- Der Vorschlag ist am Sonntagmorgen des Grand Prix von Großbritannien in Silverstone endgültig beerdigt worden
- KTM verweigerte die Zustimmung, damit fehlte der Herstellervereinigung MSMA die nötige Einstimmigkeit
- Offiziell ging es um Kostensenkung, tatsächlich spielte der Entwicklungsstand der neuen 850er-Prototypen die entscheidende Rolle
Fast zehn Monate lang wurde im MotoGP-Fahrerlager über eine Idee gestritten, die den Ablauf jedes Rennwochenendes verändert hätte. Ab 2027 sollte jedem Fahrer nur noch ein Motorrad zur Verfügung stehen. Am Sonntagmorgen vor dem Grand Prix von Großbritannien war die Sache erledigt. Nach einem ausführlichen Bericht der spanischen Tageszeitung El Periódico führte Carmelo Ezpeleta über das Silverstone-Wochenende hinweg Einzelgespräche mit den Vertretern aller fünf Hersteller, also mit Ducati, Aprilia, KTM, Honda und Yamaha. Am Ende blieb es bei zwei Maschinen pro Fahrer.

Was war bei der Ein-Motorrad-Regel genau geplant?
Geplant war, dass jedem Fahrer während der Trainings nur noch eine Maschine zur Verfügung steht. Die zweite sollte im hinteren Bereich der Box oder im Transporter bleiben und erst später wieder hervorgeholt werden.
Intern trug der Vorschlag zunächst den Namen „WorldSBK-Regel“. Das war ein Verweis auf die seriennahe Superbike-Weltmeisterschaft, in der jeder Fahrer ebenfalls nur ein Motorrad in der Box hat. Später wurde daraus die „Zweimotorrad-Beschränkung“.
Im Lauf der Diskussion wurde der Plan abgeschwächt. Ein vollständiger Verzicht auf die zweite Maschine stand nicht mehr zur Debatte. Stattdessen sollte sie vom Qualifying an wieder einsatzbereit sein, also im Qualifying und im Rennen. Nur in den übrigen Trainingssitzungen wäre ein Motorrad erlaubt gewesen. Zusätzlich war eine Verkürzung der Trainingszeit vorgesehen. Auch dieser Kompromiss fand keine Mehrheit und galt vielen Beteiligten als umständliche Lösung für ein Problem, das ohne den Vorschlag gar nicht existiert hätte.
Warum wollten Aprilia und Ducati nur noch ein Motorrad?
Offiziell ging es um Kostensenkung. Dieses Argument verlor über die Monate an Kraft, weil sowohl die Rennserie selbst als auch private Teams nachwiesen, dass sich Kosten auch anders senken lassen.
Der Vorschlag kam ursprünglich von Aprilia und wurde sofort von Gigi Dall’Igna bei Ducati unterstützt, obwohl in Borgo Panigale auf höchster Ebene nicht alle dahinterstanden. Dass die Ersparnis überschaubar geblieben wäre, lag auf der Hand: Eine zweite Maschine hätte ohnehin in Einzelteilen bereitstehen müssen.
Je länger die Gespräche dauerten, desto deutlicher trat ein anderes Motiv hervor. Ab 2027 gilt ein neues technisches Reglement mit 850 ccm Hubraum, reduzierter Aerodynamik und weniger elektronischen Helfern. Nach den ersten Tests mit den neuen Prototypen stellten Aprilia und Ducati fest, dass ihre Motorräder mehrere Zehntelsekunden pro Runde schneller waren als die von KTM, Honda und Yamaha. Alle Hersteller starten 2027 zudem auf derselben Konzessionsstufe, also mit den gleichen Entwicklungsfreiheiten.
Mit nur einem Motorrad im Training wird Entwicklungsarbeit deutlich langsamer. Direkte Vergleiche zwischen zwei Abstimmungen oder zwei neuen Bauteilen sind dann nicht mehr möglich, jede Änderung muss nacheinander erprobt werden. Die Gegner des Vorschlags gingen deshalb davon aus, dass die beiden italienischen Hersteller ihren Vorsprung damit absichern wollten.

Welche Folgen hätte die Regel im Rennbetrieb gehabt?
Ein Sturz hätte einen Fahrer schlagartig aus dem Wochenende nehmen können. Wer im Training stürzt, hätte nicht weitertrainiert, wer im Qualifying stürzt, wäre von ganz hinten gestartet, und wer im Warm-up stürzt, hätte das Rennen verpasst.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der den sportlichen Ablauf betrifft. Bei sogenannten Flag-to-Flag-Rennen wechseln die Fahrer bei einsetzendem Regen in der Box auf die zweite Maschine, die bereits mit passenden Reifen und einer eigenen Abstimmung bereitsteht. Mit nur einem Prototyp wäre dieser Wechsel praktisch unmöglich, weil sich ein MotoGP-Motorrad in dieser Zeit nicht von trocken auf nass umbauen lässt.
Bemerkenswert ist, dass über all das ohne die Fahrer verhandelt wurde. Konsultiert wurde keiner von ihnen. Mehrere Piloten bezeichneten die Idee hinter vorgehaltener Hand als abwegig. Einer der fünf MotoGP-Weltmeister im Feld äußerte sich am Sachsenring ähnlich deutlich und fragte, wem ein solcher Einfall überhaupt gekommen sei.
Wie KTM den Vorschlag zu Fall brachte
Bei einer MSMA-Sitzung am Sonntagvormittag des Grand Prix von Ungarn im Balaton Park sah es kurzzeitig nach einer Einigung aus. KTM stimmte dort zu, bereute das nach eigener Darstellung aber sofort.
Entscheidend war ein formaler Punkt. Die Hersteller hatten sich nur mündlich verständigt, unterschrieben wurde nichts, was rechtlich bindend gewesen wäre. Genau das ermöglichte den Rückzieher. Am Wochenende des Grand Prix der Niederlande in Assen teilte KTM den übrigen MSMA-Mitgliedern mit, einer Ein-Motorrad-Lösung nicht zuzustimmen. Von da an blieb die Position der Österreicher unverändert.
Am Sachsenring ließen sich die Differenzen nicht ausräumen, unter anderem weil Gigi Dall’Igna und Yamaha-Rennleiter Paolo Pavesio beide fehlten. „Der Vorschlag zur Ein-Motorrad-Regel ist noch nicht vom Tisch, aber derzeit sieht es deutlich schwieriger aus, ihn durchzusetzen“, sagte damals eine der beteiligten Schlüsselpersonen. Drei Wochen später fiel in Silverstone die endgültige Entscheidung.
Auch Honda legte sich am Ende fest. Nach dem Bericht aus Spanien spielte Teammanager Alberto Puig dabei eine wichtige Rolle, weil er Mikihiko Kawase als obersten Honda-Verantwortlichen an der Strecke davon überzeugte, für zwei Motorräder zu stimmen. Yamaha hielt sich aus der Debatte weitgehend heraus und blockierte die gefundene Lösung ebenfalls nicht.

Was bedeutet Einstimmigkeit in der MSMA?
Einstimmigkeit heißt in der Herstellervereinigung fünf Stimmen von fünf. Genau darüber gab es einen kuriosen Streit, weil aus der MSMA heraus versucht wurde, ein Verhältnis von vier zu eins ebenfalls als Einstimmigkeit zu verkaufen.
Carmelo Ezpeleta, der selbst gegen die Ein-Motorrad-Regel war, wies das eindeutig zurück: „Unanimidad significa ‚sin discrepancias, unánimemente‘, es decir, cinco sobre cinco“. Auf Deutsch: „Einstimmigkeit bedeutet ‚ohne Meinungsverschiedenheiten, einmütig‘, also fünf von fünf“.
Der Ablauf dahinter ist zweistufig. Erst müssen sich die Hersteller in der MSMA einig sein, dann geht ein Vorschlag an die Grand-Prix-Kommission. Dieses Gremium besteht aus Vertretern der FIM, der MSMA, der Teamvereinigung IRTA und des Promoters MotoGP Group und entscheidet mit einfacher Mehrheit über Änderungen am Reglement. Ohne geschlossene Herstellerfront war der Vorschlag also blockiert, bevor er diese Stufe überhaupt erreichen konnte. Die MSMA wird derzeit von Massimo Rivola geleitet, der zugleich das Aprilia-Werksteam verantwortet.
Wie geht es mit dem Sparkurs der MotoGP weiter?
Der Kostendruck bleibt ein Thema, nur eben ohne die Ein-Motorrad-Regel. Sowohl die Rennserie als auch private Teams verweisen auf andere Wege, Ausgaben zu senken.
Zu den Kritikern des Vorschlags zählte Lucio Cecchinello, Eigentümer des LCR-Teams und Präsident der Teamvereinigung IRTA. Auch die Satellitenteams lehnten die Änderung ab, weil sie darin keinen greifbaren Nutzen sahen. Parallel dazu wird in der MotoGP über eine Budgetobergrenze nach dem Vorbild der Formel 1 diskutiert.
Die Serie wird inzwischen von der MotoGP Sports Entertainment Group geführt, nachdem der US-Investor Liberty Media die bisherige Dorna Sports übernommen hatte. Präsident und Geschäftsführer ist Derek Chang, der in ständigem Austausch mit Ezpeleta steht. Vorschläge aus der MSMA werden dort in der Regel akzeptiert, solange alle Hersteller sie gemeinsam tragen.
Damit startet die 850er-Ära im kommenden Jahr mit einem Detail, das trotz aller technischen Umwälzungen unverändert bleibt: zwei Motorräder pro Fahrer in der Box. Für die Saison 2027, die ohnehin den größten Reglementbruch seit Jahrzehnten bringt, ist das eine der wenigen Konstanten.

Häufige Fragen
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Was war die MotoGP Ein-Motorrad-Regel?
Die Ein-Motorrad-Regel sah vor, dass jedem MotoGP-Fahrer ab 2027 nur noch eine Maschine pro Rennwochenende zur Verfügung steht. In einer abgeschwächten Fassung sollte die zweite Maschine erst ab dem Qualifying wieder einsatzbereit sein. Aktuell und auch künftig stehen jedem Fahrer zwei Motorräder zur Verfügung.
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Warum ist der Vorschlag gescheitert?
KTM verweigerte die Zustimmung, damit fehlte in der Herstellervereinigung MSMA die nötige Einstimmigkeit. Ohne diese Einstimmigkeit konnte der Vorschlag der Grand-Prix-Kommission gar nicht erst vorgelegt werden. Honda stellte sich am Ende ebenfalls auf die Seite der zwei Motorräder.
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Welche Hersteller waren für die Ein-Motorrad-Regel?
Der Vorschlag kam von Aprilia und wurde von Ducati unterstützt. KTM stimmte beim Grand Prix von Ungarn kurzzeitig zu, zog die Zustimmung in Assen aber zurück. Honda und Yamaha legten sich lange nicht fest.
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Was ändert sich in der MotoGP 2027?
Ab 2027 gilt ein neues technisches Reglement mit 850 ccm Hubraum statt bisher 1000 ccm, reduzierter Aerodynamik und weniger elektronischen Helfern. Alle Hersteller starten auf derselben Konzessionsstufe. An der Zahl von zwei Motorrädern pro Fahrer ändert sich nichts.
➜ Dieser Artikel ist Teil unserer umfassenden Übersicht: MotoGP-Saison 2026: Der komplette Überblick – Teams, Fahrer, Kalender & WM-Stand. Dort findest du alle wichtigen Informationen zum Thema gebündelt.












