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Startseite » Force of Nature: Dampfgetriebenes Raketenmotorrad aus Yorkshire schlägt Top Fuel Dragster in der Beschleunigung
Force of Nature Raketenmotorrad – Dramatische Tiefwinkelaufnahme auf dem Elvington Airfield bei Dämmerung
Custombike

Force of Nature: Dampfgetriebenes Raketenmotorrad aus Yorkshire schlägt Top Fuel Dragster in der Beschleunigung

By Andreas Denner17 April, 2026
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In einer Werkstatt in North Yorkshire entsteht seit Jahren ein Zweirad, das beim Start selbst Top Fuel Dragster hinter sich lässt. Der jüngste Lauf des 62-jährigen Konstrukteurs Graham Sykes platziert sein Motorrad unter die drei schnellsten Maschinen der Dragracing-Geschichte.
  • Viertelmeile in 5,5039 Sekunden bei einem Festival of Power Event in Santa Pod
  • Bis zu 6,8 G Spitzenbeschleunigung beim Start
  • 120 Liter überhitztes Wasser und zwei de-Laval-Düsen erzeugen den Schub

Das Projekt „Force of Nature“ ist ein dampfgetriebenes Raketenmotorrad, das Graham Sykes gemeinsam mit einem kleinen Team in einer privaten Werkstatt in Bedale im Norden Yorkshires aufgebaut hat. Der Präzisionsingenieur, inzwischen 62 Jahre alt, hat den ersten Entwurf 2020 in Angriff genommen. Die aktuell fahrbereite Maschine ist die fünfte Entwicklungsstufe und befindet sich weiterhin im laufenden Entwicklungsprozess. Vor wenigen Tagen hat die neue Version beim Festival of Power im britischen Santa Pod eine Zeit von 5,5039 Sekunden über die Viertelmeile erreicht und damit die bislang drittschnellste Zeit aufgestellt, die ein Motorrad je auf dieser Distanz gefahren ist.

Force of Nature Raketenmotorrad – Werkstattansicht ohne Verkleidung mit sichtbarem Dampfkessel, Rohrleitungen und De-Laval-Düse
Force of Nature: Dampfgetriebenes Raketenmotorrad aus Yorkshire schlägt Top Fuel Dragster in der Beschleunigung 8

Wie ein in einem Schuppen gebautes Motorrad zum drittschnellsten der Welt wurde

Hinter dem Projekt steht kein industrieller Hersteller, sondern eine kleine, familiengeführte Präzisionsbau-Firma. Graham Sykes ist seit 1979 im Geradeaus-Motorsport tätig. Zu seinen früheren Aufgaben zählen sechs Jahre als Renningenieur bei Vauxhalls erfolgreichem Tourenwagen-Team in der britischen und europäischen Tourenwagen-Meisterschaft, die Mitarbeit am jetgetriebenen Dragster „Firestorm“ und die laufende Arbeit am Motorrad „52 Express“, das auf einen Landgeschwindigkeitsrekord zielt. Sykes hält zudem den aktuellen britischen Landgeschwindigkeitsrekord für dreirädrige Fahrzeuge, aufgestellt mit dem selbst konstruierten V8-Dreirad „Syko“.

Seine Frau Diane ist seit über 22 Jahren fest in seine Motorsportprojekte eingebunden und kümmert sich um Finanzen, Einkauf, Logistik und Einsatzleitung an der Startlinie. Zum Team gehören außerdem der zweite Pilot Phil Wood, Jim Dickman und Billy Hudson. Den Druckbehälter, das technische Herzstück des Motorrads, liefert die britische Firma CPE Pressure Vessels aus Tamworth. Dort betreut Mick Dowd das Projekt, das CPE seit rund zehn Jahren unterstützt. Der erste Druckbehälter hatte 50 Liter Fassungsvermögen und bestand aus Edelstahl 316/L. Über mehrere Entwicklungsstufen ist das Volumen inzwischen auf 120 Liter gewachsen, zuvor waren 88 Liter verbaut.

Die Idee zu dem Projekt reicht rund 14 Jahre zurück. Sykes erinnert sich an die Fernsehübertragung von Evel Knievels Sprung über den Snake River Canyon und daran, dass der dabei eingesetzte Antrieb auf Dampf basierte. „I couldn’t quite believe that they could make a rocket have that much power with steam.“ Auf Deutsch: Er konnte kaum glauben, dass eine Rakete mit Dampf so viel Leistung erzeugen könne. In der Folge studierte er in Bibliotheken die Grundlagen überhitzter Wasserraketen. Jahre später sah er bei einem Meeting einen französischen Fahrer mit einem dampfbetriebenen Scooter, der ohne Lederkombi und nur in einem Overall 130 mph erreichte. Sykes hielt das vorgeführte Fahrzeug für extrem gefährlich und beschloss, das Konzept ingenieurmäßig sauber neu aufzuziehen.

Die Technik hinter dem Schub

Das Funktionsprinzip ist vergleichsweise einfach, die Umsetzung hingegen aufwendig. Ein separates Versorgungsmodul, intern als „Mothership“ bezeichnet, erhitzt das Wasser vor dem Start. Bei der aktuellen Version kommt dafür ein Brenner mit einer Heizleistung von 44 Kilowatt zum Einsatz, vorher war ein 20-Kilowatt-Brenner verbaut. Als Brennstoff dient wahlweise Kerosin oder hydriertes Pflanzenöl. Die heißen Gase werden über einen Verteiler in sechs Brennerrohre mit innenliegenden Turbulatoren geleitet, die den Wärmeübergang verbessern. Diese Rohre verlaufen durch einen Druckbehälter, in dem sich 120 Liter entmineralisiertes und deionisiertes Wasser befinden. Dort wird das Wasser auf bis zu 260 Grad Celsius erhitzt, der Arbeitsdruck liegt bei 40 bis 50 bar, in älteren Angaben wurden 580 psi genannt. Das Aufheizen der vollen Wassermenge dauert nach Sykes‘ Angaben rund drei Stunden.

Ist die Maschine bereit, wird der Druckbehälter vom Mothership abgekoppelt. Das Motorrad wird an die Startlinie gerollt und für den Lauf scharfgemacht. Der Fahrer drückt einen am Lenker angebrachten Knopf, der zwei Ventile öffnet, die das Wasser bis dahin im Behälter halten. In der aktuellen Ausbaustufe werden diese Ventile über Stickstoffdruck gesteuert, was eine gleichmäßigere Freigabe ermöglicht. Der Knopf muss während des gesamten Laufs gedrückt bleiben, andernfalls wird der Schub sofort unterbrochen.

Das Wasser strömt anschließend durch zwei symmetrisch angeordnete Auslassrohre, eines auf jeder Seite der Maschine, und wird dort in einer Düsengeometrie auf das 1,1-Fache der Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Diese de-Laval-Düsen besitzen einen verengenden und anschließend wieder aufweitenden Querschnitt. Beim Austritt schlägt das flüssige Wasser spontan in Dampf um, wobei sich das Volumen nach Angaben des Teams im Verhältnis von 1620 zu 1 ausdehnt. Pro Sekunde verlassen dabei rund 40 Liter Wasser die Anlage. Sykes beschreibt den Vorgang mit den Worten, dass dabei ein „almighty sonic boom“ entstehe, also ein gewaltiger Überschallknall.

Keine Dosierung, nur ein oder aus

„The power is on or off. You can’t moderate the flow rate of the valves. It’s 100% or nothing.“ Auf Deutsch: Die Leistung ist an oder aus, eine Regelung des Durchflusses ist nicht möglich, es gibt nur volle Leistung oder nichts. Sykes spricht offen darüber, dass eine Rakete sich nicht wirklich absichern lasse und dass Risiken nur durch saubere Ingenieursarbeit begrenzt werden könnten. Bei der Vorbereitung lasse er das Wasser nach dem Befüllen einige Sekunden zur Ruhe kommen. Anschließend folge ein Countdown von fünf bis eins, dann werde der Knopf gedrückt. Zeitgleich müsse der Fahrer sich nach unten auf den Lenker ziehen, den Kopf senken und die Füße sofort auf die Rasten bringen, weil die Beschleunigung anschließend keinen Spielraum mehr dafür lasse.

Der Grund dafür sind die auftretenden Kräfte. Das Team hat Spitzenwerte von 6,8 G gemessen. Im Durchschnitt liegen die Werte bei rund 5,4 G in der ersten Sekunde und etwa 3 G in der zweiten. Bei einem 85 Kilogramm (circa 187 lbs) schweren Fahrer entspricht der Spitzenwert einem kurzzeitigen Körpergewicht von 578 Kilogramm (circa 1.274 lbs). Der Sprint von 0 auf 60 mph dauert laut Sykes 0,4 Sekunden, 100 mph sind nach 0,8 Sekunden erreicht. Auf die ersten 60 Fuß vergehen im Bestfall 0,72 Sekunden, mit der aktuellen Version bislang 0,81 Sekunden. Zum Vergleich verweist Sykes auf den Top-Fuel-Weltrekord von Clay Millican, der 3,628 Sekunden auf die Viertelmeile fuhr und dabei 0,809 Sekunden auf 60 Fuß benötigte.

De-Laval-Düse Funktionsdiagramm – Technische Darstellung des Dampfantriebsprinzips im Force of Nature Projekt
Force of Nature: Dampfgetriebenes Raketenmotorrad aus Yorkshire schlägt Top Fuel Dragster in der Beschleunigung 9

Der Lauf beim Festival of Power 2026

Der jüngste Rekordlauf fand beim Festival of Power in Santa Pod statt. Vorangegangen waren Tests in Elvington bei eher schlechten Wetterbedingungen. Der erste Lauf mit kleiner Wassermenge und minimalem Druck endete bei 7,30 Sekunden und 148 mph. Danach wurde der Druckbehälter mit den vollen 120 Litern befüllt. Das Aufheizen auf die Zieltemperatur von 260 Grad Celsius nahm drei Stunden in Anspruch. Trotz eines 20 mph starken Gegen- und Seitenwindes sowie einer halben Sekunde, in der Sykes den Auslöser zur Korrektur kurz losließ, stand am Ende eine Viertelmeilen-Zeit von 5,51 Sekunden zu Buche. Die Auswertung der Messdaten ergab eine Geschwindigkeit von 206 mph nach 549 Fuß. Die Maschine sei dabei leicht von der Linie abgedrängt worden, der Carbon-Unterboden und Sykes‘ Stiefel seien durchgescheuert worden.

Vom selben Wochenende wird zudem eine Samstag-Zeit von 5,5 Sekunden auf die Viertelmeile bei 192 mph gemeldet, mit einer Achtelmeilen-Zeit von 3,2 Sekunden bei 209 mph. Wegen der Windverhältnisse am Sonntag wurden die Motorrad-Klassen vom Veranstalter auf die Achtelmeile verkürzt. Die Einzelwerte an der Achtelmeile liegen bei 3,17 Sekunden und 203 mph, als Achtelmeilen-Rekord für Zweiräder gelten nach Angaben des Teams 1,96 Sekunden aus einem früheren Lauf. Über 1000 Fuß wurden 4,53 Sekunden und 193 mph gemessen.

Mit der Viertelmeilen-Zeit von 5,5039 Sekunden reiht sich die Force of Nature als drittschnellstes Motorrad der Welt ein. Vor ihr stehen der Franzose Eric Teboul mit 4,976 Sekunden und 290,51 mph, aufgestellt im September 2022 mit einem Raketenmotorrad auf Basis von Wasserstoffperoxid, sowie Larry McBride mit seinem radgetriebenen Top-Fuel-Motorrad, das auf 5,50 Sekunden kommt.

Warum noch Luft nach oben ist

Die aktuelle Ausbaustufe nutzt ihren Wasservorrat in etwa 2,9 Sekunden auf. Eine Vergrößerung des Tanks ist für Sykes keine Option. Die Entwicklungsrichtung zielt darauf, mit der vorhandenen Wassermenge mehr Standzeit und eine stabilere Strömung zu erreichen. Sykes spricht darüber, dass rund drei Sekunden Schub nötig seien, um die 4,9 Sekunden auf die Viertelmeile zu fahren, die er als nächstes Ziel ausgibt. Ein weiteres Zwischenziel sind Zeiten im 2-Sekunden-Bereich auf der Achtelmeile und letztlich eine Viertelmeilen-Zeit im 4-Sekunden-Bereich.

Technisch setzt er auf mehrere Stellschrauben. Die neue Maschine hat ein längeres Chassis und eine angepasste Sitzposition, in der der Fahrer sich unter Last besser abstützen kann. Die Carbon-Verkleidung ist größer und umgeformt, um den überarbeiteten Druckbehälter aufzunehmen. Im Behälterinneren sollen konstruktive Anpassungen den Durchfluss zu den Düsen verbessern, und die auf Stickstoffbetrieb umgestellten Ventile sollen gleichmäßiger auslösen. Wichtigster Hebel bleibt aus Sykes‘ Sicht die Strömung selbst. Er erläutert, dass ein gleichmäßiger Fluss ohne Turbulenzen nötig sei, weil sonst Kavitation entstehe, ein Teilvakuum gebildet werde, das Wasser dort zu kochen beginne und der Fluss unterbrochen werde. Entscheidend sei ein ungestörter Weg des Wassers vom Behälter zur Düse.

Trotz der aggressiven Kennwerte ordnet Sykes das Projekt selbst eher nüchtern ein. Er spricht davon, dass viele Fahrzeuge bereits schnell gefahren seien und viele die 200-mph-Marke überschritten hätten, dass aber die reine Beschleunigungsrate neu sei. Die Force of Nature sei das am stärksten beschleunigende Fahrzeug der Welt mit Ausnahme eines Top-Fuel-Wagens. Das Data-Logging-System von AIM Technologies soll dabei helfen, weitere Entwicklungsschritte datenseitig abzusichern. Für das Osterwochenende ist die nächste Runde in Santa Pod geplant, bei der Sykes die 5,51 Sekunden unterbieten will.

Force of Nature Raketenmotorrad – Werkstattansicht von rechts mit sichtbarem Dampfkessel und Rahmenstruktur
Force of Nature: Dampfgetriebenes Raketenmotorrad aus Yorkshire schlägt Top Fuel Dragster in der Beschleunigung 10

Häufige Fragen

  • Wer hat das Force of Nature Raketenmotorrad gebaut?

    Das Motorrad wurde von Graham Sykes aus Bedale in North Yorkshire entwickelt und in einer privaten Werkstatt gefertigt. Unterstützt wird er von seiner Frau Diane, dem zweiten Piloten Phil Wood sowie Jim Dickman und Billy Hudson. Der Druckbehälter stammt von CPE Pressure Vessels aus Tamworth.

  • Wie schnell beschleunigt die Force of Nature?

    Das dampfgetriebene Raketenmotorrad erreicht 60 mph in 0,4 Sekunden und 100 mph in 0,8 Sekunden. Am Start wurden Spitzenwerte von 6,8 G gemessen, der Durchschnittswert liegt bei 5,4 G in der ersten Sekunde.

  • Welche Zeit hat das dampfgetriebene Raketenmotorrad auf der Viertelmeile erreicht?

    Beim Festival of Power 2026 in Santa Pod stellte Graham Sykes eine Zeit von 5,5039 Sekunden auf. Damit liegt die Force of Nature an dritter Stelle der schnellsten Motorräder, hinter Eric Teboul mit 4,976 Sekunden und Larry McBride mit 5,50 Sekunden.

  • Wie funktioniert der Dampfantrieb der Force of Nature?

    Im Druckbehälter werden 120 Liter entmineralisiertes Wasser auf rund 260 Grad Celsius und einen Druck von 40 bis 50 bar gebracht. Beim Start strömt das Wasser durch zwei de-Laval-Düsen, expandiert schlagartig zu Dampf und erzeugt dabei den Schub.

  • Wo tritt die Force of Nature an?

    Die Force of Nature läuft hauptsächlich auf der Dragracing-Strecke Santa Pod Raceway sowie auf dem Flugplatz Elvington. Das Motorrad wird dort bei Veranstaltungen wie dem Festival of Power und den FIA/FIM European Finals eingesetzt.

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