- Keine physischen Sperren, keine Kontrollen und keine Geldbußen im Jahr 2026
- Digitale Simulation verschiedener Zufahrts- und Limitierungsmodelle ab September
- Die Sella Ronda bleibt mit allen vier Pässen in dieser Saison vollständig befahrbar
Wochenlang stand fest, dass eine der bekanntesten Passstraßen der Dolomiten ab dem ersten Herbsttag weitgehend dichtmacht. Rund drei Wochen vor dem Stichtag hat die Südtiroler Landesverwaltung diese Erwartung nun korrigiert. Das Pilotprojekt geht zwar weiter, aber in einer Form, die auf der Straße selbst zunächst nichts verändert.

Was gilt ab dem 1. September 2026 am Grödner Joch?
Am Grödner Joch gibt es 2026 keine Verkehrsbeschränkung, die Fahrzeuge tatsächlich aufhält. Die Passstraße bleibt für Motorräder, Autos, Wohnmobile und Reisebusse frei befahrbar.
Die Autonome Provinz Bozen hat das in einer Mitteilung vom 12. August 2026 unmissverständlich festgehalten. In der Unterzeile der Pressemitteilung steht wörtlich: „Keine Einschränkungen 2026“. Das Grödner Tourismusportal, das die Gemeinden St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein vertritt, formuliert es noch konkreter: Es werde „weder physische Straßensperren noch Strafen“ für Fahrzeuge geben, die sich nicht an die geplante Beschränkung halten. Keine Schranke, keine Polizeikontrolle, kein Bußgeldbescheid.
Was stattdessen passiert, findet in Rechenzentren statt. Während der Testphase werden die Verkehrsströme erfasst und ausgewertet. Die Daten sollen die Grundlage dafür liefern, wie der Verkehr auf den Dolomitenpässen künftig gesteuert werden könnte.
Der ursprüngliche Plan: fünf Monate ohne Durchgangsverkehr
Ausgangspunkt war ein einstimmiger Grundsatzbeschluss des Gemeinderats von Wolkenstein vom 19. März 2026. Er sah eine sogenannte außerstädtische verkehrsberuhigte Zone am Grödner Joch vor, im italienischen Behördendeutsch eine ZTL, also eine Zona a Traffico Limitato. Übersetzt bedeutet das: Wer hineinfahren will, braucht eine Berechtigung.
Vorgesehen war ein Probelauf vom 1. September 2026 bis zum 1. Februar 2027. Für diese fünf Monate sollte die Durchfahrt für alle motorisierten Fahrzeuge gesperrt werden. Ausgenommen wären nach damaligem Stand Anlieger, Übernachtungsgäste der Betriebe am Joch, Lieferanten sowie der öffentliche Nahverkehr gewesen. In der Diskussion stand zeitweise auch ein Kontingent von rund 150 Fahrzeugen pro Tag, das vorab reserviert werden müsste.
Weil es sich beim Grödner Joch um die Strada Statale 243 handelt, hätte ein Gemeindebeschluss allein ohnehin nicht gereicht. Die Zustimmung der Südtiroler Landesregierung ist zwingend erforderlich.

Warum kommt die Sperre 2026 nun doch nicht?
Die Landesverwaltung begründet den Schritt fachlich: Ohne belastbare Simulation lässt sich nicht sagen, welche Maßnahmen eine echte Verkehrsberuhigung überhaupt braucht. Aus der Branche wird zusätzlich politischer Druck als Auslöser genannt.
In der amtlichen Mitteilung heißt es, die Maßnahmen seien sorgfältig zu planen, um Staus oder ein Verkehrschaos in den Dörfern und Tälern zu verhindern. Andernfalls wäre das Vorhaben kontraproduktiv. Die Landesverwaltung weist außerdem darauf hin, dass die Umsetzung eines derart neuartigen Vorhabens mit erheblichen technischen, organisatorischen und rechtlichen Herausforderungen verbunden sei und dass noch viel zu tun bleibe.
Laut Medienberichten hat sich zusätzlich Widerstand aus der Tourismusbranche geregt, insbesondere von Hoteliers, die eine Sperrung unmittelbar zu spüren bekommen hätten. Diese Darstellung stammt aus dem Umfeld der Beteiligten und wird in der amtlichen Mitteilung nicht bestätigt.
Was wird in der digitalen Testphase überhaupt getestet?
Simuliert werden verschiedene Modelle für Zufahrtsberechtigungen und Verkehrslimitierungen, inklusive der Folgen für benachbarte Gebiete, Wirtschaftszweige und Personengruppen. Die Berechnungen laufen mit echten Verkehrsdaten.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt bei der Infrastruktur. Geprüft wird unter anderem, ob Kreisverkehre, Checkpoints, zusätzliche dritte Vorzugsspuren sowie Infopoints in Gröden und im Gadertal nötig wären, damit ein solches System im Alltag funktioniert. Sollte sich zeigen, dass die vorhandene Infrastruktur nicht ausreicht, müsste zuerst gebaut werden.
Parallel dazu entstehen die digitalen Bausteine: ein Informationsportal, eine Registrierungsplattform, Lösungen für Einheimische sowie Formulare, mit denen Beherbergungsbetriebe ihre Gäste anmelden können. Genau diese Werkzeuge wären die Voraussetzung dafür, dass eine spätere Zufahrtsregelung überhaupt kontrollierbar ist.

Wer arbeitet an dem Projekt?
Hinter dem Vorhaben steht eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe, die seit zehn Monaten tätig ist. Ihr Ziel ist die erste Territoriale Verkehrsberuhigte Zone Italiens, im Amtsdeutsch als TVZ UNESCO bezeichnet.
Beteiligt sind Ernest Cuccarollo für die Gemeinde Wolkenstein, Martin Resch für St. Christina und das Mobilitätszentrum Gröden, Andreas Sanoner für St. Ulrich, Francesco Kostner für Corvara, Max Nagler für die Tourismusgenossenschaft Alta Badia, Kurt Sagmeister für IDM sowie der beauftragte Berater Helmuth Moroder. Die Landesverwaltung ist durch Elisabeth Berger aus der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung und durch Michael Andergassen als Sonderbeauftragten für Landesmobilitätsplanung und Verkehrssteuerung vertreten.
Die juristische Grundlage entstand nicht in Bozen, sondern in Rom. Im Verkehrsministerium und im Parlament wurde eine Änderung der Straßenverkehrsordnung erreicht, die eine Verkehrsberuhigung auch außerhalb geschlossener Ortschaften ermöglichen soll. Erst danach konnten Gemeinden und Land das Pilotprojekt ausarbeiten.
Was bedeutet das für die Sella Ronda?
Die Sella Ronda bleibt in dieser Saison komplett befahrbar. Alle vier Pässe der Runde sind ohne Genehmigung erreichbar.
Die Rundtour führt auf rund 50 Kilometern einmal um das Sellamassiv und verbindet dabei Südtirol mit dem Trentino und der Provinz Belluno. Neben dem Grödner Joch auf 2.121 Metern gehören das Sellajoch, das Pordoijoch und der Campolongo-Pass dazu. Fällt einer dieser Pässe aus, wird aus der Runde eine Stichstrecke, und der Verkehr verteilt sich zwangsläufig auf die verbleibenden Übergänge.
Wie stark die Belastung inzwischen ist, zeigen die Zahlen. An Spitzentagen passieren bis zu 11.000 Fahrzeuge die Passstraße. Der Motorradanteil auf den Pässen liegt nach unseren früheren Recherchen je nach Jahreszeit und Witterung bei bis zu 30 Prozent. Auf der Hauptroute durch das Grödnertal waren laut dem Landesinstitut für Statistik ASTAT um das Jahr 2000 zu Spitzenzeiten noch weniger als 10.000 Fahrzeuge pro Tag unterwegs, bis 2025 stieg die Zahl auf über 20.000. Etwa die Hälfte davon fährt weiter auf die Pässe.

Wie geht es 2027 weiter?
Für 2027 ist noch nichts entschieden. Klar ist nur, dass die Auswertung der Simulation die Grundlage für die nächsten Schritte bildet.
Im Raum steht weiterhin eine deutlich weitergehende Regelung: eine Beschränkung des motorisierten Verkehrs von Mitte Mai bis Mitte Oktober, also genau in der Hauptsaison. Ursprünglich war zudem geplant, neben dem Grödner Joch auch das Sellajoch, das Pordoijoch und den Campolongo-Pass über mehrere Monate als verkehrsberuhigte Zonen auszuweisen. Nach Angaben des Grödner Tourismusportals sind diese Pläne derzeit nicht endgültig festgelegt.
Vor einer Entscheidung sollen Bevölkerung und Wirtschaftsvertretungen einbezogen werden. Es gehe darum, gemeinsam das geeignete Maß der Verkehrseinschränkung zu definieren, also festzulegen, wer fahren darf und wer nicht.
Damit reiht sich das Grödner Joch in eine Entwicklung ein, die Motorradfahrer im gesamten Alpenraum betrifft. In Tirol gelten auf einzelnen Strecken Sperrungen für Motorräder mit mehr als 95 Dezibel Standgeräusch, im Trentino wurden auf einigen Bergstraßen Tempolimits von 60 Kilometern pro Stunde eingeführt. Ob das Dolomiten-Pilotprojekt zum Vorbild wird, dürfte sich frühestens nach der Auswertung der Simulation zeigen.

Häufige Fragen
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Ist das Grödner Joch im September 2026 gesperrt?
Nein. Die Passstraße bleibt für alle motorisierten Fahrzeuge frei befahrbar. Die Landesverwaltung hat ausdrücklich mitgeteilt, dass es 2026 keine Einschränkungen gibt.
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Was ist die Grödner Joch Testphase genau?
Es handelt sich um eine rein digitale Simulation ab September 2026. Dabei werden verschiedene Modelle für Zufahrtsberechtigungen und Verkehrslimitierungen anhand echter Verkehrsdaten durchgerechnet, ohne dass auf der Straße etwas gesperrt wird.
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Drohen Bußgelder, wenn man über das Grödner Joch fährt?
Nein. Es gibt weder physische Straßensperren noch Strafen. Verstöße gegen die ursprünglich geplante Beschränkung können 2026 gar nicht geahndet werden, weil die Beschränkung nicht in Kraft tritt.
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Kann die Sella Ronda 2026 komplett gefahren werden?
Ja. Alle vier Pässe der Runde sind befahrbar, also Grödner Joch, Sellajoch, Pordoijoch und Campolongo-Pass. Einschränkungen bestehen lediglich an einzelnen Aktionstagen, die unabhängig vom Pilotprojekt stattfinden.
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Was ist für 2027 geplant?
Das ist offen. Im Gespräch ist eine Beschränkung des motorisierten Verkehrs von Mitte Mai bis Mitte Oktober, möglicherweise auf mehreren Pässen. Eine Entscheidung soll erst nach Auswertung der Testphase und nach Einbindung von Bevölkerung und Wirtschaft fallen.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: Streckensperrungen und Sanktionen gegen Motorradfahrer: Der komplette Überblick. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.











