- 2022 registrierte die Polizei auf dem Abschnitt einen Unfall, 2026 bis Ende September bereits zehn.
- Auf den Vergleichsstrecken B508 und L729 gab es zuletzt null bis vier beziehungsweise höchstens einen Unfall pro Jahr.
- Die Unfallkommission berät erneut, eine Wochenend-Sperrung für Zweiräder ist laut Kreis derzeit nicht konkret geplant.
Unter Motorradfahrern im Siegerland ist die Lützel ein fester Begriff. So nennen viele den Abschnitt der B62, der Netphen-Afholderbach mit Hilchenbach-Lützel verbindet. Fahrerisch gilt er nicht als die schwierigste Strecke der Gegend, in der Unfallstatistik fällt er seit 2024 aber immer stärker auf. Aktuelle Zahlen der Polizei und ein Vergleich mit zwei anderen Strecken zeigen, wie sich die Lage entwickelt hat. Ein Fahrlehrer aus der Region erklärt, woran es liegen könnte. Gleichzeitig wird in sozialen Netzwerken über ein Verbot für Motorräder diskutiert, und die Unfallkommission des Kreises nimmt sich den Abschnitt erneut vor. Die Saison läuft unterdessen aus: Für die meisten Fahrer mit Saisonkennzeichen endet sie Ende Oktober.
Wie haben sich die Unfallzahlen auf der Lützel entwickelt?
Seit 2024 registriert die Polizei auf dem Abschnitt deutlich mehr Unfälle als in den Jahren davor. 2022 war es einer, 2023 waren es zwei, 2026 sind es bereits zehn, und das Jahr ist noch nicht zu Ende.
Ausgewertet hat die Polizei die Strecke vom Ortsausgang Afholderbach bis zur Kronprinzeneiche, wo die B508 abzweigt. Für das Stück von der Kronprinzeneiche bis Lützel sieht sie über die Jahre keine Auffälligkeiten. Zwischen den niedrigen Werten der Jahre 2022 und 2023 und dem aktuellen Jahr liegen 2024 mit sieben und 2025 mit neun Unfällen. Der Wert für 2026 umfasst nur die Monate bis einschließlich September, also drei Monate weniger als die Vorjahre.
Bei den Zahlen ist eines wichtig: Leichte Unfälle, bei denen keine Hauptursache erkennbar war, fehlen in der Statistik. Eine lückenlose Bilanz aller Unfälle auf dem Abschnitt ist sie also nicht.
Mit den Unfällen ist auch die Zahl der Menschen gewachsen, die dabei verletzt wurden. 2022 und 2023 waren es jeweils ein oder zwei Leicht- oder Schwerverletzte. 2025 zählte die Polizei neun, 2026 bis Ende September acht. 2024 kam ein Motorradfahrer ums Leben, in diesem Jahr bislang ebenfalls einer.
Welche Stellen der Lützel gelten als Unfallschwerpunkt?
Amtlich gibt es auf dem Abschnitt zwei Unfallhäufungslinien, eine oberhalb und eine unterhalb der Applauskurve. So bezeichnet die Polizei Streckenabschnitte, auf denen sich Unfälle überdurchschnittlich häufen.
Die ältere Linie liegt auf Hilchenbacher Gebiet und reicht von der Kronprinzeneiche bis kurz oberhalb der Applauskurve. Festgestellt wurde sie zum ersten Mal 2006. Danach war es dort lange ruhig, ganz aufgehoben hat die Polizei die Linie aber nie. Der Bereich blieb unter Beobachtung, und die örtliche Unfallkommission hat sich immer wieder damit befasst. Die zweite Linie liegt auf Netphener Gebiet und führt von unterhalb der Applauskurve bis nach Afholderbach. Durchgehend als Unfallhäufungslinie eingestuft ist sie erst seit 2024.
Was weiß man über die Ursachen der Unfälle?
Bei 15 der ausgewerteten Unfälle führt die Polizeistatistik als Hauptursache „Geschwindigkeit“. Achtmal steht dort „andere Fehler beim Fahrzeugführer“, darunter fällt zum Beispiel ein Verbremsen.
Ob die Fahrer in der ersten Gruppe schneller unterwegs waren als erlaubt, lässt sich aus dieser Einordnung nicht ablesen. Deutlicher ist ein anderes Muster: Meist war niemand außer dem Verunglückten selbst beteiligt. In den vergangenen beiden Jahren gilt das für rund zwei Drittel der Unfälle. Solche Alleinunfälle können verschiedene Gründe haben, etwa einen Fahrfehler oder eine Kurve oder Situation, die falsch eingeschätzt wurde.
Wann es kracht und wer verunglückt
Der Großteil der Unfälle fällt in die Monate Mai bis September. Dienstage, Donnerstage und Samstage stechen heraus, ebenso der Nachmittag und der frühe Abend. Unter den beteiligten Motorradfahrern bilden die 25- bis 30-Jährigen mit neun Fahrern die größte Gruppe. Acht Fahrer waren zwischen 20 und 25 Jahre alt, fünf zwischen 35 und 40.
Warum fällt gerade die Lützel in der Unfallstatistik auf?
Mit dem Straßenverlauf allein lässt sich das nicht erklären. Zwei andere beliebte Motorradstrecken der Region sind fahrerisch anspruchsvoller und verzeichnen trotzdem deutlich weniger Unfälle. Der Siegerländer Fahrlehrer Till Schilling sieht den Grund vor allem darin, wie auf der Lützel gefahren wird.
Der Vergleich mit B508 und L729
Die Polizei hat zum Vergleich auch die B508 zwischen Lützel und Hilchenbach sowie die L729 bei Hainchen ausgewertet. Für die B508 meldet sie in den letzten Jahren null bis vier Unfälle pro Jahr. Über fünf Jahre hinweg wurden dort drei Menschen schwer und einer leicht verletzt, tödlich verunglückt ist niemand. Auf der L729 gab es pro Jahr höchstens einen Unfall, in einigen Jahren keinen einzigen.
Schilling betreibt im Siegerland die Fahrschule „Fahrerschmiede“ mit der angeschlossenen „Bikerschmiede“ und fährt selbst Motorrad. Auf der B508 ist die Fahrbahn nach seiner Beschreibung schmaler. Dadurch fährt man in einem spitzeren Winkel in die Kurven, und wo eine Kurve endet, sieht man erst spät. Auch die L729 hält er für anspruchsvoll. Dort ist allerdings von Anfang an zu erkennen, dass die Kurven gefährlich werden können. Die meisten Fahrer gehen deshalb nicht mit vollem Tempo hinein. Schilling spricht davon, dass die Angst mitfährt, und nennt das „das emotionale Limit“.
Breite Straße, viel Publikum
Auf der Lützel greift diese innere Bremse nach Schillings Einschätzung oft nicht. Die Fahrbahn ist breit, und gerade die Applauskurve lässt sich gut überblicken. Das gibt vielen Fahrern ein Gefühl von Sicherheit. Dazu kommt der starke Andrang. Viele Motorradfahrer stacheln sich dort nach seiner Beobachtung gegenseitig an, setzen sich in Szene und filmen dabei. Wer nicht genug Erfahrung und Fahrkönnen mitbringt, gerät schnell in Schwierigkeiten. „Viele fahren schneller, als ihre Fähigkeiten es erlauben“, sagt Schilling. Ein Motorrad wirklich an die Grenze des physikalisch Möglichen zu bringen, ist aus seiner Sicht schwer, und oft fehlt dafür das Können.
Wie reagiert die Polizei auf die Treffen an der Lützel?
Die Polizei ist inzwischen fast jedes Wochenende an mindestens einem Tag mit Kontrollen vor Ort. Bei schönem Wetter kontrolliert sie zusätzlich werktags im Feierabendverkehr.
Nach einem eher ruhigen Saisonstart hat sich die Situation laut Polizei ab Juli zugespitzt, im August folgte der tödliche Unfall. Die Beamten beobachten, dass die Strecke in der zweiten Saisonhälfte wieder stärker in den Mittelpunkt rückt als in den Jahren zuvor. Ein Zeichen dafür sind lose verabredete Treffen an Stellen am Straßenrand, an denen man anhalten kann. Teilweise kommen dort 50 und mehr Motorradfahrer zusammen.
Bei den Kontrollen zeigten sich die meisten Fahrer laut Polizei einsichtig. Wer im Verdacht stand, gezielt zur Schau zu fahren, zum Beispiel mit übertriebener Schräglage, erhielt einen Platzverweis. Die Polizei spricht in solchen Fällen von „Imponierfahren“. Hinweise aus der Bevölkerung verfolgt sie nach eigenen Angaben ebenfalls.
Kommt eine Sperrung der Lützel für Motorräder?
Eine Wochenend-Sperrung für Zweiräder ist derzeit nicht konkret geplant, teilt der Kreis Siegen-Wittgenstein mit. Ob es andere Einschränkungen geben wird, entscheidet sich erst in der Unfallkommission.
Das Gremium aus Straßenverkehrsbehörde, Straßenbaulastträger und Polizei tagt unter Vorsitz des Kreises. Wegen der Unfallzahlen will es sich den Abschnitt bald noch einmal ansehen und in einer außerordentlichen Sitzung weitere Schritte prüfen. Kreissprecherin Jana Göbel schließt dabei auch verkehrliche Einschränkungen nicht aus. Einige Maßnahmen gibt es bereits, etwa Schilder an einzelnen Kurven.
Wie lange es bis zu neuen Maßnahmen dauern könnte, kann der Kreis noch nicht sagen. Das hängt von der Empfehlung der Unfallkommission ab und davon, welche rechtlichen und baulichen Schritte nötig wären. Eine verlässliche Einschätzung soll es erst nach der nächsten Befassung des Gremiums geben.
Grenzen sieht der Kreis bei solchen Maßnahmen ohnehin. Göbel verweist darauf, dass sich falsches Fahrverhalten mit Vorgaben im Straßenverkehr nur begrenzt in den Griff bekommen lässt: „Unangepasste Geschwindigkeit, eine Überschätzung der eigenen Fähigkeiten oder eine unvorsichtige Fahrweise lassen sich durch verkehrliche Maßnahmen nur bedingt verhindern.“ Außerdem könnte eine Sperrung für einzelne Gruppen dazu führen, dass der Verkehr auf andere Straßen ausweicht. Diese Sorge teilt auch Fahrlehrer Schilling. Er hält eine Sperrung für den falschen Weg: „Das verschiebt das Problem nur, die werden sich dann auf anderen Streckenabschnitten in die Kurven jagen.“
Häufige Fragen
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Wo liegt die Lützel?
Die Lützel ist der Abschnitt der B62 zwischen Netphen-Afholderbach und Hilchenbach-Lützel im Siegerland. Auffällig viele Unfälle passieren zwischen dem Ortsausgang Afholderbach und der Kronprinzeneiche, an der die B508 abzweigt. In diesem Bereich liegt auch die Applauskurve.
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Wo passieren auf der Lützel Motorradunfälle am häufigsten?
Die Polizei hat zwei Unfallhäufungslinien ausgewiesen. Die eine liegt zwischen der Kronprinzeneiche und dem Bereich oberhalb der Applauskurve, die andere zwischen dem Bereich unterhalb der Applauskurve und Afholderbach. Das Stück von der Kronprinzeneiche bis Lützel gilt als unauffällig.
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Wie viele Unfälle gab es 2026 auf der Lützel?
Bis einschließlich September 2026 hat die Polizei zwischen Afholderbach und der Kronprinzeneiche zehn Unfälle gezählt. Ein Motorradfahrer starb, acht Menschen wurden leicht oder schwer verletzt. Leichte Unfälle ohne erkennbare Hauptursache sind darin nicht enthalten.
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Wird die Lützel für Motorräder gesperrt?
Eine Wochenend-Sperrung für Zweiräder ist laut Kreis Siegen-Wittgenstein derzeit nicht konkret geplant. Die Unfallkommission will den Abschnitt aber in einer außerordentlichen Sitzung erneut prüfen. Dabei können auch verkehrliche Einschränkungen zur Sprache kommen.
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Wie oft kontrolliert die Polizei auf der Lützel?
Die Polizei kontrolliert fast jedes Wochenende an mindestens einem Tag. Bei gutem Wetter kommen Kontrollen unter der Woche im Feierabendverkehr hinzu. Bei Verdacht auf Imponierfahren erteilen die Beamten Platzverweise.
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