- Strafanzeige in Finnland wegen angeblich irreführender Angaben zu Energiedichte und Lebensdauer
- Unabhängige Tests maßen 268 bis 297 Wh/kg statt der versprochenen 400 Wh/kg
- Produktion 2026 auf rund 350 Motorräder begrenzt, neue Bestellungen erst Ende 2026 lieferbar
Als Donut Lab im Januar 2026 auf der CES in Las Vegas die nach eigenen Angaben weltweit erste serienreife Feststoffbatterie präsentierte, sorgte die Ankündigung für einen Aufschrei in der Branche. Die Kennzahlen klangen revolutionär: 400 Wh/kg Energiedichte, vollständige Ladung in fünf Minuten, 100.000 Ladezyklen Lebensdauer, Temperaturbeständigkeit von minus 30 bis plus 100 Grad Celsius und das alles zu einem Preis unterhalb heutiger Lithium-Ionen-Zellen. Verge Motorcycles, ein estnischer Hersteller von Elektromotorrädern, sollte als erster Abnehmer ab dem ersten Quartal 2026 Maschinen mit dieser Batterie ausliefern. Beide Unternehmen sind eng verflochten. Donut Lab wurde im August 2024 als Ableger von Verge Motorcycles gegründet, mit weitgehend identischem Gründerkreis.

Kritik aus der Branche von Beginn an
Schon unmittelbar nach der Präsentation meldeten sich Experten mit deutlicher Skepsis zu Wort. Ulderico Ulissi, bei CATL für das Geschäft außerhalb Chinas verantwortlich, bezeichnete die veröffentlichten Angaben als offenkundig unzutreffend. SVOLT-Chef Yang Hongxin sprach von einem Schwindel und erklärte, eine Batterie mit diesen technischen Eigenschaften existiere nicht. Professoren und Forscher mehrerer Universitäten äußerten Zweifel an den Spezifikationen und riefen dazu auf, handfeste Belege abzuwarten. Bei der Enthüllung in Las Vegas wurden keine unabhängigen Testergebnisse vorgelegt. Statt funktionsfähiger Batterien zeigte das Unternehmen lediglich Modelle.
Die Skepsis ist vor dem Hintergrund der Branchenrealität nachvollziehbar. An Feststoffbatterien forschen seit Jahren unter anderem Toyota, Honda, BYD, CATL, Nissan, QuantumScape, Solid Power, ProLogium und Factorial Energy. Volkswagen, QuantumScape, PowerCo und Ducati stellten im September 2025 einen funktionsfähigen Prototyp eines Elektromotorrads mit echter Feststoffbatterie vor, die in zwölf Minuten geladen werden kann. Dass ein erst zwei Jahre junges Unternehmen wie Donut Lab die gesamte Konkurrenz überflügeln soll, wirft für viele Beobachter offene Fragen auf. Auch Patente von Donut Lab wurden bisher nicht öffentlich bekannt, während allein Toyota Tausende Schutzrechte im Bereich Feststofftechnologie hält.
Verschobene Auslieferung und begrenzte Stückzahlen
Die Verge TS Pro mit der Donut-Lab-Batterie sollte bis zum 31. März 2026 an erste Kunden übergeben werden. Kurz darauf verschob sich das Lieferfenster für neue Bestellungen auf das vierte Quartal 2026. Verge-Chef Tuomo Lehtimäki versuchte, den Eindruck zu relativieren, und erklärte gegenüber dem Portal InsideEVs, dass bereits im Vorjahr eingegangene Bestellungen wie geplant im ersten Quartal bedient würden, während neu aufgegebene US-Bestellungen mit einer Auslieferung im vierten Quartal 2026 rechnen müssten. Die finnische Wirtschaftszeitung Kauppalehti zeichnete ein deutlich düstereres Bild. Dort berichtete Lehtimäki, dass die Bestellungen weit in das Jahr 2027 hineinreichten und die Produktion 2026 auf etwa 350 Motorräder begrenzt sei.
Für den Verkauf benötigt Verge sowohl in der Europäischen Union als auch in den Vereinigten Staaten noch die jeweiligen Zulassungen. In der EU muss die Whole Vehicle Type Approval durchlaufen werden, in den USA die Federal Motor Vehicle Safety Standards sowie die Anforderungen der Umweltbehörde EPA. Solche Verfahren können je nach Umfang der Dokumentation zwischen wenigen Wochen und über einem Jahr in Anspruch nehmen.

Pack-Test im März: Teilerfolg mit offenen Flanken
Im März 2026 reagierte Donut Lab mit einem öffentlichen Ladetest auf die Kritik. Ein Batteriepack mit 18 kWh Kapazität lud in einem Verge TS Pro innerhalb von zwölf Minuten von zehn auf 80 Prozent, bei einer dauerhaften Ladeleistung von über 100 kW und einem 5C-Laderatenwert. Bemerkenswert daran: Das Pack kam ohne Flüssigkeitskühlung aus und nutzte ausschließlich Luftkühlung. Von zehn auf 50 Prozent wurden fünf Minuten benötigt, 70 Prozent waren nach gut neun Minuten erreicht, 90 Prozent erst nach rund 15 Minuten. Donut-Lab-CTO Ville Piippo erklärte, der Test zeige das Verhalten mehrerer Batteriezellen in einer realen Fahrzeugumgebung und die hohe Energiedichte ermögliche eine flexible Packgestaltung.
Gleichzeitig hat die staatliche finnische Forschungseinrichtung VTT unabhängige Zelltests durchgeführt. Bestätigt wurde dabei, dass einzelne Donut-Lab-Zellen in etwa fünf Minuten geladen werden können, bei Beschädigung kein thermisches Durchgehen zeigen, sich mit großen Kühlkörpern und Ventilatoren thermisch stabilisieren lassen und eine langsame Selbstentladung aufweisen. Die beiden zentralen Werbeversprechen wurden jedoch nicht überprüft: Weder die Energiedichte von 400 Wh/kg noch die Lebensdauer von 100.000 Zyklen liegen in unabhängig bestätigter Form vor.
Ein weiterer Punkt sorgt für Stirnrunzeln: Ursprünglich war von einer Ladezeit unter zehn Minuten die Rede. Spencer Cutlan von Verge Motorcycles sprach davon, dass die frühere Ladezeit von 35 Minuten nun unter zehn Minuten liege. In einem späteren Beitrag wurde erklärt, man habe die Ladegeschwindigkeit bewusst gedrosselt, damit Fahrer in Ruhe einen Kaffee trinken könnten, statt einen Espresso hinunterzustürzen. In den tatsächlichen Tests erreicht das Pack 70 Prozent nach neun Minuten und sieben Sekunden, 80 Prozent nach zwölf Minuten und drei Sekunden. Die Zehn-Minuten-Marke wird also nur dann gehalten, wenn man sich mit 70 Prozent zufriedengibt.
Strafanzeige und interne E-Mail-Korrespondenz
Am 17. April 2026 eskalierte der Fall deutlich. Lauri Peltola, Mitgründer und vormaliger Chief Commercial Officer der Nordic Nano Group, erklärte gegenüber der finnischen Tageszeitung Helsingin Sanomat, die markigen Versprechen seien schlicht nicht wahr, und erstattete Strafanzeige bei den Behörden. Nordic Nano war als Entwicklungspartner in das Batterieprojekt eingebunden, Donut Lab hält Anteile an dem Unternehmen.
Peltola äußerte sich in dem Bericht unmissverständlich: „the promised battery properties, such as energy density and charging cycles, have not been achieved. The readiness for mass production has also been misrepresented. The company does not have the promised capacity for mass production and large production volumes of batteries.“ (Auf Deutsch: „Die versprochenen Batterieeigenschaften wie Energiedichte und Ladezyklen wurden nicht erreicht. Auch die Bereitschaft zur Serienfertigung wurde falsch dargestellt. Das Unternehmen verfügt nicht über die versprochene Kapazität für Serienfertigung und große Produktionsvolumina an Batterien.“) Peltola betonte, er habe die Anzeige eigenständig und aus eigenem Ermessen erstattet. Das Vorgehen von Donut Lab lasse sich nicht mit seinem eigenen moralischen Verständnis vereinbaren. Die Produktionslinie werde erst später in diesem Jahr fertiggestellt, und ihre Kapazität sei nicht so groß wie von Marko Lehtimäki dargestellt.
Besonders brisant sind die E-Mail-Unterlagen, die Helsingin Sanomat eigenen Angaben zufolge einsehen konnte. Daraus ergibt sich erstmals die vollständige Lieferkette hinter der Donut-Batterie: Das kleine deutsche Unternehmen CT-Coating entwickle die eigentliche Technologie, Nordic Nano sei für die Fertigung zuständig, und Donut Lab übernehme die Produktvermarktung. Diese Arbeitsteilung hatte Donut Lab öffentlich nie offengelegt. Aus der Korrespondenz geht zudem hervor, dass CT-Coating die Weiterentwicklung genau jener Batterie eingestellt hat, die Donut Lab im Januar vorgestellt und zur Prüfung an das VTT übergeben hatte. Das Unternehmen arbeitet stattdessen an einer neuen Generation, die sich noch in einer frühen Entwicklungsphase befindet. Unabhängige Tests von CT-Coating-Zellen aus dem Jahr 2024 ergaben eine Energiedichte von 268 bis 297 Wh/kg, also deutlich unter den beworbenen 400 Wh/kg.

Lehtimäkis Eingeständnis im Interview
Brisant ist auch ein Interview, das Donut-Lab-Chef Marko Lehtimäki Helsingin Sanomat gab. Darin räumte er ein, dass die 100.000 Ladezyklen nie getestet, sondern aus niedrigeren Werten hochgerechnet worden seien. Auf die Frage, ob bereits Kunden die beworbene 400-Wh/kg-Batterie erhalten hätten, antwortete er wörtlich: „There have been no 400 Wh/kg batteries delivered to customers.“ (Auf Deutsch: „Es wurden bisher keine 400-Wh/kg-Batterien an Kunden ausgeliefert.“) Wann dies geschehen solle, ließ er offen und sprach lediglich von der näheren Zukunft. An anderer Stelle deutete er an, dass die an VTT übergebenen Testzellen nicht zwangsläufig identisch mit jenen seien, die an Kunden ausgeliefert würden. Auf die Nachfrage nach dem offensichtlichen Widerspruch verwies er auf unterschiedliche Einsatzbereiche und Zellgenerationen sowie auf geistige Eigentumsrechte und Patentfragen, die eine vollständige Offenlegung verhinderten.
Die Polizei in Helsinki hat bestätigt, dass in diesem Monat eine Strafanzeige gegen ein Batterietechnologie-Unternehmen eingegangen ist. Peltola hat zusätzlich die finnische Finanzaufsicht und den externen Meldekanal des obersten Justizkanzlers eingeschaltet.
Finanzielle Warnsignale
Die Kontroverse beschränkt sich nicht auf die Batterietechnik. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC, die den Jahresabschluss 2024 der estnischen Verge-Tochter geprüft hatte, konnte das Testat nicht abschließen. Laut Bericht fehlten nahezu sämtliche Finanzinformationen zu Lagerbestand, Verkaufsquittungen, Forschungsausgaben und Vermögenswerten. Die estnische Tochtergesellschaft verfüge über keine liquiden Mittel und hänge von Darlehen der finnischen Muttergesellschaft, ihres Managements und deren Angehörigen ab.
Helsingin Sanomat berichtet zudem, Donut Lab habe einzelne finnische Investoren kontaktiert und Renditen in dreistelliger Prozenthöhe innerhalb weniger Monate in Aussicht gestellt. Der finnische öffentlich-rechtliche Rundfunk veröffentlichte eine Investorenbroschüre von Donut Lab, in der mit einer Verzehnfachung des Einsatzes binnen 18 Monaten geworben wurde.

Reaktion der Unternehmen
Donut Lab und Nordic Nano wiesen die Vorwürfe in einer gemeinsamen Stellungnahme zurück. Die Unternehmen erklärten, sie hätten weder eine Straftat begangen noch Investoren in die Irre geführt. Der Anzeigeerstatter verfüge nicht über die nötigen Kenntnisse der Batterietechnologie oder den Gesamtüberblick über die Entwicklungsarbeit. Nordic-Nano-CEO Esa Parjanen wies die Vorwürfe insgesamt zurück und erklärte, Peltola sei am Batterieprojekt nicht beteiligt gewesen. Beide Unternehmen stehen nach eigenen Angaben zu den veröffentlichten Spezifikationen und kündigten an, in den kommenden Monaten weitere unabhängige Testergebnisse vorzulegen. Die rechtliche Bewertung der Strafanzeige läuft nach Angaben beider Unternehmen unter Einbeziehung ihrer Rechtsberater.
Der Markt wartet auf Belege
Während Donut Lab in der Kritik steht, hat sich der Wettbewerb im Bereich Feststoffbatterien im ersten Quartal 2026 deutlich verschärft. CATL hat umfangreiche Patentanmeldungen veröffentlicht, Changan plant den Einsatz von 400-Wh/kg-Packs noch vor Ende des dritten Quartals 2026, Factorial Energy ging nach einem Reichweitentest über rund 1.200 Kilometer an die Börse, und ION Storage Systems qualifizierte als erstes US-Unternehmen eine Feststoffzelle beim Kunden. Die meisten dieser Anbieter peilen nennenswerte Serienstückzahlen allerdings erst zwischen 2027 und 2030 an. Donut Lab bleibt damit vorerst das einzige Unternehmen, das bereits jetzt von einer laufenden Serienproduktion spricht, obwohl der entscheidende Nachweis einer unabhängigen Prüfung auf Pack-Ebene unter standardisierten Bedingungen noch aussteht.

Häufige Fragen
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Was wirft der Whistleblower Donut Lab konkret vor?
Lauri Peltola, Mitgründer der Nordic Nano Group, wirft Donut Lab vor, die versprochenen Batterieeigenschaften wie Energiedichte und Ladezyklen seien nicht erreicht worden und die Bereitschaft zur Serienfertigung sei falsch dargestellt. Er hat Strafanzeige bei den finnischen Behörden erstattet sowie Meldungen bei der Finanzaufsicht und dem obersten Justizkanzler eingereicht.
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Wann wird die Verge TS Pro mit der Donut-Lab-Batterie ausgeliefert?
Verge-Chef Tuomo Lehtimäki erklärte, bereits im Vorjahr eingegangene Bestellungen würden wie geplant im ersten Quartal 2026 bedient. Neu aufgegebene Bestellungen werden erst im vierten Quartal 2026 ausgeliefert, zahlreiche reichen bereits bis 2027. Die Produktion 2026 ist auf etwa 350 Motorräder begrenzt.
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Wurde die Donut-Lab-Feststoffbatterie unabhängig getestet?
Das finnische VTT Technical Research Centre hat einzelne Zellen untersucht und dabei Ladezeiten von rund fünf Minuten sowie die Abwesenheit eines thermischen Durchgehens bei Beschädigung bestätigt. Die zentralen Werbeversprechen von 400 Wh/kg Energiedichte und 100.000 Ladezyklen wurden bisher nicht unabhängig überprüft. Marko Lehtimäki räumte ein, dass der 100.000-Zyklen-Wert aus niedrigeren Messwerten hochgerechnet wurde.
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Welche Rolle spielt CT-Coating in der Donut-Lab-Affäre?
Laut den von Helsingin Sanomat eingesehenen E-Mails entwickelt das deutsche Unternehmen CT-Coating die eigentliche Technologie, Nordic Nano übernimmt die Fertigung, und Donut Lab agiert als Vermarkter. Diese Arbeitsteilung hatte Donut Lab öffentlich nie offengelegt. Zudem hat CT-Coating die Weiterentwicklung der im Januar vorgestellten Batterie eingestellt und arbeitet an einer neuen Generation, die sich noch in einer frühen Entwicklungsphase befindet.
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