- Loncin/Voge meldet Patent für Einarmschwinge mit integriertem Kühlkanal an
- Luftführung leitet Fahrtwind auf Bremsscheibe und Bremssattel
- Basis ist die Voge RR500S mit 475-ccm-Vierzylinder und 57 kW (76 PS)
Einarmschwingen gehören seit Jahrzehnten zu den optischen Erkennungsmerkmalen hochwertiger Motorräder. Honda setzte sie in den 1980er Jahren bei der VFR-Baureihe ein, Ducati machte sie ab 1994 mit der legendären 916 zum Markenzeichen, und auch Triumph, BMW und Kawasaki nutzen die Konstruktion bei ausgewählten Modellen. Der Grund dafür ist vor allem die Optik: Das Hinterrad wirkt von der rechten Seite betrachtet frei schwebend, was vielen Motorrädern eine besondere visuelle Eleganz verleiht. Rein technisch betrachtet ist die Einarmschwinge allerdings schwerer und weniger steif als eine konventionelle Zweiarmschwinge. Ducati hat genau aus diesen Gründen bei der aktuellen Panigale V4 den Wechsel zurück zur beidseitigen Schwinge vollzogen.
Im wachsenden Segment chinesischer Sportmotorräder erlebt die Einarmschwinge dennoch gerade einen Aufschwung. Hersteller nutzen sie zunehmend als Abgrenzungsmerkmal für ihre Topmodelle. Loncins Marke Voge plant offenbar, diesem Trend zu folgen und eine höherwertige Variante der kürzlich vorgestellten RR500S mit Einarmschwinge auf den Markt zu bringen. Ein neues Patent zeigt jedoch, dass Voge dabei nicht einfach nur ein optisches Upgrade plant, sondern ein konkretes technisches Problem angehen will.

Das Problem: Hinterradbremse ohne Luftstrom
Bei einer konventionellen Zweiarmschwinge ist die Hinterradbremse relativ frei zugänglich. Luft kann von beiden Seiten an Bremsscheibe und Bremssattel vorbeiströmen und die beim Bremsen entstehende Wärme abtransportieren. Bei einer Einarmschwinge sieht die Situation anders aus. Die Bremse sitzt eingeklemmt zwischen der Radnabe und dem Rad selbst, also auf der Innenseite der Schwinge. Der Luftstrom wird dadurch massiv eingeschränkt, was zu höheren Bremstemperaturen und im Extremfall zu nachlassender Bremsleistung führen kann.
Dieses Problem ist seit der Einführung der modernen Einarmschwinge in den 1980er Jahren bekannt, wurde aber bisher von keinem Hersteller gezielt adressiert. Im normalen Straßenbetrieb fällt der Effekt meist nicht dramatisch auf, da die Hinterradbremse ohnehin weniger belastet wird als die Vorderbremse. Bei sportlicher Fahrweise, auf der Rennstrecke oder bei längeren Bergabfahrten kann die eingeschränkte Kühlung aber durchaus relevant werden.
Voges Lösung: Fahrtwind durch die hohle Schwinge
Das von Loncin/Voge eingereichte Patent beschreibt einen Luftkanal, der direkt durch die hohle Einarmschwinge verläuft. Die Konstruktion nimmt Fahrtwind auf der linken Fahrzeugseite auf und leitet ihn durch das Innere der Schwinge zu zwei Auslässen auf der Bremsenseite. Ein Auslass ist auf die Oberfläche der hinteren Bremsscheibe gerichtet, der zweite zielt nach unten auf den Bremssattel. So sollen beide wärmeempfindlichen Komponenten der Hinterradbremse gezielt mit Kühlluft versorgt werden.
Der Ansatz ist insofern elegant, als er die ohnehin hohle Struktur der Schwinge nutzt und daher kaum zusätzliches Gewicht oder Produktionskosten verursachen soll. Spezielle Anbauteile oder ein separates Kühlsystem sind nicht erforderlich, die Luftführung ist direkt in die Schwinge integriert.

Die Voge RR500S als Basis
Die Basis für das geplante Modell mit Einarmschwinge ist die Voge RR500S, die 2024 in China vorgestellt wurde und im November desselben Jahres auf der EICMA ihr internationales Debüt feierte. Das Motorrad wird von einem 475-ccm-Reihenvierzylinder angetrieben, der 57 kW (76 PS) leistet und bis 14.000 Umdrehungen pro Minute dreht. Im Segment der kleinen, hochdrehenden Vierzylindermaschinen konkurriert die RR500S mit Modellen wie der Kawasaki Ninja ZX-4R und der CFMoto 500SR.
Die RR500S ist nicht das größte Sportmotorrad von Voge. Diese Rolle übernimmt die RR660S. Die 500er ist jedoch das radikalere Modell, ausgerichtet auf den in China boomenden Markt für kompakte, drehfreudige Vierzylinder-Sportler. Der Auftritt auf der EICMA deutet darauf hin, dass die RR500S auch für internationale Märkte vorgesehen ist. Das Patent für die Einarmschwinge mit Bremskühlung lässt auf eine höherwertige Ausbaustufe schließen, die sich über der Standardversion positionieren soll.
Hintergrund: Loncin und die Verbindung zu BMW
Hinter der Marke Voge steht der chinesische Konzern Loncin, der seit rund zwei Jahrzehnten Motoren und komplette Fahrzeuge für BMW produziert. Diese Partnerschaft hat dem Unternehmen umfangreiche Erfahrung im Bereich Motorenentwicklung und Qualitätssicherung eingebracht. Das zeigt sich unter anderem am Voge-Flaggschiff DS900X, das den gleichen Motor wie die BMW F 900 Modelle verwendet. In Europa, Asien und Lateinamerika ist Voge bereits mit einem Händlernetz vertreten. In den USA ist die Marke bislang nicht erhältlich.

Einarmschwinge: Trend oder Auslaufmodell?
Die Entwicklung bei Voge steht in einem interessanten Kontrast zum Trend bei europäischen Herstellern. Während Ducati die Einarmschwinge bei der Panigale V4 zugunsten einer leichteren und gezielt flexibleren Zweiarmschwinge aufgegeben hat, setzen chinesische Hersteller verstärkt auf das Designelement, um ihre Topmodelle optisch aufzuwerten und sich von der Konkurrenz abzuheben.
Ob sich die im Patent beschriebene Bremskühlung in der Praxis tatsächlich als so wirksam erweist wie erhofft, bleibt abzuwarten. Patente münden nicht zwangsläufig in Serienprodukte. Die Tatsache, dass Loncin/Voge sich mit einem konkreten technischen Nachteil der Einarmschwinge auseinandersetzt und eine patentierbare Lösung entwickelt hat, zeigt jedoch, dass die chinesische Motorradindustrie zunehmend eigene ingenieurtechnische Akzente setzt, statt nur bestehende Konzepte zu übernehmen.

Häufige Fragen
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Was ist das Problem bei Einarmschwingen mit der Hinterradbremse?
Bei einer Einarmschwinge sitzt die Hinterradbremse eingeklemmt zwischen Radnabe und Rad. Der Luftstrom an Bremsscheibe und Bremssattel wird dadurch stark eingeschränkt, was zu höheren Temperaturen und potenziell nachlassender Bremsleistung führen kann. Dieses Problem besteht seit der Einführung der modernen Einarmschwinge in den 1980er Jahren.
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Wie löst das Voge-Patent das Kühlproblem der Einarmschwinge?
Das Patent beschreibt einen Luftkanal, der Fahrtwind von der linken Fahrzeugseite durch die hohle Schwinge zu zwei Auslässen leitet. Ein Auslass ist auf die Bremsscheibe gerichtet, der andere auf den Bremssattel. Da die Schwinge ohnehin hohl ist, soll die Lösung kaum zusätzliches Gewicht oder Kosten verursachen.
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Wie viel PS hat die Voge RR500S?
Die Voge RR500S wird von einem 475-ccm-Reihenvierzylinder angetrieben, der 57 kW (76 PS) leistet. Der Motor dreht bis zu 14.000 Umdrehungen pro Minute und positioniert das Motorrad im Segment kleiner, hochdrehender Vierzylinder-Sportler.
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Wann kommt die Voge RR500S mit Einarmschwinge auf den Markt?
Ein konkreter Marktstart für die Version mit Einarmschwinge und integrierter Bremskühlung ist bisher nicht bekannt. Das Patent deutet auf eine höherwertige Ausbaustufe hin, die sich über der Standardversion der RR500S positionieren soll. Ob und wann das Konzept in Serie geht, bleibt abzuwarten.







