- 90 Prozent der Verkehrsteilnehmer fühlen sich sicher, aber nur 45 Prozent der Mobilitätsexperten
- Für die Brembo-Studie wurden 6.157 Menschen in zehn großen Fahrzeugmärkten befragt
- Am größten ist die Lücke in Brasilien, China und Indien: 94 Prozent gegenüber 18 Prozent
Wie sicher der Verkehr wirklich ist und wie sicher er sich anfühlt, sind offenbar zwei verschiedene Dinge. Genau das ist das Ergebnis der Brembo-Studie „Safety in Motion: Driving Trust in Modern Mobility“, die das Unternehmen gemeinsam mit Economist Enterprise erstellt hat. Sie untersucht, wie Verkehrsteilnehmer, Industrie und Fachleute die Sicherheit der modernen Mobilität einschätzen. Weil es dabei um alle Menschen auf der Straße geht, betrifft das Thema auch Motorradfahrer. Für eine Nische, in der Fahren viel mit Vertrauen in Technik und in die eigenen Fähigkeiten zu tun hat, sind die Zahlen deshalb einen genaueren Blick wert.

Was hat die Brembo-Studie untersucht?
Die Studie hat das Sicherheitsgefühl im Straßenverkehr in zehn großen Fahrzeugmärkten gemessen und mit der Einschätzung von Fachleuten verglichen. Befragt wurden 6.157 Menschen, davon 5.135 normale Verkehrsteilnehmer und 1.022 Fachleute aus Politik, Infrastruktur, Fahrzeugbau und Technik. Die zehn Länder Brasilien, China, Frankreich, Deutschland, Indien, Italien, Japan, Südkorea, Großbritannien und die USA stehen zusammen für rund 75 Prozent der weltweiten Fahrzeugproduktion. Die Umfrage lief im April und Mai 2026 und wurde durch eine Auswertung vorhandener Forschung sowie einen Beirat aus Fachleuten ergänzt. Als Rahmen nennt die Studie eine ernüchternde Zahl: Jedes Jahr sterben weltweit rund 1,2 Millionen Menschen im Straßenverkehr.
Warum fühlen sich Laien sicherer als Experten?
Weil ihr Vertrauen stärker vom sichtbaren Fortschritt geprägt ist als von den tatsächlichen Unfallzahlen. 90 Prozent der befragten Verkehrsteilnehmer geben an, sich im Alltag sicher zu fühlen. Bei den Fachleuten, die Verkehrssysteme planen, bauen und betreiben, sind es nur 45 Prozent. Diese Lücke ist aus Sicht der Studie gefährlich, weil zu viel Vertrauen dazu führen kann, dass Menschen im Verkehr weniger aufmerksam sind. Jean Todt, Sondergesandter des UN-Generalsekretärs für Verkehrssicherheit, ordnet das als ernstes Problem ein. Er spricht davon, dass Vertrauen zwar eine Grundvoraussetzung für Mobilität sei, übermäßiges Vertrauen aber dazu führe, dass Menschen unnötige Risiken eingingen. An anderer Stelle betont er, dass Vertrauen auf der Straße nicht selbstverständlich sei, sondern verdient werden müsse, und dass nur konkretes Handeln Leben rette.
Wo ist die Vertrauenslücke am größten?
Am größten ist der Abstand in Brasilien, China und Indien. Dort fühlen sich 94 Prozent der Verkehrsteilnehmer sicher, aber nur 18 Prozent der Fachleute. Gleichzeitig verzeichnen diese drei Länder zusammen im Schnitt 16,2 Verkehrstote je 100.000 Einwohner, also etwa doppelt so viele wie der Durchschnitt der untersuchten Märkte. Studienleiterin Pratima Singh von Economist Enterprise erklärt sich das mit der schnellen und sichtbaren Modernisierung in diesen Ländern, etwa durch neue Infrastruktur und modernere Fahrzeuge. Das Vertrauen sei dort schneller gewachsen als die tatsächliche Sicherheit. Wenn Menschen glaubten, Systeme seien sicherer als in Wirklichkeit, ließen sie oft die nötige Aufmerksamkeit vermissen.
Wie hängt Vertrauen mit Einkommen und Alter zusammen?
Das Sicherheitsgefühl ist nicht in allen Gruppen gleich verteilt. Menschen mit niedrigem Einkommen berichten fast doppelt so oft wie Menschen mit mittlerem oder hohem Einkommen von geringem oder gemischtem Vertrauen in ihre tägliche Sicherheit. Auch zwischen den Generationen gibt es Unterschiede. Millennials sind am zuversichtlichsten, 94 Prozent von ihnen geben ein hohes Vertrauen an. Zurückhaltender sind die Generation Z und die Babyboomer, von denen 12 beziehungsweise 16 Prozent nur geringes oder gemischtes Vertrauen äußern.

Assistenzsysteme und ihre Vermarktung als neues Risiko
Für die Fachleute liegt das größte Risiko heute nicht mehr in der Technik selbst, sondern im Umgang mit ihr. Nur 3 Prozent von ihnen sehen mechanische Defekte als eine der Hauptursachen für Unfälle. Stattdessen nennen 30 Prozent den falschen Gebrauch oder das Missverständnis von Fahrerassistenzsystemen als größtes Problem. Weitere 24 Prozent sehen Funktionen, die vom Verkehr ablenken, als ernstes Risiko. Die Verkehrsteilnehmer selbst nennen ihr eigenes Verhalten als ihre größte Sorge. Ignacio Alvarez, Forschungschef bei Brembo, verweist darauf, dass solche Systeme dem Nutzer klar erklärt werden müssten, mit einer eindeutigen Aussage darüber, was sie leisten können und was nicht. Auch die Werbung steht in der Kritik: 65 Prozent der Fachleute meinen, sie stelle die Fähigkeiten der Systeme zu groß dar. 62 Prozent finden, sie erwecke den Eindruck, man müsse weniger aufmerksam sein. Und 60 Prozent sind der Ansicht, dass vor allem die Vorteile betont, die Grenzen der Technik aber zu wenig erklärt würden. Pratima Singh fasst das so zusammen, dass das eigentliche Risiko in der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und in immer stärker automatisierten Systemen liege.
Vor diesem Hintergrund arbeiten mehrere Länder an strengeren Regeln. In China prüfen die Behörden nach einem tödlichen Unfall mit einem Fahrzeug von Xiaomi eine schärfere Aufsicht über Assistenzsysteme. In Europa rät eine schwedische Verkehrsbehörde davon ab, die überwachte Selbstfahr-Software von Tesla europaweit zuzulassen, solange sie erlaubte Tempolimits überschreiten kann. Ein UN-Gremium für Fahrzeugstandards hat zudem kürzlich neue Regeln für automatisierte Fahrsysteme beschlossen.
Was fordern die Verkehrsteilnehmer?
Trotz des hohen Sicherheitsgefühls wünschen sich viele Befragte strengere Regeln. 88 Prozent sprechen sich für stärkere Maßnahmen aus, etwa niedrigere Tempolimits und mehr Kontrollen, und geben an, für sicherere Verkehrssysteme sogar mehr zahlen zu wollen. Auf der anderen Seite sehen 68 Prozent der Fachleute die schlechte Abstimmung zwischen Industrie und Regulierungsbehörden als größtes Hindernis für mehr Sicherheit. Brembo-Präsident Matteo Tiraboschi fasst zusammen, dass sich diese Vertrauenslücke nur gemeinsam schließen lasse: „Die Industrie muss weiterhin verantwortungsvoll Innovationen vorantreiben, die Politik wirksame regulatorische Rahmenbedingungen schaffen. Gemeinsam müssen sie den Menschen helfen, sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen neuer Technologien zu verstehen.“

Vier Vertrauensmuster im Ländervergleich
Die Studie ordnet die zehn Märkte vier Mustern zu, weil Vertrauen weniger von der Technik als von Kultur, Institutionen und Regeln abhängt. Als Vertrauensoptimisten gelten Brasilien, China und Indien mit einer Lücke von 76 Prozentpunkten zwischen Nutzern und Fachleuten und zugleich den höchsten Todesraten der Studie. Die Vertrauenswächter Japan und Südkorea haben mit 84 gegenüber 70 Prozent die kleinste Lücke, gestützt auf verlässliche Prüfungen und stabile Institutionen. Als Vertrauenspragmatiker beschreibt die Studie Frankreich, Deutschland und Italien: niedrige Todesraten, aber ein Abstand von 39 Prozentpunkten und Skepsis gegenüber Technik, die als undurchsichtig oder übertrieben empfunden wird. Großbritannien und die USA gelten schließlich als Vertrauensvermittler mit hohem Nutzervertrauen von 92 Prozent, das eng an das Vertrauen in Institutionen geknüpft ist.
Für die Motorradwelt ist vor allem die Kernaussage der Studie interessant: Ein gutes Gefühl ersetzt keine tatsächliche Sicherheit. Die Untersuchung trennt zwar nicht nach einzelnen Fahrzeugarten, doch der Grundgedanke gilt für jeden auf zwei wie auf vier Rädern. Wer den eigenen Fähigkeiten und der Technik im Fahrzeug zu sehr vertraut, unterschätzt leicht das verbleibende Risiko.
Häufige Fragen
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Was ist die Brembo-Studie zur Verkehrssicherheit?
Die Brembo-Studie „Safety in Motion: Driving Trust in Modern Mobility“ wurde gemeinsam mit Economist Enterprise erstellt und untersucht das Sicherheitsgefühl im Straßenverkehr. Befragt wurden 6.157 Menschen in zehn großen Fahrzeugmärkten, die zusammen rund 75 Prozent der weltweiten Fahrzeugproduktion ausmachen. Ergänzt wurde die Umfrage durch eine Auswertung vorhandener Forschung und einen Fachbeirat.
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Wie groß ist die Vertrauenslücke im Straßenverkehr?
90 Prozent der Verkehrsteilnehmer fühlen sich sicher, aber nur 45 Prozent der Fachleute teilen diese Einschätzung. Am größten ist der Abstand in Brasilien, China und Indien mit 94 gegenüber 18 Prozent. Dort liegen die Verkehrstodesraten mit 16,2 je 100.000 Einwohner etwa doppelt so hoch wie im Studienschnitt.
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Was sehen Experten als größtes Sicherheitsrisiko?
Nur 3 Prozent der Fachleute halten mechanische Defekte für eine Hauptursache von Unfällen. 30 Prozent nennen den falschen Gebrauch von Fahrerassistenzsystemen als größtes Problem, weitere 24 Prozent ablenkende Funktionen im Fahrzeug. Auch die Werbung für solche Systeme steht in der Kritik.
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Was wünschen sich Verkehrsteilnehmer für mehr Sicherheit?
88 Prozent der Befragten sprechen sich für strengere Maßnahmen aus, etwa niedrigere Tempolimits und mehr Kontrollen, und würden dafür auch mehr bezahlen. Gleichzeitig sehen 68 Prozent der Fachleute die schlechte Abstimmung zwischen Industrie und Behörden als größtes Hindernis. Die Studie sieht darin einen zentralen Ansatzpunkt, um die Vertrauenslücke zu schließen.












