- GoPro hat am 1. Juni 2026 ein Form 8-K bei der SEC eingereicht, in dem das Unternehmen eine sogenannte Going-Concern-Warnung ausspricht.
- Die Barreserven sind auf rund 49,7 Millionen US-Dollar (circa 46 Millionen Euro) geschrumpft, während Kreditverpflichtungen von etwa 135 Millionen US-Dollar bestehen.
- Stark gestiegene Preise für Speicherchips, ausgelöst durch die Nachfrage der KI-Industrie, belasten die ohnehin angespannte Finanzlage zusätzlich.
Was nach Börsenroutine klingt, ist in Wahrheit ein Alarmsignal: Wenn ein börsennotiertes US-Unternehmen in seinen Finanzunterlagen offiziell festhält, dass es innerhalb der nächsten zwölf Monate möglicherweise nicht zahlungsfähig bleibt, ist das weit mehr als eine Formalität. Für die Motorradszene, in der GoPro-Kameras seit Jahren zur Standardausrüstung gehören, wirft diese Entwicklung die Frage auf, wie es mit dem einstigen Marktführer für Action-Kameras weitergeht.
Was genau hat GoPro bei der SEC eingereicht?
Am 1. Juni 2026 reichte GoPro ein sogenanntes Form 8-K bei der US-amerikanischen Securities and Exchange Commission (SEC) ein. Dieses Formular sind börsennotierte Unternehmen gesetzlich verpflichtet einzureichen, wenn wesentliche Veränderungen in ihrer finanziellen Lage eintreten, die für bestehende und potenzielle Investoren relevant sind.
Der Kern der Einreichung: GoPro hat seine bereits eingereichten Finanzberichte für das Geschäftsjahr 2025 nachträglich aktualisiert. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), die GoPro seit 2011 prüft, hat dabei einen sogenannten Going-Concern-Vermerk hinzugefügt. Wörtlich heißt es in der Einreichung: „There is substantial doubt about the Company’s ability to continue as a going concern.“ Auf Deutsch: Es bestehen erhebliche Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens, seine Geschäftstätigkeit fortzuführen.
PwC begründet den Vermerk damit, dass GoPro operative Verluste und negative operative Cashflows verzeichnet hat und Verpflichtungen aus Finanzierungsvereinbarungen bestehen, die innerhalb der nächsten zwölf Monate fällig werden, wenn bestimmte Auflagen nicht erfüllt werden. Eine solche Warnung ist in der Finanzwelt ein schwerwiegendes Signal, denn sie kann einen Teufelskreis auslösen: Das Vertrauen der Investoren sinkt, frisches Kapital wird teurer, und die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich weiter.
Wie schlecht stehen die Finanzen wirklich?
Die Zahlen zeichnen ein deutliches Bild des Niedergangs. Der Jahresumsatz von GoPro fiel 2025 auf 651,5 Millionen US-Dollar (circa 604 Millionen Euro), verglichen mit 801,5 Millionen US-Dollar im Vorjahr und über einer Milliarde US-Dollar im Jahr 2023. Besonders drastisch war der Einbruch im Kerngeschäft: Der reine Hardware-Umsatz, also der Verkauf von Kameras, kollabierte von 908 Millionen US-Dollar (2023) auf nur noch 545 Millionen US-Dollar (2025).
Unter dem Strich stand 2025 ein Nettoverlust von 93,5 Millionen US-Dollar (circa 87 Millionen Euro). Die Barreserven schrumpften bis Ende Dezember 2025 auf 49,7 Millionen US-Dollar, nachdem sie zwei Jahre zuvor noch bei 222,7 Millionen US-Dollar gelegen hatten. Dem gegenüber stehen Kreditverpflichtungen von insgesamt rund 135 Millionen US-Dollar.
Um sich über Wasser zu halten, hat GoPro zuletzt verstärkt auf Fremdkapital gesetzt. Im August 2025 unterzeichnete das Unternehmen einen Kreditvertrag über 50 Millionen US-Dollar mit dem Hedgefonds Farallon Capital Management, um eine im November 2025 fällige Wandelanleihe über 93,8 Millionen US-Dollar zurückzuzahlen. Im Gegenzug erhielt Farallon Optionsscheine zum Kauf von fast 11,1 Millionen GoPro-Aktien zu einem Ausübungspreis von lediglich 0,75 US-Dollar. Im Februar 2026 kamen weitere 50 Millionen US-Dollar an wandelbaren Schuldverschreibungen hinzu, die GoPro mit dem Fonds YA II PN von Yorkville Advisors vereinbarte.
Das Problem: Die Kreditverträge enthalten Auflagen, die GoPro zunehmend nicht mehr einhalten kann. Dazu gehören eine Mindestliquidität, die bis September 2026 auf 40 Millionen US-Dollar steigen soll, sowie ansteigende EBITDA-Ziele. Besonders brisant sind die sogenannten Cross-Default-Klauseln: Ein Zahlungsausfall bei einem Kredit löst automatisch den Ausfall bei allen anderen aus, sodass sämtliche Gläubiger gleichzeitig die sofortige Rückzahlung fordern könnten. Laut der SEC-Einreichung könnten die Kreditgeber sogar den Going-Concern-Vermerk selbst als Ausfallgrund geltend machen. GoPro befindet sich nach eigenen Angaben in aktiven Gesprächen mit Farallon, Wells Fargo und Yorkville.
An der Börse reagierte der Kurs entsprechend. Die GoPro-Aktie, die an der NASDAQ unter dem Kürzel GPRO gehandelt wird, fiel am Tag der Einreichung von 1,26 auf rund 1,10 US-Dollar. Zum Vergleich: Beim Allzeithoch am 7. Oktober 2014 hatte die Aktie bei 93,85 US-Dollar geschlossen, was einer Marktbewertung von über 11 Milliarden US-Dollar entsprach. Aktuell liegt der Börsenwert des Unternehmens bei nur noch rund 188 Millionen US-Dollar.
Warum treiben Speicherchip-Preise GoPro in die Krise?
Die ohnehin angespannte Finanzlage wird durch einen externen Faktor massiv verschärft, der in der Branche als „RAMageddon“ bezeichnet wird. Hersteller von Speicherchips wie Samsung und Micron verlagern ihre Produktionskapazitäten zunehmend in Richtung sogenannter High-Bandwidth-Memory-Module (HBM), die in KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen. Standard-DRAM-Speicher, wie ihn Gerätehersteller wie GoPro benötigen, wird dadurch knapper und teurer.
Laut der SEC-Einreichung stiegen die Speicherpreise allein in der letzten Märzwoche 2026 um 80 bis 115 Prozent. Gleichzeitig signalisierten Zulieferer, dass sie die Liefermengen an GoPro reduzieren werden. Bei Produkten, deren Endkundenpreise zwischen 300 und 500 US-Dollar liegen, lassen sich solche Kostensteigerungen nur begrenzt an Käufer weitergeben.
Erschwerend kommt hinzu, dass GoPro auf einer nicht stornierbaren Einkaufsverpflichtung für Speicherkomponenten in Höhe von 24,5 Millionen US-Dollar (circa 23 Millionen Euro) sitzt. Für ein Unternehmen, dem das Geld ausgeht, ist das eine erhebliche Belastung.
Welche Rolle spielt die Konkurrenz aus China?
Die Speicherchip-Krise trifft GoPro in einer Phase, in der das Kerngeschäft ohnehin unter Druck steht. Die Nachfrage nach klassischen Action-Kameras wächst deutlich langsamer als noch vor einigen Jahren. Viele Gelegenheitsfilmer greifen mittlerweile zum Smartphone, dessen Kameratechnologie sich stetig verbessert hat. Gleichzeitig werden die Upgrade-Zyklen bei Bestandskunden länger.
Hinzu kommt der massive Wettbewerbsdruck aus China. Hersteller wie DJI und Insta360 haben GoPro in einigen wichtigen Märkten überholt. In Japan etwa ist GoPros Marktanteil nach Daten aus dem Einzelhandel innerhalb weniger Jahre auf 19 Prozent gefallen, nachdem die Marke dort zuvor klar vorne lag. Die chinesischen Konkurrenten bringen in kurzen Abständen neue Modelle mit aggressiver Preisgestaltung und auffälligen Funktionen auf den Markt.
Auch der juristische Weg gegen die Konkurrenz brachte nicht den erhofften Erfolg. Im März 2026 entschied die US International Trade Commission (ITC) über GoPros Patentklage gegen Arashi Vision, die Muttergesellschaft von Insta360. Die ITC gab GoPro zwar in Bezug auf ein einzelnes Designpatent für die HERO-Kamera recht, wies jedoch die gleichzeitig eingereichten Technologiepatent-Klagen ab oder entschied nicht zugunsten von GoPro.
Sucht GoPro einen Käufer?
GoPro verfolgt nach eigenen Angaben mehrere Wege, um das Überleben zu sichern. Das Unternehmen hat die Investmentbank Houlihan Lokey beauftragt, einen möglichen Verkauf oder eine Fusion zu prüfen. CEO Nicholas Woodman hatte auf dem Earnings Call zum ersten Quartal 2026 seine Unterstützung für eine solche Maßnahme ausgesprochen und diese verbale Aussage anschließend durch eine Pressemitteilung untermauert.
Parallel dazu hat GoPro Berater engagiert, um Möglichkeiten im Verteidigungs- und Luftfahrtsektor auszuloten. Als Argument führt das Unternehmen an, dass seine Kameras bereits an Bord der Artemis-II-Orion-Raumkapsel montiert waren. Darüber hinaus versucht GoPro, zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen und Ausnahmeregelungen von seinen Kreditgebern zu erhalten.
Gleichzeitig setzt GoPro auf harte Sparmaßnahmen. Bereits im November 2024 hatte das Unternehmen ein Viertel seiner Belegschaft entlassen. Im April 2026 folgte eine weitere Kürzung um rund 23 Prozent der verbliebenen Mitarbeiter, die bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll und voraussichtlich zwischen 11,5 und 15 Millionen US-Dollar kosten wird. Zudem verkauft das Unternehmen Vermögenswerte.
In der SEC-Einreichung formuliert GoPro unmissverständlich, was geschieht, falls diese Maßnahmen nicht greifen: „Without obtaining additional sources of financing or consummating a strategic transaction, the company’s ability to continue as a going concern would be materially and adversely impacted, and the company may be required to significantly reduce, restructure, cease operations, or seek protection under the Federal bankruptcy laws.“ Übersetzt: Ohne neue Finanzierung oder eine strategische Transaktion könnte GoPro gezwungen sein, den Betrieb erheblich zu reduzieren, umzustrukturieren, einzustellen oder Insolvenzschutz zu beantragen. Das Unternehmen betont allerdings, dass bislang keine konkreten Insolvenzpläne eingeleitet worden seien.
Wie hat sich GoPro seit der Gründung entwickelt?
GoPro wurde mit robusten Kameras groß, die sich am Körper oder an der Sportausrüstung befestigen lassen. Die Idee kam Gründer Nicholas Woodman 2002 beim Surfen, als er sich auf dem Brett selbst filmen wollte. Im Juni 2014 ging die Firma an die Börse, wenige Monate später erreichte die Aktie ihren bis heute höchsten Kurs.
Seitdem hat das Geschäft an Schwung verloren. Smartphones filmen immer besser, und günstigere Anbieter kamen hinzu. Auch der Schritt in den Drohnenmarkt brachte nicht den erhofften Erfolg: Die Karma-Drohne musste GoPro 2016 zurückrufen, weil einzelne Geräte im Flug die Stromversorgung verloren. 2018 gab das Unternehmen das Drohnengeschäft wieder auf.
Was bedeutet das für Motorradfahrer und Action-Cam-Nutzer?
Für Motorradfahrer ist GoPro seit Jahren ein fester Begriff. Die Kameras der HERO-Reihe gelten als Standardausrüstung für Helmkameras, Tourendokumentation und Track-Day-Aufnahmen. Ein mögliches Ende von GoPro würde nicht bedeuten, dass bestehende Kameras aufhören zu funktionieren, doch langfristig stünden Firmware-Updates, Cloud-Dienste, die GoPro-Abonnement-Plattform und der Ersatzteil-Support in Frage.
Der Action-Kamera-Markt steht grundsätzlich nicht vor dem Aus. Hersteller wie DJI mit der Osmo-Action-Reihe und Insta360 bieten bereits leistungsfähige Alternativen an, die sich im Motorradsegment zunehmend etabliert haben. Sollte GoPro tatsächlich verkauft werden, wäre entscheidend, ob ein potenzieller Käufer die Marke und das Produktökosystem weiterführt oder das Unternehmen primär wegen seiner Patente und seiner Markenrechte übernimmt.
Eine existenzielle Krise hat die Motorradbranche zuletzt auch bei KTM erlebt. Der österreichische Hersteller musste Ende 2024 ein Sanierungsverfahren durchlaufen, das Geld für den Neustart kam anschließend vom indischen Partner Bajaj Auto. Ob GoPro einen Geldgeber oder Käufer findet, ist derzeit offen.
Häufige Fragen
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Droht GoPro die Insolvenz?
GoPro hat in einer SEC-Einreichung vom 1. Juni 2026 selbst „erhebliche Zweifel“ an der eigenen Fortführungsfähigkeit geäußert. Das Unternehmen sucht aktiv nach zusätzlicher Finanzierung oder einem Käufer, betont aber, dass bislang keine konkreten Insolvenzpläne eingeleitet worden seien.
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Warum steckt GoPro in finanziellen Schwierigkeiten?
Mehrere Gründe kommen zusammen: Der Jahresumsatz fiel von über einer Milliarde US-Dollar (2023) auf 651,5 Millionen US-Dollar (2025), die Barreserven schrumpften auf 49,7 Millionen US-Dollar, und stark gestiegene Speicherchip-Preise durch den KI-Boom belasten die Produktion zusätzlich. Hinzu kommen Marktanteilsverluste an chinesische Konkurrenten wie DJI und Insta360.
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Wird GoPro verkauft?
GoPro hat die Investmentbank Houlihan Lokey mit der Prüfung eines möglichen Verkaufs oder einer Fusion beauftragt. CEO Nicholas Woodman unterstützt diese Option nach eigenen Angaben. Ein konkreter Käufer oder Zeitrahmen ist bislang nicht bekannt.
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Wie stark ist der GoPro-Aktienkurs gefallen?
Die GoPro-Aktie (NASDAQ: GPRO) notierte nach der SEC-Einreichung bei rund 1,10 US-Dollar. Zum Vergleich: Beim Allzeithoch im Oktober 2014 lag der Kurs bei 93,85 US-Dollar, was einer Marktbewertung von über 11 Milliarden US-Dollar entsprach.
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Was hat die Speicherchip-Krise mit GoPro zu tun?
Hersteller wie Samsung und Micron verlagern ihre Produktionskapazitäten zugunsten von KI-Speicherchips. Standard-DRAM wird dadurch knapper und teurer. Laut GoPro stiegen die Speicherpreise allein in der letzten Märzwoche 2026 um 80 bis 115 Prozent, was die ohnehin knappe Liquidität zusätzlich belastet.












