- EU-Gesamtfahrzeug-Typgenehmigung (WVTA) im März 2026 erteilt
- 1.999 ccm Boxer-Achtzylinder mit 154 PS (113 kW) und 190 Nm
- 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe mit Rückwärtsgang und Kardanantrieb
Was lange als Gerücht durch die Motorradwelt geisterte, hat jetzt eine offizielle Grundlage bekommen. Die Motorradmarke Souo von Great Wall Motor (GWM) hat die europäische Gesamtfahrzeug-Typgenehmigung für das Modell LH2000 erhalten. Ausgestellt wurde die sogenannte WVTA (Whole Vehicle Type Approval) von der luxemburgischen SNCH (Société Nationale de Certification et d’Homologation), der staatlichen Zertifizierungsbehörde des Großherzogtums. Die technische Prüfung übernahm der TÜV Rheinland. Damit ist der regulatorische Weg für einen Verkauf in der gesamten Europäischen Union frei, denn eine von einem EU-Mitgliedsstaat erteilte WVTA gilt ohne weitere Prüfungen in allen anderen Mitgliedsstaaten.

Was die EU-Zulassung bedeutet und was noch offen bleibt
Die SNCH ist kein kleiner Nischenanbieter, sondern eine 1987 gegründete, international anerkannte Institution, die mehrheitlich dem luxemburgischen Staat gehört und nach ISO 17065 akkreditiert ist. Zu ihren technischen Partnern zählen neben dem TÜV Rheinland auch TÜV SÜD, TÜV Nord, DEKRA und weitere renommierte Prüforganisationen. Dass GWM den Zulassungsprozess über Luxemburg und den TÜV Rheinland abgewickelt hat, zeigt einen professionellen Ansatz bei der Vorbereitung des Europageschäfts.
Allerdings ist die Typgenehmigung nur die regulatorische Voraussetzung für einen Verkaufsstart. Ein konkretes Datum, an dem europäische Kunden das Motorrad tatsächlich kaufen können, gibt es bisher nicht. GWM hat weder Händlerpartner in Europa benannt noch Preise für den hiesigen Markt kommuniziert. Auch eine offizielle Pressemitteilung des Herstellers selbst liegt nicht vor. GWM plant nach der Genehmigung offenbar, den Europa-Eintritt zu beschleunigen, indem Vertriebskanäle aufgebaut, After-Sales-Servicenetzwerke entwickelt und lokale Markenstrukturen in der Region etabliert werden. Parallel dazu sollen auch Südamerika und der Nahe Osten als Exportmärkte erschlossen werden.
Ein wichtiges Detail: Die EU-Zulassung wurde ausdrücklich für das Modell „LH2000“ erteilt. Unter dieser Bezeichnung laufen die Cruiser-Varianten der S2000-Plattform, die in vier Ausstattungsstufen existieren. Ob die bereits in China verkauften Tourer-Varianten S2000 ST und S2000 GL unter derselben Genehmigung fallen oder eine eigene Zulassung benötigen, geht aus den vorliegenden Informationen nicht hervor. Da alle Modelle auf derselben technischen Basis mit identischem Motor und Getriebe aufbauen, wäre eine Erweiterung der Typgenehmigung auf die Tourer-Varianten naheliegend, offiziell bestätigt ist das zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht.
Bereits 2024 in Deutschland gesichtet
Dass GWM den europäischen Markt ernst nimmt, deutete sich bereits Ende 2024 an. Im November 2024 erwischte die Redaktion von Motorrad Online erstmals ein Souo-Modell bei Testfahrten in Deutschland. Dabei handelte es sich um die LH2000-Variante in Cruiser-Optik, die deutliche Parallelen zur legendären Honda Valkyrie Rune aufwies. Die Sichtung ließ den Verdacht aufkommen, dass europäische Zulieferer in die Entwicklung eingebunden sind, konkret Bosch für Motorsteuerung, Benzineinspritzung und Assistenzsysteme sowie ZF Sachs für das Fahrwerk. Seitdem sind rund anderthalb Jahre vergangen, und mit der jetzt erteilten EU-Zulassung scheint sich zu bestätigen, dass diese Testfahrten keine Fingerübung waren, sondern Teil einer gezielten Vorbereitung auf den europäischen Markt.
Auch auf internationaler Bühne positionierte sich GWM offensiv. Auf der Consumer Electronics Show (CES) im Januar 2026 in Las Vegas präsentierte das Unternehmen die Souo S2000 erstmals einem nordamerikanischen Publikum. Ein GWM-Vertreter bestätigte gegenüber dem US-Magazin The Autopian, dass die Marke Souo 2026 nach Europa und Australien expandieren und 2027 den nordamerikanischen Markt in Angriff nehmen soll. Als möglichen US-Preis nannte er rund 30.000 US-Dollar (circa 27.500 Euro).

Ein Motor wie kein anderer: 1.999 ccm aus acht Zylindern
Das technische Herzstück aller Souo-Modelle ist ein flüssigkeitsgekühlter Boxer-Achtzylinder mit 1.999 ccm Hubraum. Es handelt sich um das weltweit erste Serienmotorrad mit einem Flat-Eight-Motor. Das Aggregat verfügt über vier obenliegende Nockenwellen (DOHC), vier Ventile pro Zylinder und ein nahezu quadratisches Bohrung-Hub-Verhältnis von 68,0 mal 68,8 Millimetern. Die Nennleistung liegt bei 154 PS (113 kW) bei 6.500 Umdrehungen pro Minute, das maximale Drehmoment beträgt 190 Nm bei 4.500 Umdrehungen pro Minute. Zum Vergleich: Die Honda Gold Wing bringt es mit ihrem Sechszylinder-Boxer auf 126 PS (93 kW) und 170 Nm aus 1.833 ccm.
Gekoppelt ist der Motor an ein Acht-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (DCT) mit Rückwärtsgang, der das Rangieren bei Schrittgeschwindigkeit von bis zu 3 km/h ermöglicht. Bei einem Leergewicht von je nach Variante 404 bis 461 Kilogramm (891 bis 1.016 lbs) ist das auch dringend notwendig. Der Kraftschluss zum Hinterrad erfolgt über einen Kardanantrieb. Die Höchstgeschwindigkeit gibt Souo mit 210 km/h an, den Normverbrauch mit 5,9 Litern auf 100 Kilometern. Bei 120 km/h soll der Achtzylinder mit nur 2.100 Umdrehungen pro Minute drehen.
Sämtliche technischen Daten stammen aus den chinesischen Zulassungsdokumenten und vom Hersteller selbst. In China wird das Motorrad mit diesen Spezifikationen bereits verkauft und ausgeliefert. Für den europäischen Markt sind Anpassungen an lokale Vorschriften denkbar, etwa bei der Abgasnorm, der Geräuschentwicklung oder einzelnen Ausstattungsdetails. Die endgültigen Spezifikationen für Europa hat GWM bisher nicht veröffentlicht.
Fahrwerk, Bremsen und Technik auf hohem Niveau
Das Fahrwerk der Souo-Modelle orientiert sich konzeptionell an der Honda Gold Wing, geht aber eigene Wege. Das Vorderrad wird nicht von einer konventionellen Telegabel geführt, sondern von einer Doppelquerlenker-Aufhängung nach dem Hossack-Prinzip. Bei den Cruiser-Varianten (LH2000) wurde die Frontverkleidung so umgestaltet, dass sie optisch einer klassischen Telegabel ähnelt, obwohl die Hossack-Konstruktion darunter erhalten bleibt. Das Heck stützt sich über ein einzelnes Federbein ab. Die Dämpfung ist elektronisch verstellbar und bietet mit den drei Fahrmodi „Travel“, „Dynamic“ und „Rain“ eine semi-aktive Anpassung inklusive automatischem Beladungsausgleich.
Bei den Bremsen setzt Souo auf Brembo: Vorne arbeiten zwei radial montierte Vierkolben-Bremszangen an 320-Millimeter-Scheiben, hinten eine Vierkolben-Zange an einer 295-Millimeter-Scheibe. Das ABS stammt von Bosch. Eine elektrische Parkbremse gehört ebenfalls zur Ausstattung. Der Aluminiumrahmen ist geschweißt und soll laut GWM komplett ohne Schraubverbindungen auskommen. Die Räder messen 18 Zoll vorne und 16 Zoll hinten, der Radstand beträgt bei allen Modellen 1.810 Millimeter, die Sitzhöhe liegt bei vergleichsweise niedrigen 740 Millimetern.

Digitales Cockpit und Komfortausstattung aus dem Automobilbau
Im Cockpit dominiert ein 12,3-Zoll-Touchscreen, der von einem Qualcomm Snapdragon 8155-Prozessor aus dem Automobilbereich angetrieben wird und OTA-Updates (Over-the-Air) unterstützt. Dazu kommen Sprachsteuerung, Bluetooth-Konnektivität und ein Acht-Lautsprecher-Soundsystem. Bedient wird das System über einen Drehregler und Tasten auf einem Bedienpanel hinter dem Lenker oder per Sprachbefehl. Bei den Cruiser-Varianten ohne große Verkleidung kommt statt des großen TFT-Displays ein kompakteres, rundes Instrument zum Einsatz.
Die Komfortausstattung umfasst beheizte Lenkergriffe, beheizte Sitze für Fahrer und Sozius, eine elektrisch verstellbare Windschutzscheibe, Tempomat, Reifendruckkontrolle, automatische Scheinwerfer, Totwinkelwarnung, Rückfahrwarnsystem, Parksensoren hinten und eine schlüssellose Zündung. In den höheren Ausstattungen der Tourer-Varianten kommen zusätzlich ein Spurhalteassistent und eine Totwinkelüberwachung hinzu. Welche dieser Ausstattungsmerkmale in den europäischen Modellen serienmäßig oder optional verfügbar sein werden, ist noch nicht bekannt.
Die Modellpalette: Vom Solo-Cruiser bis zum Fulldresser
Souo hat seine Achtzylinder-Plattform inzwischen zu einer ganzen Modellfamilie ausgebaut. Die zuerst vorgestellten Tourer-Varianten S2000 ST (zwei Koffer, ohne Topcase) und S2000 GL (drei Koffer, Soziussitz mit Rückenlehne und Armlehnen) kamen im Oktober 2024 in China auf den Markt und sind klar gegen die Honda Gold Wing positioniert. Die limitierte Founder Edition (88 Stück, mattschwarze Optik mit 24-Karat-Goldakzenten, Unterschrift von GWM-Chef Wei Jianjun) wurde ab März 2025 ausgeliefert.
Die Cruiser-Varianten unter der Bezeichnung LH2000 beziehungsweise S2000 CT und CL erweitern die Palette seit Herbst 2025 um vier Versionen: Der LH2000-3 ist ein puristischer Solo-Cruiser mit 404 Kilogramm (891 lbs), der LH2000-4 ergänzt einen Soziussitz, der LH2000-5 ist ein Bagger mit Koffern ohne Windschild und der LH2000-6 der voll ausgestattete Bagger mit Koffern und Windschild bei 427 Kilogramm (941 lbs). Das Design der Cruiser-Modelle erinnert an Hondas kurzlebige Valkyrie Rune aus den frühen 2000er-Jahren.
In China kosten die Tourer-Modelle ab 218.800 Yuan (circa 28.000 Euro / 30.700 US-Dollar) für die S2000 ST und 238.800 Yuan (circa 31.000 Euro / 33.800 US-Dollar) für die S2000 GL. Die Cruiser-Variante S2000 CL startet bei 189.800 Yuan (circa 23.000 Euro / 25.200 US-Dollar). Europäische Preise stehen noch nicht fest und dürften durch Importzölle, Homologationskosten und den Aufbau eines Servicenetzes beeinflusst werden.

Wer steht hinter Souo?
Souo (chinesisch: 灵魂 / Línghún, übersetzt „Seele“) ist die Motorradmarke von Great Wall Motor, einem der größten Automobilhersteller Chinas. GWM verkaufte 2023 rund 1,4 Millionen Fahrzeuge und betreibt die Automarken Haval, Tank, Ora und Wey. Der Konzern ist seit 1984 im Automobilgeschäft und exportiert in über 170 Länder mit mehr als 1.000 Vertriebsstandorten weltweit. In Europa ist GWM bereits mit der Elektroautomarke Ora vertreten, zudem fertigt das Unternehmen über ein Joint Venture den elektrischen Mini Cooper für BMW.
Für den Einstieg ins Motorradgeschäft errichtete GWM ein eigenes Motorradwerk in Baoding in der Provinz Hebei und holte sich internationale Kompetenz ins Haus. Chefentwickler der Souo-Motorräder ist der Deutsche Uwe Moser aus Baden-Württemberg, der seit 2020 für GWM in China arbeitet und vorher unter anderem bei Mercedes-Benz, AMG, Irmscher, Continental und Ricardo tätig war. Das Projekt gilt als persönliches Prestigevorhaben von GWM-Vorstandschef Wei Jianjun, einem bekennenden Motorradenthusiasten.
Die erste Produktionsserie der Souo S2000 umfasste 288 Einheiten und war laut GWM binnen 15 Minuten ausverkauft. Am 28. Dezember 2024 begannen die regulären Auslieferungen, gleichzeitig eröffnete ein Flaggschip-Store in Peking. In China erfolgt der Vertrieb über das Händlernetz der GWM-Marke Tank.
Wie es jetzt weitergehen könnte
Die EU-Typgenehmigung ist ein entscheidender Schritt, aber eben nur der erste. GWM muss für einen erfolgreichen Markteintritt in Europa ein Händler- und Servicenetz aufbauen, Ersatzteilversorgung sicherstellen und Vertrauen bei einer Kundschaft gewinnen, die in der Klasse der Luxus-Tourer und Cruiser auf Marken wie Honda, BMW und Harley-Davidson setzt. Die Skepsis gegenüber chinesischen Motorrädern ist nach wie vor groß, was allerdings auch an den bisher verfügbaren Produkten lag, die überwiegend im Klein- und Mittelklasse-Segment angesiedelt waren.
Ob die Souo S2000 mit ihrem Achtzylinder-Boxer tatsächlich als ernsthafter Konkurrent der Honda Gold Wing wahrgenommen wird, hängt maßgeblich davon ab, wie GWM die Themen Zuverlässigkeit, Servicenetz und Restwert angeht. Die technischen Daten auf dem Papier sind beeindruckend, die Ausstattung umfangreich und der Preis in China deutlich unter dem der Gold Wing. Aber ohne lokale Händler und Werkstätten, die im Fall eines Problems helfen können, werden sich europäische Kunden schwer überzeugen lassen.
Klar ist: Mit der EU-Zulassung hat Souo den regulatorischen Meilenstein geschafft, an dem viele ambitionierte Projekte aus China in der Vergangenheit gescheitert sind. Jetzt muss GWM beweisen, dass es nicht bei der Genehmigung bleibt.

Häufige Fragen
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Was kostet die Souo S2000 in Europa?
Ein europäischer Preis steht noch nicht fest. In China startet die S2000 ST bei umgerechnet circa 28.000 Euro (circa 30.700 US-Dollar), die Cruiser-Variante S2000 CL bei circa 23.000 Euro (circa 25.200 US-Dollar). Auf der CES 2026 nannte ein GWM-Vertreter für den US-Markt einen Preis von rund 30.000 US-Dollar (circa 27.500 Euro). Europäische Preise dürften in einem ähnlichen Bereich liegen, könnten aber durch Importzölle und Homologationskosten abweichen.
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Wann kommt die Souo S2000 nach Deutschland?
Ein konkretes Datum für den Verkaufsstart in Deutschland oder Europa gibt es bisher nicht. GWM hat im März 2026 die EU-Typgenehmigung erhalten und plant den Aufbau von Vertriebskanälen und Servicenetzwerken in Europa. Auf der CES 2026 wurde ein Europastart im Laufe des Jahres 2026 in Aussicht gestellt, ein verbindlicher Zeitplan fehlt jedoch.
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Wie viel PS hat der Achtzylinder-Boxer der Souo S2000?
Der 1.999 ccm große Boxer-Achtzylinder leistet 154 PS (113 kW) bei 6.500 Umdrehungen pro Minute und ein maximales Drehmoment von 190 Nm bei 4.500 Umdrehungen pro Minute. Damit übertrifft er die Honda Gold Wing mit ihren 126 PS (93 kW) und 170 Nm deutlich. Diese Werte stammen aus den chinesischen Zulassungsdokumenten, für den europäischen Markt könnten sich geringfügige Abweichungen ergeben.
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Welche Varianten der Souo S2000 gibt es?
Die Modellfamilie umfasst Tourer-Versionen (S2000 ST und GL), eine limitierte Founder Edition sowie vier Cruiser-Varianten unter der Bezeichnung LH2000 beziehungsweise S2000 CT und CL, vom puristischen Solo-Cruiser bis zum voll ausgestatteten Bagger mit Koffern und Windschild. Welche dieser Varianten in Europa angeboten werden, hat GWM bisher nicht mitgeteilt.
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Wer hat die Souo S2000 entwickelt?
Chefentwickler ist der Deutsche Uwe Moser aus Baden-Württemberg, der seit 2020 für GWM in China arbeitet. Seine früheren Stationen umfassen unter anderem Mercedes-Benz, AMG und Continental. Das Motorrad ist ein Prestigeprojekt von GWM-Vorstandschef Wei Jianjun, der als bekennender Motorradfan den Einstieg seines Konzerns in den Motorradmarkt persönlich vorantrieb.








