- Honda strukturiert sein MotoGP-Projekt für 2027 komplett um: Alberto Puig tritt als Teammanager ab, Davide Brivio soll kommen
- Valentino Rossi sieht trotz vier Aprilia-Siegen keinen klaren Vorteil gegenüber Ducati
- Toprak Razgatlioglu hadert mit den Michelin-Reifen und wartet sehnsüchtig auf den Pirelli-Wechsel 2027
Die MotoGP-Saison 2026 ist gerade einmal sechs Rennwochenenden alt, doch die Geschichten, die sich im Fahrerlager abspielen, reichen weit über die aktuelle Weltmeisterschaft hinaus. Honda stellt sein gesamtes MotoGP-Programm neu auf, die Balance zwischen Aprilia und Ducati ist enger als es die Statistik vermuten lässt, und für einen der spektakulärsten Neuzugänge der vergangenen Jahre wird der Kampf mit den Reifen zur mentalen Belastungsprobe. Ein Blick auf die Themen, die das Paddock in Barcelona und darüber hinaus beschäftigen.

Warum verlässt Alberto Puig seinen Posten als HRC-Teammanager?
Alberto Puig gibt seine Position als Teammanager von Honda Racing Corporation ab und wechselt 2027 in eine übergeordnete Beraterrolle. Am Vorabend des Katalonien-GP bestätigte Honda die Personalie offiziell. Puig hatte den Posten 2018 von Livio Suppo übernommen und war damit der dienstälteste Teammanager im MotoGP-Paddock.
Der Spanier begleitete in dieser Zeit die letzten beiden WM-Titel von Marc Marquez und überstand als einziger hochrangiger Teamverantwortlicher die Umstrukturierung, die auf Marquez‘ Abgang Ende 2023 folgte. Aleix Espargaro, seit seinem Karriereende Ende 2025 als HRC-Testfahrer tätig, ordnete die Bedeutung von Puig im Gespräch mit MotoGP-Reporter Jack Appleyard ein.
„He’s a guy who has always been at the rider’s side. He’s part of HRC, but always super close to the riders, defending them“ („Er ist jemand, der immer auf der Seite der Fahrer stand. Er ist Teil von HRC, aber immer ganz nah an den Fahrern, hat sie verteidigt“), sagte Espargaro in Barcelona. Er ergänzte, dass Puig trotz des Rollenwechsels auch 2027 präsent bleiben werde: „He will remain an important guy inside of the team. Maybe from a different perspective, but Alberto will remain here“ („Er wird eine wichtige Person innerhalb des Teams bleiben. Vielleicht aus einer anderen Perspektive, aber Alberto wird hier bleiben“).
Wer Puig als Teammanager beerbt, steht offiziell noch nicht fest. Als aussichtsreichster Kandidat gilt Davide Brivio, aktuell noch bei Trackhouse Racing unter Vertrag. Brivio soll wie Puig eine übergeordnete HRC-Position übernehmen. Auf Fahrerseite plant Honda für 2027 einen kompletten Neuanfang: Fabio Quartararo und Rookie David Alonso sollen das Werksteam bilden.
Welche Chancen hat Diogo Moreira auf einen Platz im Honda-Werksteam?
Genau dieser Neuanfang wirft die Frage auf, wo sich die anderen Honda-Piloten wiederfinden. Joan Mir hat sich laut Berichten bereits mit Gresini geeinigt, Luca Marinis MotoGP-Zukunft ist ungewiss. Für den jungen Brasilianer Diogo Moreira, der bereits in seiner ersten MotoGP-Saison einige vielversprechende Leistungen zeigte, steht fest, dass er 2027 weiter für Honda fahren wird. Nur in welchem Team, ist noch offen.
Moreira selbst hält sich bei der Frage nach einem möglichen Aufstieg ins Werksteam bewusst zurück. „It’s still too early. We need to wait“ („Es ist noch zu früh. Wir müssen abwarten“), erklärte er gegenüber SPEEDWEEK.com. Er betonte dabei mehrfach, wie wohl er sich aktuell bei LCR fühle: „Right now I ride for a good team, it is like a family for me. I am super happy in this team“ („Im Moment fahre ich für ein gutes Team, das wie eine Familie für mich ist. Ich bin super happy in diesem Team“).
Dass David Alonso den zweiten Werksteamplatz neben Quartararo einnehmen soll, könnte Moreiras Ambitionen allerdings bremsen. Johann Zarco ist bei LCR für 2027 gesetzt. Die spannendste Personalfrage bei Honda dürfte deshalb sein, ob der Ex-Moto3-Weltmeister Alonso tatsächlich direkt ins Werksteam springt oder ob Moreira durch starke Leistungen noch Argumente sammeln kann.

Warum sieht Moreira 2027 als idealen Zeitpunkt für Moto2-Aufsteiger?
Moreira glaubt, dass der Regelumbruch zur Saison 2027 den Aufstieg aus der Moto2 so einfach wie nie zuvor machen wird. Pirelli-Reifen statt Michelin, kleinere 850-ccm-Motoren und der Wegfall der Ride-Height-Devices sorgen dafür, dass sich auch die etablierten MotoGP-Veteranen komplett umstellen müssen. Der Erfahrungsvorteil der bestehenden Stammfahrer schrumpft dadurch erheblich.
„It’s a good moment for Moto2 riders. There are Pirelli tyres and all riders need to adapt to new bikes. That’s why, in my opinion, it is easier for the guys from Moto2″ („Es ist ein guter Moment für Moto2-Fahrer. Es gibt die Pirelli-Reifen und alle Fahrer müssen sich an neue Motorräder gewöhnen. Deshalb ist es meiner Meinung nach einfacher für die Jungs aus der Moto2″), so Moreira. Er verwies dabei auf eine neue Generation von Fahrern wie Dani Holgado, Barry Baltus und Manuel Gonzalez, die in den kommenden Jahren nachrücken könnten. Holgado ist bereits bei Gresini für die MotoGP gesetzt, auch der Name Senna Agius fällt im Zusammenhang mit einem Aufstieg.
Dieser Umbruch bei Honda ist Teil einer größeren Bewegung in der gesamten MotoGP. Doch während in den Hinterzimmern über die Zukunft verhandelt wird, liefern sich auf der Strecke zwei italienische Hersteller einen Kampf, der enger ist, als es die blanken Zahlen vermuten lassen.
Ist Aprilia 2026 wirklich besser als Ducati?
Vier der ersten sechs Grands Prix gingen an Aprilia, nur zwei an Ducati. Marco Bezzecchi dominierte die ersten drei Rennen mit Start-Ziel-Siegen, bevor Alex Marquez auf der Gresini-Ducati in Jerez gewann und Fabio Di Giannantonio mit der VR46-Ducati den turbulenten Barcelona-GP für sich entschied, der zweimal unterbrochen werden musste. In der Fahrer-WM liegt Bezzecchi mit 142 Punkten vor Jorge Martin (127) und Di Giannantonio (116). Aprilia führt zudem in der Team- und der Konstrukteurswertung.
Valentino Rossi, inzwischen als Teamchef von VR46 im Paddock, sieht die Situation allerdings differenzierter. Im Gespräch mit Sky Italien erklärte er, dass die Aprilia nicht grundsätzlich überlegen sei. Es handle sich vielmehr um ein etwas anderes Motorrad, das unter bestimmten Bedingungen einen kleinen Vorteil bieten könne. Den entscheidenden Faktor sieht Rossi in den Fahrern: Bezzecchi habe das Motorrad im vergangenen Jahr intensiv weiterentwickelt und fühle, dass es sein Motorrad sei. Zusammen mit Martin bilde er ein starkes Duo.
Auf der Ducati-Seite hätten die Topfahrer laut Rossi hingegen Pech gehabt. Marc Marquez laborierte an Armproblemen, und Francesco Bagnaia zeigte zwar gutes Potenzial, konnte es aber kaum in Ergebnisse umsetzen. Bagnaias dritter Platz in Barcelona war der erste Podestplatz für das Ducati-Werksteam in der gesamten Saison 2026. Saisonübergreifend musste Ducatis offizielles Team zehn Grands Prix lang auf einen Podiumsplatz warten.
Rossi zufolge liegt das Problem nicht im Motorrad, sondern in dessen Verständnis. Bagnaia habe selbst darauf hingewiesen, dass die GP26 anders zu fahren sei und erst verstanden werden müsse. Di Giannantonio und Alex Marquez hätten diesen Schritt bereits gemacht und das Potenzial abgerufen. Rossi ist überzeugt, dass die Ducati ein konkurrenzfähiges Motorrad sei, das gewinnen könne.
Rossi sieht zudem eine längerfristige Entwicklung: Bereits in der zweiten Saisonhälfte 2025 seien die Rivalen deutlich näher an Ducati herangerückt. Die Dominanz der Vorjahre sei vorbei, was Rossi als positiv für die Meisterschaft bewertet, da der enge Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Motorrädern die Serie spannender mache.
Diese Einordnung von Rossi rückt auch die Situation eines anderen Fahrers in ein anderes Licht. Denn während sich die Spitze zwischen Aprilia und Ducati balgt, kämpft am anderen Ende des Feldes ein dreifacher Superbike-Weltmeister mit ganz grundlegenden Problemen.

Warum bereiten Toprak Razgatlioglu die Michelin-Reifen solche Schwierigkeiten?
Toprak Razgatlioglu sammelte in sechs Rennwochenenden lediglich vier WM-Punkte: einen für Platz 15 in Austin und drei für Platz 13 in Le Mans. Für den dreifachen Superbike-Weltmeister, der in seiner vorherigen Serie zu den dominantesten Fahrern der jüngeren Geschichte gehörte, sind das ernüchternde Zahlen. Das Hauptproblem ist dabei nicht die Yamaha M1 selbst, sondern die Michelin-Reifen.
Razgatlioglu beschrieb das Problem detailliert: Die Michelin-Reifen hätten ein bestimmtes Arbeitsfenster, innerhalb dessen sie funktionieren. Verlasse man dieses Fenster auch nur leicht, drehe der Reifen durch und auch das Bremsen funktioniere nicht mehr. Anders als bei Pirelli, wo der Fahrer laut Razgatlioglu immer Grip habe, dafür aber gegen Ende des Rennens mit einem starken Abbau rechnen müsse, gebe es bei Michelin von Beginn an weniger Grip, der mit jeder Runde abnehme.
Besonders die Motorbremse funktioniere mit Michelin-Reifen grundlegend anders als mit Pirelli. Beim Jerez-Test nach den ersten Rennen habe er viele verschiedene Einstellungen für die Motorbremse ausprobiert und aus den Daten gelernt, welcher Weg besser sei. Die Erkenntnis sei allerdings ernüchternd gewesen: Er müsse seinen Fahrstil noch stärker verändern, was nach eigener Aussage alles andere als einfach sei.
In Barcelona kam ein zusätzliches Problem hinzu. Auf Strecken, die er aus der Superbike-WM kennt, fallen ihm die Vergleiche mit Pirelli automatisch ein. „The biggest problem: when I feel a strange moment with Michelin, I immediately think about Pirelli. This is my big problem“ („Das größte Problem: Wenn ich mit Michelin einen seltsamen Moment spüre, denke ich sofort an Pirelli. Das ist mein großes Problem“), gab Razgatlioglu zu. Auf neuen Strecken wie Le Mans passiere ihm das nicht, weil er keine Referenzwerte im Kopf habe.
Razgatlioglu sprach in den vergangenen Wochen mehrfach von Motivationsproblemen und davon, dass es keinen Spaß mache. Seine Hoffnung richtet sich auf den Pirelli-Wechsel 2027 und den ersten Test mit der neuen 850er-Yamaha auf Pirelli-Reifen.
Was sagt Nicolo Bulega zum Unterschied zwischen Michelin und Pirelli?
Eine Bestätigung für Razgatlioglus Einschätzung liefert Nicolo Bulega. Der Ducati-Fahrer aus der Superbike-WM absolvierte Ende 2025 zwei MotoGP-Rennen als Ersatz für den verletzten Marc Marquez im Werksteam und kennt beide Reifenwelten aus eigener Erfahrung.
Bulega bestätigte, dass die Anpassung an die Michelin-Reifen der schwierigste Teil seines MotoGP-Einsatzes gewesen sei. Als er danach in die Superbike-WM zurückkehrte, habe er zwei bis drei Tage gebraucht, um sich wieder an die Pirellis zu gewöhnen.
Anfang Mai durfte der Italiener in Mugello erstmals den 850er-Ducati-Prototypen mit Pirelli-Reifen testen. Seine Eindrücke fielen deutlich positiver aus. Zwar gebe es zwischen den MotoGP- und Superbike-Versionen der Pirelli-Reifen weiterhin Unterschiede, doch die Reifenfamilie sei sehr ähnlich. Der Wechsel zwischen beiden Kategorien sei dadurch erheblich einfacher geworden.
Bulega ist überzeugt, dass der Einstieg aus der Superbike-WM oder der Moto2 in die MotoGP ab 2027 deutlich leichter wird. Neben den vertrauten Pirelli-Reifen trage auch der Wegfall der Ride-Height-Devices dazu bei. Das Fahrgefühl auf dem MotoGP-Prototypen mit Pirelli habe sich in gewisser Weise sehr ähnlich wie ein Superbike angefühlt.

Häufige Fragen
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Wer wird 2027 Teammanager bei Honda HRC?
Offiziell steht der Nachfolger von Alberto Puig noch nicht fest. Als aussichtsreichster Kandidat gilt Davide Brivio, der aktuell bei Trackhouse Racing unter Vertrag steht und wie Puig eine übergeordnete HRC-Position übernehmen soll.
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Wie sieht das Honda-Werksteam 2027 aus?
Honda plant für 2027 ein komplett neues Fahrerduo aus Fabio Quartararo und Rookie David Alonso. Joan Mir soll zu Gresini wechseln, Luca Marinis MotoGP-Zukunft ist offen. Johann Zarco bleibt bei LCR.
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Wer führt die MotoGP-WM 2026 an?
Nach sechs Grands Prix führt Marco Bezzecchi (Aprilia) mit 142 Punkten. Jorge Martin (Aprilia) liegt mit 127 Punkten auf Platz zwei, Fabio Di Giannantonio (VR46-Ducati) ist mit 116 Punkten WM-Dritter. Aprilia führt auch die Team- und Konstrukteurswertung an.
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Warum wechselt die MotoGP 2027 von Michelin zu Pirelli?
Ab 2027 tritt ein umfassender Regelumbruch in Kraft, der neben dem Reifenwechsel zu Pirelli auch kleinere 850-ccm-Motoren und den Wegfall der Ride-Height-Devices umfasst. Die Pirelli-Reifen sind stärker mit den Moto2-Reifen verwandt, was den Aufstieg junger Fahrer erleichtern soll.
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Wie viele WM-Punkte hat Toprak Razgatlioglu 2026 gesammelt?
Razgatlioglu hat in sechs Rennwochenenden vier WM-Punkte gesammelt. Einen Punkt holte er für Platz 15 in Austin, drei Punkte für Platz 13 in Le Mans. Der dreifache Superbike-Weltmeister kämpft vor allem mit der Umstellung auf die Michelin-Reifen.












