- Roczen holte sich den Titel mit nur drei Punkten Vorsprung auf Hunter Lawrence (349 zu 346)
- Erster Supercross-Champion auf einer Suzuki seit Ryan Dungeys Titelgewinn 2010
- Der Deutsche hatte zur Saisonmitte einen Rückstand von 31 Punkten auf Lawrence
Am Abend des 9. Mai 2026 saß Ken Roczen in einem Raum unter den Tribünen des Rice-Eccles Stadium in Salt Lake City und starrte auf ein kleines Plastikschild in seinen Händen. Darauf stand die Nummer 1 und die Worte „AMA 2026 Supercross Champion“. Wenige Minuten zuvor hatte der 32-Jährige aus Apolda eines der emotionalsten Kapitel in der Geschichte des AMA Supercross geschrieben. Nach 13 Saisons in der Königsklasse, nach gebrochenen Armen, einem Dutzend Operationen und unzähligen Rückschlägen war er am Ziel. Die Monster Energy AMA Supercross Championship 2026, die wichtigste Supercross-Serie der Welt, gehörte ihm.

Wie verlief die AMA-Supercross-Saison 2026?
Die Saison 2026 begann im Januar in Anaheim und entwickelte sich schnell zu einem Zweikampf zwischen Roczen auf seiner Suzuki RM-Z450 und dem Australier Hunter Lawrence auf der Werks-Honda. Beide gewannen im Laufe der 17 Rennen jeweils fünf Läufe. Am Ende trennten sie nur drei Punkte in der Gesamtwertung.
Der Weg zum Titel war alles andere als geradlinig. In der ersten Saisonhälfte dominierten Lawrence und Eli Tomac die Spitze. Roczen fuhr zwar konstant in die Top-5, lag nach Runde 9 in Birmingham aber bereits 31 Punkte hinter Lawrence. Viele Beobachter hatten den Deutschen zu diesem Zeitpunkt als ernsthaften Titelkandidaten abgeschrieben. Die Wettanbieter hatten Roczen vor der Saison mit einer Quote von +1402 gelistet, während Lawrence bei +311 und Tomac bei +240 standen.
Doch Roczen fand in der zweiten Saisonhälfte seine Form. Er gewann drei der folgenden vier Rennen und arbeitete sich Stück für Stück zurück an die Spitze. Mit seinem Sieg in Runde 15 in Philadelphia übernahm er erstmals in der zweiten Saisonhälfte die Führung in der Gesamtwertung und trug fortan das begehrte Red Plate an seiner Maschine. Lawrence schlug in der vorletzten Runde in Denver zurück und verkürzte den Abstand auf einen einzigen Punkt. Das Finale in Salt Lake City wurde damit zum alles entscheidenden Showdown.
Was passierte beim Finale in Salt Lake City?
Bereits der Finaltag begann für Roczen holprig. Im Qualifying kam er nur auf die neuntschnellste Zeit. In seinem Heat Race stürzte er und wurde lediglich Vierter, während Lawrence seinen Vorlauf gewann. Teambesitzer Dustin Pipes erklärte dazu, Qualifying-Ergebnisse seien bei Roczen kein Gradmesser: „Ken is a racer first and foremost. I think we’ve won a podium qualifying 14th or something like that. This guy’s a racer; he’s a gamer. When the main event comes, that’s when he shows his best.“ (Sinngemäß: Ken sei vor allem ein Racer, der auch nach schlechten Qualifying-Ergebnissen auf dem Podium landen könne. Im Hauptrennen zeige er seine beste Leistung.)
Im Main Event ging Lawrence dann mit dem Holeshot in Führung. Roczen reagierte sofort, bremste später als alle anderen in die zweite Kurve und überholte den Australier auf der Innenseite. Es war das entscheidende Überholmanöver des gesamten Rennens. Roczen setzte sich an die Spitze und fuhr in den ersten Runden die schnellste Rundenzeit des Abends.
Lawrence heftete sich an Roczens Hinterrad und lauerte auf eine Gelegenheit. Rund zehn Runden lang fuhren die beiden Titelanwärter im Abstand von etwa einer Sekunde an der Spitze. Als sich Jorge Prado von hinten näherte und Lawrence unter Druck setzte, geriet der Australier aus dem Rhythmus. Lawrence fuhr zunächst kurz von der Strecke ab und stürzte wenig später in derselben Kurve, in der Roczen ihn zu Rennbeginn überholt hatte. Er fiel auf den siebten Platz zurück.
Damit war die Titelentscheidung praktisch gefallen. Roczen kontrollierte das Rennen und baute seinen Vorsprung auf drei Sekunden aus. In den letzten Runden machte sich jedoch ein Seitenstechen unter dem rechten Rippenbogen bemerkbar. „I tried to really keep my breathing super calm, but I think I did it too much almost to where I didn’t take enough breath,“ erklärte Roczen nach dem Rennen. (Sinngemäß: Er habe versucht, seine Atmung ruhig zu halten, dabei aber wohl zu wenig Luft geholt.) Er ließ Chase Sexton, Justin Cooper, Jorge Prado und Cooper Webb in den letzten beiden Runden bewusst passieren und brachte das Rennen auf dem fünften Platz ins Ziel. Lawrence beendete den Lauf auf Rang sieben. Die drei Punkte Vorsprung reichten Roczen für den Titelgewinn.
Rennsieger Chase Sexton feierte seinen zweiten Saisonsieg und seinen vierten Triumph in Folge in Salt Lake City. Eli Tomac, der im Qualifying noch die Bestzeit gesetzt hatte, war nach einem Sturz in seinem Heat Race zum Verzicht auf das Hauptrennen gezwungen. Laut eigener Aussage hatte er sich dabei die Hüfte und den Bauchbereich geprellt.
Welche Rekorde hat Ken Roczen mit dem Titel aufgestellt?
Mit 32 Jahren ist Roczen der älteste Fahrer, der jemals die 450er-Klasse der AMA Supercross Championship gewonnen hat. Vor ihm lag der Rekord für die meisten Saisons vor einem ersten Titelgewinn bei sieben (Eli Tomac, 2020), Roczen brauchte 13 Saisons. Er ist der erste Deutsche und erst der dritte Europäer in der 53-jährigen Geschichte der Serie, dem dieser Titel gelang. Vor ihm schafften das nur Pierre Karsmakers aus den Niederlanden 1974 und der Franzose Jean Michel Bayle 1991.
Für Suzuki ist es der erste Supercross-Titel seit Ryan Dungeys Meisterschaft 2010 und insgesamt der fünfte in der Geschichte der Serie. Roczens Teamchef bei Progressive Insurance Cycle Gear ECSTAR Suzuki, Dustin Pipes, kommentierte den Erfolg knapp: „Never had a doubt. Thank you to all the team members and partners that make nights like these possible. Ken earned this championship.“ (Sinngemäß: Er habe nie gezweifelt und danke allen Teammitgliedern und Partnern. Roczen habe sich diese Meisterschaft verdient.)
Wie kam Roczen nach seinen schweren Verletzungen zurück?
Die Geschichte dieses Titels lässt sich nicht ohne einen Blick auf Roczens Leidensweg erzählen. Im Januar 2017 gewann er die ersten beiden Saisonrennen in Anaheim und San Diego mit teils enormem Vorsprung auf Ryan Dungey. Beim dritten Rennen, erneut in Anaheim, stürzte er neun Runden vor Schluss schwer. Die Folge war ein komplizierter Bruch beider Unterarme, eine ausgekugelte Elle und ein gebrochenes Kahnbein. In einer ersten Notoperation ging es zunächst darum, den Arm überhaupt zu retten. Über ein Dutzend weitere Operationen folgten.
Roczen kehrte 2018 zurück, stürzte jedoch nach nur sechs Rennen erneut und brach sich Mittelhandknochen in der rechten Hand. In den folgenden Jahren kämpfte er zusätzlich mit dem Epstein-Barr-Virus, das ihn zeitweise, wie er selbst beschrieb, kraftlos machte. Er gewann in der Zeit zwischen dem Crash 2017 und April 2024 insgesamt zwölf Supercross-Rennen, doch die Meisterschaft blieb in sieben Top-5-Gesamtklassierungen (darunter zwei zweite Plätze 2016 und 2021) stets unerreichbar.
Im April 2024 traf ihn der nächste Schicksalsschlag. In Nashville versagte bei voller Fahrt das vordere Federbein seiner Maschine. Roczen wurde über den Lenker katapultiert und fiel erneut für den Rest der Saison aus. Der Wechsel Ende 2022 zu Suzuki, einem Team, das bereit war, sich um seine Bedürfnisse herum aufzubauen, bildete die Grundlage für das Comeback. Roczen beschrieb diesen Moment später so: „I was just trying to grasp on to something to be halfway good again. I wasn’t anywhere near championship material.“ (Sinngemäß: Er habe nur versucht, sich an etwas zu klammern, um wenigstens halbwegs wieder gut zu werden. Von Meisterschaftsniveau sei er weit entfernt gewesen.)
2026 war sein sechstes Jahr auf der Suzuki RM-Z450 und seine vierte Saison mit dem Team Progressive Insurance Cycle Gear ECSTAR Suzuki. Der Ansatz von Suzuki, die grundlegenden Stärken der RM-Z450 behutsam weiterzuentwickeln, sowie die Arbeit des Teams bei der individuellen Abstimmung der Maschine bildeten laut Hersteller die technische Grundlage für den Titel.
Was bedeutet der Titel für Roczens Karriere?
Der AMA-Supercross-Titel 2026 komplettiert einen beeindruckenden Palmarès. Roczen ist nun Inhaber von sieben professionellen Meisterschaften: der AMA Supercross Championship 2026, zweier FIM World Supercross Championships (2022, 2023), zweier AMA Pro Motocross Championships (2014, 2016), der 250SX West Championship 2013 sowie der MX2-Weltmeisterschaft 2011. Drei dieser sieben Titel gewann er auf Suzuki-Maschinen. Mit 28 Karrieresiegen in der 450SX-Klasse steht er auf Platz zehn der ewigen Bestenliste.
Bereits als Jugendlicher hatte Roczen international für Aufsehen gesorgt. Der 1994 in Apolda geborene Fahrer saß laut eigener Angabe seit seinem dritten Lebensjahr auf Motocross-Maschinen. 2006 gewann er den ADAC MX Junior-Cup und wurde Vizeweltmeister bei der Junioren-WM, ein Jahr später holte er den Junioren-WM-Titel. 2011 wurde er mit nur 17 Jahren MX2-Weltmeister und damit der jüngste Motocross-Champion aller Zeiten. In Europa wird Roczen von seinem langjährigen Partner, dem deutschen Suzuki-Händler Johannes Bikes aus Weimar, unterstützt, der für den kompletten technischen Support bei europäischen Einsätzen verantwortlich zeichnet.
Takashi Ise, Managing Officer und Executive General Manager Motorcycle Operations bei Suzuki Motor Corporation, zeigte sich stolz über den Titelgewinn: „We are really proud that Roczen has won the championship title. We would like to express our sincere thanks to all the people who have supported Roczen and the Suzuki RM-Z.“ (Sinngemäß: Man sei stolz auf Roczens Titelgewinn und danke allen Unterstützern.) Ise betonte, Roczens wertschätzende Haltung gegenüber seinen Fans passe gut zum Unternehmensmotto „By Your Side“.
Wie geht es nach dem Supercross-Titel weiter?
Die AMA-Supercross-Saison 2026 ist mit dem Finale in Salt Lake City beendet. Der nächste große Termin im amerikanischen Offroad-Kalender ist der Start der AMA Pro Motocross Championship am 30. Mai in Fox Raceway in Pala, Kalifornien. In der 250er-Klasse feiert dort Haiden Deegan, der sich im Supercross den 250SX West-Titel gesichert hat, sein Debüt in der 450er-Klasse. Die 250SX East Championship gewann Cole Davies aus Neuseeland.
Die Gesamtwertung der AMA Supercross Championship 2026 in der 450er-Klasse im Überblick:
- Ken Roczen (Suzuki) – 349 Punkte
- Hunter Lawrence (Honda) – 346 Punkte
- Cooper Webb (Yamaha) – 315 Punkte
- Eli Tomac (KTM) – 275 Punkte
- Justin Cooper (Yamaha) – 273 Punkte
Roczen selbst fasste den Abend nach dem Rennen so zusammen: „Alright boys and girls, Salt Lake is done and dusted and what a fairy tale ending it was for me and the team. It took so much work to get here. Today wasn’t easy, there were just a lot of nerves going on. When it counted the most in the main event we got a great start, made a pass happen, had an insane main event, and then just had a little bit of peace and quiet toward the end to bring it home. What a dreamy ending. We won the championship tonight. This is so huge.“ (Sinngemäß: Salt Lake City sei abgehakt und es sei ein märchenhaftes Ende für ihn und das Team gewesen. Der Weg dorthin habe viel Arbeit gekostet, der Tag sei nicht leicht gewesen und die Nervosität groß. Im Hauptrennen habe dann alles gepasst: ein guter Start, das entscheidende Überholmanöver und gegen Ende etwas Ruhe, um das Rennen nach Hause zu bringen.)
Er sprach auch über die mentale Arbeit, die hinter dem Erfolg steckt: „I have envisioned this moment all year to the point where I would, even at home, get emotional. I would hide out from the kids a couple of times throughout the day, every day, because I had to just to kind of do my practice. I had to envision it so deeply that I would get even emotional during the week because I felt all of it before it happened tonight.“ (Sinngemäß: Er habe diesen Moment das ganze Jahr über so intensiv visualisiert, dass er dabei regelmäßig emotional geworden sei. Mehrmals täglich habe er sich zurückgezogen, um mental zu trainieren und das Gefühl des Titelgewinns so tief zu verinnerlichen, dass er es bereits unter der Woche gespürt habe.)
Häufige Fragen
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Wer hat die AMA Supercross Championship 2026 in der 450er-Klasse gewonnen?
Ken Roczen hat sich auf seiner Suzuki RM-Z450 den Titel in der 450er-Klasse der Monster Energy AMA Supercross Championship 2026 gesichert. Er beendete die Saison mit 349 Punkten, drei Zähler vor Hunter Lawrence auf Honda.
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Wie knapp war das Supercross-Finale 2026 in Salt Lake City?
Roczen und Lawrence gingen mit nur einem Punkt Unterschied in das letzte Rennen der Saison. Im Main Event überholte Roczen den zunächst führenden Lawrence in der zweiten Kurve. Nach einem Sturz von Lawrence auf Rang sieben reichte Roczen sein fünfter Platz zum Titelgewinn mit drei Punkten Vorsprung.
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Welche Rekorde hat Ken Roczen 2026 aufgestellt?
Mit 32 Jahren ist Roczen der älteste Supercross-Champion in der Geschichte der Serie. Er ist der erste Deutsche und erst der dritte Europäer nach Pierre Karsmakers (1974) und Jean Michel Bayle (1991), der den Titel gewann. Zudem benötigte er 13 Saisons in der Königsklasse bis zum Titelgewinn, mehr als jeder andere Champion zuvor.
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Welche Meisterschaften hat Ken Roczen insgesamt gewonnen?
Roczen hält sieben professionelle Titel: die AMA Supercross Championship 2026, zwei FIM World Supercross Championships (2022, 2023), zwei AMA Pro Motocross Championships (2014, 2016), die 250SX West Championship 2013 und die MX2-Weltmeisterschaft 2011.
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Wann startet die AMA Pro Motocross Championship 2026?
Die AMA Pro Motocross Championship 2026 beginnt am 30. Mai in Fox Raceway in Pala, Kalifornien.








