- Die Technik soll Satellitenortung, GPS-Karten und Kameras kombinieren, um das erlaubte Tempo zu erkennen und die Motorleistung bei Bedarf zu drosseln.
- Ein verpflichtender Einsatz wäre selbst im besten Fall kaum vor 2030 zu erwarten, ein Gesetzentwurf liegt nicht vor.
- Befürworter erwarten bis zu 20 Prozent weniger Verkehrstote, während Studien Schwächen bei der Erkennung von Tempolimits zeigen.
Viele Autofahrer in Europa haben sich gerade erst an das Piepen und die Warnhinweise der neuen Geschwindigkeitsassistenten gewöhnt. Nun deutet sich in Brüssel ein weiterer, deutlich tieferer Eingriff an. Laut britischen Medienberichten beschäftigt sich die EU-Kommission mit einer Technik, die nicht mehr nur warnt, sondern ein Fahrzeug bei Tempoüberschreitung selbst verlangsamen könnte. Bestätigt ist davon bislang wenig, und genau das macht den Fall für Motorradfahrer interessant.
Was plant die EU-Kommission genau?
Die EU-Kommission prüft laut Berichten eine Technik, die aktiv in die Fahrzeugsteuerung eingreifen könnte, sobald das erlaubte Tempo überschritten wird. Jedes neue Fahrzeug soll dafür ein Gerät erhalten, das die Motorleistung für zu schnelle Fahrer aus der Ferne begrenzt. Grundlage sind die Position des Fahrzeugs und das am jeweiligen Ort geltende Tempolimit. Das erklärte Ziel ist es, die Zahl der Unfälle zu senken, die durch überhöhte Geschwindigkeit entstehen. Befürworter gehen davon aus, dass sich die Zahl der Verkehrstoten dadurch um bis zu 20 Prozent verringern soll. Belegt ist dieser Wert bislang nicht, er stammt von Verkehrssicherheitsorganisationen.
Wie soll die Technik funktionieren?
Nach den vorliegenden Berichten soll das System aus drei Bausteinen bestehen: Satellitenortung, digitalen Karten und Kameras im Fahrzeug. Zunächst bestimmen Satelliten den Standort des Fahrzeugs und dessen Geschwindigkeit. Dann lesen Kameras die Verkehrsschilder aus, die das erlaubte Tempo anzeigen. Erkennt der Bordcomputer eine Überschreitung, soll er das Fahrzeug auf das erlaubte Tempo zurückführen, indem er die Motorleistung reduziert. In britischen Tempozonen mit 20 Meilen pro Stunde, also rund 32 Kilometer pro Stunde, würde das Fahrzeug damit automatisch gedrosselt.
Worin unterscheidet sich das von den heutigen ISA-Systemen?
Der große Unterschied liegt darin, dass die heutigen Assistenten nur warnen, während die geprüfte Technik selbst eingreifen könnte. Seit Juli 2022 müssen neue Fahrzeugtypen in der EU mit einem intelligenten Geschwindigkeitsassistenten ausgestattet sein, dem sogenannten ISA-System (Intelligent Speed Assistance). Seit Juli 2024 gilt das für alle neu verkauften Autos. Diese Systeme nutzen GPS-Daten, Karten und Kameras, um das Tempolimit zu bestimmen. Sie zeigen Warnungen an, geben Töne aus oder erhöhen den Widerstand am Gaspedal. Entscheidend ist, dass der Fahrer sie in nahezu allen Fällen übersteuern oder abschalten kann. Genau diese Möglichkeit würde bei der neuen Technik entfallen oder stark eingeschränkt.
Was bedeutet das für Motorradfahrer?
Für Motorradfahrer ist bislang die wichtigste Frage offen, nämlich ob Motorräder überhaupt einbezogen würden. Aus den Berichten geht nicht hervor, ob die Technik neben Autos und Transportern auch für Motorräder gelten soll. Hinzu kommen praktische Sorgen. Motorräder brauchen in bestimmten Situationen kurzfristig Beschleunigung, etwa um sicher zu überholen oder einer entstehenden Gefahr auszuweichen. Ein System, das in diesem Moment die Leistung drosselt, könnte das Fahren erschweren. Auch der Umgang mit falschen Kartendaten, mit vorübergehenden Beschränkungen an Baustellen oder mit falsch erkannten Schildern gilt als heikel. Diese Fragen stellen sich schon bei den heutigen Warnsystemen. Bekommt dieselbe Technik jedoch Zugriff auf Gas oder Bremse, wiegen die Fehler deutlich schwerer.
Wie zuverlässig erkennen die Systeme das Tempolimit?
Nach Daten des britischen Forschungsinstituts Thatcham Research arbeiten die heutigen Systeme längst nicht fehlerfrei. In realen Tests erreichte das schlechteste Fahrzeug eine Trefferquote von 91,3 Prozent, gemessen über die gefahrene Strecke. Wurde jedoch jeder einzelne Wechsel des Tempolimits bewertet, sank der Wert auf 74,3 Prozent. Das bedeutet, dass bei etwa jedem vierten Wechsel das falsche Limit angezeigt wurde. Selbst das beste Fahrzeug fiel von 98,39 Prozent über die Strecke auf 90,3 Prozent bei den einzelnen Wechseln, also rund ein Fehler bei zehn Wechseln. Thatcham Research fand zudem Fälle, in denen Fahrzeuge ein Tempolimit anzeigten, das es so gar nicht gibt, etwa 5 Meilen pro Stunde (rund 8 Kilometer pro Stunde) oder 100 Meilen pro Stunde (rund 161 Kilometer pro Stunde). Gemeint ist damit nicht die gefahrene Geschwindigkeit, sondern das vom System erkannte, angeblich geltende Limit. Solche Werte kommen auf normalen Straßen nicht vor, das eine wäre viel zu niedrig, das andere höher als jedes zulässige Limit. Bei einem reinen Warnsystem ist das vor allem ärgerlich und kostet Vertrauen. Würde die Technik dagegen selbst eingreifen, könnte ein fälschlich erkanntes Limit von 5 Meilen pro Stunde ein Fahrzeug mitten im laufenden Verkehr stark ausbremsen. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Prüfverfahren selbst: Das aktuelle EU-Verfahren misst die Genauigkeit über die Strecke und bildet damit nicht ab, wie oft ein System bei tatsächlichen Limitwechseln danebenliegt.
Warum gibt es Kritik an den Plänen?
Kritiker sehen vor allem Risiken bei Datenschutz, Zuverlässigkeit und der Kontrolle über das eigene Fahrzeug. Der britische Oppositionspolitiker Richard Holden bezeichnete das Vorhaben in britischen Medien als „a recipe for Big Brother“, also als Weg in einen Überwachungsstaat. Er warnte zudem vor möglichen schweren Folgen für Fahrer. Howard Cox, Gründer der Interessengruppe FairFuelUK, hält die meisten Fahrer für vernünftig genug, um selbst das passende Tempo zu wählen, und fordert weniger Bevormundung durch die EU. Hintergrund der Sorge ist auch, dass die EU in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Assistenzsysteme vorgeschrieben hat, darunter Tempowarner, Müdigkeitserkennung, Warnungen bei Ablenkung und Unfalldatenspeicher.
Wann könnte die Technik verpflichtend werden?
Ein verpflichtender Einsatz ist frühestens ab 2030 denkbar, und selbst das ist bislang nicht gesichert. Wichtig ist die Einordnung: Es gibt weder ein Gesetz noch einen Gesetzentwurf. Ein Sprecher der EU-Kommission bezeichnete die Überlegungen als rein sondierend. Für Großbritannien gilt wegen des EU-Austritts, dass eine solche Vorgabe dort nicht automatisch greifen würde. Das britische Verkehrsministerium erklärte, es gebe derzeit keine Pläne für eine solche Technik, wolle aber weiter mit europäischen Partnern an der Fahrzeugsicherheit arbeiten. Fachleute gehen dennoch davon aus, dass Hersteller die Technik auch in britischen Modellen verbauen würden, weil eigene Fahrzeuge nur für den britischen Markt zu teuer wären. Damit ordnet sich das mögliche EU-Satelliten-Tempolimit in eine längere Entwicklung ein, in der die EU Schritt für Schritt strengere Sicherheitsvorgaben für Neufahrzeuge eingeführt hat.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: Motorradrecht & Politik: Gesetze, Urteile und Entwicklungen für Motorradfahrer. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.
Häufige Fragen
-
Was plant die EU beim Satelliten-Tempolimit?
Die EU-Kommission prüft laut Berichten eine Technik, die Fahrzeuge bei zu hohem Tempo automatisch abbremst. Sie soll Satellitenortung, GPS-Karten und Kameras kombinieren. Ein Gesetz oder ein Gesetzentwurf liegt bislang nicht vor.
-
Sind Motorräder vom EU-Satelliten-Tempolimit betroffen?
Das ist derzeit offen. Aus den vorliegenden Berichten geht nicht hervor, ob die Technik auch für Motorräder gelten würde. Bislang ist nur von Autos und Transportern die Rede.
-
Ab wann könnte die Technik Pflicht werden?
Ein verpflichtender Einsatz wäre laut Berichten frühestens ab 2030 möglich. Sicher ist das nicht, da bislang nur eine Prüfung läuft und kein Beschluss gefasst wurde.
-
Wie unterscheidet sich das System von heutigen Assistenten?
Die heutigen ISA-Systeme warnen den Fahrer nur und lassen sich übersteuern oder abschalten. Die geprüfte Technik könnte dagegen selbst eingreifen und die Motorleistung drosseln.
-
Wie genau erkennen die Systeme das Tempolimit?
Nach Daten von Thatcham Research liegt die Trefferquote bei einzelnen Tempowechseln je nach Fahrzeug zwischen 74,3 und 90,3 Prozent. Damit wird das Limit im ungünstigsten Fall bei etwa jedem vierten Wechsel falsch erkannt.











