- Der Verkehrsausschuss des Tiroler Landtags hat auf Antrag der Grünen eine Ausweitung der Motorrad-Fahrverbote im Bezirk Reutte in Auftrag gegeben.
- Im Fokus stehen die Engetalstraße von Grän nach Pfronten und die Ehenbichler Landesstraße, auch Sportwagen sollen untersucht werden.
- Auf den bereits gesperrten Strecken meldete das Land für 2023 keine einzige Beschwerde mehr.
Seit 2020 dürfen Motorräder mit einem eingetragenen Standgeräusch über 95 Dezibel sechs Straßenabschnitte im Außerfern zwischen Mitte April und Ende Oktober nicht befahren. Nun könnte die Liste länger werden. Die Tiroler Grünen haben einen Antrag gestellt, der Verkehrsausschuss des Landtags hat daraufhin eine Prüfung beauftragt. Dabei geht es um zusätzliche Straßen, eine mögliche Verlängerung der Regelung und erstmals auch um Autos. Die Begründung der Grünen zeigt ein Muster, das sich bei Streckensperrungen immer wieder beobachten lässt: Das Problem verschwindet nicht, es zieht weiter.

Welche Straßen sollen in Tirol neu gesperrt werden?
Im Gespräch sind vor allem die Engetalstraße L 261 von Grän nach Pfronten und die Ehenbichler Landesstraße im oberen Lechtal. Ob sie tatsächlich ins Fahrverbot aufgenommen werden, prüfen nun die zuständigen Fachabteilungen des Landes.
Die Engetalstraße verbindet das Tannheimer Tal mit dem Allgäu. Sie ist schmal, kurvenreich und führt unterhalb des Aggensteins über die Grenze nach Bayern. Bei Motorradfahrern ist sie beliebt, weil sie Touren im Allgäu mit den österreichischen Pässen verbindet. Eine Sperre würde damit viele Fahrer aus Deutschland unmittelbar betreffen. Für die Ehenbichler Landesstraße macht sich vor allem Margit Dablander stark, die Bezirkssprecherin der Grünen in Reutte.
Neben weiteren Straßen geht es auch um die Frage, ob das Verbot zeitlich ausgedehnt wird. Neu ist der Blick auf Sportwagen. Die Fachabteilungen sollen untersuchen, welchen Anteil sie am Verkehrslärm haben. Wie ein Verbot für Autos aussehen könnte, ist offen. Die bestehende Regel lässt sich nicht einfach übertragen, weil sie ausdrücklich nur für einspurige Kraftfahrzeuge gilt. Einen Zeitplan für die Prüfung gibt es bisher nicht.
Warum wollen die Grünen das Fahrverbot ausweiten?
Nach Darstellung der Grünen weichen Motorräder, die sie als „laut“ bezeichnen, auf Straßen aus, die bisher nicht gesperrt sind. Besonders auf der Strecke von Grän nach Pfronten habe die Belastung stark zugenommen.
Gebi Mair und Dablander haben im Herbst rund 60 Haushalte im Bezirk Reutte besucht und ihre Eindrücke am 28. Oktober 2026 vorgestellt. Am häufigsten ging es dabei um den Verkehr, vor allem um den geplanten Fernpass-Tunnel samt Maut. Beim Thema Lärm nannten die Grünen gleich mehrere Ursachen: Sportwagen, die in Gruppen von der Kög über Rieden zum Hahntennjoch oder zum Gaichtpass fahren, Gruppen von Mopedfahrern, die im Reuttener Untermarkt ihre Runden drehen, und eben Motorräder auf Ausweichrouten. Mair beschreibt das sinngemäß so, dass sich „laute“ Motorräder andere Strecken suchen und dort ebenfalls Menschen und Natur darunter leiden.
Ausdrücklich von Beschwerden ist bei den Autos die Rede. Laut den Grünen häufen sich Klagen über besonders „laute“ Fahrzeuge und illegale Rennen. Die Grünen wünschen sich außerdem ein schärferes Lärmschutzgesetz. Dafür ist aber nicht das Land zuständig, sondern der Bund.

Gibt es überhaupt noch Beschwerden über Motorradlärm in Tirol?
Auf den gesperrten Strecken im Außerfern meldete das Land Tirol für 2023 keine einzige Beschwerde bei den zuständigen Behörden. Neuere amtliche Zahlen sind bislang nicht bekannt.
Seit Einführung der Verordnung 2020 sind die Beschwerden von Anrainern laut Land stark zurückgegangen, bis sie 2023 ganz ausblieben. Verkehrslandesrat René Zumtobel (SPÖ) sah darin Anfang 2024 einen Beleg, dass die Sperren wirken und die Bevölkerung spürbar entlasten.
Auf den ersten Blick passt das nicht zu den Aussagen der Grünen. Bei genauerem Hinsehen beschreiben beide Seiten aber verschiedene Dinge. Das Land zählt förmliche Beschwerden bei Behörden, und zwar für die Straßen, auf denen das Verbot gilt. Die Grünen geben Eindrücke aus Gesprächen an Haustüren wieder, und das im Herbst 2026. Ihre Kritik richtet sich vor allem auf Straßen, die nicht gesperrt sind. Ein Teil betrifft zudem gar keine Motorräder, sondern Mopeds und Sportwagen. Beide Aussagen können also gleichzeitig zutreffen, ohne dass eine Seite die Unwahrheit sagt. Klären ließe sich das nur mit aktuellen Beschwerdezahlen, aufgeschlüsselt nach Straßen und Bezirken. Betroffen wären dabei die Bezirke Reutte und Imst, denn die gesperrten Abschnitte der Hahntennjochstraße reichen bis auf Imster Gemeindegebiet.
Wie viele Motorräder lagen bei Kontrollen über 95 Dezibel?
Zwischen 2020 und 2023 hat die Polizei auf den betroffenen Strecken 27.207 Motorräder kontrolliert. Nur 601 davon hatten ein eingetragenes Standgeräusch über 95 Dezibel.
| Jahr | kontrollierte Motorräder | über 95 dB | Anteil |
|---|---|---|---|
| 2020 | 8.917 | 135 | 1,5 Prozent |
| 2021 | 7.527 | 123 | 1,6 Prozent |
| 2022 | 4.581 | 112 | 2,4 Prozent |
| 2023 | 6.182 | 231 | 3,7 Prozent |
Der Anteil ist zwar von Jahr zu Jahr gestiegen, bleibt aber niedrig. Weit mehr als 95 Prozent der kontrollierten Motorräder durften die Strecken also befahren. Zumtobel kündigte Anfang 2024 außerdem Schwerpunktkontrollen an, die nicht nur auf den gesperrten Straßen, sondern in ganz Tirol stattfinden sollten.

Ist ein Motorrad mit mehr als 95 Dezibel Standgeräusch laut?
Nein, das lässt sich daraus nicht ablesen. Das Standgeräusch sagt nichts darüber aus, wie laut ein Motorrad beim Vorbeifahren tatsächlich ist.
Gemessen wird der Wert im Stand, direkt am Auspuff. Eingetragen ist er im Fahrzeugschein unter U.1. Für das Tiroler Fahrverbot zählt allein diese Zahl. Wie eine Maschine auf der Straße klingt, spielt keine Rolle. Die Grenze von 95 Dezibel hat Tirol selbst gezogen, eine allgemeine Grenze zwischen „leisen“ und „lauten“ Motorrädern ist sie nicht. Auch Motorräder mit einem höheren Eintrag sind ganz normal zugelassen und erfüllen die geltenden Vorschriften.
Daraus ergibt sich eine Schieflage. Ein Motorrad mit einem Eintrag unter 95 Dezibel darf die Strecken befahren, egal wie es gefahren wird. Ein Motorrad mit einem höheren Eintrag bleibt ausgesperrt, auch wenn es im Fahrbetrieb kaum lauter oder sogar leiser sein kann. Das hat die österreichische Motorradfahrer-Initiative Bikers‘ Voice bereits 2021 bei einem Soundcheck am Red Bull Ring gezeigt, den ein beeideter Gutachter begleitete. Serienmotorräder etwa von Ducati und Suzuki, die beim Standgeräusch über der Tiroler Grenze eingetragen sind, waren beim Fahren innerorts und beim Beschleunigen kaum lauter als schwächere Tourenmaschinen, die in Tirol fahren dürfen, und teilweise sogar leiser. Genau daran setzt die Kritik an der Regelung an: Sie richtet sich nach einem Messwert im Stand, nicht nach der Lärmbelastung, die Anwohner im Alltag erleben. Autos, Quads oder Lkw dürfen die gesperrten Straßen zudem weiterhin nutzen, unabhängig davon, wie „laut“ sie sind.
Was bringen Streckensperrungen, wenn der Verkehr ausweicht?
Die Tiroler Debatte zeigt, dass eine Sperre das Problem offenbar nicht löst, sondern auf andere Straßen verlagert. Die Begründung für die neue Sperre liefert die alte gleich mit.
Das Land wertet die ausbleibenden Beschwerden auf den gesperrten Strecken als Erfolg. Gleichzeitig begründen die Grünen die Ausweitung damit, dass Motorräder wegen genau dieser Sperren auf andere Routen ausweichen. Zusammengenommen ergibt das ein klares Bild: Was als Lärm wahrgenommen wird, ist nicht weg, es hat nur den Ort gewechselt. Die Forderung nach der nächsten Sperre ist dann die logische Folge, und ganz offen wird dabei von Ausweichverkehr gesprochen.
Folgt dieses Muster seinem eigenen Weg, stellt sich die Frage, wo es endet. Wird die Engetalstraße gesperrt, sucht sich der Verkehr wieder eine andere Strecke, dann womöglich auf deutscher Seite im Allgäu. Wird auch diese gesperrt, beginnt das Spiel von vorn. Am Ende stünde ein immer dichteres Netz aus Sperrungen, bis kaum noch eine Straße für Motorradfahrer übrig bleibt. Eine Lösung ist das nicht. Selbst die Grünen weisen darauf hin, dass ein wirksamerer Hebel beim Lärmschutzgesetz des Bundes liegt, also bei den Fahrzeugen selbst und nicht bei der Frage, wer welche Straße benutzen darf.
Das Außerfern ist dabei kein Einzelfall. Streckensperrungen für Motorradfahrer werden im Alpenraum und in Deutschland immer häufiger diskutiert, und oft taucht dabei dasselbe Argument auf: Der Verkehr habe sich von einer gesperrten Strecke auf eine andere verlagert.
Welche Strecken sind in Tirol bereits gesperrt?
Das Fahrverbot gilt jedes Jahr vom 15. April bis zum 31. Oktober auf sechs Abschnitten im Außerfern. Auch 2026 hat das Land die Regelung wieder in Kraft gesetzt.
- L 266 Bschlaber Straße zwischen Elmen und Pfafflar
- L 72 und L 246 Hahntennjochstraße von Pfafflar über die Passhöhe bis Imst, Kreuzung Vogelhändlerweg
- L 21 Berwang-Namloser Straße zwischen Bichlbach und Stanzach
- B 199 Tannheimer Straße von Weißenbach am Lech bis Schattwald an der deutschen Grenze
- B 198 Lechtalstraße von Steeg an der Vorarlberger Landesgrenze bis Weißenbach am Lech
Die Fernpassstraße B 179 gehört nicht dazu. Das Verbot gilt für alle Motorräder mit mehr als 95 Dezibel Standgeräusch, egal ob sie in Österreich oder im Ausland zugelassen sind. Wer trotzdem auf einer gesperrten Strecke fährt, muss mit 220 Euro (circa 246 US-Dollar) Bußgeld rechnen. In bestimmten Fällen sind bis zu 726 Euro (circa 811 US-Dollar) möglich.
Rechtlich hat die Regelung bisher gehalten. Das Landesverwaltungsgericht Tirol wies eine Beschwerde ab, und die EU-Kommission sah keinen Verstoß gegen EU-Recht, weil einheimische und ausländische Motorräder gleich behandelt werden. Widerstand gibt es trotzdem: Bis Februar 2024 lief eine Petition, die eine Aufhebung der 95-dB-Regel forderte.
Was Motorradfahrer vor der Saison 2027 wissen sollten
Die Saison 2026 endete für das Fahrverbot am 31. Oktober. Ob ab dem 15. April 2027 weitere Straßen dazukommen, ist noch offen.
Wer im Außerfern unterwegs sein will, sollte vor der Fahrt in den Fahrzeugschein schauen. Steht unter U.1 ein Wert über 95 Dezibel, sind die gesperrten Abschnitte in der Saison tabu. Wer gern über die Engetalstraße oder durch das obere Lechtal fährt, sollte die Entscheidung des Landes im Blick behalten, bevor er die nächste Tour plant.
Häufige Fragen
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Motorrad Fahrverbot Tirol: Welche Straßen sind gesperrt?
Gesperrt sind sechs Abschnitte im Bezirk Reutte, darunter die Lechtalstraße B 198, die Tannheimer Straße B 199 und die Hahntennjochstraße. Das Verbot gilt vom 15. April bis zum 31. Oktober für Motorräder mit mehr als 95 Dezibel Standgeräusch. Die Fernpassstraße B 179 ist nicht betroffen.
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Wird das Motorrad-Fahrverbot in Tirol ausgeweitet?
Das ist noch offen. Der Verkehrsausschuss des Tiroler Landtags hat eine Prüfung beauftragt, im Gespräch sind vor allem die Engetalstraße nach Pfronten und die Ehenbichler Landesstraße. Auch Sportwagen sollen untersucht werden.
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Gibt es noch Beschwerden über Motorradlärm im Außerfern?
Laut Land Tirol ging 2023 auf den gesperrten Strecken keine einzige Beschwerde bei den Behörden ein. Die Grünen berichten 2026 dagegen von Ärger über Ausweichrouten, Mopeds und Sportwagen. Neuere amtliche Zahlen sind bislang nicht bekannt.
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Sagt das Standgeräusch etwas darüber aus, wie laut ein Motorrad ist?
Nein. Das Standgeräusch wird im Stand direkt am Auspuff gemessen und steht im Fahrzeugschein unter U.1. Bei einem Soundcheck der Initiative Bikers‘ Voice waren Motorräder mit hohem Eintrag beim Fahren kaum lauter als erlaubte Tourenmaschinen, teils sogar leiser.
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Was kostet ein Verstoß gegen das Fahrverbot in Tirol?
Das Bußgeld liegt bei 220 Euro (circa 246 US-Dollar). In bestimmten Fällen können bis zu 726 Euro (circa 811 US-Dollar) fällig werden.
➜ Alle Infos zur Strecke: Tiroler 95-dB-Fahrverbot: Hahntennjoch & Co. – Überblick & Chronik










