- Yamaha verzichtet mit Werksteam und Pramac auf Katar, Quartararo, Rins, Miller und Augusto Fernandez fehlen
- 19 Fahrer haben sich in einem Brief gegen das Rennen ausgesprochen, ihre Frist an MotoGP lief ohne Antwort ab
- MotoGP spricht von vertraglichen und sportlichen Folgen, über Strafen muss die FIM entscheiden
Wenige Stunden nach dem Grand Prix von Malaysia ist der Streit um das Rennen in Katar eskaliert. Seit Tagen hatten Fahrer in vertraulichen Treffen versucht, den Grand Prix vom 6. bis 8. November auf dem Lusail International Circuit noch zu verhindern. Grund ist der Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite, der die Golfregion seit Februar in Atem hält. Am Sonntagabend zog mit Yamaha erstmals ein Hersteller Konsequenzen und kündigte an, nicht nach Katar zu reisen. Die Motorrad-WM reagierte prompt und unmissverständlich: Das Rennen findet statt, und wer fehlt, muss mit Folgen rechnen.

Warum fährt Yamaha nicht zum Grand Prix von Katar?
Yamaha begründet den Verzicht mit seinen firmenweiten Reisebeschränkungen für den Nahen Osten. Nach einer neuen Bewertung der Lage sieht der Hersteller keinen Anlass, diese Regeln für die MotoGP aufzuheben.
In der Mitteilung heißt es: „Following its latest assessment of the situation in the Middle East, Yamaha has not identified sufficient grounds to change its existing company-wide travel restrictions.“ (Übersetzt: „Nach seiner jüngsten Bewertung der Lage im Nahen Osten hat Yamaha keine ausreichenden Gründe gefunden, seine bestehenden unternehmensweiten Reisebeschränkungen zu ändern.“) Die Entscheidung sei unabhängig von den Maßnahmen, die MotoGP und der Veranstalter getroffen haben. Yamaha betont zugleich, dass der Konzern voll hinter der MotoGP stehe und beim Grand Prix von Portugal wieder antreten wolle.
Betroffen sind das Werksteam mit Fabio Quartararo und Alex Rins sowie das Kundenteam Pramac mit Jack Miller und Augusto Fernandez, der dort den verletzten Toprak Razgatlioglu vertritt. Alle vier stehen bei Yamaha unter Vertrag. In den Arbeitsverträgen des japanischen Konzerns gibt es eine Klausel, mit der er Mitarbeitern Reisen in Kriegsgebiete untersagen kann. Auch die japanische Regierung rät derzeit von nicht notwendigen Reisen nach Katar ab.
Ganz überraschend kam der Schritt nicht. Alex Rins hatte schon am Donnerstag in Sepang gesagt, dass Yamaha über die Reise noch nicht entschieden habe. Auffällig ist der Sinneswandel bei Quartararo. Der Franzose hatte sich vor einigen Wochen noch gelassen gezeigt und gesagt, die MotoGP solle fahren, wenn auch die Formel 1 fährt. Inzwischen soll er zusammen mit Marc Marquez zu den deutlichsten Kritikern des Rennens gehören.
Eine Ausnahme gibt es: Das Moto2-Team von Pramac reist nach Katar. Es durfte selbst entscheiden und will dabei sein, weil Izan Guevara mitten im Titelkampf steckt. Er liegt nur 3,5 Punkte hinter dem WM-Führenden Manuel Gonzalez.
Wie reagiert MotoGP auf den Yamaha-Boykott?
MotoGP zeigt sich enttäuscht und kündigt Konsequenzen an. Die Serie verweist auf vertragliche Folgen gegenüber MotoGP und dem Teamverband IRTA sowie auf sportliche Folgen, über die der Weltverband FIM entscheiden soll.
Man erkenne an, dass Yamaha an eine übergeordnete Konzernrichtlinie gebunden sei, heißt es in der Stellungnahme. Die Entscheidung spiegele aber nicht die umfangreichen Zusicherungen wider, die alle Beteiligten erhalten hätten. Nach Rücksprache mit dem Staat Katar, der Rennstrecke in Lusail und unabhängigen Sicherheitsberatern gebe es keine Information, die eine Änderung der Pläne rechtfertigen würde. Alle anderen Hersteller und Teams hätten ihre Teilnahme bestätigt.
Wie die Strafen aussehen könnten, ist offen. Im Fahrerlager von Sepang war von Geldstrafen, Punktabzügen und sogar Startverboten für die beiden letzten Rennen in Portimão und Valencia die Rede. Das hatte die Serie zuvor auch gegenüber Fahrern angedroht, die Katar fernbleiben wollen. Der Haken: Die MotoGP Sports Entertainment Group ist der kommerzielle Rechteinhaber der Weltmeisterschaft. Sportliche Strafen kann nur die FIM verhängen, und die hat sich zu dem ganzen Streit bisher nicht geäußert.

Welche Hersteller fahren trotzdem nach Katar?
Honda, KTM, Ducati und Aprilia haben ihre Teilnahme bestätigt. Damit fehlt nach aktuellem Stand nur Yamaha als kompletter Hersteller.
Honda reagierte mit einer kurzen Erklärung: „Honda HRC will compete in Round 20 of the MotoGP World Championship held in Qatar.“ (Übersetzt: „Honda HRC wird an der 20. Runde der MotoGP-Weltmeisterschaft in Katar teilnehmen.“) Man habe eng mit den Fahrern, den Teammitgliedern und dem Veranstalter zusammengearbeitet. Auch KTM betonte, dass sich an den Plänen nichts ändere.
Bei Ducati sieht Teammanager Davide Tardozzi keinen Grund zur Sorge. „I am not concerned“, sagte er. (Übersetzt: „Ich mache mir keine Sorgen.“) Alles, was die Fahrer verlangt hätten, sei von Carlos Ezpeleta in Katar organisiert worden, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Serie. Die Fahrer seien zudem bei ihren Teams unter Vertrag. Forderungen müssten deshalb über die Teams laufen und nicht direkt an den Veranstalter gehen. Trackhouse-Teamchef Davide Brivio klang vorsichtiger. Sein Team reise mit der üblichen Besetzung an, sagte er, und fügte hinzu: „We hope to have a race there.“ (Übersetzt: „Wir hoffen, dass wir dort ein Rennen haben.“) Danach warte man ab, ob die Fahrer auch kommen.
Ganz ohne Lücken wird das Feld trotzdem nicht. Bei VR46 werden Teile des Teams nicht mitreisen, und als einziger TV-Sender will nur DAZN ein eigenes Team an die Strecke schicken.
Wie viele MotoGP-Fahrer sind gegen das Rennen in Katar?
Nach Aussage von Jack Miller wollen 19 der 22 Stammfahrer nicht nach Katar. Sie haben am Sonntag in Sepang einen Brief an MotoGP geschickt, in dem sie sich gegen das Rennen aussprechen.
Der Brief war der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die schon in Australien begann. Auf Phillip Island hatten die Fahrer ein Papier mit Bedingungen für ihre Reise übergeben, unterschrieben von drei Vierteln des Feldes. Gefordert wurden unter anderem ein Evakuierungsplan für das gesamte Fahrerlager sowie Lebens-, Kranken- und Rückholversicherungen. Katar sagte diese Garantien zu und versprach zusätzlich eine finanzielle Absicherung, falls der Luftraum gesperrt wird.
Den Fahrern reichte das nicht. Sie wollten, dass MotoGP selbst die Verantwortung übernimmt und nicht nur der Staat Katar. Am Freitagabend trafen sie sich in Sepang erneut, und zwar in einem Büro der Yamaha-Kommunikationsabteilung, nachdem ihnen ein eigener Raum verweigert worden war. Dort entstand ein weiterer Brief mit einer Frist: Bis Sonntag um 16 Uhr Ortszeit, also 9 Uhr deutscher Zeit, sollte MotoGP schriftlich bestätigen, dass sie für alle Eventualitäten in Katar geradesteht. Die Bestätigung kam nicht. Stattdessen trafen sich Geschäftsführer Carmelo Ezpeleta und sein Sohn Carlos am Sonntagvormittag mit den Teammanagern und erinnerten sie an ihre vertraglichen Pflichten.
Marc Marquez, der im Fahrerlager neben Quartararo als einer der Wortführer gilt, hält sich öffentlich zurück. In der Pressekonferenz nach seinem Sieg in Malaysia wollte er sich auf die Frage nach Katar nicht äußern. Der WM-Führende kündigte an, zunächst nach Spanien zu fliegen und erst am Donnerstagabend so spät wie möglich in Katar anzukommen. Dort kann er schon den Titel holen. Auch Pedro Acosta reist nicht direkt weiter, sondern legt einen Zwischenstopp auf Bali ein.

Was sagt Jack Miller zum Rennen in Katar?
Jack Miller hat als erster Fahrer offen ausgesprochen, was viele im Fahrerlager denken. Er will nicht nach Katar und fordert, dass jemand die Verantwortung für die Entscheidung übernimmt.
Der Pramac-Fahrer äußerte sich nach dem Rennen in Sepang, noch bevor Yamaha seine Entscheidung bekannt gab: „I don’t want to go. Like everybody. There’s 19 of us that don’t want to go there.“ (Übersetzt: „Ich will nicht hin. Wie alle. Wir sind 19, die nicht dorthin wollen.“) Die Fahrer hätten zusammengehalten und mit den Mitteln Druck gemacht, die sie haben. Das gelte nicht nur für die Fahrer, sondern für viele Menschen im Fahrerlager.
Miller betont, dass er Katar selbst schätzt. Das Problem sei die Umgebung. Ein weltweites Großereignis in dieser Lage auszutragen, hält er für falsch, zumal Ort und Zeitplan öffentlich bekannt sind. „We’re not hiding the fact that we ride at 10:55“, sagte er. (Übersetzt: „Wir verheimlichen nicht, dass wir um 10:55 Uhr fahren.“) Sein wichtigster Punkt ist die Haftung: „Somebody’s got to be liable. If you want us to go there. Put your name on it.“ (Übersetzt: „Irgendjemand muss haften. Wenn ihr wollt, dass wir dorthin fahren, dann steht mit eurem Namen dafür ein.“) Die Versicherung durch Katar sei ein großer Fortschritt, greife aber erst, wenn etwas passiert ist.
Gleichzeitig räumte der Australier ein, wie wenig Spielraum die Fahrer haben. Die Serie könne sie finanziell und sportlich unter Druck setzen, bis hin zur Lizenz. Außerdem wolle er seinem Team nicht schaden. Nach der Yamaha-Entscheidung muss er diese Abwägung nicht mehr treffen. Miller will am Montag zunächst in seine Heimatstadt Townsville fliegen.
Andere Fahrer äußerten sich zurückhaltender. Joan Mir sagte: „If we go there, it’s probably not because we want.“ (Übersetzt: „Wenn wir dorthin fahren, dann wahrscheinlich nicht, weil wir wollen.“) Pecco Bagnaia sprach davon, dass die Fahrer fast alles bekommen hätten, was sie gefordert haben, manches aber nie bekommen würden. Johann Zarco sorgt sich weniger um seine Sicherheit vor Ort als darum, bei einer plötzlichen Luftraumsperre nicht mehr nach Hause zu kommen. Maverick Vinales fasste die Lage der meisten so zusammen, dass man eben fahren müsse.
Warum sagt MotoGP das Rennen in Katar nicht ab?
Eine Absage wäre für MotoGP nur ohne finanzielle Folgen möglich, wenn höhere Gewalt vorliegt, etwa durch ein offizielles Reiseverbot. Das gibt es bisher nicht.
Viele Länder raten ihren Bürgern zwar von Reisen nach Katar ab, ein ausdrückliches Verbot hat aber kein Staat ausgesprochen. Gleichzeitig hat der Grand Prix für die Serie großes wirtschaftliches Gewicht. Katar ist einer der wichtigsten Partner im Motorsport, und das Rennen wurde wegen des Krieges bereits von April in den November verschoben. Für den Ersatztermin rückten Portimão und Valencia jeweils eine Woche nach hinten.
Die größte Unsicherheit liegt in den kommenden Tagen. Am 3. November finden in den USA die Zwischenwahlen statt. Mehrere Berichte deuten darauf hin, dass danach eine neue Eskalation im Konflikt mit dem Iran möglich ist. Am Donnerstag, dem 5. November, beginnt in Lusail bereits der Medientag. Sollte die Lage kippen, könnte im schlimmsten Fall der Luftraum gesperrt werden. Dann säße das Fahrerlager fest, und auch die letzten beiden Rennen der MotoGP-Saison 2026 wären in Gefahr.
Für den Titelkampf hat der Streit ebenfalls Gewicht. Marc Marquez reist mit 44 Punkten Vorsprung auf Jorge Martin nach Katar und kann dort seinen achten Titel in der Königsklasse holen. Neben den vier Yamaha-Fahrern fehlt auch Alex Marquez, der sich an der Schulter operieren lässt. Bei Joan Mir ist nach seiner Aufgabe in Sepang aus gesundheitlichen Gründen offen, ob er fahren kann.

Häufige Fragen
-
Warum fährt Yamaha nicht nach Katar?
Yamaha verweist auf seine firmenweiten Reisebeschränkungen für den Nahen Osten. Nach einer neuen Bewertung der Lage sieht der Konzern keinen Grund, sie für den Grand Prix aufzuheben. Yamaha will beim Grand Prix von Portugal wieder antreten.
-
Welche Fahrer fehlen beim Yamaha-Boykott in Katar?
Durch den Yamaha-Boykott fehlen in Katar Fabio Quartararo, Alex Rins, Jack Miller und Augusto Fernandez. Der Verzicht gilt für das Werksteam und für Pramac. Das Moto2-Team von Pramac reist dagegen nach Katar.
-
Findet der MotoGP-Grand-Prix in Katar trotzdem statt?
Ja, nach aktuellem Stand findet der Grand Prix vom 6. bis 8. November in Lusail statt. MotoGP hält an dem Termin fest und verweist auf Zusicherungen des Staates Katar und unabhängiger Sicherheitsberater. Honda, KTM, Ducati und Aprilia haben ihre Teilnahme bestätigt.
-
Welche Strafen drohen Yamaha für den Verzicht auf Katar?
MotoGP spricht von vertraglichen und sportlichen Folgen, konkrete Strafen sind noch nicht bekannt. Über sportliche Sanktionen muss der Weltverband FIM entscheiden. Im Gespräch waren zuletzt Geldstrafen, Punktabzüge und Startverbote.












