- Erstmals in der Geschichte der MotoGP haben alle fünf Hersteller ein gemeinsames Abkommen unterzeichnet
- Fester Jahresbetrag von rund 8 Millionen Euro (circa 9,2 Millionen US-Dollar) pro Team statt prozentualer Erlösbeteiligung
- Vertragslaufzeit bis 2031 mit Option auf Verlängerung bis 2036
- Formelle Verkündung am Freitag beim Grand Prix in Brno geplant
Was über ein Jahr lang die größte politische Baustelle der Motorrad-Königsklasse war, ist seit dem GP von Tschechien Geschichte. Die fünf in der MotoGP engagierten Hersteller und der Serienpromoter, die MotoGP Sports Entertainment Group (MGPSEG, ehemals Dorna), haben sich auf ein kommerzielles Rahmenabkommen geeinigt. In der Paddock-Sprache wird der Vertrag als „Concorde Agreement“ bezeichnet, in Anlehnung an das gleichnamige Abkommen der Formel 1. Es ist das erste Mal in der Geschichte der WM, dass alle Konstrukteure einen einheitlichen Vertrag für die kommenden fünf Jahre unterzeichnet haben.

Warum dauerten die Verhandlungen über ein Jahr?
Die Verhandlungen zogen sich deutlich länger hin als von beiden Seiten ursprünglich geplant. Ein wesentlicher Grund war die Strategie der Herstellervereinigung MSMA, die den aktuellen Zeitpunkt als einmalige Gelegenheit erkannte, maximale Zugeständnisse herauszuholen. Die fünf Hersteller traten erstmals geschlossen als Verhandlungsblock auf, angeführt von MSMA-Präsident Massimo Rivola, dem CEO von Aprilia, sowie Lin Jarvis, dem ehemaligen Geschäftsführer von Yamaha.
Im Kern ging es um die Frage, wie die Einnahmen der Meisterschaft künftig verteilt werden. Hersteller und Teams forderten eine prozentuale Beteiligung an den Gesamterlösen der Serie, vergleichbar mit dem Modell der Formel 1, die ebenfalls Liberty Media gehört. Das Argument: Wer Hunderte Millionen in Entwicklung investiert, soll am wirtschaftlichen Erfolg der Plattform teilhaben und gleichzeitig motiviert sein, zu deren Wachstum beizutragen.
Für Carmelo Ezpeleta, den CEO der MGPSEG, und seinen Sohn Carlos Ezpeleta, den sportlichen Leiter, war genau das jedoch eine rote Linie. Eine variable Erlösbeteiligung hätte den Herstellern langfristig deutlich mehr Einfluss auf die Meisterschaft verschafft, ähnlich wie es die Formel 1 in den 2000er-Jahren erlebt hatte, als die Automobilhersteller die Serie politisch dominierten.
Die Verhandlungen eskalierten im Laufe der Saison 2026 mehrfach. Beim Grand Prix von Spanien in Jerez im April erschienen mehrere Teams nicht zu einer Veranstaltung, die der Promoter zur Gewinnung von Sponsoren und Medienpartnern organisiert hatte. Dieser Boykott verdeutlichte, wie verhärtet die Fronten zwischenzeitlich waren. Beim Grand Prix der USA in Austin folgte ein Gipfeltreffen mit der Liberty-Media-Führung um CEO Derek Chang, das jedoch ebenfalls ohne Ergebnis blieb.
Wie sieht die Einigung finanziell aus?
Am Ende setzte sich kein prozentuales Modell durch. Stattdessen einigten sich die Parteien auf einen festen Jahresbetrag von rund 8 Millionen Euro (circa 9,2 Millionen US-Dollar) pro Team, aufgeteilt auf mehrere Vergütungskategorien. Im Vergleich zum bisherigen Vertrag entspricht das einer Erhöhung von etwa einer Million Euro. Die bisherigen Zahlungen an die elf Teams lagen bei insgesamt rund 70 Millionen Euro pro Saison.
Die Grundsatzeinigung wurde bereits beim Grand Prix von Ungarn am Balaton Park vor zwei Wochen erzielt. Die formelle Unterzeichnung erfolgte im Vorfeld des Tschechien-GP in Brno, wo die offizielle Pressekonferenz am Freitag stattfinden soll. Der Vertrag enthält zudem eine Option, die wesentlichen Bestimmungen bis 2036 zu verlängern.

Welche Änderungen bringt das Abkommen für die Teams?
Neben den finanziellen Regelungen enthält das Abkommen auch operative Vorgaben, die zum Teil bereits ab 2027 greifen sollen. Die MGPSEG und Liberty Media fordern von den Teams eine deutliche Verstärkung ihrer Kommunikations- und Marketingabteilungen. Dieser Bereich wird als strategisch entscheidend für das weitere Wachstum der Meisterschaft angesehen.
Zu den diskutierten Neuerungen gehört auch die Reduzierung auf ein Motorrad pro Fahrer. Bisher standen jedem MotoGP-Piloten zwei Maschinen zur Verfügung. Darüber hinaus soll es ab 2027 keine formale Unterscheidung zwischen Werksteams und unabhängigen Teams mehr geben, ähnlich dem Modell der Formel 1. Unabhängige Teams könnten künftig eigene Rolling Chassis von spezialisierten Unternehmen wie Suter Industries oder Kalex Engineering in Auftrag geben und diese mit geleasten 850-ccm-Motoren bestücken. Ein Konzept, das an die Anfänge der Viertakt-Ära in der MotoGP ab 2002 erinnert, als beispielsweise das Team Roberts eigene Motorräder mit zugekauften Triebwerken baute.
Einige Details des Abkommens befinden sich allerdings noch in der Ausarbeitung, insbesondere was die konkreten Verpflichtungen der Teams ab der kommenden Saison betrifft. Die grundsätzliche Einigung gilt als Rahmenvertrag, auf dessen Basis die unabhängigen Teams anschließend ihre eigenen Verträge unterzeichnen sollen.
Was bedeutet das Abkommen für den Fahrermarkt 2027?
Die Einigung beendet einen monatelangen Stillstand auf dem Fahrermarkt. Zahlreiche Verträge für 2027 sollen bereits seit dem Frühjahr unterschrieben sein, konnten aber ohne das kommerzielle Rahmenabkommen nicht offiziell verkündet werden. Die Teams hatten sich darauf verständigt, keine Fahrerverpflichtungen öffentlich zu machen, solange die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ungeklärt waren.
Bislang ist nur ein einziger Transfer für 2027 offiziell: Marco Bezzecchi verlängerte seinen Vertrag bei Aprilia. Laut übereinstimmenden Berichten mehrerer internationaler Fachmedien sollen in den kommenden Tagen zahlreiche weitere Bekanntgaben folgen. Zu den erwarteten Wechseln gehören demnach die Vertragsverlängerung von Marc Marquez bei Ducati, der Wechsel von Pedro Acosta ins Ducati-Werksteam, der Abgang von Francesco Bagnaia zu Aprilia, der Transfer von Jorge Martin zu Yamaha und der Wechsel von Fabio Quartararo zu Honda.
Falls sich diese Gerüchte bestätigen, würde Ducati 2027 mit Marc Marquez und Pedro Acosta eine der stärksten Fahrerpaarungen der jüngeren MotoGP-Geschichte aufbieten. Bei Aprilia würden sich mit Bezzecchi und Bagnaia zwei enge Freunde und ehemalige Rivalen wiederfinden.

Welche Rolle spielt Ducati in der MotoGP-Zukunft?
Ducati hat die Unterzeichnung des Abkommens in einer eigenen Pressemitteilung begrüßt. Mit dem neuen Vertrag erreicht Ducati als Hersteller mindestens 29 aufeinanderfolgende Saisons in der MotoGP-Weltmeisterschaft. Die bisherige Bilanz der Ducati Desmosedici GP umfasst 430 Rennstarts, 126 Siege, 121 Pole Positions, 127 schnellste Rennrunden und 365 Podiumsplätze.
Claudio Domenicali, CEO von Ducati, ordnete das Engagement so ein: „Racing has always been at the core of Ducati’s DNA and remains a key driver for innovation, technological development and brand strength.“ Der Rennsport sei angesichts der außergewöhnlichen Ergebnisse der vergangenen Saisons der natürliche Weg für Ducati. Domenicali betonte, dass die Konkurrenz stetig zunehme und genau das die Meisterschaft so einzigartig mache.
Luigi Dall’Igna, Generalmanager von Ducati Corse, bezeichnete das gemeinsame Abkommen aller Hersteller als einen bedeutenden Meilenstein. Er sprach davon, dass man auf der Strecke zwar hart gegeneinander kämpfe, sich aber abseits davon auf eine erfolgreiche Zukunft der MotoGP geeinigt habe. „This agreement provides stability and a clear direction for the years ahead, creating the right environment for manufacturers to continue investing in technology, performance and talent“, so Dall’Igna. Der gemeinsame Einsatz aller fünf Hersteller stelle sicher, dass die MotoGP der höchste Ausdruck des Motorradrennens bleibe.
Was ändert sich 2027 technisch in der MotoGP?
Das neue Concorde Agreement fällt zeitlich mit einem umfassenden technischen Regelwechsel zusammen. Ab 2027 wird der Hubraum der MotoGP-Motoren von derzeit 1.000 ccm auf 850 ccm reduziert. Zusätzlich werden die Absenkvorrichtungen (Ride-Height-Devices) vollständig verboten, und die Aerodynamik der Maschinen wird deutlich eingeschränkt. Als Einheitsreifenausstatter löst Pirelli den bisherigen Lieferanten ab. Die Kombination aus kommerziellem Neuanfang und technischer Revolution macht die Saison 2027 zum tiefgreifendsten Umbruch, den die MotoGP seit Einführung der Viertaktmotoren im Jahr 2002 erlebt hat.

Was bedeutet das Abkommen im größeren Kontext?
Die Einigung markiert einen wichtigen Schritt für Liberty Media, das die kommerziellen Rechte an der MotoGP im vergangenen Sommer übernommen hat. Die Strategie des US-Konzerns zielt darauf ab, die MotoGP nach dem Vorbild der Formel 1 als globale Unterhaltungsplattform weiterzuentwickeln. Mit dem unterzeichneten Rahmenvertrag haben Promoter, Hersteller und Teams nun eine gemeinsame Grundlage für die nächsten fünf Jahre, auf der die Meisterschaft sportlich, technisch und kommerziell weiterentwickelt werden kann.
Parallel arbeiten die MotoGP, die Hersteller, die Teams und die FIM an konkreten Maßnahmen, um sowohl die technischen als auch die sportlichen Aspekte der Meisterschaft zu verbessern. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Sicherheit, die in der laufenden Saison nach mehreren Zwischenfällen verstärkt in den Mittelpunkt gerückt ist. Die MotoGP hat bereits angekündigt, ab dem Deutschland-GP die Startaufstellung mit größeren Abständen zwischen den Plätzen zu versehen.

➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: MotoGP-Saison 2026: Der komplette Überblick – Teams, Fahrer, Kalender & WM-Stand. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.
Häufige Fragen
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Wann wurde das MotoGP Concorde Agreement unterzeichnet?
Die Grundsatzeinigung wurde beim Grand Prix von Ungarn Anfang Juni 2026 erzielt. Die formelle Unterzeichnung erfolgte vor dem Tschechien-GP in Brno, wo die offizielle Pressekonferenz am Freitag, dem 20. Juni 2026, stattfinden soll.
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Wie viel Geld erhalten die MotoGP-Teams ab 2027?
Die Teams erhalten einen festen Jahresbetrag von rund 8 Millionen Euro (circa 9,2 Millionen US-Dollar) pro Team. Ein prozentuales Erlösbeteiligungsmodell nach dem Vorbild der Formel 1 konnte sich in den Verhandlungen nicht durchsetzen.
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Welche Hersteller sind am MotoGP Concorde Agreement beteiligt?
Alle fünf in der MotoGP aktiven Hersteller haben das Abkommen unterzeichnet: Ducati, Aprilia, Honda, KTM und Yamaha. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Meisterschaft, dass alle Konstrukteure einen gemeinsamen Vertrag geschlossen haben.
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Welche Fahrerwechsel stehen in der MotoGP 2027 an?
Offiziell bestätigt ist bisher nur die Vertragsverlängerung von Marco Bezzecchi bei Aprilia. Laut übereinstimmenden Medienberichten sollen Marc Marquez bei Ducati bleiben, Pedro Acosta ins Ducati-Werksteam wechseln, Francesco Bagnaia zu Aprilia gehen, Jorge Martin zu Yamaha und Fabio Quartararo zu Honda.
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Wie lange läuft das MotoGP Concorde Agreement?
Der Vertrag deckt den Zeitraum von 2027 bis Ende 2031 ab. Zusätzlich enthält er eine Option, die wesentlichen Bestimmungen bis 2036 zu verlängern.











