- In den Niederlanden wurden 2025 mehr Motorräder importiert als neu verkauft
- Die RAI-Vereinigung fordert eine verpflichtende Prüfung bei abweichenden BPM-Werten
- Allein bei einer Marke soll der Schaden innerhalb eines Jahres bei 1,5 Millionen Euro gelegen haben
Die sogenannte BPM, die niederländische Steuer auf die Anschaffung von Kraftfahrzeugen, ist seit Jahren ein Streitthema in der Motorradbranche. Nun hat Tom Crooijmans, Vorsitzender der Sektion Motorräder der RAI-Vereinigung und gleichzeitig Leiter von BMW Motorrad Niederlande, das Thema öffentlich auf die Agenda gesetzt. In einem Bericht der Tageszeitung De Telegraaf spricht er von einem systematischen Problem, das inzwischen erhebliche Ausmaße angenommen haben soll. Mehrere niederländische Medien, darunter NOS und Autoblog, griffen das Thema anschließend auf.
So funktioniert der Betrug mit der Anschaffungssteuer
Das Prinzip hinter dem BPM-Betrug ist vergleichsweise simpel. Bei der Einfuhr gebrauchter Motorräder aus dem europäischen Ausland wird die Höhe der zu zahlenden Anschaffungssteuer anhand des Fahrzeugwerts berechnet. Je niedriger dieser Wert ausfällt, desto weniger BPM muss entrichtet werden. Genau hier setzen die Betrüger an.
Laut Crooijmans handelt es sich dabei überwiegend um junge Gebrauchtmotorräder aus dem Ausland, deren Einfuhr auf dem Papier abgewickelt wird. Um den Wert zu drücken, werden nicht vorhandene oder übertriebene Schäden gemeldet, falsche Kilometerangaben gemacht oder manipulierte Gutachten vorgelegt. In manchen Fällen sollen sogar beschädigte Teile vor der Wertermittlung montiert und anschließend wieder gegen die unbeschädigten Originalteile ausgetauscht worden sein. Auf einer Motorradmesse habe Crooijmans selbst gesehen, wie bei einigen Maschinen die Rahmennummern abgeklebt waren.
„Je ziet de bedrijfjes oppoppen en motoren verkocht worden tegen tarieven die helemaal niet kunnen.“ (Man sehe Unternehmen auftauchen, die Motorräder zu Preisen verkaufen, die schlicht nicht möglich seien.) So beschreibt Crooijmans die Situation gegenüber De Telegraaf.
Wer verliert wirklich?
Die RAI-Vereinigung argumentiert, der Betrug wirke sich vor allem zum Nachteil der Motorradfahrer aus, die solche Maschinen kaufen. Ein zu niedriger BPM-Wert ist im RDW-Register, der niederländischen Fahrzeugzulassungsbehörde, dauerhaft einsehbar und weist auf eine vermeintliche Schadenshistorie hin. Wer ein solches Motorrad später an einen offiziellen Händler zurückgeben oder in Zahlung geben möchte, dürfte Probleme bekommen. Die RAI warnt, dass ein anerkannter Händler eine Maschine mit auffällig niedrigem BPM-Wert vermutlich nicht annehmen werde.
Branchenexperten sehen die Situation allerdings differenzierter. Ihren Einschätzungen zufolge ist nicht der einzelne Käufer der größte Verlierer, sondern die Motorradbranche selbst. Der Betrug führt einerseits zu einer unfairen Konkurrenz im Gebrauchtmarkt, weil ehrlich importierte Fahrzeuge preislich nicht mithalten können. Andererseits entsteht ein zunehmender Wettbewerb mit dem Neuverkauf, wenn junge Gebrauchtmotorräder zu künstlich niedrigen Preisen angeboten werden. Auch die niederländische Steuerbehörde verliert erhebliche Einnahmen. Crooijmans beziffert den Schaden bei nur einer einzigen Marke auf 1,5 Millionen Euro innerhalb eines Jahres und fügt hinzu, das sage genug über den Gesamtumfang des Betrugs aus.
Grauer Import überholt den Neuverkauf
Ein wesentlicher Hintergrund der Debatte ist die rasante Entwicklung des sogenannten grauen Imports. 2025 wurden in den Niederlanden laut den Kennzeichenregistrierungsdaten des RDC insgesamt 20.051 Motorräder aus dem Ausland importiert. Im selben Zeitraum kamen lediglich 19.614 Neufahrzeuge auf den Markt. Der Import wuchs damit um 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und übertraf erstmals den offiziellen Neuverkauf.
Die Liste der importierten Marken wird von Yamaha mit 3.356 Stück angeführt, gefolgt von BMW mit 3.256 und Honda mit 3.190 Einheiten. Besonders auffällig ist das Wachstum bei BMW: Die Importzahlen stiegen gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent. Zum Vergleich lieferte BMW Motorrad im gleichen Zeitraum 2.620 Neufahrzeuge in den Niederlanden aus. Zusätzlich wurden 9.275 gebrauchte BMW-Motorräder innerhalb des Landes umgesetzt. Der graue Import überflügelte also den Neuverkauf der Marke deutlich.
Bei den Neuverkäufen konnte sich Kawasaki mit 3.167 verkauften Motorrädern und einem Marktanteil von 16,15 Prozent zum zweiten Mal in Folge als Marktführer behaupten. Yamaha folgte mit 2.762 Einheiten auf Platz zwei, BMW lag mit 2.620 Stück auf dem dritten Rang, knapp vor Honda mit 2.609 Exemplaren. Die meistverkaufte einzelne Modellreihe blieb die BMW R 1300 GS mit 1.065 Einheiten.
Forderung nach verbindlichen Werttabellen
Crooijmans plädiert in dem Telegraaf-Bericht für neue Regelungen. Motorräder mit einem auffällig abweichenden BPM-Wert sollten künftig zwingend einer physischen Prüfung unterzogen werden. Zudem fordert er die Einführung fester BPM-Werttabellen für Motorräder, wie sie bei Pkw bereits existieren. Wer dann von den Tabellenwerten abweichen wolle, solle dies erst nach einer echten Begutachtung tun dürfen.
Ob solche Tabellen den Betrug tatsächlich eindämmen würden, wird allerdings bezweifelt. Bei Pkw existieren bereits vergleichbare Regelungen, und trotzdem schätzt De Telegraaf den jährlichen Steuerausfall durch BPM-Betrug bei gebrauchten Autos auf mehr als 200 Millionen Euro. Erst kürzlich hatte die niederländische Steuerfahndung FIOD in diesem Zusammenhang sieben Verdächtige festgenommen.
Wer hat ein Interesse an der Debatte?
Bemerkenswert an der Diskussion ist die Konstellation der Akteure. Crooijmans spricht in seiner Funktion als Vorsitzender der RAI-Sektion Motorräder, also als Vertreter der Importeure und Hersteller, deren Mitglieder ausschließlich neue Motorräder verkaufen. Der Betrug betrifft jedoch ausschließlich den Gebrauchtmarkt. Eigentlich wäre es naheliegend, dass die Händlervereinigung BOVAG, die den Occasionshandel vertritt, in dieser Frage die Stimme erhebt. In der aktuellen Berichterstattung fehlt die BOVAG jedoch auffällig.
Dieser Umstand legt nahe, dass die offizielle Motorradbranche den wachsenden Parallelimport grundsätzlich als Bedrohung für ihr Neugeschäft betrachtet. Der Betrugsvorwurf, so berechtigt er inhaltlich sein mag, lenkt dabei auch die Aufmerksamkeit auf ein für die Industrie unliebsames Phänomen: den stetig wachsenden Zustrom junger Gebrauchtmotorräder aus Nachbarländern, der den Absatz neuer Maschinen im Inland unter Druck setzt.
Betrug bei der Mehrwertsteuer möglicherweise noch gravierender
Branchenexperten weisen darauf hin, dass die Debatte um die BPM möglicherweise vom größeren Problem ablenkt. Bei der Mehrwertsteuer (BTW) soll der Betrug noch umfangreicher sein, insbesondere bei der Einfuhr von Crossmotorrädern. Da diese Fahrzeuge kein Kennzeichen benötigen, können sie deutlich einfacher über die Grenze gehandelt werden, ohne dass überhaupt Mehrwertsteuer abgeführt wird. Beim BPM-Betrug geht es dagegen nur um eine Reduzierung des ohnehin gezahlten Betrags.
Die BPM als Grundsatzproblem
Jenseits der Betrugsthematik gibt es in der niederländischen Motorradwelt einen breiten Konsens: Eigentlich möchte die gesamte Branche die BPM auf Motorräder ganz abschaffen. Die Steuer verteuert Motorräder in den Niederlanden um mehrere tausend Euro gegenüber anderen europäischen Ländern. Genau dieser Preisunterschied macht den Import aus dem Ausland überhaupt erst so attraktiv und bietet damit auch den Nährboden für die beschriebenen Betrugsmethoden.
Häufige Fragen
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Was ist die BPM bei Motorrädern in den Niederlanden?
Die BPM ist eine niederländische Anschaffungssteuer, die beim Kauf oder bei der Einfuhr eines Motorfahrzeugs fällig wird. Bei Motorrädern richtet es sich nach dem Fahrzeugwert, wobei es anders als bei Pkw keine festen Werttabellen gibt. Die Steuer kann bei der Einfuhr aus dem Ausland mehrere hundert bis tausend Euro betragen.
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Wie erkennt man BPM-Betrug beim Kauf eines importierten Motorrads?
Ein auffällig niedriger BPM-Wert im RDW-Register deutet auf eine vermeintliche Schadenshistorie hin. Wenn ein Motorrad zu Preisen angeboten wird, die deutlich unter dem Marktüblichen liegen, ist Vorsicht geboten. Die RAI empfiehlt, sich vor dem Kauf genau über den BPM-Wert zu informieren und im Zweifel eine unabhängige Prüfung durchführen zu lassen.
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Wie viele Motorräder werden jährlich in die Niederlande importiert?
2025 wurden laut RDC insgesamt 20.051 Motorräder aus dem Ausland in die Niederlande importiert, ein Anstieg von 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit übertrafen die Importe erstmals die Zahl der 19.614 Neuverkäufe. 98 Prozent der importierten Maschinen waren Gebrauchtfahrzeuge.
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Warum sind Motorräder in den Niederlanden teurer als in anderen EU-Ländern?
Der Preisunterschied geht im Wesentlichen auf die BPM zurück, die in den meisten anderen europäischen Ländern für Motorräder nicht erhoben wird. Diese Steuer kann ein Motorrad um mehrere tausend Euro verteuern und macht den Import aus dem Ausland finanziell attraktiv.
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