- Erster Test der MotoGP-Stammfahrer mit den Pirelli-Reifen für 2027 findet am 22. Juni in Brno statt
- Pirelli löst 2027 Michelin als einzigen Reifenlieferanten der Königsklasse ab
- Maximal zwei Fahrer pro Hersteller beim Brno-Test, davon mindestens ein Stammfahrer
Die MotoGP steht 2027 vor einem ihrer größten technischen Umbrüche seit Jahren. Der Hubraum sinkt von 1000 auf 850 Kubikzentimeter, die aerodynamischen Hilfen und die sogenannten Ride-Height-Devices fallen weg, und mit Pirelli kommt nach mehr als einem Jahrzehnt ein neuer Reifenhersteller in die Königsklasse. Gerade die Reifen gelten für viele als die größte Unbekannte dieser Reform. Wenige Tage vor dem ersten Test mit den Stammfahrern hat Pirellis Motorradrennsport-Direktor Giorgio Barbier nun erklärt, wie weit die Entwicklung ist und nach welchen Grundsätzen sein Unternehmen arbeitet.

Warum baut Pirelli keinen eigenen Marquez-Reifen für die MotoGP?
Pirelli will nach eigener Darstellung keinen Reifen entwickeln, der gezielt auf einen einzelnen Fahrer wie Marc Marquez zugeschnitten ist. Weil der amtierende Weltmeister beim ersten Test mit dabei sein dürfte und seine Rückmeldungen aufgrund seiner Erfolge besonderes Gewicht haben, war zuletzt die Frage aufgekommen, ob die Pneus für 2027 zu einem reinen Marquez-Reifen werden könnten.
Barbier wies das deutlich zurück. Es sei nicht die Arbeitsweise seines Unternehmens, betonte er mit den Worten „it is not our style“ (auf Deutsch: „Das ist nicht unser Stil“). In 23 Jahren in der Superbike habe man stets bestimmte Gleichgewichte gewahrt, und das sei auch das erklärte Ziel des Promoters. Gleichzeitig räumte er ein, dass Fahrer, die mehr und präziseres Feedback liefern können, naturgemäß mehr Aufmerksamkeit erhalten. Entscheidend sei die Fähigkeit, Informationen zu verstehen und weiterzugeben, ob es sich nun um Marquez handle oder um einen anderen Fahrer.
Wann testen die MotoGP-Stammfahrer die Pirelli-Reifen erstmals?
Der erste Test der MotoGP-Stammfahrer mit den Pirelli-Reifen für 2027 findet am 22. Juni in Brno statt, direkt im Anschluss an den Grand Prix der Tschechischen Republik. Bis zu diesem Termin hatte noch kein fest verpflichteter Stammfahrer die neuen Pneus gefahren. Als einziger Fahrer aus dem aktuellen Feld, der den Pirellis bereits nahegekommen ist, gilt Augusto Fernandez.
Der Brno-Test läuft hinter verschlossenen Türen, da Michelins Vertrag noch bis zum Jahresende gilt. Berichten zufolge ist er auf maximal zwei Fahrer pro Hersteller begrenzt, wobei Pirelli verlangt, dass mindestens einer davon ein Stammfahrer ist. Anders als bei den bisherigen Tests sollen in Brno erstmals echte 2027-Prototypen zum Einsatz kommen und nicht mehr umgebaute aktuelle Maschinen. Das verspricht Pirelli deutlich präzisere Erkenntnisse über das Verhalten der Reifen.

Welche Fahrer dürfen in Brno mit den 2027-Prototypen fahren?
In Brno dürfen vor allem die Fahrer ran, die auch 2027 bei ihrem aktuellen Hersteller bleiben. Dazu zählen Marco Bezzecchi bei Aprilia, Toprak Razgatlioglu bei Yamaha, Diogo Moreira bei Honda sowie die Ducati-Piloten Marc Marquez und Fermin Aldeguer. Bei Honda könnte zusätzlich Johann Zarco infrage kommen, sofern er nach seiner Verletzung wieder fit ist.
KTM steht vor einer schwierigeren Wahl und dürfte voraussichtlich allein auf die erfahrenen Testfahrer Dani Pedrosa und Pol Espargaro setzen, weil das erwartete neue Werksduo Alex Marquez und Fabio di Giannantonio noch anderweitig unter Vertrag steht. Der Grund für die Zurückhaltung liegt im Fahrermarkt. Die Aufstellungen für 2027 sollen längst feststehen, dürfen aber offiziell noch nicht verkündet werden, solange die Hersteller den neuen Mehrjahresvertrag mit dem Rechteinhaber nicht unterschrieben haben. Kein Werk will einen Prototyp einem Fahrer anvertrauen, der zur Konkurrenz wechselt, weil das wertvolle Informationen preisgeben würde. Entsprechende Ankündigungen könnten daher rund um den Brno-Test fallen.
Wie entwickelt Pirelli die neuen MotoGP-Reifen?
Pirelli entwickelt die Reifen in enger Abstimmung mit allen Herstellern und ist seit September 2025 bei nahezu jedem Test mit dabei. Begonnen wurde mit angepassten 1000er-Maschinen, ab Dezember kamen die ersten 850er hinzu. Den Angaben nach lieferte Pirelli im Oktober 2025 ein erstes Paket von rund 70 Reifen je Hersteller, Ende April folgte ein zweites Paket mit gleicher Stückzahl und einer ersten Weiterentwicklung. Die genauen Zahlen wollte Barbier nicht offiziell bestätigen, die beiden Lieferungen als solche aber schon.
Beim Test in Mugello am 31. Mai sollen die Hersteller alle Reifen des ersten Pakets aufgebraucht haben, was Pirelli als positives Signal für die Brauchbarkeit des Materials wertet. Als besonders bedeutsam gilt ein gemeinsamer Test in Misano, bei dem erstmals alle fünf Hersteller mit den neuen Prototypen gleichzeitig auf der Strecke waren. Bei einem der frühen Misano-Tests standen je Team sieben Reifensätze zur Verfügung, mit zwei Varianten vorne und drei hinten, in den aktuellen MotoGP-Maßen mit 17 Zoll Durchmesser. Damals erprobten die Testfahrer Augusto Fernandez (Yamaha), Dani Pedrosa (KTM), Takaaki Nakagami (Honda), Lorenzo Savadori (Aprilia) und Michele Pirro (Ducati) das Material bei Asphalttemperaturen zwischen 25 und 43 Grad.
Nach Brno stehen zwei weitere wichtige Termine an. In Spielberg ist ein offenerer Test geplant, an dem alle Teams einschließlich der privaten Mannschaften teilnehmen sollen, voraussichtlich noch mit gedrosselten 1000ern. Den Abschluss bildet der Valencia-Test am 1. Dezember. Barbier äußerte die Sorge, dass einzelne Fahrer wegen des unklaren Marktes erst dort zum ersten Mal Pirelli fahren könnten, kurz bevor es im Januar nach Sepang geht.
Was zeichnet die Pirelli-Reifen technisch aus?
Die wichtigsten Eigenschaften der Pirelli-Reifen sind nach Angaben des Herstellers sofortiger Grip, ein sehr schnelles Warmup und eine präzise Rückmeldung am Vorderrad. Gerade die klaren Signale, wo der Grenzbereich liegt, seien für einen Fahrer entscheidend. Diese Charakteristik habe Pirelli über Jahre in der Superbike entwickelt.
Barbier verwies darauf, dass die Reifen mit höheren Drücken und einem breiteren Arbeitsfenster funktionieren als bisher üblich. Beim Thema Reifendruckkontrolle, das in der MotoGP für Diskussionen sorgt, gab er sich vorsichtig. Bei einem Misano-Test mit sechs Maschinen und rund 60 Grad Asphalttemperatur seien keine bedeutenden Druckschwankungen aufgetreten, was er als gutes Zeichen bezeichnete. Das Verhalten im Windschatten, wenn Hitzeströme von Bremsen und Aerodynamik auf das nachfolgende Motorrad treffen, sei für Pirelli aber noch unbekannt. Daher wolle man die bestehende Regelung vorerst beibehalten und erst später entscheiden, ob sie angepasst oder gestrichen wird. Hergestellt werden alle Rennreifen weiterhin im deutschen Werk, mit den von Pirelli gewohnten Prozessen und Materialien.
Wer profitiert vom Vorsprung beim Reifenwissen?
Profitieren dürften vor allem die Fahrer, die Pirelli aus der Superbike bereits kennen. Maverick Vinales betonte, wie wichtig ein früher Test für ihn wäre. Wer die Pirellis frühzeitig fahre, könne nicht die Reifenentwicklung, wohl aber die Abstimmung des eigenen Motorrads beeinflussen, was ein großer Vorteil sei.
Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei Nicolo Bulega ab, der 2027 zu Ducati in das VR46-Team wechseln soll. Als er die neuen Reifen erstmals auf einer MotoGP-Maschine in Misano testete, lautete sein erster Kommentar laut Pirelli „mi sono trovato subito a casa“ (auf Deutsch: „Ich habe mich sofort zu Hause gefühlt“). Im Vorjahr hatte Bulega Marquez bei zwei Grands Prix vertreten und sich mit den damaligen Reifen schwergetan. Mit den Pirellis fällt ihm die Umstellung nun leichter. Barbier ordnete zugleich ein, dass eine MotoGP-Maschine deutlich steifer ist als ein Superbike und sich weniger bewegt, weshalb die Hersteller ihre Prototypen entsprechend anpassen müssen.
Wie stark sich die Reform insgesamt auswirkt, deutete Barbier am Beispiel der Leistung an. Mit dem Wegfall der Starthilfen und einer Leistungsreduktion in der Größenordnung von 30 bis 50 PS (etwa 22 bis 37 kW) verändere sich der Fahrstil hin zu höheren Kurvengeschwindigkeiten. In der Spitze könnten die Maschinen in Mugello rund 20 km/h langsamer sein. Genau hier sollen die neuen Reifen helfen, sowohl beim Einlenken vorne als auch beim Grip am Hinterrad.

Häufige Fragen
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Wann ist der erste Pirelli MotoGP 2027 Test mit Stammfahrern?
Der erste Test der Stammfahrer mit den Pirelli-Reifen für 2027 findet am 22. Juni in Brno statt, im Anschluss an den Grand Prix der Tschechischen Republik. Es ist die erste Gelegenheit, bei der aktuelle Stammfahrer die 2027-Prototypen mit den neuen Reifen fahren.
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Wer ersetzt Michelin als Reifenausrüster der MotoGP?
Pirelli ersetzt Michelin und wird ab 2027 alleiniger Reifenlieferant der MotoGP. Michelins Vertrag läuft noch bis zum Jahresende 2026, weshalb die Pirelli-Tests bis dahin hinter verschlossenen Türen stattfinden.
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Was ändert sich technisch in der MotoGP 2027?
Die MotoGP wechselt 2027 von 1000 auf 850 Kubikzentimeter Hubraum, streicht die Ride-Height-Devices und reduziert die Aerodynamik. Hinzu kommt der Reifenwechsel von Michelin zu Pirelli, was den Fahrstil verändern soll.
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Welche Fahrer testen in Brno die neuen Reifen?
In Brno dürften Marco Bezzecchi, Toprak Razgatlioglu, Diogo Moreira, Marc Marquez und Fermin Aldeguer fahren, die bei ihren Herstellern bleiben. KTM setzt voraussichtlich auf die Testfahrer Dani Pedrosa und Pol Espargaro.












