- Basis ist die Royal Enfield Shotgun 650 mit 648 cm³ und 47 PS (34,6 kW)
- Tank, Seitendeckel und Heckschutzblech bestehen aus gegossenem Aluminium mit Messing-Inlays
- Der Erlös der Verlosung fließt in die Opfer- und Traumaberatung des Seehaus e. V.
Beim Glemseck 101 stehen normalerweise Sprints auf der Achtelmeile, Händlermeile und Live-Musik im Mittelpunkt. In diesem Jahr zieht ein Motorrad besondere Aufmerksamkeit auf sich, das keinen Preis hat und nicht verkauft wird. Die „Parivar“ ist eine umgebaute Royal Enfield Shotgun 650 und der Hauptgewinn der Motorradverlosung des Seehaus e. V. Der Name stammt aus dem Hindi und bedeutet Familie. Gebaut wurde sie in der vereinseigenen Werkstatt Glemseck Moto von Jugendlichen, die ihre Jugendstrafe im Seehaus Leonberg verbüßen, angeleitet vom Customizer Enrico de Haas.

Wer hat die Royal Enfield Parivar gebaut?
Die Parivar entstand gemeinsam von Jugendlichen der Seehaus-Motorradwerkstatt Glemseck Moto und dem Customizer Enrico de Haas von Wannabe-Choppers. Große Teile des Umbaus stammen laut Royal Enfield direkt von den Jugendlichen.
De Haas gründete Wannabe-Choppers im Jahr 2004, damals war er sechzehn Jahre alt. Später arbeitete er für bekannte deutsche Custom-Betriebe und legte 2011 die Prüfung zum Zweiradmechanikermeister ab. Seitdem führt er seine Werkstatt in Hüttenberg in Mittelhessen im Hauptberuf. Über zwei Jahrzehnte sind dort rund fünfzig Umbauten entstanden. Sein Markenzeichen ist die Verbindung moderner Elektronik mit alten Fertigungsverfahren, vor allem mit dem hauseigenen Guss von Aluminium und Messing.
Das Seehaus Leonberg ist ein Jugendstrafvollzug in freien Formen. Der Verein bietet dort eine Alternative zur klassischen Jugendhaft und arbeitet mit Schule, Ausbildung und Betreuung in familienähnlichen Strukturen. Die Motorradwerkstatt Glemseck Moto gehört zu diesem Angebot. Die dort entstandenen Umbauten werden regelmäßig verlost oder versteigert.
Wie kam es zu dem Projekt mit gleich zwei Motorrädern?
Den Anstoß gab das Glemseck 101 des Vorjahres. De Haas hatte dort seinen Umbau „Schatten“ gezeigt, woraufhin Royal Enfield ihn um ein weiteres Motorrad bat. De Haas schlug stattdessen ein gemeinsames Projekt mit dem Seehaus vor. Er beschreibt es so: „As I met the guys from Seehaus at their festival, Glemseck 101, I wanted to do a project with them and their metal shop. I asked Enfield if they could give us two bikes instead of one, and if they could be donated to the charity work of Seehaus.“ Auf Deutsch: Als er die Leute vom Seehaus auf deren Festival, dem Glemseck 101, traf, habe er ein Projekt mit ihnen und ihrer Metallwerkstatt machen wollen. Er habe Enfield gefragt, ob der Hersteller zwei Motorräder statt einem geben und beide der gemeinnützigen Arbeit des Seehaus spenden könne.
Royal Enfield stellte daraufhin zwei Shotgun 650 zur Verfügung und übernahm nach Angaben des Customizers zusätzlich die Kosten für den Umbau. Für den Hersteller ist es das dritte Jahr in Folge, in dem er ein Motorrad für die Verlosung beisteuert. 2024 war es eine zur „Green Duchess“ umgebaute Interceptor 650, 2025 die „Löwenherz“ auf Basis der Guerrilla 450. Davor hatte der Verein bereits eine umgebaute Honda CL 500 und eine ehemalige Polizei-BMW verlost. Die Parivar setzt diese Reihe fort, allerdings erstmals mit einem externen Customizer als Anleiter.
Für de Haas ist das Projekt nach eigenen Worten eines der emotionalsten seiner Laufbahn. Besonders beeindruckt habe ihn, was es bei den Jugendlichen auslöse, ein selbst gefertigtes Teil in den Händen zu halten. Über den Ansatz des Vereins sagt er: „Dieses Projekt bringt das Seehaus-Konzept für mich genau auf den Punkt. Die jungen straffälligen Männer erleben hier: Ich kann mit meinen eigenen Händen etwas Positives erschaffen, ich bin damit ein wertvoller Teil der Gemeinschaft.“

Was wurde an der Shotgun 650 umgebaut?
Die auffälligsten Teile der Parivar sind selbst gegossen. Kraftstofftank, Seitendeckel und Heckschutzblech bestehen aus Aluminiumguss und tragen ebenfalls gegossene Inlays aus Messing.
Der Tank hat einen stark gerippten Mittelteil, flankiert von eingezogenen Seitenflächen. Dort sitzt ein Royal-Enfield-Schriftzug aus Messing, dazu kommt ein passender Tankdeckel aus demselben Material. Das Heckschutzblech greift die Rippenstruktur auf. Am Motor sitzen gegossene, gerippte Aluminium-Seitendeckel und ein polierter Ventildeckel. Die serienmäßigen Felgen wurden poliert.
Auch die Proportionen wurden verändert. Die Seriengabel ist modifiziert, die hinteren Federbeine sitzen sechs Zentimeter tiefer. Die Handarmaturen stammen von Wannabe-Choppers und wurden für den Umbau leicht angepasst. Der Auspuff kommt von der Royal Enfield Classic 650, die Beleuchtung von Kellermann, der Lenker von Wunderkind Custom. Sitz, Spiegel und Ventilklappen liefert Dock66. Nach Darstellung des Erbauers wurde der Lenker umgekehrt montiert, was der Sitzposition eine flachere, an Clubman-Lenker erinnernde Haltung gibt. Ergänzt wird das durch Griffe und Fußrasten aus Messing.
Der Serienrahmen blieb unangetastet. Genau das war Absicht, denn die Parivar soll in Deutschland zulassungsfähig bleiben und als Alltagsmotorrad taugen. Das Specsheet von Royal Enfield formuliert vorsichtiger und spricht von einem weitgehend straßenzugelassenen Fahrzeug. Anstelle des Kennzeichens trägt das Motorrad den Schriftzug „Embrace forgiveness and find peace“, auf Deutsch etwa: Vergebung annehmen und Frieden finden.
Welche Technik steckt in der Basis?
Die Shotgun 650 ist ein Modern Classic mit luft- und ölgekühltem Parallel-Twin. Der Motor hat 648 cm³ und leistet laut Hersteller 47 PS (34,6 kW) bei 7.250 Umdrehungen pro Minute, das maximale Drehmoment von 52,3 Nm (38,6 lb-ft) liegt bei 5.650 Umdrehungen an.
Dazu kommen ein Sechsganggetriebe, ein Stahlrohrrahmen und eine Showa-Upside-down-Gabel mit 120 mm Federweg. Hinten arbeiten zwei Showa-Federbeine mit 90 mm Federweg und einstellbarer Vorspannung. Gebremst wird vorn mit einer 320-mm-Scheibe und hinten mit einer 300-mm-Scheibe, jeweils mit Zweikolben-Schwimmsattel und Dual-Channel-ABS. Fahrbereit wiegt die Serienmaschine 240 kg (529 lbs), die Sitzhöhe liegt bei 795 mm. Mit A2-Einstufung ist sie auch für Fahrer mit eingeschränkter Führerscheinklasse zugänglich. Diese unkomplizierte Technik ist einer der Gründe, warum die Shotgun 650 in der Custom-Szene so häufig als Basis dient.

Wie funktioniert die Verlosung und wann bekommt der Gewinner das Motorrad?
Lose gibt es vor Ort auf dem Glemseck 101 und online über den Seehaus e. V. Einen festen Preis pro Los gibt es nicht, die Höhe der Spende bestimmen die Teilnehmer selbst. Der Gewinner wird am 6. September auf dem Festival ausgelost und bekannt gegeben.
Bis zur Übergabe vergeht danach noch Zeit. Die Parivar geht anschließend für rund ein Jahr mit Royal Enfield auf Messen rund um den Globus. Erst danach erhält der Gewinner das Motorrad, voraussichtlich beim Glemseck 101 im Jahr 2027. Neben dem Motorrad sind zahlreiche Sachpreise im Topf, darunter Helme, Bekleidungsgutscheine, ein Fahrsicherheitstraining und Zubehör verschiedener Hersteller. Für die Teilnahme gelten die Bedingungen des Vereins.
Was unterscheidet die Shilpa von der Parivar?
Parallel zur Parivar entstand auf einer zweiten Shotgun 650 die „Shilpa“, Hindi für Handwerkskunst. Sie ist ein reines Renn- und Showmotorrad ohne Straßenzulassung und deutlich radikaler ausgelegt.
Der Twin wurde von 648 auf 865 cm³ vergrößert und erhielt eine höhere Verdichtung sowie eine Rennnockenwelle. Eine Leistungsangabe nennt Royal Enfield bislang nicht. Nach Herstellerangaben blieb nur der innere Teil des Motors unangetastet. Die Shilpa steht in einem selbst konstruierten Aluminium-Starrrahmen, hinten federt nichts mehr. Die gegossene Aluminium-Karosserie ist konstruktiver Teil des Rahmens. Die hintere Serienfelge wurde aufgeschnitten und verbreitert, damit ein Drag-Reifen hineinpasst. Auf der Sitzbank steht der Seehaus-Leitsatz „Wahrhaft leben“.
Wie hoch der Aufwand war, macht Royal Enfield mit Zahlen deutlich. In beide Motorräder zusammen sollen rund 2.500 Arbeitsstunden geflossen sein, davon etwa 1.500 von de Haas selbst. Allein auf die Shilpa entfallen nach Schätzung des Herstellers 1.500 bis 1.700 Stunden. Die Entwicklung und Fertigung eines einzigen neuen Kupplungsdeckels soll rund 200 Stunden gedauert haben. Eine Messingschraube mit eigens angefertigtem Spezialgewinde, die anstelle des serienmäßigen Öltemperatursensors sitzt, soll vier Stunden gekostet haben. Am fertigen Motorrad ist sie kaum zu sehen.
Am Samstag, dem 5. September, traten beide Maschinen um 13 Uhr auf der Achtelmeile gegeneinander an und eröffneten damit das Renngeschehen. Die Shilpa wird im Frühjahr 2027 versteigert.

Wohin fließt der Erlös?
Der komplette Erlös aus Verlosung und Versteigerung geht an die Opfer- und Traumaberatung des Seehaus e. V. In fünf Beratungsstellen werden dort Menschen begleitet, die Opfer von Gewalt oder Raub wurden oder andere traumatische Ereignisse erlebt haben, etwa Unfälle oder den Verlust von Angehörigen.
Dahinter steht der Gedanke der Restorative Justice, eines Umgangs mit Straftaten, bei dem die Bedürfnisse der Geschädigten und die Verantwortungsübernahme der Täter im Vordergrund stehen. Die Jugendlichen leisten mit ihrer Arbeit symbolisch Wiedergutmachung, indem sie die Opferhilfe unterstützen. Tobias Merckle, geschäftsführender Vorstand des Seehaus e. V., beschreibt es so: „Früher haben sie ihre Fähigkeiten dazu genutzt Straftaten zu begehen und anderen zu schaden. Jetzt setzten sie ihre Fähigkeiten positiv für die Gesellschaft ein.“

Häufige Fragen
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Was bedeutet der Name Royal Enfield Parivar?
Parivar ist ein Wort aus dem Hindi und bedeutet Familie. Der Name verweist auf den Gemeinschaftsgedanken des Projekts, bei dem Jugendliche aus dem Strafvollzug gemeinsam mit einem Customizer gearbeitet haben. Das Schwestermotorrad heißt Shilpa, Hindi für Handwerkskunst.
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Wie viel PS hat die Royal Enfield Shotgun 650?
Die Serienversion leistet laut Hersteller 47 PS (34,6 kW) bei 7.250 Umdrehungen pro Minute. Das maximale Drehmoment beträgt 52,3 Nm (38,6 lb-ft) bei 5.650 Umdrehungen. Der luft- und ölgekühlte Parallel-Twin hat 648 cm³ Hubraum.
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Wann bekommt der Gewinner die Parivar ausgehändigt?
Der Gewinner wird am 6. September 2026 auf dem Glemseck 101 ausgelost. Das Motorrad geht danach für rund ein Jahr mit Royal Enfield auf Messen weltweit. Die Übergabe ist voraussichtlich für das Glemseck 101 im Jahr 2027 vorgesehen.
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Was kostet ein Los für die Motorradverlosung?
Einen festen Lospreis gibt es nicht. Die Teilnehmer bestimmen die Höhe ihrer Spende pro Los selbst. Lose sind online über den Seehaus e. V. und vor Ort auf dem Glemseck 101 erhältlich.
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Ist die Parivar straßenzugelassen?
Der Serienrahmen der Shotgun 650 blieb erhalten, damit das Motorrad in Deutschland zulassungsfähig bleibt. Royal Enfield spricht von einem weitgehend straßenzugelassenen Fahrzeug, das trotz vollwertigem Custom-Status im Alltag gefahren werden kann. Die Shilpa hat dagegen keine Straßenzulassung.











