- Der Gemeinderat von Wolkenstein hat am 19. März 2026 einstimmig für eine verkehrsberuhigte Zone am Grödner Joch gestimmt
- Die Testphase soll vom 1. September 2026 bis zum 1. Februar 2027 laufen, ab 2027 steht eine Ausweitung von Mitte Mai bis Mitte Oktober im Raum
- An Spitzentagen passieren bis zu 11.000 Fahrzeuge die Passstraße, der Motorradanteil liegt je nach Saison bei bis zu 30 Prozent
Es ist eine der bekanntesten Passstraßen der Alpen, Teil unzähliger Motorradtouren und ein fester Bestandteil der legendären Sella Ronda: das Grödner Joch in den Südtiroler Dolomiten. Doch mit der ungebremsten Beliebtheit könnte bald Schluss sein. Nach übereinstimmenden Berichten lokaler Südtiroler Medien sowie der staatlichen italienischen Rundfunkanstalt Rai soll die Passstraße ab dem 1. September 2026 zur verkehrsberuhigten Zone werden. Für motorisierte Fahrzeuge würde das ein Durchfahrtsverbot bedeuten.

Einstimmiger Beschluss in Wolkenstein als Startschuss
Am 19. März 2026 hat der Gemeinderat der Anliegergemeinde Wolkenstein einstimmig für die Einrichtung einer „außerstädtischen verkehrsberuhigten Zone“ am Grödner Joch gestimmt. Es handelt sich dabei um einen Grundsatzbeschluss, der politisch die Richtung vorgibt, juristisch aber noch nicht die endgültige Umsetzung bedeutet. Weitere Gemeinden im Grödnertal sowie im Gadertal jenseits der Passhöhe wollen sich dem Projekt anschließen und haben ihre baldige Zustimmung in Aussicht gestellt. Unter den Gemeinden, die folgen sollen, sind Corvara und St. Christina.
Dass das Thema überhaupt so weit gekommen ist, hat eine lange Vorgeschichte. Ernest Cuccarollo, Gemeindereferent von Wolkenstein, erklärte gegenüber Rai, man spreche „seit 30 Jahren über ein gemeinsames Konzept“. Jetzt liege es erstmals vor. Das Konzept stammt aus einer technischen Arbeitsgruppe und soll bereits in allen Details ausgearbeitet sein.
Weil es sich beim Grödner Joch um eine Landesstraße handelt, die Strada Statale 243, benötigt die Umsetzung zusätzlich die Zustimmung der Südtiroler Landesregierung. Der Alpenverein Südtirol weist explizit darauf hin, dass die verkehrsberuhigte Zone von der Landesregierung beschlossen werden muss. Eine rein kommunale Entscheidung reicht also nicht aus.
Fünf Monate Testphase ab September 2026
Geplant ist zunächst ein Probelauf ab dem 1. September 2026. Für fünf Monate soll die Durchfahrt für alle motorisierten Fahrzeuge gesperrt werden, also nicht nur für Motorräder, sondern auch für Pkw, Sportwagen, Wohnmobile und sonstige Fahrzeuge. Ausgenommen von der Regelung wären nach bisherigem Stand Anlieger, Übernachtungsgäste der Betriebe am Joch, Lieferanten sowie der öffentliche Nahverkehr. Die Testphase soll bis zum 1. Februar 2027 laufen.
Für Motorradfahrer, die im Sommer die Sella Ronda fahren wollen, also die Rundtour um das Sella-Massiv mit den Pässen Grödner Joch (2.121 m), Sellajoch (2.240 m), Pordoijoch (2.239 m) und Campolongo-Pass (1.875 m), wären demnach nur die Monate September und Oktober in der laufenden Saison betroffen. Ab November ist die Strecke ohnehin meist winterbedingt geschlossen. Der Wintersport-Tourismus wäre dagegen direkt betroffen.
Ab 2027 droht eine deutlich schärfere Regelung
Die Ergebnisse der Testphase will man offenbar gar nicht erst abwarten. Bereits jetzt steht für 2027 eine deutlich weitreichendere Einschränkung im Raum: Von Mitte Mai bis Mitte Oktober soll der motorisierte Verkehr auf der Passstraße stark eingeschränkt werden. Das würde exakt die Monate treffen, in denen das Grödner Joch als Passstraße, Ausflugsziel und Teil klassischer Dolomitenrunden am stärksten genutzt wird.
Für den normalen motorisierten Freizeitverkehr käme das faktisch einer kompletten Saisonsperre gleich. Ganzjährig gesperrt wäre das Grödner Joch damit zwar nicht, aber wer die Strecke als Teil der Sella Ronda oder als klassisches Sommerziel fährt, würde genau in der relevanten Zeit ausgesperrt. Eine fünfmonatige Sperre von Mai bis Oktober würde für Motorradfahrer einer Vollsperrung gleichkommen.
Verkehrsdruck in den Dolomiten seit Jahren am Limit
Die Hintergründe des Beschlusses liegen in einer seit Jahren wachsenden Verkehrsbelastung. Laut dem Landesinstitut für Statistik ASTAT waren um das Jahr 2000 zu Spitzenzeiten noch weniger als 10.000 Fahrzeuge pro Tag auf der Hauptroute durch das Grödnertal unterwegs. Bis 2025 stieg diese Zahl auf über 20.000 Fahrzeuge. Etwa die Hälfte davon fährt weiter auf die Pässe Grödner Joch und Sellajoch, die Gröden mit dem Gadertal beziehungsweise dem Fassatal verbinden. Der Motorradanteil auf diesen Strecken liegt je nach Jahreszeit und Witterung bei bis zu 30 Prozent.
Nicht nur Motorräder stehen in der Kritik. Auch Pkw, Sportwagen und zunehmend Wohnmobile samt ihrer Hinterlassenschaften fallen negativ auf. Anwohner berichten zudem von illegalen Rennen und Lärmbelastung rund um die Uhr. Die Interessenkonflikte zwischen Einheimischen und dem Tourismusgewerbe spitzen sich seit Jahren zu.
Alpenverein und Grüne begrüßen den Vorstoß
Der Alpenverein Südtirol (AVS) hat die Entscheidung ausdrücklich begrüßt. AVS-Präsident Georg Simeoni sprach von einem „historischen Moment“ und erklärte: „Seit Jahrzehnten weisen wir auf die Belastungsgrenzen der Dolomitenpässe hin.“ Die Einführung einer verkehrsberuhigten Zone bedeute einen entscheidenden Fortschritt für die Erhaltung der Naturlandschaft. Ein autofreieres Grödner Joch bringe laut Simeoni mehr Erholung für alle, stärke die Naherholung und fördere den klimafreundlichen Tourismus.
Der AVS fordert gleichzeitig eine konsequente Ausarbeitung der Details: Der Verkehr müsse klar gelenkt werden, der öffentliche Nahverkehr müsse ausgebaut werden. Simeoni betonte, die Entscheidung sei „ein Anfang, aber kein Endpunkt“, und der AVS unterstütze einen solchen Schritt ausdrücklich auch für das Sellajoch.
Auch die Südtiroler Grünen zeigten sich erfreut. Co-Vorsitzende Elide Mussner kommentierte den geplanten Start der Testphase mit „Halleluja!“ und erklärte, die Grünen hätten sich seit mehr als 15 Jahren auf verschiedenen Ebenen für eine Verkehrsberuhigung auf den Dolomitenpässen eingesetzt. Während der Sommermonate stünden teilweise ganze Dörfer im Verkehrskollaps still, verursacht durch immer steigende Zahlen an Tagesgästen.
Begleitmaßnahmen und offene Fragen
Vorgesehen sind neben den Ausnahmen für Ansässige und Übernachtungsgäste auch Auffangparkplätze, Hinweise auf das Fahrverbot bereits weiter unten im Tal sowie ein dichterer Takt im Busverkehr. Die Erreichbarkeit mit öffentlichem Verkehr und Aufstiegsanlagen soll verbessert werden.
Welche Strecken den zusätzlichen Verkehr aufnehmen sollen, wenn das Grödner Joch gesperrt ist, bleibt allerdings unklar. Wer etwa von der Brennerautobahn ins Grödnertal einfährt und nach Corvara will, müsste ohne den direkten Weg über das Grödner Joch auf das Sellajoch, den Pordoi und den Campolongo ausweichen. Dass sich die Verkehrsströme in der Region verschieben werden, gilt als sicher.
Signalwirkung für die gesamte Region
Die Initiative am Grödner Joch könnte Nachahmer finden. Laut Medienberichten könnte es bereits im kommenden Jahr auch am Sellajoch zu ähnlichen Einschränkungen kommen. Der Alpenverein Südtirol unterstützt diesen Schritt ausdrücklich. Bereits in der Vergangenheit gab es im Grödnertal Versuche mit einer tageweisen Sperrung des Sellajochs. Am Pragser Wildsee im Hochpustertal ist die individuelle Zufahrt bereits seit geraumer Zeit nur mit vorab gebuchten Tickets und begrenzter Stückzahl möglich. Eine großflächige Low-Emission-Zone für die gesamten Dolomiten befindet sich seit 2022 im Projektstadium, wurde bislang aber nicht umgesetzt.
Auch in anderen Alpenregionen gibt es vergleichbare Maßnahmen. In Tirol wurden auf besonders frequentierten Strecken Sperrungen für Motorräder mit einem Standgeräusch von über 95 Dezibel verhängt. Im Trentino gelten auf einigen Bergstraßen und Pässen Tempolimits von 60 km/h. Ob das Grödner Joch den Anfang einer weiterreichenden Entwicklung in den Dolomiten markiert, dürfte sich spätestens nach der Testphase im Frühjahr 2027 zeigen.

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