- 2024 wurde laut amtlicher Statistik bei knapp 11.700 Unfällen mit Personenschaden Fehlverhalten beim Überholen festgestellt, in 212 Fällen mit tödlichem Ausgang.
- Erlaubt ist Überholen nur bei vollständig einsehbarer Strecke und ohne jede Gefährdung des Gegenverkehrs.
- Schon kleine Geschwindigkeitsdifferenzen zum Vorausfahrenden verlängern den nötigen Überholweg erheblich.
Wer auf einer Landstraße hinter einem langsameren Fahrzeug fährt, steht früher oder später vor der Frage, ob sich ein Überholmanöver lohnt. Die Unfallforscher der DEKRA raten in vielen dieser Momente zur Zurückhaltung, denn das Überholen gehört zu den anspruchsvollsten Vorgängen im Straßenverkehr. Schon eine kleine Fehleinschätzung bei Tempo, Abstand oder Gegenverkehr kann auf der Gegenfahrbahn schwere Folgen haben. Besonders auf kurvigen Strecken bleibt oft wenig Spielraum, einen einmal begonnenen Vorgang wieder sicher abzubrechen.
Warum zählt Überholen zu den kritischsten Fahrsituationen?
Überholmanöver gelten als besonders riskant, weil sie sich auf der Gegenfahrbahn abspielen und kaum Reserven für Fehler lassen. Luis Ancona aus der DEKRA-Unfallforschung formuliert es deutlich: „Überholmanöver sind eine der kritischsten Fahrsituationen überhaupt. Beim geringsten Zweifel ist Überholen deshalb keine Option.“
Häufig wird zum Überholen angesetzt, ohne die Verkehrssituation ausreichend zu prüfen. Wird die Lage dann falsch eingeschätzt, fallen die Folgen bei Gegenverkehr besonders schwer aus. Ancona spricht davon, dass viele Vorgänge ohne ausreichende Sicherheitsreserven beginnen. Wer Geschwindigkeit, Abstand oder den herannahenden Gegenverkehr falsch einschätzt, geht ein hohes Risiko ein, bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet zu werden.
Wie viele Überholunfälle gibt es in Deutschland?
Im Jahr 2024 wurde laut amtlicher Statistik bei knapp 11.700 Unfällen mit Personenschaden Fehlverhalten beim Überholen festgestellt. In 212 Fällen handelte es sich dabei um Unfälle mit tödlichem Ausgang.
Aus Sicht der DEKRA-Unfallforschung sind solche Überholunfälle häufig das Ergebnis von Fehleinschätzungen. Oft fehlt die nötige Sicherheitsreserve, weil die Strecke, das eigene Tempo oder der Gegenverkehr nicht richtig bewertet werden. Genau diese Fehler führen dazu, dass ein Manöver, das im ersten Moment machbar erscheint, mitten auf der Gegenfahrbahn zur Falle wird.
Was schreibt die Straßenverkehrs-Ordnung zum Überholen vor?
Erlaubt ist das Überholen nur, wenn der Überholweg vollständig einsehbar ist und jede Behinderung oder Gefährdung des Gegenverkehrs ausgeschlossen bleibt. Bei unklarer Verkehrslage ist Überholen strikt verboten.
Daraus folgt, dass ein Überholvorgang sofort abgebrochen werden muss, sobald Gegenverkehr auftaucht. Auch das sogenannte Kolonnenspringen ist nicht erlaubt, wenn vorn keine ausreichend große Lücke zum Einscheren erkennbar ist. Hinzu kommt, dass sowohl das Tempolimit als auch die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände eingehalten werden müssen. Weil sich der Gegenverkehr genauso schnell nähern kann, muss die übersehbare Strecke auch dafür ausreichen. Gerade bei kleinen Geschwindigkeitsdifferenzen zum Vorausfahrenden verlängert sich der Überholweg erheblich. Zeichnet sich beim Ausscheren ab, dass die verfügbare Strecke oder die Geschwindigkeit nicht reicht, muss der Vorgang konsequent und frühzeitig abgebrochen werden.
Wo lauern beim Überholen die größten Gefahren?
Besonders kritisch sind Strecken mit vielen Kurven, Kuppen, Senken und Einmündungen. An diesen blinden Stellen können sich entgegenkommende Fahrzeuge verbergen, die oft näher sind als erwartet.
Leicht übersehen wird auch ein Feldweg, aus dem ein Traktor oder Radfahrer auf die Straße einbiegen oder sie kreuzen können. Dazu kommt ein verbreiteter Denkfehler: Viele unterschätzen die tatsächlich benötigte Überholstrecke. Wer dann mit zu wenig Abstand und zu geringem Tempovorteil ausschert, hat im entscheidenden Moment keine Reserve mehr, um den Vorgang abzubrechen.
Worauf kommt es beim nachfolgenden Verkehr an?
Vor dem Ausscheren muss geprüft werden, ob ein nachfolgendes Fahrzeug bereits selbst zum Überholen angesetzt hat. Erst danach folgt rechtzeitiges und deutliches Blinken vor dem Aus- und Einscheren.
Das überholte Fahrzeug darf dabei keinesfalls geschnitten werden. Gerade der Blick nach hinten gehört nach Einschätzung der DEKRA-Unfallforschung zu den am häufigsten vernachlässigten Punkten. Wer ihn auslässt, übersieht möglicherweise einen schnelleren Verkehrsteilnehmer, der seinerseits schon auf der Gegenfahrbahn unterwegs ist.
Ein dokumentierter Motorradunfall macht die Risiken greifbar
Wie folgenreich Fehler in einer solchen Situation sein können, zeigt ein von der DEKRA-Unfallforschung dokumentiertes Unfallbeispiel. Ein 21-jähriger Motorradfahrer befuhr eine Landstraße, während ein weit vorausfahrender Pkw an einem rechts einmündenden Feldweg wenden wollte. Nachdem der Pkw-Fahrer auf dem Feldweg bis zum Stillstand abgebremst hatte, um den Gegenverkehr passieren zu lassen, setzte er zum Wenden an, ohne auf den von hinten herannahenden Motorradfahrer zu achten.
Der Motorradfahrer wich auf den Fahrstreifen des Gegenverkehrs aus, streifte dabei jedoch die Front des Pkw. Das Motorrad wurde nach links von der Straße abgeleitet, der Fahrer stürzte und prallte mit dem Helm gegen einen betonierten Wasserlauf neben der Fahrbahn. An den schweren Kopfverletzungen starb der Motorradfahrer noch an der Unfallstelle, der Pkw-Fahrer erlitt einen Schock.
Als Ursache benennt die Unfallforschung den Versuch des Pkw-Fahrers, an einer ungeeigneten Stelle in einem Zug zu wenden, ohne ausreichend auf den fließenden Verkehr zu achten. Zugleich hatte der Motorradfahrer die ortszulässige Höchstgeschwindigkeit deutlich überschritten. Mit aufmerksamer Beobachtung und einem effektiven Schulterblick hätte der Pkw-Fahrer den Unfall verhindern können. Für den Motorradfahrer wäre die Kollision auch bei zulässigem Tempo nicht vermeidbar gewesen, allerdings hätte sich die Aufprallgeschwindigkeit deutlich verringern und damit die Verletzungsschwere reduzieren lassen. Bei langsamerem Tempo hätte sich zudem eine theoretische Ausweichmöglichkeit nach rechts ergeben, weil das Motorrad die Kollisionsstelle erst später erreicht hätte. Die Unfallforschung verweist in diesem Zusammenhang auf regelmäßige Fahrsicherheitstrainings, in denen kritische Situationen gezielt nachgestellt werden, sowie auf eine fehlerverzeihende Infrastruktur ohne scharfkantige oder feste Bauelemente am Fahrbahnrand. Das Beispiel zeigt, dass Überholen und vergleichbare Manöver auf der Landstraße ein wiederkehrendes Thema der Verkehrssicherheit bleiben.
Die wichtigsten Punkte vor jedem Überholvorgang
Ancona ordnet das Risiko auch nüchtern ein: Häufige Überholmanöver machen die Fahrsituation anspruchsvoller, bringen in der Regel aber keinen nennenswerten Zeitgewinn. Vor allem bei hohem Verkehrsaufkommen geht es meist nur um wenige Minuten, die das Risiko nicht wert sind. Oft wartet ohnehin hinter ein paar Kurven schon das nächste Hindernis.
Vor jedem Überholvorgang lassen sich aus Sicht der DEKRA-Unfallforschung sechs Fragen klären:
- Ist die Strecke vollständig einsehbar und frei von Gegenverkehr?
- Reicht die verfügbare Strecke zum Überholen aus?
- Kann das eigene Fahrzeug schnell genug beschleunigen?
- Hat ein nachfolgendes Fahrzeug bereits zum Überholen angesetzt?
- Wurde der Blinker rechtzeitig gesetzt?
- Lässt sich der Vorgang jederzeit sicher abbrechen, falls sich die Verkehrslage ändert?
Den entscheidenden Gedanken davor formuliert Ancona als Appell: „Fragen Sie sich vor jedem Überholmanöver: Ist Überholen wirklich nötig? Lohnt es sich wirklich? Bin ich gestresst, gereizt oder übermüdet? Oft entschärft es die Situation, wenn man sich kurz zurücknimmt und die Absicht überdenkt.“
Häufige Fragen
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Wie viele Überholunfälle passieren jährlich in Deutschland?
Im Jahr 2024 wurde laut amtlicher Statistik bei knapp 11.700 Unfällen mit Personenschaden Fehlverhalten beim Überholen festgestellt, in 212 Fällen mit tödlichem Ausgang.
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Wann ist Überholen auf Landstraßen erlaubt?
Erlaubt ist das Überholen nur, wenn der Überholweg vollständig einsehbar ist und jede Behinderung oder Gefährdung des Gegenverkehrs ausgeschlossen bleibt. Bei unklarer Verkehrslage ist Überholen strikt verboten.
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Wo ist Überholen besonders gefährlich?
Besonders kritisch sind Strecken mit vielen Kurven, Kuppen, Senken und Einmündungen. An diesen blinden Stellen können sich entgegenkommende Fahrzeuge verbergen, die oft näher sind als erwartet. Auch Feldwege, aus denen Traktoren oder Radfahrer einbiegen können, werden leicht übersehen.
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Was sollte man vor jedem Überholvorgang prüfen?
Sechs Punkte: vollständig einsehbare und freie Strecke, ausreichende Überholstrecke, genug Beschleunigungsreserve, kein bereits überholender Nachfolger, rechtzeitiges Blinken und die Möglichkeit, den Vorgang jederzeit sicher abzubrechen.











