- Die S4 Honcho ist ein 125er-Äquivalent mit zwei herausnehmbaren Akkus
- Street-Version für die Straße, Trail-Version ausschließlich für den Offroad-Einsatz
- Produktionsstart soll im Frühjahr 2026 erfolgen, finale Preise und Spezifikationen stehen noch aus
Wenn man an LiveWire denkt, kommen einem leistungsstarke, teure Elektromotorräder in den Sinn. Modelle wie die LiveWire One oder die S2 Del Mar liefern über 80 PS, beschleunigen in drei Sekunden von 0 auf 96 km/h und kosten zwischen 16.000 und 17.000 US-Dollar. Das sind beeindruckende Maschinen, die durchweg positive Testberichte eingefahren haben. Nur verkaufen sie sich nicht besonders gut.

Von der Nische in den Massenmarkt
Genau das ist das Problem, mit dem LiveWire seit der Abspaltung von Harley-Davidson im Jahr 2021 kämpft. Schwere, leistungsstarke Elektromotorräder bedienen eine Nische innerhalb einer Nische. Sie sind teuer, vergleichsweise schwer (selbst die kleineren S2-Modelle wiegen über 180 kg) und richten sich an erfahrene Fahrer, die bereit sind, für neue Technologie viel Geld auszugeben. In Nordamerika ist der Markt dafür nach wie vor überschaubar, und auch in Europa, wo elektrische Zweiräder grundsätzlich besser ankommen, bleiben die Stückzahlen bei großen Elektro-Bikes gering.
Die S4 Honcho stellt nun den bislang größten Strategiewechsel in der noch jungen Geschichte der Marke dar. Statt weiterhin auf Superbike-Niveau zu zielen, orientiert sich LiveWire am Segment der leichten, kompakten Elektromotorräder. Genau dieses Segment wächst seit einiger Zeit konstant, angetrieben von Marken, die auf verspielte, handliche Maschinen für den Stadtverkehr oder leichten Offroad-Einsatz setzen.
Zwei Versionen für unterschiedliche Einsatzbereiche
LiveWire hat die S4 Honcho erstmals im Juli 2025 auf dem HD Homecoming-Festival in Milwaukee als Prototypen gezeigt. Die Überraschung war groß, denn eigentlich hatte der Hersteller die S4-Plattform ursprünglich für schwere Motorräder vorgesehen. Stattdessen steckt hinter der Bezeichnung nun ein kompaktes Mini-Bike, das es in zwei Ausführungen geben wird.
Die Street-Version ist für den Straßenverkehr konzipiert und verfügt über alle dafür nötigen Komponenten: Scheinwerfer, Rücklicht, Blinker, Spiegel, Kennzeichenhalter, ein TFT-Display und zusätzliche Bedienelemente am linken Lenkergriff. In Europa soll sie für den A1-Führerschein zugelassen werden, was bedeutet, dass bereits Fahrer ab 16 Jahren damit unterwegs sein könnten. In den USA genügt ein reguläres Motorrad-Endorsement.
Die Trail-Version verzichtet komplett auf Straßenzulassung. Es gibt weder Beleuchtung noch Spiegel oder Instrumentierung. Anstelle eines Scheinwerfers sitzt ein Nummernschild an der Front. Dafür kommen Stollenreifen, eine offroad-spezifische Fahrwerksabstimmung und eine erhöhte Bodenfreiheit zum Einsatz. LiveWire hat außerdem bestätigt, dass die Trail-Version über einen Rückwärtsgang verfügt, was bei engen Wendemanövern im Gelände hilfreich sein dürfte. Da für den reinen Offroad-Einsatz kein Führerschein erforderlich ist, eröffnet sich ein breiteres Einsatzspektrum. LiveWire zeigt in seinen Marketingmaterialien unter anderem Jäger und Angler, die den Honcho nutzen, um abgelegene Orte leise zu erreichen, was ein durchaus cleveres Anwendungsszenario für den nahezu lautlosen Elektroantrieb darstellt.

Technik: Einfach gehalten, durchdacht verpackt
Beide Versionen basieren auf einem Rohrrahmen, unter dem das Batteriepaket montiert ist. Der Elektromotor sitzt unterhalb der Batterie und treibt das Hinterrad über einen Kettenantrieb an. Das wohl wichtigste Feature ist das System mit zwei herausnehmbaren Akkus, die unter der aufklappbaren Sitzbank untergebracht sind. Für Stadtfahrer, die keinen Zugang zu einer Garage haben, ist das ein großer Vorteil, denn die Akkus lassen sich zum Laden einfach mit in die Wohnung nehmen.
Beobachter haben festgestellt, dass die Batterien eine auffällige Ähnlichkeit mit den KYMCO-Ionex-Akkus aufweisen. Das würde angesichts der bestehenden Partnerschaft zwischen LiveWire und dem taiwanesischen Hersteller Sinn ergeben und könnte sich positiv auf Verfügbarkeit, Servicefreundlichkeit und Kosten auswirken.
Beim Bremssystem deuten Bilder darauf hin, dass nur ein einzelner Bremshebel am rechten Lenkergriff vorhanden ist und keine herkömmliche Fußbremse existiert. Das legt nahe, dass LiveWire ein Combined Braking System (CBS) einsetzt, das die Bremskraft über einen Hebel auf beide Räder verteilt.
Was über die Leistungsdaten bekannt ist
LiveWire hält sich bei den technischen Spezifikationen nach wie vor bedeckt. Offizielle Angaben zu Leistung, Drehmoment, Reichweite und Ladezeiten gibt es bislang nicht. Was bekannt ist: Beide Modelle sollen vergleichbar mit 125er-Verbrennungsmotorrädern sein. Bei frühen Tests der Prototypen auf dem HD Homecoming wurden Geschwindigkeiten von rund 85 km/h und eine Reichweite von etwa 160 km gemessen, wobei die Reichweite vermutlich bei niedrigeren Stadtgeschwindigkeiten ermittelt wurde.
Basierend auf der 125er-Äquivalenz schätzen Branchenbeobachter die Leistung auf etwa 11 bis 15 PS beziehungsweise rund 8 bis 11 kW. Die Batteriekapazität wird auf jeweils 1,6 bis 2,0 kWh pro Akku geschätzt, also 3,2 bis 4,0 kWh insgesamt. Die Sitzhöhe lag bei den Prototypen bei lediglich rund 76 cm, die Räder messen offenbar 12 Zoll.
Strategischer Kontext: Warum dieses Modell so wichtig ist
Die Geschichte hinter der S4-Bezeichnung ist dabei durchaus bemerkenswert. Als Harley-Davidson LiveWire als eigenständige Marke ausgründete, wurden vier Produktstufen definiert. Die LiveWire One bildete die Spitze, die S2-Klasse stand für Mittelgewichts-Modelle, S3 war für Leichtgewichte vorgesehen und S4 sollte eigentlich schwere Motorräder mit verbesserter Reichweite und Ladetechnologie bezeichnen. Dass nun ausgerechnet die kleinsten und leichtesten Modelle als S4 firmieren, zeigt, wie grundlegend LiveWire seine Produktstrategie überarbeitet hat.
Interessant ist auch der finanzielle Hintergrund. Im August 2025 erhielt LiveWire von der US-Börsenaufsicht SEC die Genehmigung, Stammaktien im Wert von bis zu 50 Millionen US-Dollar auszugeben. Dass das Unternehmen trotz anhaltend schwacher Verkaufszahlen und Sparmaßnahmen neue Plattformen entwickelt, könnte darauf hindeuten, dass ein Investor in Sicht ist.
Der Name Honcho leitet sich übrigens vom japanischen Begriff 班長 (hanchō) ab, was so viel wie „Gruppenführer“ bedeutet. LiveWire hat die Marke „S4 Honcho“ am 5. September 2025 beim US-Patent- und Markenamt angemeldet, ausdrücklich für den Einsatz bei Motorrädern.
Marktstart und Preiserwartung
Der Produktionsstart beider Modelle soll im Frühjahr 2026 erfolgen. Einen konkreten Liefertermin oder einen offiziellen Preis gibt es bislang nicht. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die Honcho-Modelle deutlich unter der Marke von 10.000 US-Dollar liegen dürften, möglicherweise sogar bei weniger als der Hälfte dessen, was die aktuellen S2-Modelle kosten.
Offen ist auch die Frage des Vertriebswegs. Ob LiveWire auf sein bestehendes Händlernetz setzt oder stärker auf Direktvertrieb geht, könnte entscheidend sein. Viele potenzielle Käufer dieser Art von Fahrzeug haben noch nie einen Motorradhändler betreten.
Konkurrenz und Einordnung
Das Segment, in dem sich die S4 Honcho bewegen wird, ist derzeit vor allem von kleineren, agileren Herstellern besetzt. Marken wie Sur-Ron und Talaria verkaufen kompakte Elektro-Bikes in großen Stückzahlen, auch wenn viele dieser Fahrzeuge nicht für den Straßenverkehr zugelassen sind. Die Popularität gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt aber das enorme Interesse an kleinen, spaßorientierten Elektro-Zweirädern.
Die etablierten Motorradhersteller haben dieses Segment bislang weitgehend ignoriert. Die meisten haben sich entweder auf teure Vorzeige-Modelle oder zurückhaltende Pendlerfahrzeuge konzentriert. Wenn es LiveWire gelingt, den richtigen Mix aus Preis, Leistung und Straßenzulassung zu treffen, und das Ganze mit einem landesweiten Händler- und Servicenetz zu untermauern, könnte die S4 Honcho einen überzeugenden Einstiegspunkt in die elektrische Motorradwelt bieten.
Ob LiveWire mit der Honcho den erhofften Durchbruch schafft oder ob sich zeigt, dass Käufer im Zweifel doch lieber zu den deutlich billigeren, wenn auch rechtlich fragwürdigen Alternativen greifen, wird sich im Laufe des Jahres 2026 herausstellen. Auf der EICMA in Mailand im November 2025 wurde die S4 Honcho erstmals öffentlich gezeigt, zusammen mit einem Konzept des S2 Maxi-Scooters, der in Zusammenarbeit mit KYMCO auf Basis der bestehenden S2-Arrow-Architektur entsteht und ebenfalls 2026 auf den Markt kommen soll.

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