- Die Hersteller zeigten sich nach dem Treffen mit Liberty-CEO Derek Chang in Austin „zufrieden“
- Das neue Abkommen soll die Erlösverteilung der MotoGP für den Zeitraum 2027 bis 2031 regeln
- Zahlreiche Fahrerverträge für 2027 sind bereits unterschrieben, aber noch nicht verkündet
Seit fast einem Jahr verhandeln die MotoGP Sports Entertainment Group, früher bekannt als Dorna Sports, und der Herstellerverband MSMA über ein neues kommerzielles Abkommen. Dieses soll die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Motorrad-Weltmeisterschaft für die kommenden fünf Jahre festlegen und wird in der Branche bereits als Gegenstück zum berühmten Concorde Agreement der Formel 1 gehandelt. Beim US-Grand-Prix in Austin, dem Heimrennen von Rechteinhaber Liberty Media, kam es nun offenbar zum entscheidenden Treffen zwischen den Parteien.

Hersteller verhandeln erstmals gemeinsam
Im Gegensatz zu früheren Jahren treten Ducati, Aprilia, KTM, Honda und Yamaha bei den Gesprächen nicht einzeln auf, sondern als geschlossener Block. Diese Strategie geht zurück auf ein Treffen beim Tschechien-Grand-Prix im Juli 2025, bei dem die fünf Hersteller ein gemeinsames Positionspapier unterzeichneten und den ehemaligen Yamaha-Direktor Lin Jarvis als ihren offiziellen Verhandlungsführer und Sprecher ernannten. Jarvis trat gemeinsam mit MSMA-Präsident Massimo Rivola gegenüber MotoGP-CEO Carmelo Ezpeleta auf, um die Forderungen der Hersteller zu übermitteln. Ezpeleta soll auf diesen gemeinsamen Vorstoß zunächst mit Unmut reagiert haben.
Als Teil dieser geschlossenen Strategie haben die Hersteller öffentliche Kommentare zu den Verhandlungen weitgehend vermieden. Rivola, in seiner Doppelrolle als Aprilia-Racing-CEO und aktueller MSMA-Präsident, ließ beim Austin-Wochenende gegenüber Sky Italia nur wenige Worte durchblicken: „Du weißt, dass ich darüber nicht sprechen darf. Wir hatten ein Treffen, ja, das stimmt, ihr habt alle gesehen, wie wir zusammen hochgegangen sind. Wir waren zufrieden, es war ein gutes Treffen. Wir haben auch Derek Chang getroffen, den CEO von Liberty, also gehen wir voran.“
KTM-Motorsportdirektor Pit Beirer untermauerte die offenbar gute Atmosphäre mit einem Social-Media-Bild, auf dem er neben Chang, Liberty-Vorstandsmitglied Robert R. Bennett, MotoGP-CEO Carmelo Ezpeleta und KTM-CEO Gottfried Neumeister zu sehen war. Auch Ducati-CEO Claudio Domenicali und Piaggio-Gruppen-Chef Michele Colaninno, der in Austin die Siegerprämie für das Aprilia-Team entgegennahm, waren bei den Gesprächen vor Ort.
Geld und Macht: Die Streitpunkte im Detail
Im Kern geht es bei den Verhandlungen um zwei zentrale Fragen: die Verteilung der Einnahmen und das Eigentum an den Startplätzen.
Die MotoGP erwirtschaftet nach aktuellen Schätzungen einen Jahresumsatz von 460 bis 480 Millionen Euro. 2023 lag der Umsatz bei 486 Millionen Euro, mit über drei Millionen Zuschauern an den Strecken und einer TV-Verbreitung in mehr als 200 Ländern. Das Geschäftsmodell ruht auf drei Säulen: Fernsehrechte, die knapp die Hälfte der Einnahmen ausmachen, globale Sponsoring-Verträge und die Gebühren, die Rennstrecken für die Austragung eines Grand Prix zahlen.

Liberty Media, das die kommerziellen Rechte der MotoGP 2025 für eine Gesamtbewertung von rund 4,2 Milliarden Euro übernommen hat, bietet den Herstellern nach aktuellen Informationen rund neun Millionen Euro pro Team und Jahr als feste Zahlung an. Die Satellitenteams erhalten derzeit etwa 6,5 bis 7 Millionen Euro jährlich über ein bereits abgeschlossenes Fünfjahresabkommen, das unter Vermittlung von IRTA-Präsident Lucio Cecchinello zustande kam. Unter dem bisherigen Modell erhielten Satellitenteams rund 2,5 Millionen Euro pro geleastem Motorrad, also insgesamt fünf Millionen Euro pro Saison.
Die Hersteller streben jedoch eine grundsätzlich andere Struktur an. Statt einer festen Summe wollen sie eine prozentuale Beteiligung am Gesamtumsatz der Meisterschaft, vergleichbar mit dem System der Formel 1. Dort erhalten die Teams rund 50 Prozent der Gewinne, wobei die genaue Verteilung von den Ergebnissen in der Konstrukteurswertung abhängt. Der Unterschied zwischen dem vierten und dem fünften Platz kann in der Formel 1 mehr als zehn Millionen Euro ausmachen. Auch in der MotoGP wird über ein teilweise leistungsabhängiges Modell spekuliert, das die erfolgreichsten Marken belohnen würde.
Startplätze als Machtfrage
Der zweite große Streitpunkt betrifft das Eigentum an den Startplätzen. Bislang liegen diese bei der MotoGP Sports Entertainment Group, die sie den Teams in der Regel für fünf Jahre zuweist. Die aktuelle Vergabe läuft Ende 2026 aus. Die Teams drängen darauf, die Rechte an ihren Grid-Slots selbst zu halten, da dies ihren Wert bei Verhandlungen mit Sponsoren und potenziellen Investoren erheblich steigern würde. Dieser Punkt hat das Potenzial, die gesamte Machtstruktur der MotoGP zu verschieben.
Im Gegenzug fordert Liberty Media von den Herstellern ein deutlich stärkeres Engagement bei der Vermarktung der Meisterschaft. Dazu gehören globale Events, Medieninhalte, Marketingmaßnahmen und die Entwicklung der Fahrerpersönlichkeiten als Marken, eine Strategie, die Liberty bereits in der Formel 1 erfolgreich umgesetzt hat. Unter anderem soll jedes Team künftig ein fahrbereites Show-Bike für jeden Fahrer bei den Rennwochenenden bereitstellen, um Veranstaltungen ähnlich wie beim Saisonstart 2026 in Kuala Lumpur zu ermöglichen.
Schlüsselmoment Austin: Warum gerade Texas?
Dass das Treffen beim US-Grand-Prix stattfand, war kein Zufall. Austin ist das Heimrennen von Liberty Media, und hochrangige Führungskräfte des Konzerns waren am Circuit of the Americas präsent. Bereits vor dem Rennwochenende hatte Rivola den strategischen Wert des Standorts hervorgehoben und Austin als „einen sehr passenden Ort, um sich zusammenzusetzen“ bezeichnet, schließlich sei es „das Zuhause von Liberty Media“.
Die Positionen haben sich in den vergangenen Wochen deutlich angenähert. MotoGP-Sportdirektor Carlos Ezpeleta sprach noch am Austin-Wochenende davon, man sei „sehr, sehr nah“ an einer Einigung. Der Abschluss des Abkommens könnte somit in den kommenden Wochen erfolgen, möglicherweise noch vor dem Grand Prix in Jerez Ende April.

Fahrermarkt 2027: Unterschrieben, aber nicht verkündet
Die verzögerte Einigung auf das neue Rahmenabkommen hat einen ungewöhnlichen Nebeneffekt: Zahlreiche Fahrerverträge für die 850-ccm-Ära ab 2027 sind zwar bereits unterschrieben, werden aber nicht offiziell bekanntgegeben. Die Logik dahinter ist einfach. Solange das kommerzielle Abkommen nicht steht, haben die Hersteller formal noch gar nicht für die Saison 2027 zugesagt. Eine vorzeitige Bekanntgabe von Fahrerverpflichtungen würde die Verhandlungsposition der MSMA gegenüber dem Promoter schwächen.
Carlos Ezpeleta zeigte sich über diese Praxis verwundert. Er habe keine Kenntnis davon, dass ein Team oder Hersteller einen unterschriebenen Fahrer nicht kommuniziere. Auf die konkreten Namen angesprochen, sagte er: „Es hat bereits einige schriftliche Vereinbarungen gegeben, die sich verändert haben. Trotzdem scheint es ungewöhnlich, einen unterschriebenen Vertrag zu haben und ihn nicht zu verkünden.“
Die Liste der gemeldeten, aber nicht bestätigten Transfers ist bemerkenswert. Pedro Acosta soll von KTM zu Ducati wechseln und dort an der Seite des amtierenden Weltmeisters Marc Marquez fahren, dessen Vertragsverlängerung ebenfalls als sicher gilt. Francesco Bagnaia soll nach seinem Aus im Ducati-Werksteam mit einem Vierjahresvertrag bei Aprilia landen, wo er gemeinsam mit dem bereits fest verpflichteten Marco Bezzecchi ein rein italienisches Fahrerduo bilden würde. Fabio Quartararo soll seine achtjährige Yamaha-Ära beenden und zu Honda wechseln. Jorge Martin, dessen Wechsel von Ducati zu Aprilia sportlich nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, soll bei Yamaha als neuer Spitzenfahrer einsteigen. Alex Marquez wird bei KTM als Nachfolger von Acosta gehandelt, während Maverick Vinales vom Satellitenteam Tech3 ins KTM-Werksteam aufrücken soll.
Offiziell bestätigt ist von all dem nur ein einziger Deal: die Vertragsverlängerung von Bezzecchi bei Aprilia im Februar 2026, ein Zweijahresvertrag für 2027 und 2028. Dazu kommen Vorverträge von Toprak Razgatlioglu bei Pramac Yamaha, Johann Zarco bei LCR Honda und dem Rookie Diogo Moreira bei Honda, die bereits vor der Verhandlungsblockade geschlossen wurden.
Dass ausgerechnet Bezzecchi als einziger Fahrer vorzeitig bestätigt wurde, gilt nicht als Zufall. Der Schritt wird in der Branche als kalkulierter Teil der MSMA-Strategie bewertet, um den Druck auf den Promoter aufrechtzuerhalten, ohne die geschlossene Front komplett zu öffnen.
Was passiert als Nächstes?
Sollte in Austin tatsächlich der entscheidende Durchbruch erzielt worden sein, könnte dies eine Kettenreaktion auf dem Fahrermarkt auslösen. Die verlängerte Pause im Rennkalender, bedingt durch die Verschiebung des Katar-Grand-Prix, bietet ein ideales Zeitfenster für offizielle Bekanntgaben vor dem Jerez-Rennen Ende April. Im Hintergrund laufen die technischen Vorbereitungen für 2027 bereits auf Hochtouren. KTM und Honda haben Prototypen ihrer 850-ccm-Maschinen bereits auf die Strecke gebracht, und auch Ducati, Aprilia und Yamaha bestätigen interne Entwicklungsprogramme für die neue Ära, die neben dem kleineren Hubraum auch das Verbot der Ride-Height-Devices, neue Aerodynamik-Regeln, nachhaltige Kraftstoffe und den Wechsel von Michelin zu Pirelli als Reifenlieferant mit sich bringen wird.
Die MotoGP steht damit vor dem größten wirtschaftlichen und sportlichen Umbruch seit Jahren. Ob Liberty Media es schafft, die Meisterschaft ähnlich wie die Formel 1 in ein kommerziell deutlich größeres Produkt zu verwandeln, hängt maßgeblich davon ab, wie das neue Abkommen am Ende aussieht und ob alle fünf Hersteller langfristig an Bord bleiben.
Häufige Fragen
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Wann wird das neue MotoGP-Abkommen zwischen Herstellern und Liberty Media unterschrieben?
Eine Einigung könnte nach dem positiv verlaufenen Treffen in Austin in den kommenden Wochen erfolgen. Carlos Ezpeleta sagte beim US-Grand-Prix, man sei sehr, sehr nah an einer Unterschrift. Ein Abschluss vor dem Jerez-Grand-Prix Ende April gilt als möglich.
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Warum werden die MotoGP-Fahrerverträge für 2027 nicht bekanntgegeben?
Die Hersteller haben sich innerhalb der MSMA darauf geeinigt, keine Fahrerverpflichtungen zu kommunizieren, solange das kommerzielle Rahmenabkommen mit dem Promoter nicht unterschrieben ist. Eine vorzeitige Bekanntgabe würde ihre Verhandlungsposition schwächen, da die Hersteller formal noch nicht für 2027 zugesagt haben.
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Welche MotoGP-Fahrer wechseln 2027 das Team?
Zahlreiche Wechsel gelten als sicher, sind aber nicht offiziell bestätigt. Pedro Acosta soll zu Ducati wechseln, Francesco Bagnaia zu Aprilia, Fabio Quartararo zu Honda, Jorge Martin zu Yamaha und Alex Marquez zu KTM. Marc Marquez soll bei Ducati verlängern. Offiziell bestätigt ist bislang nur Marco Bezzecchis Verbleib bei Aprilia.
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Was ändert sich in der MotoGP ab 2027?
Ab 2027 gelten neue technische Regeln: Die Hubraumgrenze sinkt von 1000 auf 850 ccm, Ride-Height-Devices werden verboten, die Aerodynamik wird eingeschränkt, nachhaltige Kraftstoffe werden eingeführt, und Pirelli löst Michelin als Reifenlieferant ab.
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Wie viel Geld erhalten MotoGP-Teams vom Promoter?
Das aktuelle Angebot von Liberty Media liegt bei rund neun Millionen Euro pro Team und Jahr. Die Satellitenteams erhalten bereits etwa 6,5 bis 7 Millionen Euro jährlich. Die Hersteller streben statt fester Zahlungen eine prozentuale Beteiligung am Gesamtumsatz an, wie es in der Formel 1 üblich ist.

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