- NorthForge ist eine Ausgründung des Mobilitätsunternehmens eOutdoors Ltd. aus Alberta
- Die Dispatch wird als ISR-Fahrzeug für Aufklärung und Überwachung konzipiert
- Technische Spezifikationen sollen im Mai veröffentlicht werden
In Kanada entsteht derzeit ein elektrisches Motorrad, das nicht für die Straße gedacht ist, sondern für das Schlachtfeld. Das neu gegründete Unternehmen NorthForge mit Sitz in den kanadischen Rocky Mountains in der Provinz Alberta arbeitet an der Dispatch, einer vollelektrischen Enduro, die speziell für militärische Einsätze entwickelt wird. Anders als bisherige Lösungen, bei denen Streitkräfte handelsübliche Elektromotorräder für den Feldeinsatz umrüsteten, entsteht die Dispatch von Grund auf als taktisches Fahrzeug für Aufklärung, Überwachung und Informationsgewinnung.

Kanadas neue Verteidigungsstrategie als Startschuss
Der Hintergrund für das Projekt ist politisch. Am 17. Februar 2026 stellte der kanadische Premierminister Mark Carney die erste Verteidigungsindustriestrategie des Landes vor. Diese sieht vor, kanadische Lieferanten und Materialien bei der Beschaffung zu bevorzugen, die Auftragsvergabe zu beschleunigen und gezielt in einheimische Innovationen zu investieren. Über das nächste Jahrzehnt sollen rund 180 Milliarden US-Dollar (circa 166 Milliarden Euro / 180 Milliarden USD) in die Verteidigungsbeschaffung fließen. Die Strategie baut auf einer Ankündigung vom Juni 2025 auf, die als größte Erhöhung der kanadischen Verteidigungsausgaben seit dem Zweiten Weltkrieg gilt. Kanada will damit das NATO-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Haushaltsjahr 2025/26 erreichen und strebt bis 2035 sogar fünf Prozent an.
NorthForge wurde genau für diesen Moment gegründet. Das Unternehmen ist eine Ausgründung der in Alberta ansässigen Mobilitätsfirma eOutdoors Ltd. und versteht sich als direkte Antwort auf den politischen Willen, die kanadische Verteidigungsindustrie unabhängiger von ausländischen Lieferketten zu machen. Trevor Hayter, Geschäftsführer und Gründer von NorthForge, bringt es so auf den Punkt: „Die Dispatch ist eine kanadische Antwort, hier entworfen, hier gebaut, hier mit Energie versorgt, und sie liefert eine operative Fähigkeit, die unsere Streitkräfte und Verbündeten dringend brauchen.“ NorthForge sei gezielt gegründet worden, um mit einer in Kanada entwickelten, konstruierten und gefertigten Plattform die Abhängigkeit von ausländischen Lieferketten zu reduzieren und gleichzeitig moderne Kampffähigkeiten bereitzustellen.
Lehren aus der Ukraine und Afghanistan
Dass elektrische Zweiräder auf dem Schlachtfeld einen echten Vorteil bieten können, haben jüngere Konflikte bereits gezeigt. Im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine setzten ukrainische Einheiten kommerzielle Elektro-Geländemotorräder unter anderem für den Transport von Panzerabwehrwaffen und die Positionierung von Scharfschützenteams ein. Auch in Afghanistan und Syrien wurden Motorräder in großem Umfang genutzt, von improvisierten Lösungen mit chinesischen Kleinmotorrädern bis hin zu regulären Einsätzen bei verschiedenen Konfliktparteien.
Das Problem dabei: Handelsübliche Motorräder, ob mit Verbrennungs- oder Elektroantrieb, sind für den dauerhaften militärischen Einsatz nur bedingt geeignet. Sie sind mechanisch nicht robust genug für den jahrelangen Betrieb unter extremen Bedingungen, erzeugen zu viel Lärm und haben eine hohe thermische Signatur, die sie für moderne Drohnen und Wärmebildkameras leicht auffindbar macht. Genau an diesem Punkt soll die NorthForge Dispatch ansetzen.

Lautlos, kälteresistent und modular
Die technischen Zielvorgaben der Dispatch lesen sich wie ein Anforderungskatalog für extreme Einsatzszenarien. Der elektrische Antrieb sorgt für nahezu lautlose Fortbewegung und minimiert gleichzeitig die Infrarot-Signatur des Fahrzeugs, was die Entdeckung durch feindliche Sensoren und Drohnen erheblich erschweren soll. Die Maschine ist für einen Betriebstemperaturbereich von minus 35 bis plus 45 Grad Celsius ausgelegt, was Einsätze sowohl unter arktischen als auch unter Wüstenbedingungen ermöglichen soll.
NorthForge setzt bei der Batterie auf die Spezialisten von SysNergie aus Magog in der Provinz Québec. Das Unternehmen entwickelt robuste, missionskritische Batteriesysteme, die bereits bei der kanadischen Küstenwache im Einsatz sind. Dort kommen sie in Navigationsbojen zum Einsatz, die ganzjährig unter härtesten Wetterbedingungen funktionieren müssen. Während herkömmliche Akkus bei extremer Kälte deutlich an Kapazität verlieren, soll das System von SysNergie auch bei Temperaturen von minus 35 Grad zuverlässig arbeiten. Bemerkenswert: Bei solchen Temperaturen laufen auch konventionelle Verbrennungsmotoren nicht mehr problemlos.
Die Akkus der Dispatch sollen zudem in der Lage sein, andere militärische Ausrüstung mit Strom zu versorgen, etwa Geräte für die elektronische Kampfführung. Das Motorrad wird damit zu einer mobilen Energiequelle auf dem Schlachtfeld.
Weitere Eckdaten der Entwicklung umfassen einen modularen Aufbau, der Reparaturen im Feld mit schnellem Austausch einzelner Komponenten ermöglichen soll, eine angepeilte militärische Lebensdauer von mindestens zehn Jahren sowie die Fähigkeit zum Lufttransport für den schnellen Einsatz per Flugzeug oder Hubschrauber. Laut Fachmedien soll das Motorrad darüber hinaus tauchfähig sein, was angesichts der Herkunft des Batteriesystems aus der Küstenwachen-Technologie nicht überrascht. Konkrete technische Daten wie Leistung, Höchstgeschwindigkeit, Reichweite, Ladezeit oder Gewicht hat NorthForge bislang nicht veröffentlicht. Die Spezifikationen sollen im Mai folgen.
Erfahrene Köpfe und ein Netzwerk über fünf Provinzen
Für die Entwicklung der Dispatch hat NorthForge auf erfahrene Fachleute gesetzt. Michael Uhlarik, ein international ausgezeichneter Motorraddesigner mit 26 Jahren Branchenerfahrung, verantwortet die Produktentwicklung. Er bekleidete zuvor leitende Positionen bei Yamaha Motor Company, Piaggio, BRP und Damon Motorcycles und hat auf drei Kontinenten Fahrzeugprogramme vom Konzept bis zur Serienproduktion geleitet. Uhlarik betont, dass die Dispatch eine komplette Neuentwicklung sei und kein Derivat einer bestehenden Maschine. Kein einziges Bauteil stamme von einem anderen Motorrad, auch nicht die Einzelzellen der Batterie.
Die Finanzseite verantwortet CFO Greg Campbell, der 25 Jahre Erfahrung in der Automobil- und Finanzbranche mitbringt und zuvor Führungspositionen bei der Humberview Group, HG Partners und Jim Peplinski Leasing innehatte.
NorthForge selbst arbeitet nach einem sogenannten Asset-Light-Modell. Statt eine eigene Fabrik aufzubauen, nutzt das Unternehmen ein Konsortium aus etablierten kanadischen Firmen in fünf Provinzen. Neben SysNergie für die Batterie gehören dazu Rainhouse Inc. aus Victoria in British Columbia für Prototyping und Kleinserienfertigung sowie Motorcycle Global aus Halifax in Nova Scotia, die über internationale Kontakte zu großen Motorradherstellern in Europa, Japan und Nordamerika verfügen. Weitere Partner stellen Offroad-Testeinrichtungen sowie Design- und Fertigungskapazitäten in Ontario und Québec bereit.

Komplett souveräne Lieferkette ohne asiatische Abhängigkeit
Ein zentrales Merkmal der Dispatch ist die vollständig kanadische Lieferkette. NorthForge betont, dass weder Batterien noch Motoren noch Software aus asiatischen Quellen stammen. In der aktuellen geopolitischen Lage, in der westliche Staaten zunehmend die Abhängigkeit von chinesischen Zulieferern in sicherheitsrelevanten Bereichen hinterfragen, ist das ein bewusstes Signal. Selbst die einzelnen Batteriezellen werden in Kanada aus kanadischen Komponenten gefertigt.
Lizenzfertigung für Verbündete geplant
NorthForge denkt bereits über den kanadischen Markt hinaus. Laut Uhlarik haben mehrere Länder Interesse an der Dispatch bekundet, wobei NorthForge aktiv im Austausch mit Streitkräften verschiedener Nationen stehe. Das Unternehmen plant, die erste Produktionsserie in Kanada zu fertigen, will aber qualifizierten Partnerländern ermöglichen, die Maschine auf eigenem Boden in Lizenz zu bauen. Dieses Modell erinnert an bewährte Muster der NATO-Rüstungskooperation im Kalten Krieg. Perspektivisch könnte die Dispatch damit auch bei anderen westlichen Streitkräften zum Einsatz kommen, darunter nach Einschätzung von Fachmedien auch bei der deutschen Bundeswehr, die ihre Kradmelder aktuell mit der Yamaha Ténéré 700 ausstattet.
Nicht allein auf dem Feld
NorthForge steht mit seinem Ansatz nicht allein da. Der russische Rüstungskonzern Kalashnikov hat bereits 2025 mit der IZH Enduro ein ähnlich konzipiertes elektrisches Militärmotorrad vorgestellt. Der Unterschied liegt im Detail: Während die russische Lösung vorrangig auf den eigenen Markt abzielt, positioniert sich NorthForge mit seinem Konsortiumsmodell und dem Fokus auf eine souveräne westliche Lieferkette als Partner für NATO-Verbündete.
Die bisherigen Bilder der Dispatch sind nach eigenen Angaben von NorthForge größtenteils KI-generierte Renderings. Ein fertiger Prototyp wurde noch nicht vorgestellt. Ob sich das ambitionierte Projekt tatsächlich realisieren lässt, werden die kommenden Monate zeigen, wenn im Mai die technischen Spezifikationen folgen und das Unternehmen den nächsten Entwicklungsschritt gehen muss.
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Redakteur bei Motorrad Nachrichten. Fokus auf Technik, Szene und Motorradpolitik – neutral, sachlich, verständlich.
Verantwortlich für die Seiten www.Motorcycles.News, www.Motorrad.Training und den YouTube-Kanal "Motorrad Nachrichten", sowie deren social Media-Seiten.









