- FMI-Präsident Giovanni Copioli bezeichnet den Beschluss der Landesregierung als ungerechte Auflage und hat sich institutionell eingeschaltet
- Tourenveranstalter berichten, dass geführte Ausfahrten 30 bis 40 Prozent ihrer Sommereinnahmen ausmachen
- Der Veteran Club Bozen kündigt gemeinsam mit dem Oldtimer-Verband ASI rechtliche Schritte gegen den Beschluss an
Seit dem 19. Juni 2026 gilt in Südtirol ein Verbot für organisierte Motorsportveranstaltungen auf Straßen in Schutzgebieten und oberhalb von 1.600 Metern Meereshöhe. Was als Maßnahme gegen Lärm und Verkehr auf den Dolomitenpässen gedacht war, trifft nach Darstellung mehrerer Betroffener auch geführte Motorradtouren, die seit Jahren fester Bestandteil des Südtiroler Tourismus sind. Nun hat sich der italienische Motorradverband FMI eingeschaltet und den Beschluss offen kritisiert.
Was wirft der Motorradverband FMI der Landesregierung vor?
Die FMI hält den Beschluss für eine ungerechtfertigte Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Präsident Giovanni Copioli kritisiert, dass ausgerechnet in einer Provinz, in der Motorradtourismus Wertschöpfung und Aufmerksamkeit bringe, symbolträchtige Straßen für organisierte Gruppen gesperrt würden.
In seiner offiziellen Mitteilung spricht Copioli von Überraschung und Ratlosigkeit: „Rimango stupito e perplesso da questa delibera.“ Auf Deutsch: „Ich bin überrascht und ratlos angesichts dieses Beschlusses.“ Er ordnet die Regelung als Eingriff in die Freiheit des Verbands und seiner Mitglieder ein und nennt sie eine ungerechte Auflage. Gleichzeitig betont er, dass die FMI einen nachhaltigen und umweltverträglichen Tourismus fördere und alle Verkehrsteilnehmer zur Einhaltung der Regeln anhalte, auf Bergstraßen ebenso wie anderswo. Der entscheidende Punkt seiner Kritik: Mit Maßnahmen dieser Art lasse sich eine korrekte und wirklich nachhaltige Mobilität nicht erreichen.
Copioli belässt es nicht bei der Stellungnahme. Nach eigenen Angaben hat er Kontakt zur Präsidentschaft des italienischen Automobilclubs ACI sowie zu politischen Kräften aufgenommen, um den Beschluss auf institutionellem Weg zu korrigieren.
Wer ist von dem Verbot wirtschaftlich betroffen?
Betroffen sind vor allem Hotels und Reiseanbieter, die geführte Motorradtouren als festen Teil ihres Angebots verkaufen. Nach Darstellung mehrerer Südtiroler Betriebe steht damit ein erheblicher Teil ihres Sommergeschäfts auf dem Spiel.
Oliver Call betreibt mit Dolomites Tour Ride ein Hotel in St. Vigil in Enneberg und organisiert seit Jahrzehnten geführte Ausfahrten. Er beschreibt, dass seine Familie seit rund dreißig Jahren Touren anbietet und er selbst seit zwanzig Jahren. In der Sommersaison machten diese Touren 30 bis 40 Prozent der Einnahmen aus. Fällt das weg, wird es eng. Nach Trentino zu fahren sei nicht mehr möglich, Cortina im Rahmen einer Tour zu erreichen ebenso wenig. Bleiben würden die Talstraßen, etwa durch das Eisacktal oder das Pustertal, und die seien bei sommerlichen Temperaturen wenig attraktiv.
Call sieht den Schaden nicht auf sein eigenes Unternehmen begrenzt. Viele seiner Kunden kommen aus Deutschland, und er befürchtet, dass in der Berichterstattung die Botschaft hängen bleibt, Italien stoppe organisierte Touristengruppen. Das treffe dann auch Nachbarregionen wie Venetien oder das Trentino.
Was sagen die Tourenveranstalter zum Beschlusstext?
Die Veranstalter argumentieren, dass ihre Angebote gar nicht unter den Wortlaut des Beschlusses fallen. Sie verweisen darauf, dass der Text von sportlichen Motorsportveranstaltungen mit Reglement, Wertung und Zeitnahme spricht.
Niccolò Pierbattista, Geschäftsführer von Freccia Verde Events, formuliert es so, dass die Maßnahme der Provinz Bozen das falsche Ziel treffe. Seine Reisen seien keine Sportveranstaltungen, sondern organisierte Touristenfahrten mit eigenem Betreuungspersonal, technischen Einweisungen vor der Fahrt und festen Fahrregeln in der Gruppe. Genau diese Regeln, so sein Argument, sollen unpassendes Verhalten verhindern und die Sicherheit aller erhöhen.
Ähnlich klingt Oliver Call. Er stellt klar, dass bei seinen Touren weder Geschwindigkeits- noch Gleichmäßigkeitsprüfungen gefahren werden, sondern ruhige geführte Ausfahrten nach Straßenverkehrsordnung stattfinden. Wer die Raser stoppen wolle, müsse bei den Rasern ansetzen. Drei Freunde, die sich in den Bergen mit blinden Überholmanövern messen wollen, könnten das weiterhin tun. Der Begriff, um den sich der ganze Streit dreht, ist dabei die „organisierte Veranstaltung“. Der Beschluss definiert ihn nicht scharf, und genau daraus entsteht die Unsicherheit.
Wo liegen aus Sicht der Kritiker die eigentlichen Probleme?
Die Kritiker sehen die Hauptursachen für Staus und Belastung nicht bei geführten Touren, sondern im übrigen Verkehr. Genannt werden Reisebusse, Wohnmobile und große Radfahrergruppen.
Pierbattista verweist auf Busse und Camper, die in der Hochsaison lange Kolonnen verursachen, sowie auf Radtouristen, die die Fahrbahn beanspruchen. Dazu komme ein Teil der Motorradtouristen, häufig aus dem Ausland, die die Alpenpässe befahren, als handele es sich um ein Bergrennen. Gegen diese Gruppen sehe er keine Maßnahmen. Sein Vorwurf lautet, dass ein Problem mit deutlich breiteren Ursachen auf jene abgewälzt werde, die in dem Bereich seriös arbeiten.
Dass die Belastung real ist, bestreiten die Kritiker nicht. Dass viele Verkehrsteilnehmer sich im Sommer undiszipliniert verhalten, gilt als unstrittig. Der Streit dreht sich um die Frage, ob der Beschluss die Richtigen trifft.
Auch die Oldtimer-Szene wehrt sich
Nicht nur die Motorradbranche protestiert. Der Präsident des Veteran Club Bozen, Davide Brancalion, will gegen den Beschluss rechtlich vorgehen. Unterstützt wird er dabei vom italienischen Oldtimer-Dachverband ASI.
Seine Begründung: Historische Fahrzeuge seien ein fahrendes Museum und als historisches sowie kulturelles Gut geschützt. Es sei ungerecht, sie mit anderen Motorsportveranstaltungen gleichzusetzen. Der Club verweist darauf, dass es um rund sechs Veranstaltungen im Jahr mit einer Höchstgeschwindigkeit von 35 Stundenkilometern gehe. Die Maßnahme bezeichnet er als propagandistisch, ideologisch und ohne wissenschaftliche Grundlage, und er fordert ihre Rücknahme.
Was hat die Landesregierung tatsächlich beschlossen?
Der Beschluss vom 19. Juni untersagt die Organisation von Treffen, Wettbewerben und Motorsportveranstaltungen auf Straßen oberhalb von 1.600 Metern Meereshöhe. Erklärtes Ziel ist es, Umweltbelastung, Lärm und Emissionen in den Zeiten mit dem stärksten Besucherandrang zu senken.
Die Regelung greift auf Straßenabschnitten, die zu den Dolomitenpässen, zu Naturparks, zum Nationalpark Stilfserjoch und zu Schutzgebieten führen, einschließlich des UNESCO-Welterbes Dolomiten. Rechtliche Grundlage ist das Landesgesetz für Raum und Landschaft (Nr. 9/2018), nach dem diese Straßen einem erhöhten Schutz unterliegen. Im Beschluss ist zudem festgehalten, dass das Verbot auf weitere Straßen oder Abschnitte ausgedehnt werden kann, wenn die Beschaffenheit einer Straße ungeeignet erscheint oder Bedenken hinsichtlich der Verkehrssicherheit und der Beeinträchtigung des lokalen Verkehrs bestehen.
Landeshauptmann Arno Kompatscher hat bereits eingeräumt, dass die Regelung allein nicht ausreicht: „Uns ist bewusst, dass diese Regelung allein die Herausforderungen auf den Passstraßen nicht löst. Das hohe Verkehrsaufkommen und die dort verbreitete Raserei erfordern zusätzliche, gezielte Maßnahmen, an denen wir bereits arbeiten.“ Weitere Schritte sind damit angekündigt.
Wie geht es auf den Südtiroler Pässen weiter?
Offen ist, ob die Landesregierung den Text nachbessert. Die Kritiker fordern genau das, bislang gibt es dazu keine Zusage aus Bozen.
Der Fall reiht sich in eine Entwicklung ein, die in mehreren Alpenregionen zu beobachten ist. In Südtirol selbst steht für den 1. September 2026 die Sperrung des Grödner Jochs an. Für Tourenfahrer heißt das: Die individuelle Fahrt über einen Pass bleibt nach aktueller Rechtslage möglich, das kommerzielle Tourenangebot steht dagegen unter Druck. Ob es dabei bleibt, hängt nun auch davon ab, wie weit der Widerstand von FMI, Veranstaltern und Oldtimer-Verbänden trägt.
Häufige Fragen
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Warum protestiert die FMI gegen das Südtirol Motorradtouren Verbot?
Die FMI hält den Beschluss für eine ungerechte Einschränkung. Präsident Giovanni Copioli argumentiert, dass Motorradtourismus wirtschaftlichen Nutzen und Sichtbarkeit für die Region bringe und dass sich nachhaltige Mobilität nicht durch derartige Verbote erreichen lasse. Der Verband hat Kontakte zum Automobilclub ACI und zu politischen Kräften aufgenommen.
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Sind geführte Motorradtouren in Südtirol jetzt verboten?
Nach Darstellung der betroffenen Anbieter fallen ihre Angebote unter das Verbot, weil sie als organisierte Veranstaltungen gewertet werden. Die Veranstalter selbst bestreiten das und verweisen darauf, dass der Beschlusstext von Sportveranstaltungen mit Reglement, Wertung und Zeitnahme spricht. Eine eindeutige Definition fehlt bislang.
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Ab wann gilt die Regelung?
Der Beschluss der Südtiroler Landesregierung stammt vom 19. Juni 2026 und gilt seitdem. Er betrifft Straßen in Schutzgebieten sowie Gebiete oberhalb von 1.600 Metern Meereshöhe.
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Welche wirtschaftlichen Folgen hat das Verbot für die Anbieter?
Der Veranstalter Oliver Call von Dolomites Tour Ride gibt an, dass geführte Touren in der Sommersaison 30 bis 40 Prozent der Einnahmen ausmachen. Er befürchtet zudem Rückwirkungen auf angrenzende Regionen wie das Trentino und Venetien, weil viele Kunden aus Deutschland kommen.
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Gehen auch andere Gruppen gegen das Verbot vor?
Ja. Der Veteran Club Bozen hat gemeinsam mit dem Oldtimer-Verband ASI rechtliche Schritte angekündigt und fordert die Rücknahme der Maßnahme. Historische Fahrzeuge seien ein geschütztes Kulturgut und dürften nicht mit anderen Motorsportveranstaltungen gleichgesetzt werden.











