- Tirol: 19 markierte Kurven, 80 Prozent weniger Motorradunfälle mit Personenschaden
- Schottland: 61 Prozent weniger Motorradunfälle mit Verletzten an den Teststellen
- Deutschland: Erprobung auf der L218 in der Eifel, weitere Strecken sind geplant
Ein paar weiße Formen auf dem Asphalt sehen erst einmal nicht nach großer Verkehrssicherheit aus. Der europäische Motorradfahrerverband FEMA weist trotzdem seit Jahren darauf hin, dass genau diese Formen das Fahrverhalten in Kurven verändern. Belege dafür kommen inzwischen aus Österreich, Großbritannien und Deutschland. Norwegen hat jetzt einen eigenen Versuch gestartet.

Wie funktionieren Kurvenmarkierungen für Motorräder?
Die Markierungen nutzen einen einfachen Reflex: Motorradfahrer meiden es, über Farbe auf der Fahrbahn zu fahren. Genau dieses Verhalten machen sich die Systeme zunutze, indem sie die Markierung dorthin setzen, wo die Fahrlinie nicht verlaufen soll.
Der Hintergrund ist ein bekanntes Unfallmuster. In Linkskurven orientieren sich viele Fahrer zu weit zur Fahrbahnmitte. Durch die Schräglage ragen Motorrad und Oberkörper dann in die Gegenfahrbahn. Kommt plötzlich Gegenverkehr, ist eine spontane Korrektur oft nicht mehr möglich. Nach Angaben des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit ist das Abkommen nach rechts in einer Linkskurve nach dem Sturz die zweithäufigste Art von Motorradunfall. In einer österreichischen Untersuchung fuhren fünf von sechs Motorradfahrern so weit links, dass sie bei Gegenverkehr hätten korrigieren müssen. Die erste Korrektur gelingt meist noch, die zweite scheitert häufig an der Schräglagenangst.
Ein zweites Muster beschreibt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat: Wer die Kurve schneidet und die Mittellinie schon vor dem Scheitelpunkt erreicht, wird bei gleichbleibendem Tempo am Kurvenausgang über den rechten Fahrbahnrand hinausgetragen.
Was hat Österreich mit den Ellipsen erreicht?
Österreich hat in 19 besonders unfallträchtigen Kurven in Tirol weiße Ellipsen aufgebracht und danach 80 Prozent weniger Motorradunfälle mit Personenschaden gezählt. Die Markierungen liegen wie eine Perlenschnur entlang der Mittellinie.
Das Kuratorium für Verkehrssicherheit hatte die Kurven gemeinsam mit dem Land Tirol und den örtlichen Straßenmeistereien ausgewählt. Es handelte sich um Stellen, an denen andere Maßnahmen bereits gescheitert waren. Im Frühsommer 2019 kam Folienmaterial vom Typ 3M Stamark 380 zum Einsatz, unter anderem wegen des hohen Reibwerts und weil die Folie unmittelbar nach dem Aufbringen befahrbar ist.
Die Zahlen dahinter: In einem Vergleichszeitraum von sieben Jahren gab es an diesen Kurven im Schnitt 13 Verletzte und 0,6 Getötete pro Jahr. Zwischen Juli 2019 und Ende 2021 wurden insgesamt vier Unfälle mit Personenschaden registriert. Nach Abzug des Pandemieeffekts, also rund zehn Prozent weniger Pendlerverkehr und 40 Prozent weniger Freizeitverkehr, bleibt der Rückgang von 80 Prozent. Tödliche Unfälle gab es in den markierten Kurven danach keine mehr.
Der Aufwand ist überschaubar. Laut FEMA reicht für eine Kurve meist Folienmaterial im Wert von unter 1.000 Euro (circa 1.160 US-Dollar), mit Farbe wird es noch günstiger. Erste Versuche mit Balken und Ellipsen liefen in Österreich bereits ab 2017 auf acht beliebten Motorradstrecken.

Wie sieht das schottische PRIME-System aus?
Schottland arbeitet nicht mit Ellipsen an der Mittellinie, sondern mit drei pfeilartigen Toren vor der Kurve, durch die der Fahrer hindurchfährt. Das System heißt PRIME, ausgeschrieben Perceptual Rider Information for Maximising Expertise and Enjoyment, an anderer Stelle bei Transport Scotland auch Perceptual Rider Information for Maximisation of Enjoyment and Expertise.
Der Ansatz stammt aus der angewandten Psychologie und wird dort als Nudging bezeichnet, also als sanftes Anstupsen statt Verbot. Vor Linkskurven liegen die Tore am rechten Rand des Fahrstreifens, vor Rechtskurven am linken. Das entspricht der Fahrlinie, die auch in Fortbildungen für Fahrer gelehrt wird. Weil es drei Tore sind, kann jeder Fahrer seinen Bremspunkt selbst wählen, je nach Maschine, Fahrstil oder Wetter. Ein Hinweisschild vor der Strecke erklärt die Bedeutung.
Vor dem Aufbau wurden je 200 Motorrad- und Autofahrer befragt. Bei den Motorradfahrern hielten 93 Prozent die Markierung für eine gute Idee, 96 Prozent für ein sinnvolles Konzept und 90 Prozent wollten sie künftig nutzen. Bei den Autofahrern lagen die Werte bei 91, 95 und 70 Prozent. In einer weiteren Befragung mit 200 Teilnehmern bevorzugten 82 Prozent die Tor-Variante. Weiße Markierungen und drei Tore schnitten am besten ab.
Geleitet hat die Forschung Professor Alex Stedmon, entwickelt wurde das System mit dem Markierungshersteller WJ. Der Road Safety Trust stellte dafür mehr als 215.000 Pfund (circa 247.000 Euro / 288.000 US-Dollar) bereit.
Wie gut wirkt PRIME nach fünf Jahren?
Ein neuer Bericht des Road Safety Trust weist über alle Teststellen hinweg 61 Prozent weniger Motorradunfälle mit Verletzten aus. Bei Unfällen mit Getöteten oder Schwerverletzten liegt der Rückgang im Mittel bei 46 Prozent.
In Phase 1 zwischen 2020 und 2022 waren 22 Kurven auf Fernstraßen mit Tempolimits von 50 oder 60 Meilen pro Stunde markiert worden, verteilt über 750 Quadratmeilen im Westen Schottlands. Ausgewertet wurden Videoaufnahmen von mehr als 32.000 Motorrädern, per Hand. Ergebnis: deutlich niedrigere Geschwindigkeiten, bessere Fahrposition sowohl bei der Anfahrt als auch am Scheitelpunkt und besseres Bremsverhalten. An den zuvor bekannten Unfallhäufungsstellen mit PRIME-Markierung gab es seit Beginn der Versuche keinen Motorradunfall mit Verletzten mehr.
Phase 2 von 2023 bis 2025 kam auf insgesamt 35 Stellen, davon 13 neue Kurven und fünf Stellen aus Phase 1. Ausgewertet wurden mehr als 47.000 Motorradbewegungen. Dabei zeigte sich auch, dass die Wirkung in nachfolgende Kurven hineinträgt und über zwei, drei und fünf Jahre anhält. Das Aufbringen selbst dauert meist ein bis zwei Stunden.
Rechtlich verbindlich sind die Markierungen nicht. Niemand muss durch die Tore fahren, und in der britischen Zeichenverordnung sind sie bislang nicht vorgeschrieben. Wer sie einsetzen will, braucht eine gesonderte Genehmigung.
Wo liegen die britischen Strecken?
Die Markierungen liegen inzwischen in Schottland und in Wales. In Wales wählte die Regierung vier Stellen in Nord- und Mittelwales aus: die A487 bei Pantperthog in Gwynedd, die A5 bei Coed Bwlch in Rhysgog nahe Llangollen sowie zwei Abschnitte der A483, einmal bei Lower Crochan Farm nördlich von Llanbadarn Fynydd und einmal bei Glascoed Hall südlich von Newtown.
Ausgewählt wurden diese Stellen, weil dort jeweils drei oder mehr Unfälle mit Verletzten passiert waren, bei denen die Straßenführung wahrscheinlich eine Rolle spielte. Die Polizei von Dyfed-Powys nennt als Hintergrund 25 Unfälle mit mindestens einem Getöteten im Jahr 2024, ein Anstieg um 66 Prozent gegenüber 2023.
In Schottland selbst hat der Highland Council im Januar 2026 sechs Stellen auf der A939 zwischen Grantown und Nairn beschlossen, finanziert aus dem Straßensicherheitsfonds von Transport Scotland. Sechs weitere Kommunen prüfen den Einsatz. In England hat National Highways beim Verkehrsministerium beantragt, die Markierungen zuzulassen.
Was plant Norwegen?
Norwegen prüft in einem Pilotprojekt zunächst, ob die Markierungen Motorradfahrer ablenken. Die Leitung liegt bei der norwegischen Straßenverwaltung und der Nord University.
Ausgewählte Teilnehmer fahren in Kalenderwoche 25 eine festgelegte Strecke mit einer Blickerfassungsbrille, damit sich messen lässt, wohin sie schauen. Die Strecke wurde bewusst nicht öffentlich gemacht. In Kalenderwoche 36 fahren dieselben Fahrer dieselbe Strecke noch einmal, diesmal mit Ellipsen auf Teilabschnitten.
Angestoßen hat das Ganze der norwegische Motorradfahrerverband NMCU. Seit August 2024 hatte der Verband die Frage bei der Straßenverwaltung immer wieder auf den Tisch gebracht. Im Juni 2025 reisten Vertreter des Verbands zusammen mit der Nord University, der Verkehrssicherheitsorganisation Trygg Trafikk, der Straßenverwaltung und den Motorradimporteuren nach Österreich, um die Ellipsen selbst abzufahren. Geführt wurde die Gruppe von Martin Winkelbauer vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. NMCU-Geschäftsführer Arild Lind beschreibt, dass er ohne konkrete Erwartungen angereist sei und mit der Überzeugung zurückkam, ein solches Projekt auch in Norwegen zu brauchen.
Wie weit ist Deutschland bei der Kurvenmarkierung?
Deutschland erprobt die Ellipsen seit Mai 2023 auf der L218 in der Eifel, der sogenannten Panoramastraße zwischen Vossenack und Schmidt im Kreis Düren. Der Abschnitt gilt vor allem in der Motorradsaison als Unfallschwerpunkt.
In zwei Linkskurven liegen jeweils rund 30 beziehungsweise 40 Ellipsen unterschiedlicher Breite entlang der Mittellinie. Das Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen begleitet den Versuch wissenschaftlich und wertet das Fahrverhalten mit Wärmebildkameras aus. Kennzeichen und Gesichter sind darauf nicht erkennbar, personenbezogene Daten fallen also nicht an. Beteiligt sind neben Straßen.NRW auch der Kreis und die Polizei Düren, das Landesverkehrsministerium begleitet das Projekt.
Schon die erste Auswertung im September 2023 zeigte, dass die sichere Fahrlinie doppelt so oft gefahren wurde wie vorher, bei gleichzeitig niedrigeren Kurvengeschwindigkeiten. Die Zwischenergebnisse von April 2024 gehen weiter ins Detail: 85 Prozent der Motorradfahrer bewegten sich im sicheren Bereich. Vor den Markierungen hatte es 2020 und 2021 jeweils sechs Unfälle gegeben, danach nach Angaben des Kreises Düren drei leichte Unfälle. Nach einer Anpassung der Markierungen kam es zu keinen weiteren Vorfällen. Straßen.NRW-Direktor Sascha Kaiser sagt, der Unfallschwerpunkt lasse sich damit „dauerhaft in den Griff bekommen“.
Formal gibt es das Zeichen bereits: Als Zeichen Z343, Kurvenmarkierung für Zweiradfahrende, wurde es im Bundesverkehrsblatt eingeführt, allerdings ausschließlich für die Erprobungsstrecke L218. Rechtlich bindend ist die Markierung nicht, jeder darf sie überfahren. Als geschlossene Sperrfläche ist sie deshalb bewusst nicht ausgeführt. Auf die Griffigkeit wurde besonders geachtet, verwendet wird Markierungsmaterial ohne rückstrahlende Glasperlen.
Im März 2026 kündigte NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer zum Saisonstart in Heimbach die Ausweitung an. Geplant sind zunächst Abschnitte der L234 bei Bad Münstereifel, später die B266 zwischen Vogelsang und Einruhr. Dort sind allerdings noch Materialfragen offen, weil die Strecke stärker von Lkw befahren wird. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat forderte im Oktober 2025 das Bundesverkehrsministerium auf, die rechtlichen Voraussetzungen für einen bundesweiten Einsatz zu schaffen.
Was die Markierungen nicht leisten können
Die Markierungen ersetzen weder Fahrtraining noch angepasstes Tempo. Sie liefern Information genau an der Stelle, an der sie gebraucht wird, mehr nicht.
Auch die viel zitierte 80-Prozent-Zahl aus Tirol stammt aus einem konkreten Versuch an ausgewählten Kurven und lässt sich nicht auf jede Landstraße übertragen. Ein Punkt spricht allerdings dafür, dass die Wirkung kein Zufall ist: Die österreichische Untersuchung ergab, dass allgemeine Gefahrenzeichen von Motorradfahrern kaum ernst genommen werden. Die Markierungen dagegen richten sich erkennbar nur an sie, und genau darin könnte ihre Wirkung liegen.
Nach Angaben des Kuratoriums für Verkehrssicherheit laufen ähnliche Versuche außerdem in der Schweiz, in Luxemburg, Slowenien, Spanien und Australien. Damit gehören die Kurvenmarkierungen zu den wenigen Maßnahmen in der Diskussion um sichere Motorradstrecken, die weder Verbote noch Sperrungen bedeuten. In Nordrhein-Westfalen starben im vergangenen Jahr 45 Motorradfahrer, deutlich weniger als im Jahr davor, während die Zahl der Leichtverletzten stieg. Rund ein Drittel der Unfälle sind Alleinunfälle.
Häufige Fragen
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Was ist eine Kurvenmarkierung für Motorräder?
Eine Kurvenmarkierung für Motorräder ist eine zusätzliche Markierung auf der Fahrbahn, die Fahrer auf eine sichere Linie durch die Kurve führt. Sie liegt entweder als Ellipsenreihe entlang der Mittellinie oder als Reihe von drei Toren vor der Kurve. Rechtlich bindend ist sie nicht, jeder darf sie überfahren.
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Wo gibt es die Markierungen in Deutschland?
Bisher nur auf der L218 zwischen Vossenack und Schmidt im Kreis Düren. Dort läuft seit Mai 2023 ein Verkehrsversuch mit rund 30 beziehungsweise 40 Ellipsen in zwei Linkskurven. Geplant sind Abschnitte der L234 bei Bad Münstereifel sowie perspektivisch die B266 zwischen Vogelsang und Einruhr.
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Sind die Markierungen rutschig?
Die Straßenbaubehörden setzen bewusst besonders griffiges Material ohne rückstrahlende Glasperlen ein. In Messkampagnen wurde jeweils geprüft, ob die Griffigkeit der Markierung dauerhaft über der des umgebenden Belags liegt. In Tirol kam eine Folie zum Einsatz, die einen hohen Reibwert hat und sofort nach dem Aufbringen befahrbar ist.
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Wie viel kosten die Markierungen?
Für eine Kurve reicht laut FEMA meist Folienmaterial im Wert von unter 1.000 Euro (circa 1.160 US-Dollar). Mit Farbe wird es noch günstiger. Verglichen mit baulichen Maßnahmen gelten die Markierungen damit als sehr preiswert und haben sich zudem als langlebig erwiesen.
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Wofür steht die Abkürzung PRIME?
PRIME steht für Perceptual Rider Information for Maximising Expertise and Enjoyment. Transport Scotland verwendet an anderer Stelle die Variante Perceptual Rider Information for Maximisation of Enjoyment and Expertise. Gemeint ist in beiden Fällen dasselbe System aus drei Toren vor der Kurve plus Hinweisschild.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: Motorradrecht & Politik: Gesetze, Urteile und Entwicklungen für Motorradfahrer. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.












