- Reduzierung um 500/min, betroffen waren Pedro Acosta, Brad Binder, Enea Bastianini und Ersatzfahrer Pol Espargaro
- Die Freigabe der vollen Drehzahl ab Misano gilt als erwartet, offiziell bestätigt ist sie nicht
- Binder hat bereits sechs seiner neun erlaubten Motoren geöffnet, drei davon sind aus dem Verkehr gezogen
Eine Reduzierung der Maximaldrehzahl um 500/min klingt nach einem kleinen Eingriff. Bei einem MotoGP-Prototypen ist sie das nicht. KTM hat diesen Schritt im Laufe der Saison 2026 vorgenommen, um die eigenen Triebwerke vor weiteren Schäden zu schützen. Was das im Alltag der Rennteams bedeutet hat, geht deutlich über ein paar Stundenkilometer auf der Geraden hinaus. KTM-Testpilot Pol Espargaro, der zuletzt als Ersatz für den verletzten Maverick Vinales fuhr, hat nach dem Rennen in Aragon beschrieben, an welcher Stelle die fehlende Drehzahl tatsächlich wehtat.

Warum hat KTM die Drehzahl der RC16 überhaupt reduziert?
KTM hat die Maximaldrehzahl gesenkt, weil sich die Motorschäden an der RC16 häuften und der Hersteller die Standfestigkeit sichern musste. Die Ursache lag in mechanischen Bauteilen eines Zulieferers, die nicht der vorgegebenen Güte entsprachen.
Der Weg zur Reparatur war für KTM verbaut. Die Motorenentwicklung in der MotoGP ist eingefroren, die Triebwerke sind verplombt und müssen exakt der hinterlegten Homologationsspezifikation entsprechen. Wer davon abweicht, verstößt gegen das sogenannte Engine Freeze Agreement, also die Vereinbarung zum Entwicklungsstopp bei den Motoren. Im äußersten Fall droht die Disqualifikation. KTM argumentierte deshalb, es handle sich nicht um eine Änderung der Spezifikation, sondern um die Korrektur schadhafter Teile.
Bis zur Freigabe blieb nur der vorsorgliche Eingriff über die Elektronik. Die Drehzahl runter, damit die Motoren durchhalten. Der prominenteste Zwischenfall der Saison gehört allerdings nicht in diese Reihe: Als Acosta in Barcelona die Leistung wegbrach und Alex Marquez auffuhr, lag das laut Medienberichten an der einheitlichen elektronischen Motorsteuerung, nicht am Motor selbst. Zeitlich fällt der Beginn der Drosselung trotzdem in etwa mit diesem Wochenende zusammen, gerechnet ab Barcelona fuhr KTM sieben Rennen mit reduziertem Drehzahlband.
Was die fehlenden 500/min an der Abstimmung verändert haben
Die spürbarste Folge lag nicht beim Topspeed, sondern beim Getriebe. Genau darauf hat Espargaro nach dem Aragon-Wochenende hingewiesen.
Wer mehr Drehzahl zur Verfügung hat, gewinnt nach seiner Darstellung am wenigsten dort, wo es die meisten vermuten, also im fünften und sechsten Gang und bei der Höchstgeschwindigkeit. Entscheidend sei etwas anderes: Auf bestimmten Strecken lief der Motor so früh in den Begrenzer, dass ein Gang nicht bis zum nächsten Bremspunkt durchgehalten werden konnte. Genau die fehlenden 500 Umdrehungen entschieden darüber, ob eine Übersetzung bis zur Kurve reichte oder nicht.
Die Lösung dafür ist keine lokale. Wer eine Getriebestufe ändert, ändert das gesamte Paket. Espargaro formulierte es so: „You need to adapt all the gearbox, which affects all the corners.“ Auf Deutsch: Man müsse die gesamte Getriebeabstimmung anpassen, und das wirke sich auf alle Kurven aus. Aus einer Schutzmaßnahme für den Motor wurde damit ein Kompromiss, der eine komplette Runde beeinflusste. Beschleunigung, Kurvenausgänge, Schaltpunkte, alles hing an einer Stellschraube, die eigentlich nur die Haltbarkeit sichern sollte.
Beim Topspeed war der Verlust dagegen schwerer zu greifen. Binder erreichte in Aragon erneut den höchsten Wert aller Fahrer auf der Gegengeraden, allerdings mit 352,9 km/h gegenüber 356,4 km/h im Vorjahr. Aussagekräftig ist das nur bedingt, denn die meisten Hersteller waren 2026 langsamer, und Faktoren wie Aerodynamikpaket, Windschatten und Windrichtung verfälschen solche Vergleiche.

Wie viele Motoren hat die Drosselung KTM gekostet?
Die Rechnung ist unangenehm: Binder hat sechs seiner neun erlaubten Motoren geöffnet, drei davon sind bereits aus dem Verkehr gezogen. Damit steht er im Feld am schlechtesten da.
Acosta liegt ebenfalls bei sechs von neun geöffneten Aggregaten und hat seine beiden jüngsten Motoren verloren. Bastianini kommt auf fünf von neun bei zwei stillgelegten Einheiten. Vinales hat bislang nur vier Motoren geöffnet, keinen davon musste er abschreiben. Espargaro übernahm bei seinen Ersatzeinsätzen dessen Kontingent. Der Durchschnitt im Feld liegt bei fünf von neun geöffneten Motoren.
Nur ein weiterer Fahrer musste bislang ebenfalls drei Triebwerke stilllegen, Toprak Razgatlioglu. Er hat allerdings elf statt neun Motoren zur Verfügung, weil Yamaha den Concessions-Status genießt, also die Zugeständnisse für weniger erfolgreiche Hersteller. Für KTM bleibt damit ein Nachteil, der auch nach der Reparatur weiterläuft: Die verbliebenen Motoren müssen mehr Kilometer abdecken, um die ausgemusterten zu kompensieren.
Ein Vorgang dieser Art ist selten, aber nicht neu. 2020 stand Yamaha wegen fehlerhafter Ventile vor einem ähnlichen Problem, zog den Antrag beim Herstellerverband aber wieder zurück. Anschließend gab es Punktabzüge in der Konstrukteurs- und Teamwertung, weil sich herausstellte, dass ein Lieferantenwechsel hinter dem Defekt stand.
Warum ist ausgerechnet Misano der richtige Zeitpunkt?
Misano gilt als Strecke mit sehr viel Grip, auf der viel Beschleunigung aus den Kurven gefragt ist. Genau dort wirken sich zusätzliche Umdrehungen und die dadurch freiere Getriebeabstimmung besonders stark aus.
Espargaro rechnet damit, dass ein paar zusätzliche Umdrehungen auf diesem Kurs deutlich helfen würden. Der Gran Premio di San Marino steht vom 11. bis 13. September 2026 im Kalender, und für KTM ist es das erste Wochenende, an dem sich die Revision der Motoren und die volle Drehzahl zusammen auswirken könnten.
Die Vorarbeit dafür ist erledigt. Nachdem die anderen Hersteller einstimmig zugestimmt hatten, durfte KTM die verplombten Vierzylinder von Acosta, Binder, Vinales und Bastianini unter Aufsicht öffnen. Die Arbeiten fanden in der zweiwöchigen Pause nach dem Silverstone-Wochenende im oberösterreichischen Munderfing statt. Die Rennabteilung bestätigte damals knapp: „Die Motoren wurden diese Woche revidiert.“

Was für Misano noch offen ist
Ob die volle Drehzahl tatsächlich ab Misano freigegeben wird, ist nicht offiziell bestätigt. Espargaro selbst sagte nach dem Aragon-Rennen, er habe keine Ahnung, was mit der Drehzahl passieren werde, er hoffe darauf.
Auch der Zustand in Aragon wird unterschiedlich beschrieben. Ein Teil der Berichterstattung ging davon aus, dass KTM dort bereits mit rundum gesunden Motoren und ohne reduzierte Spitzendrehzahl antrat. Andere Darstellungen gehen davon aus, dass die RC16 in Aragon noch nicht auf normalem Leistungsniveau lief und KTM erst prüfen wollte, ob nach der Revision alles sauber funktioniert. Beides passt zeitlich zusammen, wenn man die Reparatur der Motoren und die Freigabe der Drehzahl als zwei getrennte Schritte versteht.
Sportlich hat das Wochenende in Aragon KTM ohnehin Auftrieb gegeben. Acosta fuhr auf Platz 2 hinter Marc Marquez und ließ dabei auch die stark eingeschätzten Aprilia hinter sich. Espargaro sprach von einer großen Portion Sauerstoff für alle in der Fabrik und meinte, Acosta hole mehr aus dem Motorrad heraus, als das Paket eigentlich hergebe. In der WM-Wertung steht Acosta damit auf Rang 6 mit 189 Punkten, hinter dem führenden Jorge Martin mit 256 Zählern.
Espargaro wird auch in Misano fahren, weil Vinales weiter ausfällt. Für ihn folgt danach ein Test in Mugello und anschließend wieder Entwicklungsarbeit an der 850er für die Saison 2027. Bekommt KTM in Misano tatsächlich das volle Drehzahlband zurück, wäre das nicht nur ein Plus an Leistung, sondern vor allem wieder Bewegungsfreiheit bei der Abstimmung.

Häufige Fragen
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Warum wurde die KTM RC16 Drehzahl reduziert?
KTM hat die Maximaldrehzahl um 500/min gesenkt, um weitere Motorschäden zu verhindern. Ursache waren mechanische Bauteile eines Zulieferers, die nicht der geforderten Güte entsprachen. Weil die Motoren verplombt und in der Entwicklung eingefroren sind, war eine sofortige Reparatur nicht möglich.
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Ab wann fährt KTM wieder mit voller Drehzahl?
Die Rückkehr zum vollen Drehzahlband wird ab dem Rennwochenende in Misano vom 11. bis 13. September 2026 erwartet. Offiziell bestätigt ist der Schritt allerdings nicht, Espargaro sprach nach dem Aragon-Rennen selbst nur von einer Hoffnung.
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Welche Fahrer sind von der Drosselung betroffen?
Betroffen waren die vier RC16-Piloten Pedro Acosta, Brad Binder, Enea Bastianini und Maverick Vinales. Da Vinales verletzt ausfällt, saß zuletzt Testfahrer Pol Espargaro auf dessen Maschine. In Misano wird Espargaro erneut einspringen.
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Was kostet die Drosselung außer Topspeed noch?
Der größere Verlust lag bei der Getriebeabstimmung. Weil der Motor zu früh in den Begrenzer lief, reichte die Übersetzung auf manchen Strecken nicht bis zum nächsten Bremspunkt. Eine Anpassung der Getriebestufen wirkt sich dann auf alle Kurven einer Runde aus.
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Wie viele Motoren darf ein MotoGP-Fahrer pro Saison einsetzen?
Für die betroffenen KTM-Piloten sind neun Motoren pro Saison vorgesehen. Fahrer mit Concessions-Status, also Zugeständnissen für weniger erfolgreiche Hersteller, haben mehr zur Verfügung, bei Yamaha sind es elf.











