- MCIA, NMC und NMDA reichen gemeinsame Stellungnahme zur Regierungskonsultation ein
- Branche unterstützt progressive Ausbildung, fordert aber deutlich weitergehende Reformen
- Rückkehr zur einteiligen Prüfung und Anreize für den Aufstieg vom CBT zur Volllizenz gefordert
In Großbritannien steht das System für die Ausbildung, Prüfung und Lizenzierung von Motorradfahrern vor der umfassendsten Überprüfung seit über einem Jahrzehnt. Die Motorcycle Industry Association (MCIA), der National Motorcyclists Council (NMC) und die National Motorcycle Dealers Association (NMDA) haben eine gemeinsame Stellungnahme eingereicht, die weit über die von der Regierung zur Diskussion gestellten Maßnahmen hinausgeht. Der Anlass: Eine offizielle Konsultation der Driver and Vehicle Standards Agency (DVSA), die am 7. Januar 2026 gestartet wurde und sich mit möglichen Reformen des Motorrad-Führerscheinsystems in England, Schottland und Wales befasst.
Warum steht das britische Motorrad-Führerscheinsystem auf dem Prüfstand?
Das aktuelle System funktioniert laut den Branchenverbänden nicht mehr so, wie es ursprünglich gedacht war. Motorradfahrer machen in Großbritannien nur 1 Prozent des gesamten Straßenverkehrs aus, sind aber für 21 Prozent der Verkehrstoten und 20 Prozent der Schwerverletzten verantwortlich. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2024 und wurden von der Regierung in der Konsultation als zentrales Argument für eine Reform angeführt. Pro Milliarde gefahrener Meilen ist die Wahrscheinlichkeit, auf einem Motorrad getötet oder schwer verletzt zu werden, mehr als 40 Mal höher als in einem Auto.
Das zwischen 2009 und 2013 eingeführte gestufte Lizenzsystem mit den Kategorien AM, A1, A2 und der vollen Kategorie A sollte die Sicherheit verbessern. NMC-Geschäftsführer Craig Carey-Clinch sieht das Ergebnis jedoch kritisch: „After decades of positive progress on motorcycle safety, the current regime, introduced between 2009 and 2013 has been implicated in an increase in rider fatalities and the stalling of safety progress in other areas since then.“ (Auf Deutsch: Nach Jahrzehnten positiver Fortschritte bei der Motorradsicherheit wird das aktuelle System, das zwischen 2009 und 2013 eingeführt wurde, mit einem Anstieg der tödlichen Unfälle und dem Stillstand bei Sicherheitsverbesserungen in anderen Bereichen in Verbindung gebracht.)
Ein weiteres Problem ist die hohe Zahl sogenannter Dauerfahrschüler. Daten der DVSA zeigen, dass zwischen März 2023 und März 2025 rund 77.000 Fahrer ihr Compulsory Basic Training (CBT) erneuert haben, ohne jemals eine vollständige Fahrprüfung abzulegen. Das entspricht 23 Prozent aller in diesem Zeitraum ausgestellten Zertifikate. Jährlich werden im Schnitt etwa 180.000 CBT-Zertifikate ausgestellt, aber nur rund 40.678 Fahrer bestehen tatsächlich die vollständige Motorradprüfung.
Was schlägt die Regierung in der Konsultation vor?
Die DVSA-Konsultation umfasst sieben Themenbereiche. Ein zentraler Punkt ist die Einführung des sogenannten Progressive Access Training. Bisher müssen Fahrer, die von einer A1- auf eine A2-Lizenz oder von A2 auf die volle Kategorie A aufsteigen wollen, beide Teile der praktischen Prüfung (Modul 1 und Modul 2) auf einem leistungsstärkeren Motorrad erneut ablegen. Die Konsultation prüft, ob stattdessen ein strukturierter Trainingskurs bei einer zugelassenen Fahrschule ausreichen könnte, ohne dass eine erneute Prüfung bei einem DVSA-Prüfer nötig wäre. Die bestehende Prüfungsoption soll dabei erhalten bleiben.
Weitere Vorschläge der Konsultation betreffen die Einschränkung auf automatische Motorräder, wenn das CBT auf einem Automatikmotorrad absolviert wurde, die Integration einer Theorieprüfung oder eines Gefahrenwahrnehmungstests in den CBT-Prozess, eine Aktualisierung des CBT-Lehrplans (der seit seiner Einführung 1990 weitgehend unverändert geblieben ist), die Zusammenlegung der separaten CBT- und DAS-Ausbilderqualifikationen zu einer einheitlichen Prüfung, mögliche Änderungen an der Gültigkeitsdauer des CBT-Zertifikats einschließlich einer möglichen Wartefrist vor einer Erneuerung sowie die Digitalisierung des CBT-Verwaltungsprozesses zur Reduzierung von Betrug und zur Verbesserung der Datenqualität.
Was fordern MCIA, NMC und NMDA über die Konsultation hinaus?
Die drei Verbände unterstützen viele der Konsultationsvorschläge, darunter die Verbesserung der Ausbilderqualifikationen, das Progressive Access Training, die Einbindung von Theorie und Gefahrenwahrnehmung in das CBT sowie eine digitale CBT-Plattform. Gleichzeitig kritisieren sie, dass die Konsultation nicht weit genug greift.
In ihrer gemeinsamen Stellungnahme fordern sie zusätzlich einen mit Anreizen versehenen Aufstiegspfad vom CBT bis zur vollen Lizenz. Ein sichtbarer, lohnender Weg soll Fahrschüler motivieren, über den vorläufigen Status hinauszugehen, und signalisieren, dass Motorradfahren ein ernstzunehmendes Fortbewegungsmittel ist. Außerdem fordern sie eine Überprüfung der zweiteiligen Prüfungsstruktur mit dem Ziel, wieder zu einer einzelnen Prüfung zurückzukehren. Das Abschaffen der separaten Module 1 und 2 würde unnötige Hürden beseitigen und das Vertrauen in den Lizenzierungsprozess stärken.
Darüber hinaus verlangen die Verbände eine Berücksichtigung elektrischer L-Kategorie-Fahrzeuge innerhalb der Lizenzierungsvorschriften, regulierte Zugangswege für langsame elektrische Mobilitätsfahrzeuge sowie die Einbeziehung des gesamten L-Kategorie-Sektors, einschließlich der Fahrzeugklassen L6 und L7. Die Verbände argumentieren, dass einige der größten künftigen Fortschritte bei der Emissionsreduzierung und beim Wechsel der Verkehrsmittel gerade aus diesen Segmenten kommen könnten.
Warum warnen die Verbände vor zu restriktiven Reformen?
Ein zentrales Argument der gemeinsamen Stellungnahme ist die Befürchtung, dass strengere oder teurere Regeln Fahrer in die Illegalität treiben könnten. MCIA-Chef Tony Campbell formulierte es so: „Reform must not create additional barriers as this will only push riders towards illegal and unregulated alternatives which is already evident in towns and cities across the country.“ (Auf Deutsch: Die Reform darf keine zusätzlichen Hürden schaffen, denn das wird Fahrer nur zu illegalen und unregulierten Alternativen treiben, was in Städten im ganzen Land bereits sichtbar ist.)
Diese Sorge wird auch von Fahrschulen geteilt. Mark Jaffe, Inhaber von Phoenix Motorcycle Training, einem der größten britischen Ausbildungsbetriebe mit 22 Standorten, begrüßt die grundsätzliche Richtung der Strategie. Er äußert aber Bedenken hinsichtlich einer möglichen Begrenzung der CBT-Erneuerungen. Nicht alle Fahrschüler seien in der Lage, die formale Theorieprüfung abzulegen, und für diese sei die CBT-Erneuerung die einzige Möglichkeit, legal weiterzufahren.
Die Fahrlehrerin Lorraine Graley von Triskelion Motorcycle Training warnt, dass eine vorgeschriebene Wartezeit vor der CBT-Erneuerung dazu führen könnte, dass einige Fahrer einfach illegal weiterfahren. Besonders betroffen wären Fahrer in der Gig Economy, etwa Essenslieferanten, bei denen der wirtschaftliche Druck die Angst vor Kontrollen überwiegen könnte.
Wie hat sich die MCIA-Kampagne entwickelt?
Die aktuelle gemeinsame Stellungnahme steht nicht isoliert da. Die MCIA hatte bereits im Oktober 2023 ein umfassendes Reformpapier unter dem Titel „A Licence to Net Zero“ veröffentlicht. Darin wurden sieben konkrete Forderungen formuliert, darunter ein früherer Zugang zu L-Kategorie-Fahrzeugen, die Senkung des Zugangsalters für A2-Lizenzen auf 18 Jahre und für die volle Lizenz auf 21 Jahre, die Einführung eines CBT Plus als Zwischenstufe nach zwei Jahren, die Rückkehr zu einer einzelnen Prüfung statt der getrennten Module 1 und 2 sowie neue Fahrzeugkategorien für Elektro-Leichtmopeds und E-Scooter.
Diese langjährige Kampagne führte schließlich dazu, dass die Regierung am 7. Januar 2026 die Road Safety Strategy vorstellte, in der erstmals seit über einem Jahrzehnt eine umfassende Überprüfung des Motorrad-Führerscheinsystems angekündigt wurde. Die Strategie setzt sich das Ziel, Verkehrstote und Schwerverletzte bis 2035 um 65 Prozent zu reduzieren. Tony Campbell bezeichnete die Ankündigung als „hugely significant moment for the motorcycle sector and a massive campaign win for MCIA“ (einen überaus bedeutsamen Moment für den Motorradsektor und einen großen Kampagnenerfolg für die MCIA).
Wie reagiert die Branche auf die Reformpläne?
Die Reaktionen aus der Industrie fallen überwiegend positiv aus. Fabrizio Cazzoli, Geschäftsführer von Ducati UK, nannte die Ankündigung „more than welcome“ (mehr als willkommen) und betonte, dass die Branche seit langem auf eine Vereinfachung gewartet habe. James Bruno, Verkaufsleiter bei Fowlers, sieht in den Vorschlägen das Potenzial, den strauchelnden Neufahrzeugmarkt wieder in Schwung zu bringen, nachdem die britischen Motorradverkäufe 2025 um fast ein Fünftel zurückgegangen waren.
Die Meinungen der Motorradfahrer selbst sind jedoch geteilt. In einer Umfrage der Fachzeitschrift MCN lehnten 48 Prozent der Teilnehmer die Reformvorschläge ab. Die Kosten für den Führerscheinerwerb stellen für viele eine erhebliche Hürde dar. Ein 24-jähriger Fahrer berichtete gegenüber MCN, dass der günstigste Preis für ein Upgrade von A2 auf die volle Lizenz bei 500 Pfund (circa 595 Euro / 660 US-Dollar) liege, er aber auch Angebote von 1.000 Pfund (circa 1.190 Euro / 1.320 US-Dollar) gesehen habe.
Aus den DVSA-Daten geht hervor, wie selten das bestehende Stufensystem tatsächlich genutzt wird: In den vergangenen fünf Jahren haben nur 3.757 Fahrer eine Prüfung in mehr als einer Motorradkategorie bestanden, davon lediglich 40, die den vollständigen Weg von A1 über A2 zur vollen Kategorie A gegangen sind. Im selben Zeitraum wurden insgesamt 260.670 Prüfungen in allen Motorradkategorien durchgeführt.
Was passiert als Nächstes?
Die Konsultation wurde ursprünglich am 7. Januar 2026 eröffnet. Laut der offiziellen GOV.UK-Seite war das Schließungsdatum der 11. Mai 2026. Nach Auswertung der eingegangenen Stellungnahmen und der beauftragten Forschung wird die Regierung über mögliche Gesetzesänderungen entscheiden. Einen festen Zeitplan für die Umsetzung konkreter Reformen gibt es bisher nicht. Erfahrungsgemäß folgen auf Konsultationen dieser Art Gesetzesentwürfe, parlamentarische Debatten und eine schrittweise Einführung über die folgenden Jahre.
Die gemeinsame Stellungnahme von MCIA, NMC und NMDA ist auf den Webseiten der jeweiligen Organisationen abrufbar. Ob die Regierung den weitergehenden Forderungen der Branche folgt oder sich auf die engeren Themen der ursprünglichen Konsultation beschränkt, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen.
Häufige Fragen
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Was ist das CBT in Großbritannien?
Das Compulsory Basic Training (CBT) ist ein vorgeschriebener Grundkurs, den alle Motorradfahrschüler in England, Schottland und Wales absolvieren müssen, bevor sie ohne Begleitung auf öffentlichen Straßen fahren dürfen. Das CBT-Zertifikat ist zwei Jahre gültig und berechtigt zum Fahren von Mopeds und 125-ccm-Motorrädern der Kategorie A1 mit L-Plates.
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Was fordern MCIA, NMC und NMDA konkret?
Die drei Verbände unterstützen die Konsultationsvorschläge wie Progressive Access Training und die Integration einer Theorieprüfung in das CBT. Darüber hinaus fordern sie eine Rückkehr zur einteiligen Prüfung, einen Aufstiegspfad mit Anreizen vom CBT zur Volllizenz, regulierte Zugangswege für leichte Elektrofahrzeuge und die Einbeziehung des gesamten L-Kategorie-Sektors.
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Wann könnten die Reformen des britischen Motorrad-Führerscheins in Kraft treten?
Ein fester Zeitplan existiert bisher nicht. Die DVSA-Konsultation wurde am 7. Januar 2026 eröffnet und lief bis zum 11. Mai 2026. Nach Auswertung der Stellungnahmen entscheidet die Regierung über mögliche Gesetzesänderungen. Erfahrungsgemäß dauert die Umsetzung nach einer Konsultation mehrere Jahre.
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Gilt die Reform auch für Nordirland?
Nein. Die Ausbildung, Prüfung und Lizenzierung von Motorradfahrern ist in Nordirland eine eigenständige Zuständigkeit. Alle durch die Konsultation angestoßenen Änderungen würden ausschließlich für England, Schottland und Wales gelten.
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Wie viele Fahrer nutzen das aktuelle Stufensystem tatsächlich?
Laut DVSA-Daten haben in den vergangenen fünf Jahren nur 3.757 Fahrer eine Prüfung in mehr als einer Motorradkategorie bestanden. Lediglich 40 davon durchliefen den kompletten Weg von A1 über A2 zur vollen Kategorie A. Im gleichen Zeitraum wurden insgesamt 260.670 Prüfungen durchgeführt.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: Motorradrecht & Politik: Gesetze, Urteile und Entwicklungen für Motorradfahrer. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.

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