- Autoliv überträgt bewährte Sicherheitsgurt-Technologie auf Motorradhelme
- Aufrollautomatik mit Trägheitssperre soll den Kinnriemen automatisch anpassen
- Zusätzlicher Nackenriemen nach dem Dreipunkt-Gurt-Prinzip vorgesehen
Der Kinnriemen eines Motorradhelms gehört zu den Bauteilen, die sich über Jahrzehnte kaum verändert haben. Während Hersteller bei Helmschalen, Belüftungssystemen und Kommunikationselektronik ständig nachlegen, bleibt die Befestigung unter dem Kinn seit Ewigkeiten weitgehend gleich. Der Doppel-D-Ring gilt als Industriestandard, die Ratschenschnalle hat sich vor allem bei Touren- und Alltagsfahrern als bequeme Alternative etabliert, und vereinzelt gibt es magnetische Verschlusssysteme wie das Fid-Lock-System von Ruroc. Jetzt könnte ausgerechnet ein Unternehmen aus der Automobilindustrie frischen Wind in dieses Thema bringen.

Sicherheitsgurt-Technik für den Motorradhelm
Autoliv, ein schwedisch-amerikanischer Konzern mit über 70 Jahren Erfahrung in der Entwicklung von Sicherheitsgurten und Airbags für die Automobilindustrie, hat ein Patent eingereicht, das die Funktionsweise eines klassischen Dreipunkt-Sicherheitsgurts auf den Motorradhelm überträgt. Das Kernstück des Systems ist eine sogenannte Inertia-Reel-Mechanik, also eine Aufrollautomatik mit Trägheitssperre, wie sie in praktisch jedem modernen Auto verbaut ist.
Das Funktionsprinzip ist im Grunde identisch mit dem Anschnallen im Auto: Der Gurt lässt sich durch sanftes Ziehen herausziehen und passt sich so an den Träger an. Sobald der Verschluss einrastet, beginnt die Aufrolleinheit den Gurt automatisch einzuziehen, bis er straff sitzt. Laut dem Patent muss der Gurt zum Auf- und Absetzen des Helms nicht einmal gelöst werden. Der Fahrer zieht einfach am Kinn- und Nackenriemen, um die Öffnung zu weiten, setzt den Helm auf, und der Aufrollmechanismus sorgt danach selbstständig für den korrekten Sitz.
Arretierung bei Aufprall statt Straffung
Ein wesentlicher Sicherheitsaspekt des Systems betrifft das Verhalten bei einem Unfall. Moderne Sicherheitsgurte im Auto straffen sich bei einer Kollision aktiv um den Insassen, um ein Herausschleudern zu verhindern. Autolivs Helmgurt-Patent geht hier einen etwas anderen Weg: Bei einer abrupten Bewegung oder einem Aufprall soll der Mechanismus den Gurt nicht weiter anziehen, sondern arretieren. Das bedeutet, der Riemen wird blockiert und kann sich nicht weiter lockern, ein weiteres Festziehen findet jedoch nicht statt. So soll verhindert werden, dass sich der Helm bei einem Sturz vom Kopf löst.

Dreipunkt-Prinzip mit zusätzlichem Nackenriemen
Über die reine Aufrollautomatik hinaus sieht das Patent einen zusätzlichen Riemen vor, der hinter dem Nacken verläuft. Das Konzept orientiert sich am Dreipunkt-Sicherheitsgurt, der im Automobilbereich den einfachen Beckengurt abgelöst hat und die Sicherheit deutlich verbesserte. Durch den zusätzlichen Nackenriemen soll der Helm bei einer Arretierung des Systems noch sicherer am Kopf gehalten werden, da die Kräfte auf mehrere Punkte verteilt werden.
Warnsystem, Solarpanel und Windgenerator
Was zunächst ein wenig nach Aprilscherz klingt, ist laut den Patentunterlagen durchaus ernst gemeint: Das System soll über Sensoren im Verschluss verfügen, die erkennen, ob der Gurt korrekt geschlossen ist. Ist das nicht der Fall, werden Warnungen ausgelöst, in Form von Vibrationen, akustischen Signalen oder sogar einer Einblendung im Visier. Autoliv hat dabei offenbar auch an den naheliegendsten Umgehungsversuch gedacht, nämlich die Batterie einfach leer werden zu lassen. Im Patent wird daher ein integriertes Solarpanel oder alternativ ein windgetriebener Kleingenerator zur Stromversorgung vorgeschlagen.

Autoliv baut Motorrad-Engagement systematisch aus
Dass ausgerechnet ein Automobilzulieferer den Motorradhelm neu denken will, kommt nicht aus dem Nichts. Autoliv hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 jährlich 100.000 Menschenleben zu retten, und erweitert dafür sein Engagement über das Automobil hinaus systematisch in Richtung Zweirad. Bereits zuvor hat das Unternehmen Airbag-Helme in Zusammenarbeit mit dem italienischen Helmhersteller Airoh vorgestellt. Im März 2026 präsentierte Autoliv gemeinsam mit dem japanischen Ausrüster RS Taichi auf der Tokyo Motorcycle Show die Airbag-Weste T-SABE, die als erstes vollständig von Autoliv entwickeltes tragbares Schutzsystem für Motorradfahrer gilt. Auch der neue Yamaha Tricity 300 fährt bereits mit einem Autoliv-Airbag vor.
Das Helm-Patent reiht sich also in eine breitere Strategie ein. Autoliv verfügt als Weltmarktführer für Sicherheitsgurte mit einem globalen Marktanteil von 45 Prozent bei Gurtsystemen über eine enorme Expertise in genau der Technologie, die hier auf den Helm übertragen werden soll.
Offene Fragen und Einschränkungen
Bei aller technischen Raffinesse bleiben einige Fragen offen. Die drängendste betrifft die Baugröße: Wie die gesamte Mechanik einer Aufrollautomatik in den begrenzten Raum eines Motorradhelms integriert werden soll, ohne das Gewicht spürbar zu erhöhen, ist unklar. Jedes zusätzliche Gramm am Helm kann sich auf Tragekomfort und Ermüdung auswirken.
Zudem stellt sich die Frage der grundsätzlichen Notwendigkeit. Dass sich ein Helm bei einem Sturz vom Kopf löst, ist vergleichsweise selten und in den meisten Fällen auf einen falsch gewählten Helm oder Bedienfehler beim Verschließen zurückzuführen. Ob ein mechanisches System nötig ist, um einen Gurt korrekt zu schließen, den man auch manuell in wenigen Sekunden festziehen kann, darüber dürften die Meinungen auseinandergehen.
Wichtig ist dabei auch die Einordnung: Ein Patent bedeutet nicht, dass ein Produkt tatsächlich auf den Markt kommt. Es zeigt aber, dass Autoliv aktiv an solchen Konzepten arbeitet und zumindest die technische Machbarkeit durchdenkt. Ob und wann ein Helm mit Aufrollautomatik tatsächlich im Laden steht, ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen.

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