu wechseln. Fünf Minuten Aufschub hätten gereicht, um für alle eine klare Situation zu schaffen.“
Steinschläge und Verletzungen während des Rennens
Trotz der verkürzten Distanz spürten die Fahrer die Auswirkungen des aufbrechenden Asphalts deutlich. Mehrere Piloten berichteten nach dem Rennen davon, während der Fahrt von Steinen und Asphaltstücken getroffen worden zu sein, die von den Hinterrädern vorausfahrender Maschinen aufgewirbelt wurden. Brad Binder beschrieb die Szene als „kleines Steinfestival“, bei dem überall Brocken durch die Luft flogen. Alex Marquez benutzte einen Vergleich, der es auf den Punkt brachte: Die Bedingungen in den betroffenen Kurven hätten sich eher wie Motocross angefühlt als wie ein Rundstreckenrennen.
Am härtesten traf es Alex Rins. Der Yamaha-Fahrer wurde gleich zu Rennbeginn von einem Stein am rechten Zeigefinger getroffen, der nach dem Rennen blau und deutlich angeschwollen war. Da Rins mit diesem Finger die Bremse betätigt, beeinträchtigte die Verletzung seinen gesamten Rennverlauf. Auch Bastianini berichtete, bereits in der Aufwärmrunde von einem Stein an der Schulter getroffen worden zu sein, und zweifelte kurzzeitig daran, das Rennen überhaupt beenden zu können. Toprak Razgatlioglu brachte zu seinem Interviewtermin einige Steine mit, die er nach dem Rennen in seinem Stiefel gefunden hatte.

Aprilia setzt sich an die WM-Spitze
Sportlich gehörte das Wochenende einmal mehr Aprilia. Marco Bezzecchi gewann das Sonntagsrennen souverän und führte seit dem Start praktisch jede der 23 Runden an. Es war bereits sein vierter Sonntagssieg in Folge in der MotoGP-Saison 2026. Dabei sah es am Freitag noch gar nicht gut aus: Bezzecchi erwischte einen schwachen Auftakt und musste durch Q1. Im Sprint am Samstag wurde er nur Vierter, vier Sekunden hinter dem siegreichen Marc Marquez.
Der Schlüssel zur Wende lag nach Angaben von Aprilia-Teammanager Paolo Bonora beim Medium-Hinterreifen, der das Motorrad in der Bremsphase und beim Beschleunigen deutlich stabilisierte. Auch die steifere Reifenkarkasse, die Michelin nach Goiania mitgebracht hatte, spielte Aprilia in die Karten, genau wie zuvor schon beim Saisonauftakt in Thailand.
Jorge Martin, Bezzecchis Teamkollege, fuhr von Startplatz fünf aus auf den zweiten Rang. Nachdem er sich im frühen Rennverlauf an Marc Marquez und Fabio Di Giannantonio vorbeigearbeitet hatte, konnte er den Rückstand auf Bezzecchi nicht mehr entscheidend verkürzen. Martins Rundenzeiten lagen im Schnitt nur knapp anderthalb Zehntel hinter denen seines Teamkollegen, doch der in den Überholmanövern verlorene Zeitvorteil war nicht mehr aufzuholen.
Mit dem Doppelsieg übernahm Aprilia die Führung in allen drei WM-Wertungen. Bezzecchi liegt elf Punkte vor Martin in der Fahrerwertung. Trotzdem gab sich Aprilia-Boss Massimo Rivola betont zurückhaltend. „Zwei Rennwochenenden ändern den Status von Aprilia nicht“, sagte er. „40 Rennen liegen noch vor uns, und alles kann sich noch verändern.“ Gleichzeitig betonte Rivola den Vorteil der vier Werks-RS-GP: Vier schnelle Fahrer auf vier schnellen Maschinen liefern deutlich mehr Daten und erlauben es, Probleme schneller zu identifizieren und zu beheben.
Ducati in der Defensive
Für Ducati verlief das Wochenende dagegen durchwachsen. Im Sprint am Samstag sah die Welt noch ganz anders aus: Marc Marquez gewann das Kurzrennen deutlich, Fabio Di Giannantonio wurde Zweiter. Am Sonntag drehte sich das Bild. Die veränderten Streckenbedingungen nach den Moto2- und Moto3-Rennen und der damit verbundene Gripverlust trafen Ducati offenbar stärker als die Konkurrenz.
Marquez konnte sich zunächst in den Kampf um Platz drei einschalten und überholte Di Giannantonio vier Runden vor Schluss. Doch nur kurz danach berührte er in Kurve 11 die aufgebrochene Stelle auf der Ideallinie, verlor das Vorderrad kurzzeitig und rettete sich über den Randstein. „Auf dem Randstein habe ich mich entschieden, nicht stark einzulenken, weil ich wusste, dass ‚Diggia‘ dicht hinter mir war“, erklärte Marquez. Die Entscheidung für Platz vier statt eines möglichen Sturzes war letztlich die vernünftigere. Marquez räumte ein, dass er sich auf der GP26 in den ersten Runden noch nicht wohl genug fühle und an der Reifenaufwärmung arbeiten müsse.
Di Giannantonio machte das Beste aus der Situation und erbte den dritten Platz, nachdem er das gesamte Wochenende konstant stark fuhr. Er holte die Pole-Position im chaotischen Qualifying, wurde im Sprint erst durch einen kleinen Fehler um den Sieg gebracht und sicherte sich am Sonntag das Podium. Im internen Ducati-Duell schlug er seinen Stallrivalen damit deutlich.
Francesco Bagnaia erlebte dagegen ein weiteres enttäuschendes Wochenende. Der Titelverteidiger stürzte in Runde elf auf Platz liegend aus dem Rennen und hat nach zwei Grands Prix noch kein Podium eingefahren. Auch für das restliche Ducati-Aufgebot verlief das Wochenende wenig ermutigend: Franco Morbidelli wurde nur Zwölfter, Alex Marquez wartet weiterhin auf ein Top-5-Ergebnis.

KTM: Ernüchterung nach dem Thailand-Hoch
KTM reiste mit dem Schwung des Sprint-Siegs durch Pedro Acosta in Thailand nach Brasilien, doch davon war in Goiania wenig zu spüren. Acosta qualifizierte sich nach einem frühen Sturz im Q2 nur als Neunter, kam im Sprint nicht voran und beendete den Grand Prix trotz eines Wechsels auf den weichen Hinterreifen als Siebter. In der WM-Wertung rutschte er auf den dritten Rang ab, 22 Punkte hinter Bezzecchi.
Besorgniserregender als Acostas Ergebnis war die Form der drei anderen KTM-Fahrer. Brad Binder, im Winter noch einer der stärksten KTM-Piloten, fand das gesamte Wochenende kein Rezept und stürzte im Rennen früh aus. Bastianini gestand offen ein, das Motorrad nicht richtig fahren zu können, und Änderungen am Set-up brachten keine Besserung.
Am schwierigsten war das Wochenende für Maverick Vinales. Der Spanier schied im Sprint durch einen Sturz aus und kam im Rennen als 18. und Letzter ins Ziel, sechs Sekunden hinter dem nächstplatzierten Yamaha-Fahrer Razgatlioglu. Nach zwei Wochenenden hat Vinales noch keinen einzigen WM-Punkt gesammelt.
Vinales und Lorenzo: Zusammenarbeit auf Eis?
Die ohnehin schwierige Situation von Vinales wird durch Berichte über eine Abkühlung in seiner Zusammenarbeit mit Coach Jorge Lorenzo verschärft. Der dreimalige MotoGP-Weltmeister hatte nach dem Saisonfinale 2025 angekündigt, Vinales als persönlicher Berater zu unterstützen. Im Winter trainierten die beiden intensiv gemeinsam, und Lorenzo machte keinen Hehl aus seinen Ambitionen: Vinales sollte zum führenden KTM-Fahrer werden.
Lorenzo war allerdings in Brasilien nicht vor Ort und wird angeblich auch beim nächsten Rennen in Austin fehlen. Vinales wies auf die begrenzten Reiseplätze des Teams hin und darauf, dass Tech3 nicht für Lorenzos Reisekosten aufkomme. Auf die Frage, ob ihn die Diskussionen über die Zusammenarbeit stören, antwortete Vinales: „Ehrlich gesagt ist es mir egal, was die Leute sagen. Ich habe ganz andere, deutlich ernstere Probleme, die ich lösen muss.“ Dabei deutete er auf seine Position auf dem Ergebnisblatt.
Vinales gestand ein, dass er im Winter einen eigenen technischen Weg eingeschlagen habe, der bei den Tests vielversprechend gewirkt, an den Rennwochenenden aber nicht funktioniert habe. „Das Klügste ist natürlich, so zu fahren wie die anderen, um mehr Daten zu haben“, räumte er ein.

Yamaha bleibt mit bekanntem Problem zurück
Auch bei Yamaha änderte sich wenig. Razgatlioglu startete am Freitag unter Mischbedingungen noch vielversprechend und schaffte es erstmals ins Q2, doch auf trockener Strecke am Samstag und Sonntag kehrte die altbekannte Yamaha-Schwäche zurück. Im Qualifying wurde er nur Zwölfter, im Grand Prix Siebzehnter.
Der dreimalige Superbike-Weltmeister beklagte vor allem mangelnde Traktion beim Herausbeschleunigen aus den Kurven. Dieses Problem begleitet Yamaha seit dem Beginn der Michelin-Ära 2016 und scheint auch 2026 nicht gelöst. Razgatlioglu beschrieb die Situation hinter Fabio Quartararo so, dass er in vielen Kurven Boden gutmachen konnte, beim Beschleunigen aber jedes Mal wieder Zeit verlor. Quartararo habe bei der Beschleunigung immer einen deutlichen Vorteil gehabt.
Als kleinen Fortschritt nahm Razgatlioglu mit, dass er in Brasilien an der Motorbremse gearbeitet habe und damit zufriedener sei als zuvor. „Ich bin nicht zufrieden, weil ich wieder fast Letzter wurde“, sagte er. „Aber dieses Wochenende habe ich ein paar Dinge über die Motorbremse gelernt.“
Zwischen Begeisterung und Nachbesserungsbedarf
Die Podiumsfahrer nahmen den Veranstalter trotz aller Probleme in Schutz. Bezzecchi lobte die Arbeit, die in kurzer Zeit geleistet worden sei, und betonte, dass ein komplett neuer Belag, ein neues Paddock und neue Auslaufflächen nicht an einem Wochenende perfekt sein könnten. Martin ergänzte, dass er erst verstanden habe, warum das Rennen verkürzt wurde, als er hinter Marquez und Di Giannantonio fahrend die Steine an seiner Verkleidung und seinem Körper spürte. „Ich denke, es war wirklich wichtig, hier in Brasilien zu fahren, und die Veranstalter werden für die nächste Saison sicher nachbessern.“
Di Giannantonio verwies darauf, dass es für ein Land nicht einfach sei, auf das MotoGP-Niveau zu kommen, und lobte sowohl die Strecke als auch die Atmosphäre. Gleichzeitig ist klar, dass für das kommende Jahr erhebliche Nachbesserungen nötig sind: Marquez wies darauf hin, dass die Unebenheiten über das Wochenende hinweg immer schlimmer wurden, und mehrere Fahrer empfahlen, das Rennen außerhalb der Regenzeit auszutragen.
Sportlich geht die MotoGP nun mit Aprilia als WM-Führendem und einer veränderten Kräfteverteilung nach Austin, Texas, zum dritten Saisonrennen. Ob die RS-GP auch auf den schnellen Kurven des Circuit of the Americas so dominant auftritt wie in Thailand und Brasilien, wird zeigen, wie ernst es Aprilia mit dem Titelanspruch tatsächlich meint.

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Redakteur bei Motorrad Nachrichten. Fokus auf Technik, Szene und Motorradpolitik – neutral, sachlich, verständlich.
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