- Das EUIPO hat die Form der Vespa Primavera am 22. Juli 2026 als dreidimensionale Marke eingetragen.
- Der Schutz gilt für Roller und Modellfahrzeuge, aber nicht für Schriftzug oder Logo.
- Auch künftige Weiterentwicklungen der Primavera sollen unter den Schutz fallen.
Die Vespa gehört zu den bekanntesten Fahrzeugformen der Welt. Genau diese Bekanntheit hat sie über Jahrzehnte auch zum Vorbild für zahlreiche Nachbauten gemacht. Die Piaggio-Gruppe, zu der neben Vespa auch Aprilia, Moto Guzzi und Derbi gehören, hat nun einen weiteren Schritt gegen solche Kopien gemacht. Wie das Unternehmen im September mitteilte, hat das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) die Form der Vespa Primavera am 22. Juli 2026 als dreidimensionale Marke eingetragen. Damit ist nicht nur ein Name oder ein Logo geschützt, sondern die Gestalt des Rollers selbst.

Was schützt die dreidimensionale Marke der Vespa Primavera?
Geschützt ist die äußere Form des Rollers, also seine typische Silhouette. Schriftzüge und das Logo gehören ausdrücklich nicht dazu.
Eine dreidimensionale Marke funktioniert im Prinzip wie ein eingetragener Markenname. Der Unterschied: Statt eines Wortes steht hier eine Form für die Herkunft eines Produkts. Das EUIPO hat die Eintragung sowohl für zweirädrige Fahrzeuge als auch für Modellfahrzeuge im Maßstab genehmigt. Damit ist auch die Miniatur-Vespa im Spielzeugregal abgedeckt.
Die europäische Eintragung ist nicht die erste ihrer Art. In Italien ist die Form der Primavera bereits seit Februar 2024 als Marke geschützt, in Großbritannien seit November 2025. Mit der Entscheidung des EUIPO gilt der Schutz nun in der gesamten EU.
Entscheidend für die Eintragung war die sogenannte durch Benutzung erworbene Unterscheidungskraft. Gemeint ist: Eine Form muss so bekannt sein, dass Käufer sie sofort einem bestimmten Hersteller zuordnen. Nach Einschätzung des EUIPO trifft das auf die Vespa zu. In der Begründung heißt es: „Vespa has been present on the market not only in the European Union but throughout the world for over 70 years. This long-standing use has made it an icon in the motorcycling sector, to such an extent that the target consumers immediately recognise it as indicative of a specific commercial origin. Although the design has undergone some changes over the years, the modifications have not altered its essential characteristics or its distinctive core.“ Auf Deutsch: „Vespa ist seit über 70 Jahren nicht nur in der Europäischen Union, sondern weltweit auf dem Markt. Diese lange Nutzung hat sie zu einer Ikone im Zweiradbereich gemacht, und zwar so sehr, dass die Zielgruppe sie sofort als Hinweis auf eine bestimmte kommerzielle Herkunft erkennt. Obwohl sich das Design im Laufe der Jahre etwas verändert hat, haben die Änderungen weder seine wesentlichen Merkmale noch seinen unterscheidungskräftigen Kern verändert.“ Außerdem verweist das Amt darauf, dass die Vespa seit 1946 auf dem Markt ist und ihr Ruf weit über die Grenzen der EU hinausreicht.
Warum bleiben auch künftige Primavera-Modelle geschützt?
Das EUIPO betrachtet neue Versionen der Primavera als Weiterentwicklung ihrer Vorgänger. Solange die typischen Merkmale erhalten bleiben, sollen stilistische Änderungen den Schutz nicht gefährden.
Dieser Punkt ist für Piaggio wichtig. Ein Fahrzeug, das seit Jahrzehnten gebaut wird, bleibt nie völlig gleich. Die Primavera selbst stammt ursprünglich aus dem Jahr 1968. Laut Piaggio hat das EUIPO klargestellt, dass künftige Varianten den Schutz nicht beeinträchtigen, „as the model to which the application refers may be regarded as an evolution of preceding models, while retaining their distinctive features“. Übersetzt: „da das Modell, auf das sich der Antrag bezieht, als Weiterentwicklung früherer Modelle betrachtet werden kann, die ihre charakteristischen Merkmale beibehalten“.
In der Praxis soll das bedeuten, dass Piaggio etwa Scheinwerfer, Felgen oder das Cockpit überarbeiten kann, ohne den rechtlichen Schutz der Gesamtform zu verlieren. Ganz frei ist der Hersteller dabei aber nicht. Die prägenden Merkmale des Designs müssen erhalten bleiben, sonst könnte die Verbindung zur geschützten Form verloren gehen.

Wie lange kämpft Piaggio schon gegen Vespa-Kopien?
Piaggio geht seit vielen Jahren gezielt gegen Nachbauten vor. Bekannte Fälle reichen bis ins Jahr 2011 zurück.
Die Vespa war der Roller, mit dem Piaggio nach dem Zweiten Weltkrieg der große kommerzielle Durchbruch gelang. Später wurde sie zu einer eigenen Marke und zu einem Symbol italienischen Designs und der Dolce Vita. Wie viele Klassiker wurde sie dabei immer wieder kopiert, vor allem von chinesischen Herstellern.
Auf dem Pariser Motorradsalon 2011 ließ Piaggio 49 nachgebaute Roller entfernen. Das Tribunal de Grande Instance in Paris stellte 2013 eine Verletzung des Urheberrechts fest. Die Roller wurden daraufhin zerstört, und das Unternehmen hinter den Kopien musste die Gerichtskosten tragen. Auch auf der EICMA in Mailand kam es 2012 und 2013 zu Beschlagnahmungen.
Besonders lange zog sich der Streit mit dem chinesischen Hersteller Znen, offiziell Zhejiang Zhongneng Industry Group. Dessen Roller erinnerten nicht nur optisch an die Vespa, einer davon trug auch den Namen „Ves“. Nach sechs Jahren beendete das Berufungsgericht in Turin 2019 diesen Teil des Verfahrens endgültig zugunsten von Piaggio.
Ein weiterer Fall folgte nach der EICMA 2019. Dort wurden vespaähnliche Roller auf Betreiben von Piaggio von der Messe entfernt. Ihr Hersteller hatte zuvor ein eigenes Design eintragen lassen. Die Nichtigkeitsabteilung des EUIPO erklärte dieses Design 2020 für nichtig, weil es keinen anderen Gesamteindruck erzeuge als das eingetragene Design der Vespa Primavera. Nach Angaben von Piaggio war die Primavera damals bereits über drei Wege geschützt: durch ein 2013 eingetragenes Design, durch eine dreidimensionale Marke für den Vespa-Roller und durch das Urheberrecht. Innerhalb von zwei Jahren hat Piaggio nach eigenen Angaben zudem die Löschung von mehr als 50 Marken erreicht, die Dritte angemeldet hatten.
Warum hatte das EUIPO den Vespa-Schutz 2021 gekippt?
Das EUIPO sah damals nicht ausreichend belegt, dass die Vespa-Form in der gesamten EU als Herkunftshinweis bekannt ist. Das Gericht der Europäischen Union hob diese Entscheidung 2023 wieder auf.
Die Geschichte der aktuellen Eintragung beginnt Anfang 2013. Damals meldete Piaggio beim EUIPO die dreidimensionale Form der Vespa als EU-Marke an, konkret die der Vespa LX. Am 16. Januar 2014 wurde die Marke für Roller und Modellroller eingetragen. Znen und ein weiteres chinesisches Unternehmen, die beide Konkurrenzroller verkaufen, beantragten daraufhin die Löschung. Am 25. Oktober 2021 gab ihnen das EUIPO recht. Die zuständige Beschwerdekammer kam zu dem Schluss, dass Piaggio die erworbene Unterscheidungskraft nicht für das gesamte Gebiet der EU ausreichend nachgewiesen habe.
Piaggio zog vor das Gericht der Europäischen Union und gewann. Am 29. November 2023 hob das Gericht die Entscheidung des EUIPO auf. Die Richter befanden, dass die Beschwerdekammer die Beweise zu streng bewertet hatte. Es sei nicht nötig, für jeden einzelnen Mitgliedstaat getrennte Nachweise vorzulegen. Beweise dürften auch mehrere Länder oder die ganze EU gemeinsam abdecken. Zudem sehe die Zielgruppe alle Vespa-Roller als Produkte desselben Herstellers an, weil ihr Gesamtbild seit 1945 im Kern gleich geblieben sei.
Als Belege akzeptierte das Gericht auch Nachweise abseits von Umfragen oder Verkaufszahlen. Dazu gehörten die Präsenz der Vespa im Museum of Modern Art in New York, Berichte, nach denen internationale Designexperten die Vespa zu den zwölf Kultobjekten des Designs der letzten hundert Jahre zählen, ihr Auftritt in Filmen wie „Ein Herz und eine Krone“ sowie Vespa Clubs in zahlreichen Mitgliedstaaten. Die aktuelle Entscheidung zur Primavera stützt sich laut Berichten aus Italien auf genau diesen Grundsatz aus dem Verfahren um die Vespa LX.

Was bedeutet die Entscheidung für andere Retro-Roller?
Piaggio erhält ein zusätzliches Werkzeug gegen Nachbauten. Wo genau die Grenze zwischen einem Retro-Roller und einer unzulässigen Vespa-Kopie verläuft, ist aber offen.
Viele typische Gestaltungsmerkmale der Vespa gehören ihr nicht allein. Ein runder Beinschild, ein geschwungenes Heck, die Proportionen eines Durchstiegsrollers oder ein runder Scheinwerfer finden sich auch bei anderen Herstellern. Beispiele sind der Honda Giorno, der Kymco Like, den Kymco selbst mit zeitlosem Retro-Design bewirbt, und die Roller von Royal Alloy.
Das bedeutet nicht, dass Piaggio künftig gegen jeden Roller mit rundem Scheinwerfer und Trittbrett vorgehen kann. Eine Markenverletzung festzustellen, ist deutlich komplizierter, als zwei ähnlich aussehende Fahrzeuge nebeneinanderzustellen. Die Entscheidung stärkt aber Piaggios Position, dass die Gesamtform der Vespa mehr ist als nur eine Variante des klassischen Rollerdesigns. Nach italienischen Einschätzungen dürfte es für Wettbewerber dadurch schwieriger werden, zu ähnliche Formen anzubieten, ohne mit Einwänden rechnen zu müssen.
Schwierig bleibt die Abgrenzung auch deshalb, weil die Vespa seit 1946 das Bild des klassischen Rollers selbst stark geprägt hat. Was allgemeiner Rollerstil ist und was typisch Vespa, lässt sich darum nicht immer klar trennen. Wie das EUIPO und die Gerichte diese Grenze in künftigen Streitfällen ziehen, dürfte für alle Hersteller von Retro-Rollern entscheidend sein.
Welchen Wert hat die Marke Vespa für Piaggio?
Die Marke Vespa wurde 2023 von der Beratungsfirma Interbrand auf 1,079 Milliarden Euro (circa 1,23 Milliarden US-Dollar) geschätzt. Das erklärt, warum Piaggio ihr Erscheinungsbild so konsequent verteidigt.
Bei der vorherigen Bewertung im Jahr 2021 lag der Wert noch bei 906 Millionen Euro (circa 1,03 Milliarden US-Dollar). Die Bewertung berücksichtigt unter anderem Geschäftszahlen, Bekanntheit und das Design. Nach 75 Jahren hatte Piaggio mehr als 19 Millionen Vespa weltweit verkauft. In Italien gehört die Primavera nach wie vor zu den meistverkauften und bekanntesten Rollern im Stadtverkehr. Ein Design, das so stark mit einer Marke verbunden ist, ist für das Unternehmen deshalb weit mehr als eine Stilfrage. Mit der EU-weiten Eintragung hat Piaggio nun rund 80 Jahre nach dem Start der Vespa eine der wichtigsten Grundlagen dieses Werts rechtlich abgesichert.
Häufige Fragen
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Was bedeutet der Vespa Designschutz durch das EUIPO?
Das EUIPO hat die Form der Vespa Primavera als dreidimensionale Marke eingetragen. Damit ist die Silhouette des Rollers in allen 27 EU-Staaten geschützt, Schriftzug und Logo sind davon nicht erfasst. Der Schutz gilt für Roller und für Modellfahrzeuge.
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Seit wann ist die Form der Vespa Primavera in der EU geschützt?
Das EUIPO hat die Eintragung am 22. Juli 2026 vorgenommen, Piaggio hat sie im September 2026 bekannt gegeben. In Italien ist die Form bereits seit Februar 2024 geschützt, in Großbritannien seit November 2025.
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Gilt der Schutz auch für neue Vespa-Primavera-Modelle?
Ja, nach Angaben von Piaggio auch für künftige Versionen. Das EUIPO betrachtet neue Modelle als Weiterentwicklung früherer Versionen, solange die charakteristischen Merkmale erhalten bleiben.
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Sind jetzt alle Retro-Roller mit Vespa-Optik verboten?
Nein, ein allgemeines Verbot ergibt sich aus der Eintragung nicht. Ob ein Roller die Marke verletzt, muss im Einzelfall geprüft werden. Gestaltungsmerkmale wie ein runder Scheinwerfer oder ein Beinschild gehören für sich genommen nicht exklusiv zur Vespa.










