- 1000-ccm-Reihenvierzylinder mit 185 PS und 13.000 U/min Drehzahlgrenze
- Handgeformte Aluminium-Karosserie auf einem Chromoly-Stahlrahmen
- Luftfederung mit 11,4 cm Höhenverstellung per Knopfdruck
Wer den Namen W. Robert Ransom zum ersten Mal hört, wird ihn vermutlich nicht sofort mit Motorrädern in Verbindung bringen. Ransom bezeichnet sich selbst als Bildhauer, nicht als Motorradbauer. Seine Maschinen entstehen nicht in einer Serienfertigung und auch nicht nach dem klassischen Muster eines Custom-Shops. Die Archangel, Teil der sogenannten Valiance Collection, ist ein Unikat aus Aluminium, Stahl und Titan, das irgendwo zwischen fahrbarer Skulptur und Hochleistungsmotorrad existiert.
Von der Yamaha-Dreirad zur eigenen Werkstatt
Die Geschichte von Ransom Motorcycles beginnt im Jahr 1983, als der dreijährige W. Robert Ransom von seinem Vater eine Yamaha TriZinger YT60 geschenkt bekam. Der Hintergedanke war wenig romantisch: Ransoms Eltern waren geschieden, und sein Vater hoffte, dass das Dreirad seinen Sohn regelmäßig zu ihm nach Hause locken würde. Die Rechnung ging zumindest in einer Hinsicht auf, denn der junge Ransom entwickelte eine lebenslange Leidenschaft für Motorräder. Als sein Vater nur vier Jahre später verstarb, musste der damals Siebenjährige seine Maschinen selbst pflegen. Zündkerzen einstellen, Luftfilter reinigen und Ölwechsel durchführen gehörten von da an zu seinem Alltag. Mit zwölf Jahren begann er, seine Motorräder zu modifizieren, und mit 19 eröffnete er seinen ersten eigenen Service-Shop in South New Jersey.
Der entscheidende Moment kam mit 24. Ransom hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei formale Ausbildung in Metallbearbeitung, Schweißtechnik oder Fahrwerkskonstruktion. Trotzdem entwarf er ein vollständig neues Motorradkonzept und brachte es sich innerhalb von sieben Monaten selbst bei, es von Grund auf zu bauen. Das Ergebnis war The Serpent, ein Motorrad mit extrem tiefem Schwerpunkt und gestrecktem Radstand, angetrieben von einem japanischen Sportmotormotor. „So I took The Serpent and stylized it, squashed it, stretched it, and that’s where we end up with the Archangel“, erklärte Ransom gegenüber dem Maxim Magazine. Übersetzt: „Ich nahm The Serpent und habe sie stilisiert, gestaucht, gestreckt, und dort enden wir bei der Archangel.“ The Serpent befindet sich mittlerweile in der Dauersammlung des Audrain Museum in Newport, Rhode Island.
Die Archangel: Skulptur auf zwei Rädern
Die Archangel entstand als Auftragsarbeit für einen orthopädischen Chirurgen, der am Wochenende Rennen fuhr und auf öffentlichen Straßen zu schnell unterwegs war. Er suchte ein Motorrad, das ihn auch bei niedrigeren Geschwindigkeiten fordern sollte. Ransoms Lösung: ein breiter Hinterreifen und ein stärkerer Nachlauf an der Gabel, um die Geschwindigkeit zu drosseln und gleichzeitig das Kurvenverhalten intensiver zu gestalten.
Das Ergebnis ist eine Maschine, deren Karosserie komplett aus handgeformtem Aluminium besteht. Kein Bauteil wird gestanzt oder gepresst. Stattdessen wird jedes Blech von Hand gehämmert und in Form gebracht. Die Linienführung zieht sich ohne Unterbrechung vom vorderen Kotflügel bis zum Heck. Sogar der Scheinwerfer ist in die Verkleidung integriert und bleibt im Ruhezustand verborgen. Erst wenn die Nase des Motorrads nach vorn gleitet, wird die LED-Beleuchtung sichtbar.
Der Rahmen besteht aus handgefertigtem 4130-Chromoly-Stahl. Die Einarmschwinge dient gleichzeitig als Lufttank für die verstellbare Federung, die per Knopfdruck bis zu 11,4 cm Höhenverstellung ermöglicht. Im abgesenkten Zustand liegt das Motorrad flach und stabil auf der Straße, bei voller Höhe gibt es zusätzliche Bodenfreiheit für Kurvenfahrten. Im Stand ruht die Archangel auf einem speziell angefertigten Mittelständer, der nach vorn schwenkt und das Motorrad perfekt aufrecht hält.

Japanisches Herz mit 185 PS
Im Zentrum der Archangel arbeitet ein flüssigkeitsgekühlter 1000-ccm-Reihenvierzylinder japanischer Herkunft, der 185 PS (136 kW) bei einer Drehzahlgrenze von 13.000 U/min leistet. Das Verdichtungsverhältnis liegt bei 12,7:1. Welcher Hersteller den Motor liefert, behält Ransom bewusst für sich. Er möchte vermeiden, dass seine Schöpfungen mit einer bestimmten Marke assoziiert werden. Die Archangel trägt eine eigene VIN-Nummer und soll ausschließlich als Ransom-Motorrad wahrgenommen werden.
Die Gemischaufbereitung übernimmt eine Einspritzanlage mit offen liegenden Ansaugtrichtern, die im 45-Grad-Winkel nach hinten zeigen. Das Sechsganggetriebe leitet die Kraft über eine vernickelte EK-WX-Ring-Kette im Format 525 an das Hinterrad weiter. Die Kupplung arbeitet als Mehrscheiben-Nasskupplung mit einem mechanischen Brembo-Kupplungshebel.
Die Auspuffanlage besteht aus polierten Krümmern in chirurgischem 304-Edelstahl, die in einen glasfasergepackten Titan-Schalldämpfer münden. Der Klang soll tief und satt sein, ohne aufdringlich laut zu wirken.
Fahrwerk und Bremsen
Die 18-Zoll-Räder sind aus geschmiedetem Aluminium gefertigt. Hinten sitzt eine 10,5 Zoll breite Felge mit einem Avon AV72 Cobra im Format 300/35-18, vorn ein Avon Storm 2 Ultra in 120/70-18. Die vordere Bremse arbeitet mit einer 320-mm-Galfer-Wave-Bremsscheibe, einem radial montierten Vierkolben-Sattel und einem Brembo-RCS-Hauptbremszylinder, verbunden über Edelstahl-Bremsleitungen. Hinten verzögert eine 250-mm-Galfer-Wave-Scheibe mit einem Zweikolben-Brembo-Sattel.
Die Sitzhöhe beträgt in der Standardposition 74,9 cm (29,5 Zoll) und lässt sich über die Luftfederung anpassen. Der Radstand misst 157,5 cm (62 Zoll), die Gesamtlänge 212,1 cm (83,5 Zoll). Das Trockengewicht liegt bei 200 kg (440 lbs). Die Lackierung ist ein dreistufiger Black Cherry Metallic in Base-Clear-Technik.
Was eine Archangel kostet
Die Archangel ist kein Motorrad, das man einfach bestellt. Ransom baut jedes Exemplar allein, ohne Mitarbeiter. Der Prozess dauert viele Monate, einen festen Liefertermin gibt es nicht. Die Preise für ein fertiges Motorrad bewegen sich laut verschiedenen Quellen im sechs- bis siebenstelligen Bereich in US-Dollar, also grob zwischen 100.000 und über 1.000.000 US-Dollar (circa 92.000 bis über 920.000 Euro).
Wer eine Auftragsarbeit in Auftrag geben möchte, muss zunächst eine nicht erstattbare Beratungsgebühr von 20.000 US-Dollar (circa 18.400 Euro / 20.000 USD) entrichten. Diese Gebühr garantiert lediglich ein persönliches Gespräch mit Ransom. Ob er den Auftrag annimmt, entscheidet er selbst. Kommt es zur Zusammenarbeit, arbeitet der Kunde zwar am Konzept mit, die kreative Kontrolle über das finale Design behält jedoch ausschließlich Ransom.
Neben der Archangel und der Valiance Collection umfasst das Portfolio von Ransom Motorcycles zwei weitere Linien: die Legacy Collection, deren erstes Modell, die Titanium Transcendence, auf einem Suzuki-Hayabusa-Motor basiert und zu 95 Prozent aus Titan gefertigt sein soll, sowie die Majesty Collection mit dem Modell Reign, das aus Massivbronze entsteht und bereits über 10.000 Arbeitsstunden verschlungen hat.
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Redakteur bei Motorrad Nachrichten. Fokus auf Technik, Szene und Motorradpolitik – neutral, sachlich, verständlich.
Verantwortlich für die Seiten www.Motorcycles.News, www.Motorrad.Training und den YouTube-Kanal "Motorrad Nachrichten", sowie deren social Media-Seiten.









