- Italien testet mit SafeDrive ein Gerät, das Handy, Gurt, Versicherung und Hauptuntersuchung prüft, aber keine Bußgelder verschickt
- Frankreich erlaubt die automatische Ahndung per Gesetz, doch kein Radar hat dafür eine Zulassung
- In Deutschland erkennt bisher nur die Monocam in Rheinland-Pfalz Handyverstöße
Seit einigen Wochen macht die Nachricht von einem neuen Blitzer die Runde, der Autofahrer bei gleich vier Verstößen auf einmal erwischen soll. Mal ist von Frankreich die Rede, mal von Polen oder Tschechien. Die Technik dafür gibt es tatsächlich. Zwischen dem, was die Geräte können, und dem, was sie rechtlich dürfen, liegt in den meisten Ländern aber noch eine große Lücke. Auch für Motorradfahrer ist das Thema interessant, denn auf der Liste möglicher Kontrollen stehen auch Abstand und Helmpflicht.
Welches System erkennt vier Verstöße auf einmal?
Das Gerät, das neben dem Tempo tatsächlich vier weitere Punkte gleichzeitig prüft, heißt SafeDrive und kommt aus Italien. Entwickelt hat es der Hersteller Sodi Scientifica aus Calenzano bei Florenz, der in Italien die Rechte an der Marke Autovelox hält.
SafeDrive fotografiert nicht nur das Fahrzeug, sondern auch den Innenraum. Die Software erkennt, ob der Fahrer das Handy in der Hand hält, etwa zum Telefonieren ohne Freisprechanlage, zum Schreiben von Nachrichten oder für soziale Netzwerke. Sie prüft außerdem, ob Fahrer und Beifahrer angeschnallt sind. Über das Kennzeichen gleicht das System zusätzlich ab, ob das Fahrzeug versichert ist und eine gültige Hauptuntersuchung hat.
Laut Hersteller sorgen hochauflösende Kameras und Infrarot-LEDs für scharfe Bilder bei Tag, bei Nacht und bei schlechtem Wetter. Die Auswertung übernehmen neuronale Netze. Das ist lernfähige Software, die typische Muster in Bildern erkennt, zum Beispiel eine Hand mit Smartphone am Ohr. SafeDrive soll mehrere Spuren in beiden Fahrtrichtungen gleichzeitig überwachen und Fahrzeuge bis 150 km/h erfassen. Gesichter von Fahrer und Beifahrer werden vor dem Speichern automatisch unkenntlich gemacht.
Wo wird SafeDrive getestet?
Nach einem ersten Versuch in Figline Valdarno läuft seit dem Spätsommer 2026 ein Pilotprojekt auf der Schnellstraße Florenz-Pisa-Livorno bei Lastra a Signa. Genehmigt hat es die Metropolitanstadt Florenz. Der Standort wurde gewählt, weil sich dort beide Fahrtrichtungen überwachen lassen. Der Test dauert höchstens 90 Tage und kann einmal verlängert werden. In dieser Zeit meldet das System nichts an die Polizei, Bußgelder gibt es keine. Zusätzlich steht SafeDrive bereits in mehreren Gemeinden, darunter Treviglio, Villanova di Camposampiero, Alessandria und Fossano.
Automatische Bußgelder für Handy und Gurt sind in Italien ohnehin nicht erlaubt. Das Gesetz verlangt, dass Polizisten den Verstoß direkt vor Ort feststellen und den Fahrer anhalten. SafeDrive kann deshalb nur als Hilfe dienen: Eine Streife steht 80 bis 100 Meter hinter dem Gerät und hält die gemeldeten Fahrzeuge an.
Werden in Frankreich schon Handy und Gurt geblitzt?
Nein. In Frankreich hat bis heute kein Radar die Zulassung, Handynutzung, fehlenden Gurt oder zu geringen Abstand automatisch zu ahnden.
Rechtlich wäre der Weg frei. Seit einem Dekret vom 5. Juli 2023 erlaubt die französische Straßenverkehrsordnung, rund 15 Arten von Verstößen per Automat festzustellen, darunter genau diese drei. Ein Bußgeldbescheid ist aber nur gültig, wenn das Messgerät eine amtliche Zulassung hat, die sogenannte Homologation. Zugelassen sind bisher nur Geräte für Tempo, Rotlicht und Bahnübergänge sowie seit April 2024 für Fahrgemeinschaftsspuren.
Die Gerüchte gehen auf die Haushaltsunterlagen für 2025 zurück. Darin stand, dass neue Verstöße auf mehreren hundert Geräten hinzukommen könnten, sofern Technik und Zulassung es erlauben. In den Unterlagen für 2026 fehlt diese Passage. Die französische Verkehrssicherheitsbehörde bezeichnete Berichte über einen Start im Jahr 2026 als „pure désinformation“ (reine Desinformation) und erklärte, es sei keine Zulassung eingeleitet worden. Sie vergleicht die Haushaltszeile mit einer Reise, für die man Geld zurücklegt, ohne am Ende tatsächlich zu fahren. Noch im Juli 2026 bekräftigte die Behörde, dass die Radare 2026 keine neuen Funktionen bekommen.
Was können die französischen Geräte technisch?
Technisch wären die Geräte bereit. Der Radar Mesta Fusion 2 des französischen Herstellers Idemia arbeitet mit einem Bildsensor mit 36 Megapixeln, der das Wageninnere so detailliert fotografiert, dass ein Handy in der Hand erkennbar ist. Ein 3D-Dopplerradar verfolgt bis zu 126 Fahrzeuge auf fünf Spuren in beide Richtungen. Eine KI wertet die Bilder auf Handy, Gurt und Abstand aus. Idemia und der Hersteller Parifex haben solche Prototypen bereits öffentlich vorgestellt. Vor jedem Bußgeld soll ein vereidigter Beamter das Bild prüfen.
Wie ist die Lage in Polen und Tschechien?
In Polen stehen bereits Geräte, die mehr können, als sie dürfen. Die Kameras messen dort aber nur das Tempo, weil das polnische Recht keine Bußgelder für Gurt oder Handy allein auf Basis eines Kamerabilds erlaubt.
Zum Einsatz kommen unter anderem der Mesta Fusion RN, der bis zu 32 Fahrzeuge auf einer 22 Meter breiten Fahrbahn verfolgt und auch Überholverbote und Abstände erfassen kann. Der TraffiStar SR390 des Herstellers Jenoptik überwacht bis zu sechs Spuren und kann technisch auch offene Gurte und Handynutzung erkennen. Ende 2025 umfasste das polnische Überwachungssystem 487 feste Blitzer, 80 Anlagen zur Abschnittskontrolle sowie 55 Rotlichtkameras an Kreuzungen und Bahnübergängen.
Für Tschechien lässt sich ein Einsatz solcher Mehrfachblitzer nicht belegen. Die Radare überwachen dort in der Regel nur Tempo und Rotlicht.
Gibt es in Deutschland Handy-Blitzer?
Ja, aber bisher nur in Rheinland-Pfalz und nur für einen Verstoß: das Handy am Steuer. Das Land setzt dafür die sogenannte Monocam ein.
Die Kamera stammt aus den Niederlanden und wird dort schon länger genutzt. Sie hängt zum Beispiel an einer Autobahnbrücke und filmt den Verkehr von oben durch die Windschutzscheibe. Eine KI sucht im Videomaterial nach verdächtigen Aufnahmen. Über ein Bußgeld entscheidet die Software aber nicht, jede Aufnahme prüft ein Polizist.
Seit April 2025 besitzt Rheinland-Pfalz eine eigene Monocam. Im Schnitt erwischte sie rund zehn Handynutzer pro Tag. Weil die Kamera Fotos macht, bevor ein Verstoß feststeht, musste das Land dafür sein Polizei- und Ordnungsbehördengesetz ändern. Die Änderung gilt seit dem 1. März 2025. Nach einer positiv bewerteten Pilotphase sollen die fünf Polizeipräsidien in Mainz, Trier, Kaiserslautern, Ludwigshafen und Koblenz je eine Monocam bekommen. Hinweisschilder an den Messstellen sind Pflicht.
Andere Bundesländer sind zurückhaltender. Das bayerische Innenministerium beobachtet die Technik, verweist aber auf eine fehlende gesetzliche Grundlage: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Einführung des Systems bei der bayerischen Polizei noch nicht konkret geplant.“
Ab wann könnten Mehrfach-Blitzer Bußgelder verschicken?
Einen festen Termin gibt es in keinem der genannten Länder. Am weitesten sind die Vorbereitungen in Frankreich, doch auch dort gilt eine automatische Kontrolle von Handy und Gurt frühestens in einigen Jahren als realistisch.
Die französische Abteilung für automatisierte Verkehrskontrolle hat eine umfangreiche Ausschreibung gestartet. Fachfirmen und Juristen sollten zeigen, wie Radare künftig alle erlaubten Verstoßarten ahnden können. Eine der Aufgaben drehte sich um das Handy am Steuer. Dabei ging es weniger um die Technik als um die rechtliche Frage, wie das ständige Filmen von Fahrzeuginnenräumen vor Gericht Bestand haben kann. Die Angebote mussten bis zum 24. Oktober 2025 vorliegen. Nach dem Stand von Ende 2025 galt eine Ahndung von Handy und Gurt per Radar frühestens in zwei bis drei Jahren als machbar.
Der Abstand könnte früher kommen. Die Behörde arbeitet an einem neuen, möglicherweise versetzbaren Radar, der den Abstand zwischen zwei Fahrzeugen kontrolliert. Zudem sollen die großen Radarsäulen eine neue Generation bekommen, die Fahrzeuge von vorne und hinten fotografiert. Ein 3D-Lidar, also ein Laserscanner, soll ihnen zusätzliche Aufgaben ermöglichen, etwa Abstandsmessung und die Kontrolle von durchgezogenen Linien und Überholverboten. Die Zahl der sogenannten Tourellen, schlanker Radartürme, soll bis Ende 2028 auf 1.700 steigen. Insgesamt soll der Bestand fester Radare in Frankreich von rund 4.000 auf 4.160 Geräte wachsen. Wie schnell neue Funktionen kommen, dürfte auch von der Politik abhängen, denn in Frankreich stehen mehrere große Wahlen an.
In Italien müsste vor automatischen Bußgeldern erst das Gesetz geändert werden, damit solche Geräte überhaupt zugelassen werden können. Dazu kommen offizielle Tests und eine technische Prüfung. Der laufende Versuch auf der Schnellstraße bei Florenz soll zunächst zeigen, wie zuverlässig die Software im dichten Verkehr arbeitet. In Polen ist offen, ob und wann sich die Rechtslage ändert.
Welche geplanten Kontrollen betreffen Motorradfahrer?
Für Motorradfahrer sind vor allem drei Punkte interessant: der Abstand, die Helmpflicht und der Lärm. Handy und Gurt betreffen dagegen in erster Linie Autofahrer.
In Frankreich steht das Fahren ohne Helm auf der Liste der Verstöße, die künftig automatisch erfasst werden könnten. Nach dem Abstand gilt der Helm als einer der nächsten Kandidaten, zusammen mit durchgezogenen Linien und den Wartebereichen für Radfahrer an Ampeln. Außerdem befand sich Ende 2025 ein Gerät zur Messung von Fahrzeuglärm im Zulassungsverfahren. Wie wichtig das Thema Motorrad für die französische Verkehrssicherheit ist, zeigt die Statistik: 2024 starben auf Frankreichs Straßen 720 Motorradfahrer, das entspricht 23 Prozent aller Verkehrstoten.
Wer mit dem Motorrad in Frankreich oder Italien unterwegs ist, muss sich heute also noch nicht auf solche Mehrfachkontrollen einstellen. Die Entwicklung der Verkehrsüberwachung in Europa geht aber klar in Richtung Kameras, die mehr als nur das Tempo erfassen.
Welche Bußgelder drohen für Handy und Gurt?
Die Strafen unterscheiden sich je nach Land deutlich. In Frankreich kosten Handy am Steuer, fehlender Gurt und zu geringer Abstand jeweils 135 Euro (circa 151 US-Dollar) und drei Punkte. Theoretisch könnten so bei einer einzigen Durchfahrt bis zu acht Punkte zusammenkommen, drei Verstöße würden zusammen 405 Euro (circa 454 US-Dollar) kosten. Derzeit können diese Strafen aber nur Polizisten vor Ort verhängen.
In Italien sind die Strafen höher. Wer das Handy am Steuer benutzt, zahlt 250 bis 1.000 Euro (circa 280 bis 1.121 US-Dollar), verliert fünf Punkte und muss schon beim ersten Verstoß mit einem Führerscheinentzug von 15 Tagen bis zwei Monaten rechnen. Ohne Gurt werden 83 bis 332 Euro (circa 93 bis 372 US-Dollar) und ebenfalls fünf Punkte fällig.
In Deutschland kostet das Handy am Steuer 100 Euro (circa 112 US-Dollar) und einen Punkt in Flensburg.
Häufige Fragen
-
Gibt es KI-Blitzer, die Handy und Gurt erkennen?
Ja, die Technik gibt es bereits. In Italien wird mit SafeDrive ein Gerät getestet, das neben dem Tempo Handynutzung, Gurt, Versicherung und Hauptuntersuchung prüft. Auch Hersteller wie Idemia und Jenoptik bieten Geräte an, die Handy und Gurt technisch erkennen können.
-
Werden in Frankreich Handy-Verstöße schon automatisch geblitzt?
Nein. Das Gesetz erlaubt es zwar seit 2023, doch kein Radar hat dafür eine amtliche Zulassung. Die französische Verkehrssicherheitsbehörde hat Berichte über einen Start im Jahr 2026 ausdrücklich zurückgewiesen.
-
Wo gibt es in Deutschland Handy-Blitzer?
Bisher nur in Rheinland-Pfalz. Dort ist seit April 2025 die Monocam im Einsatz, künftig sollen alle fünf Polizeipräsidien je ein Gerät bekommen. Bayern plant derzeit keine Einführung, weil die gesetzliche Grundlage fehlt.
-
Was kostet Handy am Steuer in Frankreich und Italien?
In Frankreich kostet das Handy am Steuer 135 Euro (circa 151 US-Dollar) und drei Punkte. In Italien sind es 250 bis 1.000 Euro (circa 280 bis 1.121 US-Dollar), fünf Punkte und ein möglicher Führerscheinentzug schon beim ersten Verstoß.









