- Aprilia testet bislang einzigartige Flügelelemente seitlich der Windschutzscheibe
- Drei Aprilias auf den Plätzen eins bis drei im Jerez-Test
- Sensor-Device am Heck deutet auf weitere Entwicklungsschritte hin
Während die MotoGP-Saison 2026 auf dem Circuito de Jerez-Ángel Nieto in die erste europäische Runde ging, zeigte Aprilia einmal mehr, warum das Werk aus Noale derzeit als Innovationsführer im Fahrerlager gilt. Keine 24 Stunden nach dem Spanien-GP, den Ducatis Alex Marquez für sich entschied, rollten die RS-GP26 mit einer auffälligen Neuerung aus der Boxengasse: zwei zusätzliche Flügelelemente, montiert auf beiden Seiten der Frontverkleidung neben der Windschutzscheibe.
Die italienische Fachpresse taufte die Bauteile prompt „Elefantenohren“, weil sie optisch tatsächlich an abstehende Ohren erinnern. Technisch betrachtet handelt es sich um eine dritte Ebene aerodynamischer Flächen am vorderen Teil des Motorrads. Neben dem klassischen Frontflügel und dem oberen Verkleidungskanal hat Aprilia damit eine Zone erschlossen, in der bislang kein Team versucht hatte, einen Strömungsleiter zu installieren.

Was die „Elefantenohren“ technisch bewirken sollen
Die neuen Flügel ähneln in ihrer Form den zweflächigen Seitenflügeln, wie Ducati sie seit mehreren Saisons einsetzt. Der entscheidende Unterschied liegt in der Position: Aprilia hat die Elemente deutlich höher platziert, seitlich der Windschutzscheibe. In dieser Lage beeinflussen sie die Luftströmung, die über den Rücken des Fahrers fließt, wenn dieser sich auf der Geraden hinter die Scheibe duckt.
Die obere Fläche der Flügel ist sichtbar gewölbt, was hinter ihr einen Unterdruck erzeugt und damit einen Abtriebseffekt generiert. Es handelt sich also offenbar nicht um einfache Deflektoren zur Reduktion des Luftwiderstands, sondern um aktive Aero-Elemente, die gezielt Anpressdruck erzeugen sollen. Beim Bremsen, wenn der Fahrer sich aufrichtet, werden die Flügel vermutlich durch den Körper des Piloten abgeschirmt und damit strömungstechnisch neutralisiert.
Die Endplatten der Flügel scheinen zudem so geformt zu sein, dass sie die Luftströmung um den Fahrer herum steuern. Damit könnten sie den Luftwiderstand auf den Geraden reduzieren und gleichzeitig die Wirksamkeit der sogenannten Leg Wings am Heck verbessern.
Vom Nachahmer zum Trendsetter
Aprilias Wandlung in der Aerodynamik-Entwicklung ist bemerkenswert. Noch bis 2024 galt Ducati als unangefochtene Referenz in diesem Bereich. Inzwischen hat sich das Bild komplett gedreht. Unter der Leitung von Aerodynamik-Chef Marco De Luca, einem ehemaligen Ferrari-Ingenieur, und Technikdirektor Fabiano Sterlacchini hat Aprilia eine Reihe von Innovationen eingeführt, die von der Konkurrenz mittlerweile kopiert werden.
Schon 2022 brachte Aprilia als erster Hersteller ausgebeulte Verkleidungen mit Ground-Effect-Funktion in die MotoGP. Seit Saisonbeginn 2026 nutzt das Team zudem ein verschließbares Loch in der Verkleidung, um die Luftströmung gezielt umzuleiten und die Höchstgeschwindigkeit zu steigern. Die „Leg Wings“ an den Seiten der Sitzeinheit, die Aprilia in der vergangenen Saison als erster Hersteller einführte, wurden beim Jerez-Test bereits von mehreren Konkurrenten übernommen.
Sterlacchini selbst nahm die Aufmerksamkeit mit Humor: Er scherzte, die neuen Elemente seien als Haltegriffe für die Mechaniker bei Flag-to-Flag-Rennen gedacht.

Sensor-Satellit: Datensammlung für die nächste Stufe
Neben den „Elefantenohren“ fiel beim Jerez-Test ein weiteres Detail auf: Ein auffälliges Sensor-Device am Heck von Lorenzo Savadoris RS-GP26, das einem Drohnenarm ähnelte. Über die genaue Funktion wurde im Fahrerlager intensiv spekuliert. Einige Journalisten vermuteten einen Laser-Fahrhöhensensor, andere einen Drucksensor.
Die Positionierung des Sensors liefert Hinweise auf seinen Zweck: Er sitzt direkt oberhalb und hinter den Leg Wings, also genau dort, wo die Interaktion zwischen dem Körper des Fahrers und den Leg Wings Turbulenzen erzeugt. Eine Fotografie der Unterseite des Sensors deutet auf einen Drucksensor hin, der Variationen im Luftdruck messen soll. Aprilia sammelt damit offenbar systematisch Daten über die Strömungsverhältnisse im Heckbereich, um die aerodynamische Entwicklung auf einer soliden Datenbasis voranzutreiben.
Aprilia dominiert den Jerez-Test
Die aerodynamischen Neuerungen blieben nicht ohne Wirkung auf der Strecke. Ai Ogura vom Trackhouse-Team setzte mit einer 1:35,944 die Bestzeit des Tages und war damit nur 0,005 Sekunden schneller als sein Teamkollege Raul Fernandez. WM-Leader Marco Bezzecchi auf der Werks-Aprilia komplettierte als Dritter den Dreifachsieg mit einem Rückstand von 0,328 Sekunden. Die beiden Trackhouse-Piloten waren die einzigen Fahrer, die unter der 1:36-Marke blieben.
Marc Marquez war als Vierter der schnellste Ducati-Pilot, gefolgt von KTMs Pedro Acosta auf Platz fünf. Sonntagssieger Alex Marquez landete auf dem sechsten Rang, Fabio Quartararo brachte als Siebter positive Signale für Yamaha mit, nachdem er seine beste Rennwochenendzeit um fast eine Viertelsekunde verbessert und dabei ein neues Aero-Element am Heck sowie eine neue Frontverkleidung testete. Johann Zarco war als Neunter der schnellste Honda-Pilot.
Bezzecchi stürzte während der Tests in Kurve 11, konnte den Testtag aber fortsetzen. Insgesamt nahmen 23 Fahrer am Test teil, darunter Aprilias Testfahrer Lorenzo Savadori und KTMs Dani Pedrosa, der den verletzten Maverick Viñales vertrat.

Was die Fahrer sagen
Jorge Martin, der den Spanien-GP als Vierter beendet hatte, konnte beim Test endlich Teile ausprobieren, die er wegen seiner Verletzung zu Saisonbeginn verpasst hatte. Er sprach davon, die verlorene Zeit vom Februar aufzuholen, und bezeichnete den Testtag als sehr wichtig für seine persönliche Entwicklung.
Raul Fernandez zeigte sich ebenfalls zufrieden und erklärte, dass die aerodynamischen Neuerungen sowie ein neues Chassis getestet worden seien. Er habe das Gefühl, mit dem Medium-Reifen deutlich schneller gewesen zu sein, und sich während des Tages nicht nur auf die schnelle Rundenzeit konzentriert, sondern auch an der Abstimmung des Motorrads und den neuen Teilen gearbeitet. Die Bestätigung müsse allerdings in Le Mans folgen.
Ducati kontert mit eigenen Updates
Während Aprilia die Schlagzeilen dominierte, arbeitete auch Ducati in Jerez an der Weiterentwicklung der Desmosedici GP26. Das Team aus Borgo Panigale brachte eine neue Frontverkleidung, eine Seitenverkleidung mit Aero-Elementen, die bereits in der Vorsaison getestet worden war, sowie eine Schwingenschutzabdeckung und ein modifiziertes Chassis mit. Marc Marquez bestätigte, dass der Fokus auf dem Chassis und der Rückgewinnung des Frontgefühls lag, der zentralen Herausforderung der Saison 2026. Die aerodynamischen Neuerungen hätten in einigen Bereichen geholfen.
Insgesamt brachte Ducati aber eher Weiterentwicklungen als revolutionäre Neuerungen. Der Eindruck im Fahrerlager war, dass die Innovationen aus Noale derzeit einen Schritt voraus sind.

Aerodynamik als entscheidendes Entwicklungsfeld
Die zunehmende Bedeutung der Aerodynamik verändert die MotoGP grundlegend. Die Fahrer nutzen den extrem hohen Abtrieb, fahren hart in die Kurven und verlassen sich auf die Stabilität, die die aerodynamischen Hilfsmittel bieten. Doch wie Bezzecchi anmerkte, reicht schon eine Windböe oder eine Veränderung der Luftströmung, und die Balance geht verloren, was plötzliche Stürze zur Folge haben kann.
Die MotoGP-Regeln für 2027 sollen die Auswirkungen der Aerodynamik auf die dann neuen 850er-Motorräder reduzieren. Das wachsende Gefühl im Fahrerlager ist, dass die aktuellen Designs möglicherweise an ihre Grenzen stoßen. Die Kontroverse um Aprilias Leg Wings im Winter, als einige ein Verbot aus Sicherheitsgründen forderten, unterstrich, wie weit die Entwicklung bereits fortgeschritten ist.
Paradoxerweise könnte die Aerodynamik mit den leistungsschwächeren 850er-Motoren ab 2027 sogar noch wichtiger werden: Wenn weniger Motorleistung zur Verfügung steht, wird aerodynamische Effizienz zum entscheidenden Faktor, um die verlorene Geschwindigkeit zurückzugewinnen.
In Jerez steht noch ein weiterer Test in der Ära der 1000er-Maschinen an, bei den Testfahrten in Barcelona-Montmeló. Der nächste Grand Prix findet in Le Mans statt, und dort werden sich die neuen Teile unter realen Rennbedingungen auf einer Strecke beweisen müssen, die völlig andere Anforderungen stellt als das gummibedeckte Jerez.

Häufige Fragen
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Was sind die „Elefantenohren“ an der Aprilia RS-GP26?
Die „Elefantenohren“ sind zwei zusätzliche Flügelelemente, die Aprilia seitlich der Windschutzscheibe an der Frontverkleidung der RS-GP26 montiert hat. Sie bilden eine dritte Ebene aerodynamischer Flächen und sollen durch ihre gewölbte Form Abtrieb erzeugen sowie die Luftströmung über den Fahrer steuern.
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Wie hat Aprilia beim MotoGP-Test in Jerez 2026 abgeschnitten?
Aprilia belegte beim Montags-Test in Jerez die ersten drei Plätze. Ai Ogura setzte mit 1:35,944 die Bestzeit, nur 0,005 Sekunden vor Teamkollege Raul Fernandez. WM-Leader Marco Bezzecchi wurde Dritter.
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Welche Rolle spielt die Aerodynamik in der MotoGP 2026?
Die Aerodynamik ist zum wichtigsten Entwicklungsfeld geworden. Aprilia hat sich mit Innovationen wie den Leg Wings, Ground-Effect-Verkleidungen und nun den Elefantenohren an die Spitze der Entwicklung gesetzt. Für 2027 plant die MotoGP strengere Aero-Regeln für die neuen 850er-Motorräder.
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Was testet Ducati als Antwort auf Aprilias Aero-Vorsprung?
Ducati brachte beim Jerez-Test eine neue Frontverkleidung, Seitenverkleidungs-Aero, eine Schwingenschutzabdeckung und ein modifiziertes Chassis mit. Der Fokus lag auf der Verbesserung des Frontgefühls, das als zentrale Herausforderung der Saison 2026 gilt.
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