- Erster iF Design Gold Award für ein Honda-Produkt überhaupt
- Rahmenlose Bauweise mit Batterie als tragendem Strukturelement
- Preis in Großbritannien bei 12.999 Pfund (circa 15.540 Euro / 16.900 USD)
Die Honda WN7 hat den iF Design Gold Award gewonnen. Das klingt zunächst nach einer reinen Designmeldung, doch die Auszeichnung dürfte Honda besonders freuen, denn es ist das erste Mal überhaupt, dass ein Produkt des Unternehmens diesen Preis erhält. Der Gold Award ist die höchste Auszeichnung innerhalb der Kategorie Product Design des iF-Wettbewerbs und gilt weltweit als eine der bedeutendsten Anerkennungen in diesem Bereich.
Die WN7 wurde als Serienmodell des auf der EICMA 2024 in Mailand gezeigten „EV Fun Concept“ entwickelt und bereits auf der EICMA 2025 der Öffentlichkeit präsentiert. Reservierungen für das Motorrad sind seit Anfang des Jahres möglich. In Großbritannien liegt der Preis bei 12.999 Pfund (circa 15.540 Euro / 16.900 USD). In Teilen Europas soll das Motorrad bereits im Handel sein, und erste Auslieferungen werden in Kürze erwartet.

Rahmenloses Chassis mit der Batterie als Skelett
Statt die Batterie wie ein Fremdkörper irgendwo im Motorrad zu verstecken, hat Honda sie bei der WN7 zum zentralen Bauelement gemacht. Die Konstruktion kommt komplett ohne konventionellen Hauptrahmen aus. Die Batterie bildet in der Seitenansicht eine umgekehrte L-Form und sitzt in der Mitte des Motorrads. Vorne ist ein Steuerkopfhalter befestigt, hinten ein Schwingenlagerträger. Zusammen bilden diese drei Komponenten das tragende Skelett.
Bei konventionellen Verbrenner-Motorrädern sorgt ein durchgehender Rahmen für die Verbindung zwischen Front und Heck. Hätte Honda dieses Konzept beibehalten und den Rahmen neben der Batterie durchgeführt, wäre ein schlankes Design unmöglich geworden. Gleichzeitig hätte das Gewicht zugenommen. Die rahmenlose Bauweise löst beide Probleme und trägt maßgeblich dazu bei, dass die WN7 ein Gesamtgewicht von 217 kg erreicht.
Die Herausforderung bei dieser geteilten Front-Heck-Konfiguration liegt allerdings im Fahrverhalten. Bei einem herkömmlichen Rahmen lässt sich über die Länge des Rahmenrohrs die Flexibilität und damit das Fahrgefühl gezielt formen. Zwischen dem Steuerkopfhalter und der nahezu starren Batterie bleiben dafür nur kurze Hebelwege. Honda hat deshalb den unteren Teil des Steuerkopfhalters aus Aluminium gefertigt und mit verlängerten, bewusst geschwungenen Armen versehen, die kontrolliert nachgeben. Der obere Teil besteht aus hochfestem Stahlblech, ebenfalls in einer absichtlich kurvenförmigen Geometrie, um gezielt einen Kraftverlust bei der Lastübertragung zu erzeugen. Dadurch entstehen Flex und Biegung, die das Fahrgefühl beeinflussen.
Der Schwingenlagerträger besteht aus Aluminium. Wenn er an der Batterie befestigt wird, entsteht ein Hohlraum, in dem der starre Körper aus Motor und Getriebegehäuse sitzt. Durch die Verschraubung von Motor und Getriebegehäuse mit dem Schwingenlagerträger zu einer Einheit wird ein Effekt erzielt, der dem von Schwingenlager-Querstreben bei Verbrenner-Motorrädern ähnelt.
Um Maßabweichungen zu minimieren, die bei dieser Konstruktion besonders kritisch wären, werden der Steuerkopfhalter und der Schwingenlagerträger ohne Schweißnähte gefertigt und stattdessen maschinell bearbeitet.
67 PS und 100 Nm für den Mittelklasse-Bereich
Die WN7 leistet 50 kW (67 PS) und liefert ein Drehmoment von 100 Nm. Damit positioniert sich das Elektromotorrad im Mittelgewicht-Segment, schnell genug für sportliche Fahrten und gleichzeitig alltagstauglich. Die 9,3-kWh-Lithium-Ionen-Batterie soll eine Reichweite von 130 bis 140 km (circa 80 bis 87 Meilen) im Stadtverkehr ermöglichen. Die A1-taugliche Variante kommt laut Honda sogar auf rund 153 km (circa 95 Meilen). Geladen wird über CCS-Schnellladung, wobei Honda eine Ladezeit von 20 auf 80 Prozent in etwa 30 Minuten angibt.
Die Sitzposition ist auf Alltagstauglichkeit ausgelegt. Die Sitzhöhe beträgt 800 mm, der Radstand 1.480 mm und der Lenkeinschlag 35 Grad. Vorne arbeitet eine Showa-Upside-Down-Gabel mit 43 mm Standrohrdurchmesser, hinten kommt eine Aluminium-Cantilever-Schwinge in Pro-Arm-Bauweise zum Einsatz.

Riemenantrieb, Helical-Zahnräder und durchdachte Laufruhe
Statt einer Kette setzt Honda bei der WN7 auf einen Riemenantrieb. Riemen bestehen aus einem Gummi-Zahnprofil um einen Karbonfaserkern und dehnen sich im Betrieb praktisch nicht, wodurch regelmäßige Nachstellarbeiten entfallen. Auch die bei Ketten übliche Schmierung mit Öl ist nicht nötig, was den Wartungsaufwand weiter reduziert und Verschmutzungen durch Ölspritzer vermeidet. Ein Riemenschutz verhindert, dass Fremdkörper zwischen Riemen und Riemenscheibe gelangen.
Auch im Getriebe hat Honda auf Laufruhe optimiert. Statt der bei Verbrennern üblichen Stirnzahnräder, die bei guter Übertragungseffizienz vergleichsweise laut sind, kommen bei der WN7 Schrägverzahnungen (Helical Gears) zum Einsatz. Der wassergekühlte Motor sitzt tief im Fahrzeug, und die Antriebswelle führt auf der rechten Seite nach außen. Von dort wird das Drehmoment über drei Zahnräder nach oben und dann über eine Welle zurück auf die linke Seite zum Riemenantrieb geleitet. Die schwere Dreifach-Zahnradeinheit wurde bewusst auf der rechten Seite platziert, um eine gleichmäßige Gewichtsverteilung zu erreichen.
Vier Rekuperationsstufen und ein einstellbarer Geschwindigkeitsbegrenzer
Die WN7 bietet einen vierstufigen Verzögerungsselektor für die Rekuperation. Stufe 0 entspricht dem Neutralgang eines Verbrenners, Stufe 3 bietet starke Rekuperation. In jedem Fahrmodus ist eine Standardstufe hinterlegt: Stufe 3 für ECON, Stufe 1 für RAIN und Stufe 2 für STANDARD und SPORT. Die Bedienung erfolgt über Plus- und Minus-Tasten am linken Lenkerschalter.
Zusätzlich verfügt die WN7 über einen Rangier-Modus, der bei niedrigen Geschwindigkeiten vorwärts und rückwärts unterstützt. Per Gasgriff lässt sich die Geschwindigkeit dabei feinjustieren, etwa beim Einparken.
Eine weitere Besonderheit ist der einstellbare Geschwindigkeitsbegrenzer. Bis zu drei Tempolimits lassen sich in 1-km/h-Schritten ab 20 km/h frei definieren. In Europa sind wechselnde Geschwindigkeitszonen im Stadtverkehr alltäglich. Beim Einfahren in eine 30er-Zone bremst die WN7 automatisch auf die eingestellte Geschwindigkeit ab. Beim Verlassen der Zone genügt ein Tastendruck, um auf ein höheres Limit umzuschalten. Bei Überholvorgängen lässt sich das Limit durch längeres Drücken der Taste vorübergehend aufheben.

Was die Designauszeichnung über die Zukunft aussagt
Toshinobu Minami, Managing Director und Chief Operating Officer des Design Centers bei Honda R&D Co., Ltd., äußerte sich zum Gewinn des iF Gold Awards: „The Honda WN7 was able to win the Gold Award in the Product Design discipline of the world-renowned iF Design Award. We are extremely honored to receive the Gold Award for the first time ever.“ Er sprach davon, dass die Jury den neuen Wert verstanden habe, den die Elektrifizierung mit sich bringt: „We believe that this is the result of the jury’s understanding of the new value befitting the era of electrification – the joy of riding freely like the wind.“
Auf Deutsch übersetzt: „Die Honda WN7 konnte den Gold Award in der Disziplin Product Design des weltweit renommierten iF Design Award gewinnen. Wir fühlen uns außerordentlich geehrt, zum ersten Mal überhaupt den Gold Award zu erhalten.“ Und: „Wir glauben, dass dies das Ergebnis davon ist, dass die Jury den neuen Wert verstanden hat, der zur Ära der Elektrifizierung passt, die Freude, frei wie der Wind zu fahren.“
Honda hat die WN7 unter dem Leitgedanken „Be the Wind, Listen to the Sounds of Nature, and Feel the Earth“ entwickelt. Als Elektromotorrad ermöglicht sie dem Fahrer, Geräusche wahrzunehmen, die mit einem Verbrennungsmotor untergehen, etwa Stimmen von Passanten in der Stadt oder das Plätschern von Pfützen. Gleichzeitig bietet der Elektroantrieb ein gleichmäßiges Beschleunigungs- und Verzögerungsgefühl bei minimaler Vibration und ohne Abgasemissionen.
Die WN7 ist damit eines der ersten vollwertigen Elektromotorräder eines großen japanischen Herstellers, das tatsächlich produktionsreif wirkt und bereits ausgeliefert wird. Der Preis bleibt allerdings ein Thema: Umgerechnet knapp 15.540 Euro für ein Mittelklasse-Elektromotorrad ist eine Ansage, die nicht jeden Interessenten überzeugen dürfte. Ob die WN7 bei den Käufern ankommt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Redakteur bei Motorrad Nachrichten. Fokus auf Technik, Szene und Motorradpolitik – neutral, sachlich, verständlich.
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