- 50 Prozent Zoll auf US-Motorräder über 800 Kubikzentimeter, gültig ab dem 8. September 2026 um 00:01 Uhr
- Elektromotorräder fallen nicht darunter, ebenso wenig Maschinen unter 800 Kubikzentimeter
- Bereits in Kanada stehende und beim Inkrafttreten unterwegs befindliche Motorräder bleiben verschont
Der Handelsstreit zwischen den USA und Kanada erreicht die Motorradbranche. Nachdem die USA am 22. August einen Zoll von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar (circa 17,2 Milliarden Euro / 20,0 Milliarden US-Dollar) in Kraft gesetzt hatten, antwortete Ottawa drei Tage später mit einer eigenen Liste. Sie umfasst 874 Zollpositionen und ein Handelsvolumen in derselben Größenordnung. Auf dieser Liste stehen neben Stahl, Milchprodukten, Haushaltsgeräten, Landmaschinen, Papier und Elektronik auch große Motorräder aus amerikanischer Fertigung.

Welche Motorräder betrifft der neue Zoll auf Motorräder in Kanada?
Betroffen sind Motorräder mit Verbrennungsmotor über 800 Kubikzentimeter, die als Ware amerikanischen Ursprungs gelten. Maßgeblich ist die Zollposition 8711.50.00, wie sie in der kanadischen Regelung genannt wird. Marken spielen dabei keine Rolle. Das kanadische Finanzministerium führt in seiner am 25. August veröffentlichten und am 26. August aktualisierten Produktliste ausschließlich technische Merkmale auf, nicht Herstellernamen.
Entscheidend ist der Ursprung, nicht der Firmensitz. Der Zoll greift nur bei Waren, die nach den kanadischen Ursprungsregeln als amerikanische Ware gekennzeichnet werden dürfen. Ein Motorrad einer US-Marke, das außerhalb der Vereinigten Staaten gebaut wird, fällt nach diesem Kriterium nicht automatisch unter die Abgabe. Die Sätze der neuen Gegenmaßnahmen liegen bei 15, 25 und 50 Prozent und orientieren sich jeweils an dem Satz, den die USA auf die entsprechende kanadische Ware erheben. In einer früheren Runde des Streits lag der Satz für Motorräder laut Medienberichten noch bei 25 Prozent.
Warum trifft der Zoll bei Harley-Davidson und Indian das ganze Programm?
Beide Hersteller bauen ausschließlich Modelle, deren Hubraum über der Grenze liegt. Bei Harley-Davidson ist die Nightster mit 975 Kubikzentimetern aus der Revolution-Max-Reihe das kleinste Motorrad im Angebot. Sie liegt damit bereits deutlich über 800 Kubikzentimetern. Alles darüber, von den Cruisern über die Touring-Familie bis zu den CVO-Modellen, ist ohnehin erfasst.
Bei Indian sieht es ähnlich aus. Das kleinste Modell der Marke ist die Scout Sixty mit 999 Kubikzentimetern, die es auch in einer A2-Variante gibt. Nach Angaben des Herstellers werden sämtliche aktuellen Indian-Motorräder im Werk Spirit Lake im US-Bundesstaat Iowa montiert. Damit erfüllen die schweren Cruiser und Tourer beide Bedingungen der kanadischen Regelung.
Einen Ausweg könnte künftig die viel diskutierte Sprint bieten. Sollte Harley-Davidson dieses Modell in Kanada anbieten, wäre es das einzige im Programm, das unter der Hubraumgrenze bliebe.

Steigen die Preise in Kanada jetzt um 50 Prozent?
Nein, ein Zoll von 50 Prozent bedeutet nicht automatisch einen um 50 Prozent höheren Ladenpreis. Die Abgabe wird auf den Zollwert des eingeführten Motorrads erhoben, nicht auf den Endpreis im Schaufenster. Wie viel davon beim Kunden ankommt, entscheiden Hersteller, Importeure und Händler.
Ein Rechenbeispiel macht die Größenordnung deutlich: Bei einem Zollwert von 20.000 Euro (circa 23.244 US-Dollar) fielen 10.000 Euro (circa 11.622 US-Dollar) Zoll an. Dieser Betrag muss nicht eins zu eins auf den Verkaufspreis durchschlagen, er entsteht aber irgendwo in der Kette.
Wie hoch die kanadischen Preise bislang liegen, zeigt ein Blick in die Liste von Harley-Davidson. Die Nightster startet dort bei 13.099 kanadischen Dollar (circa 8.155 Euro / 9.478 US-Dollar) einschließlich Fracht und Händlervorbereitung. Eine Street Glide beginnt bei 32.199 kanadischen Dollar (circa 20.047 Euro / 23.298 US-Dollar), die Street Glide Limited bei 42.949 kanadischen Dollar (circa 26.740 Euro / 31.077 US-Dollar).
Fachleute rechnen damit, dass ein Teil der Abgabe in den Margen hängen bleibt. Ein Handelsökonom des Peterson Institute for International Economics verweist darauf, dass bei bekannten Marken ein großer Teil des Preises auf den Markenwert entfällt. Genau deshalb könnten Anbieter einen erheblichen Anteil des Zolls selbst tragen und trotzdem Geld verdienen. Ein Supply-Chain-Fachmann der Michigan State University geht dennoch davon aus, dass die Ausfuhren nach Kanada zurückgehen. Preisnachlässe der Exporteure dürften den Zoll nicht ausgleichen, sodass die gesamten Einfuhrkosten spürbar steigen. Größere unternehmerische Folgen wie Produktionsanpassungen erwartet er nicht vor Anfang kommenden Jahres.
Welche Motorräder bleiben vom Zoll ausgenommen?
Ausgenommen sind Elektromotorräder, Maschinen bis 800 Kubikzentimeter sowie Ware, die beim Inkrafttreten bereits unterwegs oder im Land ist. Die kanadische Regelung führt Motorräder mit Elektroantrieb in einer eigenen Zollposition. Das kommt LiveWire zugute, der Elektromarke von Harley-Davidson.
Motorräder, die schon bei kanadischen Händlern stehen, haben die Grenze passiert und sind damit nicht betroffen. Das Gleiche gilt für Sendungen, die am 8. September bereits auf dem Weg nach Kanada sind. Erst Nachschub, der danach eingeführt wird, unterliegt der neuen Abgabe. Für die Händler bedeutet das eine Schonfrist, deren Länge davon abhängt, wie lange die vorhandenen Bestände reichen.

Der Zoll trifft Harley-Davidson mitten im Umbau
Für Harley-Davidson kommt die Maßnahme zu einem heiklen Zeitpunkt. Nach dem Geschäftsbericht für 2025 verkaufte das Unternehmen im vergangenen Jahr 6.434 Motorräder an kanadische Endkunden, nach 7.093 im Jahr 2024. Das entspricht 4,9 Prozent des weltweiten Absatzes. Im ersten Halbjahr 2026 waren es 3.735 Maschinen gegenüber 3.912 im Vorjahreszeitraum. Kanada ist damit kein großer, aber ein spürbarer Markt. Insgesamt führte das Land 2025 Motorräder und motorisierte Zweiräder aus den USA im Wert von rund 97 Millionen Euro (112,5 Millionen US-Dollar) ein, wobei diese Zahl auch kleinere Hubraumklassen umfasst.
Gleichzeitig verlagert der Konzern Fertigung in die entgegengesetzte Richtung. Im Juni kündigte Harley-Davidson an, die nordamerikanische Produktion der Revolution-Max-Modelle Pan America, Sportster S und Nightster in Werke in Pennsylvania und Wisconsin zurückzuholen. Bearbeitung, Antriebsmontage, Lackierung und Endmontage sollen dort ab dem kommenden Jahr laufen und nach Angaben des Unternehmens zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Wie viele es netto sein werden, hat der Hersteller nicht beziffert. Zuvor hatte das Unternehmen bereits Fertigung aus Thailand in die USA verlegt. Je mehr Produktion in den Vereinigten Staaten liegt, desto mehr Modelle erfüllen allerdings genau das Ursprungskriterium der kanadischen Regelung.
Der Umbau läuft unter dem Strategieprogramm „Back to the Bricks“ von Vorstandschef Artie Starrs. Im Juli hatte Harley-Davidson die Prognose für 2026 angehoben, nachdem der nordamerikanische Absatz im zweiten Quartal um drei Prozent gestiegen war.
Was fordert die kanadische Motorradbranche?
Der Branchenverband Moto Canada verlangt, Motorräder amerikanischen Ursprungs vor dem 8. September wieder von der Liste zu streichen. Der Verband erkennt zwar an, dass die Regierung kanadische Wirtschaftsinteressen verteidigen muss, sieht aber unerwünschte Folgen für Betriebe, Beschäftigte und Kunden im eigenen Land.
Moto Canada vertritt Hersteller und Importeure von Motorrädern, Quads und Side-by-Sides. Nach Verbandsangaben hängen daran rund 900 Händlerbetriebe und mehr als 88.000 Arbeitsplätze, vielfach in kleinen und mittleren Unternehmen. Sollte der Zoll wie geplant kommen, fordert Verbandschef Landon French ein klares und zügiges Erstattungsverfahren, das auch Motorräder einschließt, die bereits bestellt, gekauft oder unterwegs sind.

Warum stehen ausgerechnet Motorräder auf der Zollliste?
Große Motorräder gelten als Symbol amerikanischer Industrie und tauchen deshalb in Handelskonflikten immer wieder auf. Das war schon in den 1980er Jahren so, als die USA selbst Einfuhrzölle auf Motorräder erhoben, und wiederholte sich zuletzt bei den Gegenmaßnahmen der EU und anderer Staaten. Der Warenwert ist im Vergleich zum gesamten Handel zwischen beiden Ländern gering, die Sichtbarkeit dagegen hoch.
Offiziell erklärt Ottawa, die Liste sei zusammengestellt worden, um Marktanteile kanadischer Unternehmen zu schützen, und nicht, um politisch heikle Produkte in umkämpften US-Bundesstaaten zu treffen. Industrieministerin Mélanie Joly hat in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Kanadas allerdings eingeräumt, dass Druck durchaus beabsichtigt ist: „We are putting pressure, clearly, on different states and different people“ (deutsch: „Wir üben eindeutig Druck auf verschiedene Bundesstaaten und verschiedene Leute aus“). Sie ergänzte: „We don’t want this trade war. We didn’t start it“ (deutsch: „Wir wollen diesen Handelskrieg nicht. Wir haben ihn nicht begonnen“).
Konkret wird das im 10. Kongresswahlbezirk von Pennsylvania. Dort liegt York mit dem größten US-Werk von Harley-Davidson und rund 1.000 Beschäftigten. Bei der Wahl vor zwei Jahren gewann der zolltreue Amtsinhaber Scott Perry dort mit 50,6 Prozent gegen 49,4 Prozent seiner Herausforderin Janelle Stelson, die Zölle kritisiert. Beide treten im November erneut gegeneinander an. Am Stammsitz in Milwaukee ist die Lage anders: Der dortige Wahlbezirk in Wisconsin gilt als sicher, zumal sich die Gegenkandidaten die Stimmen aufteilen. Beobachter halten es für unwahrscheinlich, dass der Motorradzoll allein eine Wahl entscheidet.
Häufige Fragen
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Ab wann gilt der Zoll auf Motorräder in Kanada?
Die Maßnahme greift am 8. September 2026 um 00:01 Uhr. Sie ist Teil eines Pakets über 874 Zollpositionen, das am 25. August veröffentlicht und am 26. August aktualisiert wurde.
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Welche Harley-Modelle sind betroffen?
Praktisch das gesamte Programm, denn schon die Nightster liegt mit 975 Kubikzentimetern über der Grenze von 800 Kubikzentimetern. Voraussetzung ist zusätzlich, dass das jeweilige Motorrad nach kanadischen Ursprungsregeln als amerikanische Ware gilt.
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Werden Motorräder in Kanada dadurch 50 Prozent teurer?
Nicht zwangsläufig, denn der Zoll wird auf den Zollwert bei der Einfuhr erhoben und nicht auf den Endpreis. Hersteller, Importeure und Händler entscheiden, welcher Anteil an den Käufer weitergegeben wird. Bei einem Zollwert von 20.000 Euro (circa 23.244 US-Dollar) entstehen 10.000 Euro (circa 11.622 US-Dollar) an Abgaben.
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Sind Elektromotorräder ebenfalls betroffen?
Nein, Elektromotorräder stehen in einer anderen Zollposition und fallen nicht unter diese Maßnahme. Davon profitiert unter anderem LiveWire, die Elektromarke von Harley-Davidson.
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Wie wichtig ist Kanada für Harley-Davidson?
Der Konzern verkaufte dort 2025 genau 6.434 Motorräder, was 4,9 Prozent des weltweiten Absatzes entspricht. Im ersten Halbjahr 2026 waren es 3.735 Einheiten nach 3.912 im Vorjahreszeitraum.












