- 12 WM-Punkte nach elf Rennwochenenden, in den Sprintrennen bislang kein einziger Zähler
- Bestes Ergebnis war Rang 11 beim Grand Prix im Balaton Park
- Ab 2027 fährt die MotoGP mit 850 ccm und Pirelli-Reifen, Razgatlioglu hat für diese Saison bereits einen Vertrag
Als Toprak Razgatlioglu seinen Wechsel in die Königsklasse bekannt gab, ging es um mehr als um die Karriere eines einzelnen Fahrers. Der Türke kam als dreifacher Superbike-Weltmeister und 78-facher Laufsieger, gewann seine Titel mit Yamaha und BMW und galt als einer der stärksten Fahrer der seriennahen Klasse. Sein Schritt zu Pramac Yamaha wurde deshalb auch als Testfall für den Ruf der Superbike-WM gelesen, deren Niveau im MotoGP-Fahrerlager von manchen Beteiligten seit Jahren geringer eingeschätzt wird. Zur Halbzeit der MotoGP-Saison 2026 fällt die Antwort auf diese Frage weniger eindeutig aus, als viele erwartet hatten.

Wie fällt die Halbzeitbilanz von Toprak Razgatlioglu aus?
Nach elf von 22 Rennwochenenden liegt Razgatlioglu mit 12 Punkten auf Rang 21 der Fahrerwertung und ist damit der schwächste der vier Yamaha-Piloten. In den Sprintrennen am Samstag wartet er weiterhin auf seinen ersten Zähler, sämtliche Punkte sammelte er an den Sonntagen.
Der erste Erfolg gelang beim dritten Saisonlauf in Austin, wo er als 15. erstmals in die Punkteränge fuhr. Es folgten Rang 13 in Le Mans und Rang 11 beim turbulenten Grand Prix im Balaton Park, sein bislang bestes Resultat. In Brünn kam er als 14. ins Ziel. Ein weiterer Lichtblick war das Qualifying in Brasilien, wo er sich im chaotischen Zeittraining am Freitag in die Top 10 schob und sich damit direkt für den zweiten Qualifikationsabschnitt Q2 qualifizierte.
Zum Vergleich: Nach acht Wochenenden hatte Razgatlioglu neun Punkte auf dem Konto, drei weniger als Markenkollege Alex Rins und zwei weniger als Pramac-Boxennachbar Jack Miller. Fabio Quartararo zeigte im selben Zeitraum mit 37 Punkten, was mit der M1 derzeit maximal möglich ist.
Woran scheitert Razgatlioglu auf der Yamaha M1?
Der größte Faktor ist das Material: Die neue V4-Yamaha liegt unter normalen Bedingungen deutlich hinter den Maschinen von Ducati, Aprilia, KTM und Honda. Damit fehlt Razgatlioglu die Basis, um seine Stärken überhaupt zeigen zu können.
Wie sehr ihn das einschränkt, hat er selbst beschrieben. Sein größtes Problem sei, dass er niemanden überholen könne, erklärte er vor dem Rennen in Brünn. Auf den Geraden seien die Gegner schneller, auf der Bremse schließe er zwar die Lücke, habe danach aber keine Möglichkeit zum Angriff. Fahre er allein, sei seine Pace ordentlich, hinter einem Gegner komme er nicht vorbei. Gegen andere Yamaha könne er attackieren, gegen andere Marken werde es schwierig. „Das gibt mir ein mieses Gefühl“, sagte er dazu.
Hinzu kommt die Umstellung auf die Michelin-Reifen, mit denen die MotoGP bis Ende 2026 fährt. Razgatlioglu hat eingeräumt, dass er sich den Superbike-Fahrstil noch nicht vollständig abgewöhnt hat und die Reifen noch nicht in allen Situationen versteht.

Warum passt ein Superbike-Fahrstil nicht ohne Weiteres zur modernen MotoGP?
Weil moderne MotoGP-Prototypen den Fahrern kaum noch Spielraum lassen, ein Motorrad nach eigenem Stil zu bewegen. Aerodynamische Anbauteile, höhenverstellbare Fahrwerke und sehr steife Chassis geben einen engen Arbeitsbereich vor, in dem sich der Fahrer der Technik anpassen muss und nicht umgekehrt.
Genau davon lebt Razgatlioglu aber. Seine spektakulären Bremsmanöver und sein aggressiver Stil funktionierten in der Superbike-WM über Jahre. In der MotoGP zahlen sie sich bislang kaum aus. Marc Marquez hat mehrfach erklärt, dass sich die heutigen Motorräder nicht mehr überfahren lassen. Vor zehn Jahren konnte ein Ausnahmefahrer die Schwächen eines Motorrads noch bis zu einem gewissen Grad ausgleichen, inzwischen gibt die Technik den Takt vor. Selbst Marquez musste seine Herangehensweise an die aktuellen Aero-Motorräder anpassen.
Der Sachsenring als Tiefpunkt der ersten Saisonhälfte
Das Deutschland-Wochenende Mitte Juli beendete die erste Saisonhälfte für Razgatlioglu mit einem klaren Rückschlag. Er kam als 15. ins Ziel und war damit Letzter aller Fahrer, die das Rennen beendeten. Auf Sieger Marc Marquez fehlten mehr als 38 Sekunden, auf Teamkollege Jack Miller als Zwölften rund 12 Sekunden. Den einen Punkt sicherte er sich nur, weil vor ihm mehrere Fahrer stürzten.
Sein Fazit fiel entsprechend aus: „Das war für mich das schlimmste Wochenende.“ Ausschlaggebend waren die speziellen Reifen für den Sachsenring. Weil die Strecke fast nur aus Linkskurven besteht, kamen asymmetrische Michelin-Mischungen zum Einsatz, bei denen die linke Flanke härter ausgelegt ist als die rechte. Razgatlioglu fand damit kein Vertrauen und verlor vor allem im zweiten Streckenabschnitt Zeit, der ausschließlich aus Linkskurven besteht.
Besonders irritierte ihn, dass die Reifenmischungen von Strecke zu Strecke wechseln. Kaum habe er sich an einen Satz gewöhnt, komme am nächsten Wochenende ein völlig anderer. Das habe seine Motivation zerstört, sagte er. Die anderen Fahrer kennen Strecke und Reifen aus früheren Jahren, für ihn war beides neu. Am Sachsenring war er zuletzt 2014 im Red Bull MotoGP Rookies Cup gefahren.
Ein weiterer Moment blieb hängen: LCR-Ersatzpilot Cal Crutchlow, der bei seinem fünften Einsatz für den verletzten Johann Zarco von Startplatz 20 losfuhr, überholte den Rookie und blieb sechs Runden vor ihm. Razgatlioglu, von Startplatz 16 gestartet, kam erst in der zweiten Rennhälfte wieder vorbei, als die Reifen der Honda nachließen. Deren Motorrad habe besser eingelenkt und mehr Grip gehabt, stellte er anschließend fest. Die Arbeit von Yamaha und seinem Team stellte er dabei ausdrücklich nicht infrage, sprach aber offen davon, dass es keine Fortschritte gebe.

Was ändert sich 2027 in der MotoGP?
Zur Saison 2027 wird das technische Reglement grundlegend umgebaut. Der Hubraum sinkt von 1000 auf 850 ccm, höhenverstellbare Fahrwerke werden verboten, die Aerodynamik wird deutlich beschnitten, und statt Michelin liefert Pirelli die Einheitsreifen.
Damit fallen genau jene Elemente weg, die den Fahrern derzeit den engsten Rahmen setzen. Die Erwartung ist, dass der Fahrer wieder mehr Einfluss auf das Ergebnis bekommt. Razgatlioglu hat den Zeitpunkt seines Wechsels von Anfang an mit diesem Umbruch begründet. Er halte den Schritt schon 2026 für richtig, weil er sich erst an Chassis, Fahrstil und unbekannte Strecken gewöhnen müsse, sagte er vor Saisonbeginn. 2027 sei er dann bereit, sein Potenzial auszuschöpfen. Sein Vertrag läuft bereits über diese Saison hinaus, was ihn von der Mehrheit des Fahrerfelds unterscheidet.
Einen ersten Eindruck von der neuen Technik hat er bereits: Nach dem Rennwochenende in Brünn gehörte er zu den wenigen Stammfahrern, die das 850er-Motorrad mit Pirelli-Reifen testen durften. Wunder erwartet er davon nicht, entscheidend sei das Gesamtpaket und nicht die Reifen allein.
Die offene Frage nach dem Yamaha-Material
Damit rückt eine Unbekannte in den Mittelpunkt: der Entwicklungsstand der 850er-Yamaha. Im Fahrerlager kursieren dazu bislang wenig optimistische Einschätzungen, verlässliche Fakten gibt es nicht, es handelt sich um Gerüchte. Sollten sie zutreffen und Yamaha auch unter neuem Reglement hinterherfahren, könnte Razgatlioglu sportlich in eine Sackgasse geraten.
Der Zeitfaktor spielt dabei eine Rolle. Im Herbst 2027 wird der Türke 31 Jahre alt. Bleibt der Durchbruch aus, wird ein weiterer Neuanfang in der Königsklasse schwierig, zumal aus der Moto2 eine junge Fahrergeneration nachrückt, die für Teammanager oft attraktiver ist als ein Fahrer mit Titeln aus einer anderen Serie.

Welche Rolle spielt die Superbike-WM als Rückkehroption?
Die Superbike-WM bleibt für Razgatlioglu die naheliegende Alternative, weil dort praktisch jeder Hersteller Interesse an einem Fahrer seines Formats hätte. Vor allem BMW soll sich um einen direkten Draht zu ihm und seinem Manager Kenan Sofuoglu bemühen.
Allerdings verändert sich auch die seriennahe Serie. Ducati setzt dort derzeit den Maßstab und dominiert weite Teile der Saison. Zusätzlich beginnt 2027 mit Michelin als neuem Einheitsreifenlieferanten eine neue Ära, deren Auswirkungen auf das Kräfteverhältnis heute niemand seriös vorhersagen kann. Eine Rückkehr wäre also keine Garantie für sofortige Erfolge.
Unterm Strich hat Razgatlioglu nach der ersten Hälfte seiner Rookie-Saison weder den Beweis erbracht, dass ein Superbike-Champion in der MotoGP dauerhaft bestehen kann, noch das Gegenteil. Beantwortet wird diese Frage erst unter den technischen Voraussetzungen der Saison 2027.

Häufige Fragen
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Wie viele Punkte hat Toprak Razgatlioglu in der MotoGP 2026 geholt?
Nach elf von 22 Rennwochenenden stehen 12 WM-Punkte zu Buche. Alle Zähler sammelte er in den Grands Prix am Sonntag, in den Sprintrennen blieb er bislang ohne Punkte. In der Fahrerwertung liegt er damit auf Rang 21.
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Was ist das beste Ergebnis von Toprak Razgatlioglu in der MotoGP?
Sein bestes Resultat ist Rang 11 beim Grand Prix im Balaton Park. Weitere Punkteplatzierungen gelangen ihm mit Rang 13 in Le Mans, Rang 14 in Brünn sowie zweimal Rang 15 in Austin und am Sachsenring.
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Für welches Team fährt Toprak Razgatlioglu in der MotoGP?
Razgatlioglu startet für Pramac Yamaha auf einer Yamaha M1 mit dem neuen V4-Motor. Sein Vertrag läuft über die Saison 2026 hinaus und deckt auch das Jahr 2027 ab.
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Was ändert sich 2027 am MotoGP-Reglement?
Der Hubraum wird von 1000 auf 850 ccm gesenkt, höhenverstellbare Fahrwerke werden verboten und die Aerodynamik wird stark eingeschränkt. Außerdem löst Pirelli den bisherigen Einheitsreifenlieferanten Michelin ab.
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Warum kommt Razgatlioglu mit den Michelin-Reifen nicht zurecht?
Die Mischungen wechseln von Strecke zu Strecke, teilweise mit asymmetrischem Aufbau wie am Sachsenring, wo die linke Flanke härter ausgelegt war. Razgatlioglu fehlt die Erfahrung aus früheren Jahren, um sich schnell darauf einzustellen, und er hat den Fahrstil aus der Superbike-WM noch nicht vollständig abgelegt.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: MotoGP-Saison 2026: Der komplette Überblick – Teams, Fahrer, Kalender & WM-Stand. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.












