- Werkstätten melden 25 bis 30 Prozent mehr Fälle als früher
- Benzinpreis stieg 2026 von 1,67 Euro auf zuletzt rund 2 Euro pro Liter
- Guardia di Finanza beschlagnahmte allein in Rom 74 Tonnen nicht normgerechten Kraftstoff
Der Tank ist voll, und trotzdem geht der Motor nach wenigen Kilometern aus. Was zunächst nach einem Elektronikfehler oder nach einer Überhitzung im römischen Hochsommer aussieht, entpuppt sich in den Werkstätten immer öfter als etwas anderes: Wasser und Ablagerungen im Kraftstoff. Eine Recherche der italienischen Nachrichtenagentur Adnkronos hat Anfang August mehrere Mechaniker in verschiedenen Stadtteilen der Hauptstadt befragt. Ihre Schilderungen ähneln sich so stark, dass die Sache inzwischen Behörden, Verbraucherschützer und Politik beschäftigt.
Was passiert derzeit an römischen Tankstellen?
Nach Angaben mehrerer römischer Werkstätten hat die Zahl der Fahrzeuge mit verunreinigtem Kraftstoff im Tank in den vergangenen sechs Monaten deutlich zugenommen. Betroffen sind Autos ebenso wie Motorräder und Roller.
Die Meldungen kommen aus ganz unterschiedlichen Vierteln. Giancarlo Lanza, Inhaber einer Werkstatt im Stadtteil Quadraro, arbeitet seit fünf Jahrzehnten in dem Beruf und sagt: „In cinquant’anni di lavoro non mi era mai capitato di trovare auto con la benzina allungata con l’acqua, se non negli ultimi sei mesi.“ Auf Deutsch: „In fünfzig Jahren Arbeit ist es mir nie passiert, Autos mit Benzin zu finden, das mit Wasser gestreckt war, außer in den letzten sechs Monaten.“ Er berichtet zugleich, es gebe Leute, die von mit Wasser gestreckten Zisternen sprechen.
Roberto Federici, Motorradmechaniker in Monteverde, schildert den Fall einer Tankstelle, deren unterirdische Tanks Wasser enthielten. Ob das Absicht war, könne er nicht sagen, aber der Schaden an den Motoren sei erheblich gewesen. Zuletzt habe er an einem einzigen Tag zwei Kunden mit demselben Problem gehabt. Romar Ponciano, der in einer Motorradwerkstatt an der Corso Trieste arbeitet, kommt auf mindestens zehn Fälle in den vergangenen Monaten. Renato Di Nicolò aus Casalbruciato beziffert den Anstieg auf 25 bis 30 Prozent gegenüber früher. In seiner Werkstatt zeigte er einen Eimer mit Diesel, in dem sich die Verunreinigungen im Licht einer Taschenlampe deutlich absetzen.
Warum trifft es moderne Roller und Motorräder besonders hart?
Moderne Zweiräder reagieren empfindlicher auf Verunreinigungen, weil sie mit präzise arbeitenden Einspritzsystemen statt mit Vergasern laufen. Schon geringe Mengen Wasser oder Sand können Einspritzdüsen verstopfen oder die Kraftstoffpumpe ausfallen lassen.
Ein Vergaser ist ein rein mechanisches Bauteil, das Sprit und Luft mischt und dabei einiges an Dreck verzeiht. Eine elektronische Einspritzanlage arbeitet mit sehr feinen Düsen und hohem Druck. Was früher noch durchging, führt heute innerhalb weniger Kilometer zum Stillstand. Federici beschreibt das so: „In caso di benzina di scarsa qualità, i motorini, le moto e gli scooter di ultima generazione si fermano poco dopo aver fatto rifornimento, te ne accorgi subito.“ Übersetzt: „Bei Benzin schlechter Qualität bleiben die Mopeds, Motorräder und Roller der neuesten Generation kurz nach dem Tanken stehen, man merkt es sofort.“
In den Werkstätten sieht das dann sehr unterschiedlich aus: Autos kommen auf dem Abschleppwagen an, Roller werden geschoben. Der Aufwand ist in beiden Fällen ähnlich. Tank leeren, Kraftstoffanlage reinigen, im schlechten Fall Bauteile tauschen.
Wie kommt Wasser überhaupt in den Kraftstoff?
Für Wasser im Sprit gibt es mehrere mögliche Erklärungen, von undichten Tankstellenbehältern über Kondenswasser bis hin zu Verunreinigungen an anderer Stelle der Lieferkette. Ein einzelner Grund lässt sich bislang nicht sicher benennen.
Ponciano beschreibt einen Mechanismus, der ohne böse Absicht auskommt: In den unterirdischen Zisternen der Tankstellen setzen sich am Boden Schlamm, Feinstaub und Sand ab. Wenn ein Tank fast leer gefahren wird, saugt die Pumpe diese Ablagerungen mit an und befördert sie direkt in die Fahrzeugtanks. Denkbar sind daneben Feuchtigkeit, die während der Lagerung eindringt, oder Probleme beim Transport.
Offen bleibt auch, ob das Phänomen tatsächlich großflächig zunimmt oder ob sich die gemeldeten Fälle in wenigen Stadtvierteln häufen. Weil moderne Fahrzeuge empfindlicher reagieren, könnten dieselben Verunreinigungen heute schlicht öfter zu einem sichtbaren Defekt führen als vor zwanzig Jahren.
Steckt der hohe Spritpreis dahinter?
Einen bewiesenen Zusammenhang zwischen den gestiegenen Kraftstoffpreisen und den verunreinigten Lieferungen gibt es nicht. Die befragten Mechaniker sprechen ausdrücklich von einem Verdacht, nicht von einem Nachweis.
Die Zahlen sind allerdings deutlich. Der Durchschnittspreis für Benzin in Italien stieg von 1,67 Euro (circa 1,93 US-Dollar) pro Liter am 1. Januar 2026 auf 1,94 Euro (circa 2,24 US-Dollar) am 1. Juni. Diesel legte im selben Zeitraum von 1,65 Euro (circa 1,91 US-Dollar) auf über 2 Euro (circa 2,31 US-Dollar) zu. In den Tagen der großen Reisewelle Anfang August kratzte Benzin erneut an der Marke von 2 Euro, Diesel kletterte wieder Richtung 2,10 Euro (circa 2,43 US-Dollar).
Der Gedankengang der Skeptiker ist einfach: Je teurer ein Liter verkauft wird, desto größer der wirtschaftliche Anreiz für unseriöse Betreiber, an der Menge oder der Qualität zu drehen. Belegt ist diese Vermutung bislang nicht. Für Motorradfahrer, die im Sommer nach Italien fahren, kommt damit zu den ohnehin gestiegenen Reisekosten ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu.
Die Finanzpolizei kontrolliert Roms Tankstellen
Am 5. August 2026 startete die Guardia di Finanza eine groß angelegte Kontrollaktion an Tankstellen in Rom. Im Fokus stand vor allem Diesel, der sich nach Einschätzung der Ermittler leichter verfälschen lässt.
Der italienische Minister für Unternehmen und Made in Italy, Adolfo Urso, bestätigte den Einsatz während einer Fragestunde im Abgeordnetenhaus und stellte ihn ausdrücklich in den Zusammenhang mit den Schilderungen der Mechaniker. Oberst Daniele Corradini, Kommandant der ersten Gruppe der Finanzpolizei in Rom, erklärte: „Le verifiche riguardano in particolar modo la qualità del carburante erogato che, in determinati casi, risultava allungato con acqua o con altri prodotti.“ Auf Deutsch: „Die Prüfungen betreffen insbesondere die Qualität des abgegebenen Kraftstoffs, der in bestimmten Fällen mit Wasser oder anderen Produkten gestreckt war.“ Nach seinen Angaben hat allein das Provinzkommando Rom in den ersten sechs Monaten des Jahres 74 Tonnen nicht normgerechten Kraftstoff beschlagnahmt. Die Kontrollen laufen auch im August weiter.
Wie eine solche Prüfung abläuft, beschrieb Wachtmeisterin Chiara Pusceddu vom dritten Einsatzkern der römischen Finanzpolizei. Zuerst werden Lizenzen geprüft und abgeglichen, ob die ausgehängten, die tatsächlich verlangten und die an das Ministeriumsportal gemeldeten Preise übereinstimmen. Danach folgt die sogenannte „steccata“: Ein Eisenstab wird bis auf den Boden der Zisterne abgesenkt. Eine spezielle Paste auf dem Stab zeigt an, ob dort neben Kraftstoff auch Wasser oder Öl liegt. Zum Schluss werden sechs Proben von jeweils rund einem Liter direkt aus der Zapfpistole in Aluminiumdosen gefüllt, versiegelt, katalogisiert und zur Analyse ins Labor sowie an die Zoll- und Monopolbehörde geschickt.
Was sagen Verbraucherschützer und Politik?
Verbraucherverbände fordern flächendeckende Kontrollen und weisen darauf hin, dass der Verkauf von gestrecktem Kraftstoff mehrere Straftatbestände erfüllen kann. Auch die Verkehrssicherheit wird als Argument angeführt.
Gianluca Di Ascenzo, Präsident der Verbraucherschutzorganisation Codacons, ordnet den Vorgang so ein: „La vendita di carburanti annacquati è un grave illecito che configura diversi reati.“ Auf Deutsch: „Der Verkauf von verwässerten Kraftstoffen ist ein schwerer Rechtsverstoß, der mehrere Straftatbestände erfüllt.“ Er nennt Warenbetrug, Betrug und Verstöße gegen Steuervorschriften. Ein Fahrzeughalter könne an der Zapfsäule kaum erkennen, dass etwas nicht stimmt, denn für den Nachweis von Wasser im Sprit brauche es einen Fachmann.
Vincenzo Donvito, Präsident der Verbrauchervereinigung Aduc, führt das Problem auf fehlende Kontrollpolitik zurück. Verantwortlich gegenüber dem Geschädigten sei derjenige, der das Produkt verkauft habe, auch wenn ein Betreiber einwenden könne, mit der Anlieferung des Kraftstoffs nichts zu tun zu haben. Er rät zusätzlich zu einer Meldung an die Kartellbehörde wegen unlauterer Geschäftspraktiken.
Daniele Rondinelli, Präsident des Verbands Andac, verweist auf die Sicherheitsseite: Ein Fahrzeug, das plötzlich an Leistung verliert oder mitten in der Fahrt stehen bleibt, könne für alle Verkehrsteilnehmer gefährlich werden. Aus der Politik kam der Vorschlag, sofort mit stichprobenartigen Kontrollen zu beginnen, weil ein Gesetz zu lange dauern würde. Alberto Di Rubba, zuständig für den Automobilbereich der Lega, verweist auf die abschreckende Wirkung: Wenn 50 Tankstellen kontrolliert würden, überlege sich womöglich auch der nicht kontrollierte Betreiber sein Vorgehen zweimal. Für die Betroffenen komme zum Schaden noch der Ärger hinzu, die Werkstatt für das Leeren und Reinigen des Tanks bezahlen zu müssen.
Was tun, wenn das Motorrad nach dem Tanken ausgeht?
Bleibt ein Motorrad kurz nach dem Tanken stehen, sollte man den Motor nicht immer wieder anzulassen versuchen. So gelangt weniger verunreinigter Kraftstoff in weitere Bauteile der Anlage.
Wichtig ist außerdem der Tankbeleg, denn nur damit lässt sich später nachvollziehen, wo getankt wurde. Wenn möglich, sollte eine Probe des verschmutzten Kraftstoffs als Beweismittel aufbewahrt werden. Mauro Antonelli, Leiter der Studienabteilung der Unione Nazionale Consumatori, empfiehlt, eine Forderung per Einschreiben oder zertifizierter E-Mail an den Tankstellenbetreiber zu schicken und die zuständige Mineralölgesellschaft nachrichtlich einzubeziehen. Liegen bereits andere Meldungen vor, werde eine solche Forderung mitunter direkt über die Versicherung abgewickelt. Bei einer Ablehnung bleibt der Weg über das Gericht. Antonelli betont, dass die Beanstandung sofort erfolgen und die vollständige Dokumentation einschließlich Quittung aufbewahrt werden sollte. Nach seinen Angaben erreichen die Verbraucherorganisation jedes Jahr mehrere Meldungen dieser Art.
Häufige Fragen
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Woran erkennt man verdünntes Benzin im Tank?
Direkt an der Zapfsäule lässt sich verdünntes Benzin praktisch nicht erkennen. Auffällig wird es erst, wenn der Motor kurz nach dem Tanken schlecht läuft oder ausgeht. Für den sicheren Nachweis von Wasser im Kraftstoff ist laut Verbraucherschützern ein Fachbetrieb nötig.
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Wie viele Fälle gibt es in Rom derzeit?
Mehrere römische Werkstätten berichten von einem Anstieg um 25 bis 30 Prozent gegenüber früher. Eine Motorradwerkstatt an der Corso Trieste zählt mindestens zehn Fälle in den vergangenen Monaten. Eine offizielle Gesamtzahl für die Stadt liegt nicht vor.
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Welche Schäden kann Wasser im Benzin am Motorrad anrichten?
Wasser und Ablagerungen können Einspritzdüsen verstopfen und die Kraftstoffpumpe beschädigen. Bei modernen Maschinen reicht dafür oft schon eine einzige Tankfüllung. In der Werkstatt müssen Tank und Kraftstoffanlage geleert und gereinigt werden.
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Was kostet Benzin in Italien aktuell?
Der Durchschnittspreis lag am 1. Juni 2026 bei 1,94 Euro (circa 2,24 US-Dollar) pro Liter, nach 1,67 Euro (circa 1,93 US-Dollar) zu Jahresbeginn. Anfang August näherte sich Benzin erneut der Marke von 2 Euro, Diesel stieg wieder Richtung 2,10 Euro pro Liter.
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Kann man Schadensersatz verlangen?
Ja, Forderungen richten sich an den Betreiber der Tankstelle, der den Kraftstoff verkauft hat. Empfohlen wird ein Einschreiben oder eine zertifizierte E-Mail, mit der Mineralölgesellschaft in Kopie. Tankbeleg, Werkstattdiagnose und möglichst eine Kraftstoffprobe sind dabei die entscheidenden Belege.









